10/2003

INHALT

Lesejahr B

Bundesgenosse Gott

Detlef Hecking zu Röm 8,31b-34

 

Auf den Text zu

Viele Menschen tragen Gottesbilder mit sich herum, die einem Angst und Bange machen können: Da geistern eifer- und rachsüchtige Strafgötter durch Köpfe und Herzen, Aufpasser und Spione, die bis in die tiefsten Schichten der Persönlichkeit eindringen, unbarmherzig Buch führen und für tatsächliche oder vermeintliche Vergehen Rechenschaft einfordern. Und all dies im Namen JHWHs, des Einen Gottes Israels, «barmherzig und gnädig, langmütig, reich an Huld und Treue» (Ex 34,6f.)?! Sicher: Manche dieser beängstigenden Gottesbilder haben Anhaltspunkte in biblischen Texten. Biblische Gottesbilder sind vielfältig, zum Teil auch widersprüchlich, nicht nur hell und keineswegs unverbindlich. Aber: Biblisch gesehen steht vor jedem Anspruch, vor jeder Forderung und erst recht vor jeder Gerichtsankündigung die Zusage der unverbrüchlichen Treue und Menschenfreundlichkeit Gottes. Lebensfeindliche Gottesbilder biblisch fundiert in Frage zu stellen, Aufpasser-Götter als Götzen der Angst zu entlarven und Türen zur Vielfalt biblischer Gottesbilder aufzustossen gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Predigt und Katechese ­ immer wieder. Dies umso mehr, als die Angstmacher-Götzen überaus hartnäckig sind und sich eigenartiger Weise selbst bei Menschen festsetzen, die solchen Gottesbildern in ihrer persönlichen Glaubens- und Kirchenerfahrung gar nicht (mehr) begegnet sind. Röm 8,31­34b bietet eine gute Gelegenheit, wieder einmal einen Vorstoss in diese Richtung zu unternehmen.

Mit dem Text unterwegs

Der Lesungstext steht im 8. Kapitel des Römerbriefes, in dem Paulus das erlösende, freisprechende Wirken des göttlichen Geistes beschreibt und stellenweise geradezu euphorisch preist (zu anderen Lesungen aus Röm 8 vgl. SKZ 10/2002 und SKZ 26­30/2002). In 8,31 setzt der Apostel zur Schlussargumentation des Kapitels an. Der Abschnitt zeichnet sich durch «besonders engagierte Rhetorik» aus (U. Wilckens), die deutlich macht, wie sehr Paulus die erörterten Themen am Herzen liegen. Denn es geht ums Ganze: Gott ist ­ einfach und absolut ­ «für uns» (31b); «alle, die sich vom Geist Gottes führen lassen, sind Söhne/Kinder Gottes» (8,14). Gott wird so zum Bundesgenossen, Gefährten und Freund. Gott stützt und stärkt, ermöglicht Vertrauen und Identität, Gott ist der grosse «Freund des Lebens» (Weish 11,26) und spricht die Menschen gerecht (Röm 8,33b). Kein Wort vom Aufpasser- und Richtergott, der viele Menschen heute in Besitz genommen hat ­ ganz im Gegenteil: Der Messias Gottes wird zum Anwalt und Fürsprecher für die Menschen (8,34b), und angesichts solcher Unterstützung haben potentielle Gegner keine Chance (8,31b.33a.34a).
Gott als Bundesgenosse, als Fürsprecher der Bedrängten, Anwalt der Schwachen: Das sind klassische Gottesbilder aus dem Ersten Testament, die für den Juden Paulus so selbstverständlich sind, dass er dafür gar kein besonderes Zitat anführen muss. Wichtiger ist für ihn, die römischen Christinnen und Christen an den jüngsten und erstaunlichsten Hinweis auf Gottes unverbrüchliche Menschenliebe zu erinnern: die Hingabe Jesu, damit alle Menschen das Leben haben (8,32; vgl. Röm 5). So stehen Gott und der Messias Gottes für die römischen Christinnen und Christen ein. Das haben sie auch nötig, denn sie stehen vermutlich unter dem Druck judenchristlicher Kreise, weil sie die Tora nicht einhalten (vgl. SKZ 29­30/2002, 433). Und so ermöglicht ihnen die Solidarität Gottes (8,31b) ein befreiteres Aufatmen und ein vertrauensvolleres Bestehen in ihrem anspruchsvollen Alltag.
An anderen Stellen kann Paulus auch anders von Gott sprechen: Es gehört zur Grundthese des Röm, dass «Gottes Zorn» gegen die vielen Ungerechtigkeiten der Menschen offenbar werde (Röm 1,18). Doch auch der (kritisch zu hinterfragende) Zorn Gottes macht nicht ungeschehen, dass das Evangelium für jede/n Glaubende/n «Kraft Gottes zur Rettung» ist (Röm 1,16).

