9/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Nur hier, ein einziges Mal im ganzen Neuen Testament, ist vom Weg Christi zu den Geistern die Rede. In ihrem Gefängnis predigt Christus. Diese Verse sind in das Nachdenken über die «Höllenfahrt Christi» eingeflossen. Die grosse Lücke im Text: Was hat Christus diesen schuldbeladenen Geistern verkündet?
«Die Ausdrucksweise des Verfassers in diesem auslegungsgeschichtlich
vielgequälten Abschnitt ist (...) teils sehr rätselhaft und macht
schon der Übersetzung Schwierigkeiten» (Brox, 166). Die Argumente
und Probleme sollen hier gar nicht angesprochen werden.
Hilfreich scheint mir ein religionsgeschichtlicher Zusammenhang zu sein,
der die unterschiedlichen Motive dieses kurzen Abschnitts Predigt
an die Geister / Sintflut / Taufe in eine nachvollziehbare Ordnung
bringen kann.
Der Schlüssel liegt im frühjüdischen äthiopischen Henochbuch,
dessen älteste Teile (Zehnwochenapokalypse, Noachbuch) wahrscheinlich
im 2. Jahrhundert vor Christus verfasst wurden. Das Werk beschäftigte
zu Zeiten des Neuen Testaments auch christliche Kreise: Es wird im Judasbrief
(6.13) benutzt und zitiert (14f.), ebenso in 2 Petr 2,4.
Der Patriarch Henoch, der nach jüdischer Tradition nicht starb, sondern
in den Himmel entrückt wurde (Gen 5,24), ist eine der zentralen Gestalten
der jüdischen Apokalyptik. Das äthiopische Henochbuch ist ein
Sammelwerk aus unterschiedlichsten Teilen. In den Noacherzählungen
stehen die Gottessöhne/Engel aus Gen 6,16 im Zentrum, die für
ihre Vergehen (Kündigung ihres Wohnsitzes im Himmel und Vergewaltigung
von Menschenfrauen) bestraft werden. Wegen dieser Gottessöhne und ihrer
gigantischen Nachkommen kam die Sintflut. Zur Strafe werden sie im Gefängnis
als «Geister» festgehalten. So berichten es auch andere frühjüdische
Texte. Der Patriarch Henoch predigt nun den Geistern, die sich über
ihr Schicksal Illusionen machen, dass sie weder Frieden noch Vergebung finden
werden (12,5). Es ist nachvollziehbar, warum sich die apokalyptische Phantasie
für diese Giganten und ihre Strafe interessiert: Sind nicht die Machthaber,
unter denen Menschen gerade Frauen leiden, unantastbare starke
Männer, Vergewaltiger, denen die Rechtsprechung auf Erden nicht beikommen
kann? Die Unheilspredigt ist definitiv, das gehört zur apokalyptischen
Literatur. In diese Märtyrerliteratur passt auch 1 Petr: Der ganze
Brief macht alle Aussagen zum Thema Hoffnung nur für die Situation
der unschuldig Leidenden. Soll nun Christus nach 1 Petr wie der Patriarch
im Henochbuch das ewige Unheil gepredigt haben? Möglicherweise hat
der Autor seine Anspielung so radikal gemeint. Es gibt gigantische Verbrechen,
bei denen die Frage nach der Vergebung zumindest offen bleiben muss.
Die Verbindung von Sintflut und Taufe taucht hier erstmals auf, entwickelt
sich dann aber in der alten Kirche zu einer bekannten Figur: Die Sintflut
ist zwar ein zerstörerisches Chaoswasser. Aber wie die Taufe hat die
Flut das Sündhafte vernichtet und jene gereinigt, die durch das Wasser
hindurch gerettet worden sind. Die Arche mit den acht Überlebenden
wird zum Bild der kleinen Gemeinde, die ihre Welt als heillos und gewalttätig
erlebt.
Die Taufe ist keine Versicherung eines besseren Lebens, sondern eine Bitte
an Gott, eindringlicher formuliert: eine Selbstverpflichtung Gott gegenüber,
die sich im praktischen Zusammenleben im Staat, in der Gemeinde und in der
Familie bewähren muss. Die apokalyptische Sprache mit der Unheilspredigt
an die Giganten verträgt sich auf den ersten Blick schlecht mit den
Aufforderungen zur Unterordnung und Anpassung, wie sie im Brief zum Ausdruck
kommt. Apokalyptische Kritik und praktische Unterwerfung gerade von Ehefrauen
und Sklaven/Skavinnen bilden zusammen unter Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen
eine nahe liegende, aber problematische Überlebensstrategie.
Zum Schluss wird das Ziel der Reise Christi sichtbar. Im Unterschied zum
«Hingehen» ins Gefängnis ist hier der Ankunftsort klarer
bestimmt: Christus geht in den Himmel. Das Gefängnis könnte am
Weg in den Himmel liegen. Nichts im Text deutet darauf hin, dass sich der
Ort der Geister «unten» befindet.
Die Unterwerfung der überirdischen Mächte im letzten Satz schliesslich
gehört fest zur altkirchlichen Vorstellung. Die Predigt Christi im
Gefängnis demonstriert den Giganten die Überlegenheit der Unterlegenen,
führt ihnen den nachträglichen Sieg der Verliererinnen und Verlierer
vor: Der erhöhte, machtvolle Christus hat den Durchgang durch das Leiden
geschafft.
Im Glaubensbekenntnis heisst es von Jesus Christus: «Hinabgestiegen in das Reich der Toten». Diese alte Formulierung sagt in jüdischer Diktion: Jesus ist als Mensch gestorben. Unser Text wird erst spät in die Tradition der Höllenfahrt Christi einbezogen. Er belegt eine Anschauung, die er nicht ausgelöst hat. Unsere Lesung wurde und wird einerseits versöhnlich ausgelegt: Alle werden sich zu Gott bekehren, auch Geister, die ihr Heil verwirkt haben, bekommen mit der Predigt Christi im Gefängnis eine zweite Chance. Andererseits gab und gibt es aber auch die Überzeugung, dass im Angesicht der Opfer von Unrecht und Vergewaltigung die Möglichkeit einer ewigen Unversöhnlichkeit offen bleiben muss.
Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Paula-Angelika Seethaler, 1. und 2. Petrusbrief/Judasbrief, (Stuttgarter Neues Testament 16), Stuttgart 1985; Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament XXI), Zürich u.a. 1979.
Text vorlesen. Teilnehmende sprechen das Wort aus, bei dem sie hängen geblieben sind. Gemeinsam lesen bedeutet wahrscheinlich: sich gemeinsam wundern über diesen Text.
Hintergrundinformationen über jüdische Apokalyptik/Martyrerliteratur und das äthiopische Henochbuch. Benutzung und Zitationen im NT nachschlagen. Unseren Text als Trost für die kleine, bedrängte Gemeinde im apokalyptischen Sprachgewand sehen lernen.
In Kleinstgruppen (23) einen Dialog zwischen den gefangenen Giganten und Christus überlegen. Was verkündet Christus? Was haben die Giganten zu sagen? Wie trennen sie sich? Entweder einander die Situationen vorspielen oder Bericht. Austausch über versöhnliche und unversöhnliche Lösungen (wenn eine Variante fehlt, das Fehlen ansprechen). Im Schweigen abschliessen.