9/2003

INHALT

Lesejahr B

Die Entmachtung der Giganten

Regula Grünenfelder zu 1 Petr 3,18-22

 

Auf den Text zu

Nur hier, ein einziges Mal im ganzen Neuen Testament, ist vom Weg Christi zu den Geistern die Rede. In ihrem Gefängnis predigt Christus. Diese Verse sind in das Nachdenken über die «Höllenfahrt Christi» eingeflossen. Die grosse Lücke im Text: Was hat Christus diesen schuldbeladenen Geistern verkündet?

Mit dem Text unterwegs

«Die Ausdrucksweise des Verfassers in diesem auslegungsgeschichtlich vielgequälten Abschnitt ist (...) teils sehr rätselhaft und macht schon der Übersetzung Schwierigkeiten» (Brox, 166). Die Argumente und Probleme sollen hier gar nicht angesprochen werden.
Hilfreich scheint mir ein religionsgeschichtlicher Zusammenhang zu sein, der die unterschiedlichen Motive dieses kurzen Abschnitts ­ Predigt an die Geister / Sintflut / Taufe ­ in eine nachvollziehbare Ordnung bringen kann.
Der Schlüssel liegt im frühjüdischen äthiopischen Henochbuch, dessen älteste Teile (Zehnwochenapokalypse, Noachbuch) wahrscheinlich im 2. Jahrhundert vor Christus verfasst wurden. Das Werk beschäftigte zu Zeiten des Neuen Testaments auch christliche Kreise: Es wird im Judasbrief (6.13) benutzt und zitiert (14f.), ebenso in 2 Petr 2,4.
Der Patriarch Henoch, der nach jüdischer Tradition nicht starb, sondern in den Himmel entrückt wurde (Gen 5,24), ist eine der zentralen Gestalten der jüdischen Apokalyptik. Das äthiopische Henochbuch ist ein Sammelwerk aus unterschiedlichsten Teilen. In den Noacherzählungen stehen die Gottessöhne/Engel aus Gen 6,1­6 im Zentrum, die für ihre Vergehen (Kündigung ihres Wohnsitzes im Himmel und Vergewaltigung von Menschenfrauen) bestraft werden. Wegen dieser Gottessöhne und ihrer gigantischen Nachkommen kam die Sintflut. Zur Strafe werden sie im Gefängnis als «Geister» festgehalten. So berichten es auch andere frühjüdische Texte. Der Patriarch Henoch predigt nun den Geistern, die sich über ihr Schicksal Illusionen machen, dass sie weder Frieden noch Vergebung finden werden (12,5). Es ist nachvollziehbar, warum sich die apokalyptische Phantasie für diese Giganten und ihre Strafe interessiert: Sind nicht die Machthaber, unter denen Menschen ­ gerade Frauen ­ leiden, unantastbare starke Männer, Vergewaltiger, denen die Rechtsprechung auf Erden nicht beikommen kann? Die Unheilspredigt ist definitiv, das gehört zur apokalyptischen Literatur. In diese Märtyrerliteratur passt auch 1 Petr: Der ganze Brief macht alle Aussagen zum Thema Hoffnung nur für die Situation der unschuldig Leidenden. Soll nun Christus nach 1 Petr wie der Patriarch im Henochbuch das ewige Unheil gepredigt haben? Möglicherweise hat der Autor seine Anspielung so radikal gemeint. Es gibt gigantische Verbrechen, bei denen die Frage nach der Vergebung zumindest offen bleiben muss.
Die Verbindung von Sintflut und Taufe taucht hier erstmals auf, entwickelt sich dann aber in der alten Kirche zu einer bekannten Figur: Die Sintflut ist zwar ein zerstörerisches Chaoswasser. Aber wie die Taufe hat die Flut das Sündhafte vernichtet und jene gereinigt, die durch das Wasser hindurch gerettet worden sind. Die Arche mit den acht Überlebenden wird zum Bild der kleinen Gemeinde, die ihre Welt als heillos und gewalttätig erlebt.
Die Taufe ist keine Versicherung eines besseren Lebens, sondern eine Bitte an Gott, eindringlicher formuliert: eine Selbstverpflichtung Gott gegenüber, die sich im praktischen Zusammenleben im Staat, in der Gemeinde und in der Familie bewähren muss. Die apokalyptische Sprache mit der Unheilspredigt an die Giganten verträgt sich auf den ersten Blick schlecht mit den Aufforderungen zur Unterordnung und Anpassung, wie sie im Brief zum Ausdruck kommt. Apokalyptische Kritik und praktische Unterwerfung gerade von Ehefrauen und Sklaven/Skavinnen bilden zusammen unter Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen eine nahe liegende, aber problematische Überlebensstrategie.
Zum Schluss wird das Ziel der Reise Christi sichtbar. Im Unterschied zum «Hingehen» ins Gefängnis ist hier der Ankunftsort klarer bestimmt: Christus geht in den Himmel. Das Gefängnis könnte am Weg in den Himmel liegen. Nichts im Text deutet darauf hin, dass sich der Ort der Geister «unten» befindet.
Die Unterwerfung der überirdischen Mächte im letzten Satz schliesslich gehört fest zur altkirchlichen Vorstellung. Die Predigt Christi im Gefängnis demonstriert den Giganten die Überlegenheit der Unterlegenen, führt ihnen den nachträglichen Sieg der Verliererinnen und Verlierer vor: Der erhöhte, machtvolle Christus hat den Durchgang durch das Leiden geschafft.

Über den Text hinaus

Im Glaubensbekenntnis heisst es von Jesus Christus: «Hinabgestiegen in das Reich der Toten». Diese alte Formulierung sagt in jüdischer Diktion: Jesus ist als Mensch gestorben. Unser Text wird erst spät in die Tradition der Höllenfahrt Christi einbezogen. Er belegt eine Anschauung, die er nicht ausgelöst hat. Unsere Lesung wurde und wird einerseits versöhnlich ausgelegt: Alle werden sich zu Gott bekehren, auch Geister, die ihr Heil verwirkt haben, bekommen mit der Predigt Christi im Gefängnis eine zweite Chance. Andererseits gab und gibt es aber auch die Überzeugung, dass im Angesicht der Opfer von Unrecht und Vergewaltigung die Möglichkeit einer ewigen Unversöhnlichkeit offen bleiben muss.

 

Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Paula-Angelika Seethaler, 1. und 2. Petrusbrief/Judasbrief, (Stuttgarter Neues Testament 16), Stuttgart 1985; Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament XXI), Zürich u.a. 1979.


Er-lesen

Text vorlesen. Teilnehmende sprechen das Wort aus, bei dem sie hängen geblieben sind. Gemeinsam lesen bedeutet wahrscheinlich: sich gemeinsam wundern über diesen Text.

Er-hellen

Hintergrundinformationen über jüdische Apokalyptik/Martyrerliteratur und das äthiopische Henochbuch. Benutzung und Zitationen im NT nachschlagen. Unseren Text als Trost für die kleine, bedrängte Gemeinde im apokalyptischen Sprachgewand sehen lernen.

Er-leben

In Kleinstgruppen (2­3) einen Dialog zwischen den gefangenen Giganten und Christus überlegen. Was verkündet Christus? Was haben die Giganten zu sagen? Wie trennen sie sich? Entweder einander die Situationen vorspielen oder Bericht. Austausch über versöhnliche und unversöhnliche Lösungen (wenn eine Variante fehlt, das Fehlen ansprechen). Im Schweigen abschliessen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003