Über den Text hinaus

Vielen Menschen fällt es schwer, altvertraute Gottesbilder loszulassen, auch wenn sie unter ihnen leiden. Umso wichtiger ist ein achtsamer Umgang mit Menschen, die beengende oder beängstigende Gottesbilder in sich tragen. Die existentielle Aneignung neuer Gottesbilder ist anspruchsvoll und benötigt viel Zeit. Der konsequente Hinweis auf die Vielfalt biblischer Gottesbilder kann hier eine grosse Hilfe sein, um religiöse Wachstumsprozesse zu fördern. Wichtig ist es dabei, nicht neue Scheuklappen aufzubauen, sondern die verschiedensten biblischen Gottesbilder miteinander ins Gespräch zu bringen. Die jüdische Theologin Marcia Falk formuliert es in Anlehnung an das biblische Bilderverbot so: «Du sollst dir niemals nur ein Bild von Gott machen. Denn ein Bild von Gott ist ein Götzenbild.»
In diesem Sinne sind wir für unseren persönlichen «Herrgottswinkel» verantwortlich (Wilhelm Bruners). Auch wenn uns Eltern, Katecheten/Katechetinnen und Prediger/Predigerinnen einseitige Gottesbilder (oder auch: gar keine Gottesbilder) mit auf den Weg gegeben haben, so ist es doch an uns, uns von solchen Prägungen zu emanzipieren und zur Vielfalt biblischer Gottesbilder vorzustossen. Erwachsen werden müssen wir nicht nur im Leben, sondern auch im Glauben.
Röm 8,31­34a verweist jedoch auch noch auf ein anderes Problem. Das «Gott ist mit uns» bezieht sich in Röm 8 auf die römischen Christinnen und Christen: Menschen am Rand der Gesellschaft, wirtschaftlich, politisch und religiös unter Druck, für die schon das Bestehen ihres Alltags eine anspruchsvolle Herausforderung war. Solchen Menschen stärkt Paulus mit Recht den Rücken, indem er ihnen Gott als Bundesgenossen in Erinnerung ruft. Wenn jedoch die Herrscher dieser Welt dieselben Worte im Mund führen, wird die Sache komplizierter: So beanspruchen derzeit George W. Bush und Saddam Hussein gleichermassen göttlichen Beistand und missionarischen Auftrag für ihre je eigenen Ziele. Religiös begründete Stärkung der eigenen Identität, so wichtig und unverzichtbar sie auch ist, kann auch zu pseudo-religiöser Perversion werden, die kritische Rückfragen verweigert und Unzählige in den Tod schickt.

 

Der Autor: Der Theologe Detlef Hecking ist als Präsident des Diözesanverbandes Basel Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Jürgen Werbick, Bilder sind Wege. Eine Gotteslehre, München 1992; Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer, (Röm 6­11, EKK VI/2), Zürich 1980.


Er-lesen

Biblische Gottesbilder kennen lernen: Blättern Sie durch eine biblische Schrift (ein Buch des Ersten Testaments, ein Evangelium, einen Brief...) und notieren Sie auf einem Plakat alle Beschreibungen, Bilder, Eigenschaften, die Gott und Gottes Wirken anschaulich machen wollen. Besonders viele Gottesbilder finden sich in den Psalmen.

Er-hellen

Austausch: Welche Gottesbilder sind Ihnen nah und vertraut, welche eher fern? Was ist ganz neu? Welche Gottesbilder könnten Ihren persönlichen «Herrgottswinkel» bereichern?

Er-leben

Manche Gottesbilder eignen sich gut dazu, in einer Geste, einem Standbild aus verschiedenen Personen oder als Pantomime dargestellt zu werden. Probieren Sie es aus! Lassen Sie die anderen raten, welcher Aspekt Gottes dargestellt wurde.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003