8/2003

INHALT

Lesejahr B

Wenn Buchstaben töten

Dieter Bauer zu 2 Kor 3,1b-6

 

Auf den Text zu

«Ändert wohl ein Neger seine Hautfarbe oder ein Leopard seine Flecken?» ­ Natürlich nicht, werden Sie sagen. Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint. Und sie stammt auch nicht von mir, sondern vom Propheten Jeremia (Jer 13,23).
Jeremia stellte diese Frage in einem ganz interessanten Zusammenhang. Israel war in eine nationale Katastrophe geschliddert, Tempel und Staat waren untergegangen, und die Oberschicht war ins Exil nach Babylon deportiert worden. Es kam zu einer Art Neubesinnung, und man fragte sich, welche Konsequenzen wohl aus der Geschichte zu ziehen wären, was man wohl in Zukunft besser machen könne. Jeremia allerdings sieht da keine Chance: «Ändert wohl ein Neger seine Hautfarbe oder ein Leopard seine Flecken? Dann könntet auch ihr euch noch bessern, die ihr ans Böse gewöhnt seid.»
Können Menschen sich wirklich nicht ändern? Jeremia sagt: aus eigener Kraft nicht. Da hilft keine moralische Erziehung, und da helfen auch keine noch so gut gemeinten Gesetze. Menschen müssten so radikal «umgekrempelt» werden, dass es einer Herzverpflanzung gleichkäme. Sie brauchen Hilfe «von aussen», von Gott her. «Seht, es werden Tage kommen ­ Spruch des Herrn ­, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schliessen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. (...) Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz.» Der alte Bund ­ gegründet auf den Buchstaben des Gesetzes vom Sinai ­ hatte bisher nicht funktioniert. Der Geist Gottes wird sein Gesetz nun in die Herzen der Menschen selbst schreiben müssen.
Interessant ist die logische Schlüssigkeit dieser Prophezeiung: Solange das Volk sich wie ein kleines Kind «an der Hand genommen» fühlt, wird es nicht erwachsen. Solange sie das Gesetz als ein mit elterlicher Autorität erzwungenes empfinden, reagieren die Menschen wie Kinder, und übertreten das Gesetz natürlich. Deshalb muss es seinen Ort in den Herzen selbst finden. Das heisst: die Menschen müssten erst erwachsen werden. Der Geist Gottes selbst, ihr Herz oder wie wir heute sagen würden: ihr Gewissen wird den Menschen dann sagen, was falsch und richtig ist: «Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, klein und gross, werden mich erkennen ­ Spruch des Herrn.» Dann hat auch die ewige Vorrechnerei von Schuld und Sünden ein Ende ­ und derartige Prediger hat es bestimmt auch im babylonischen Exil gegeben. Gott selbst tut nun den ersten Schritt: «Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr» (Jer 31,31­34).

Mit dem Text unterwegs

Warum ich so ausführlich auf diesen Jeremiatext eingegangen bin? Weil er ­ wieder einmal (vgl. SKZ 5/2003) ­ im Hintergrund der Worte des Apostels Paulus steht, die in der heutigen Lesung vorkamen: «Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist eingeschrieben in unser Herz, und alle Menschen können es lesen und verstehen. Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern ­ wie auf Tafeln ­ in Herzen von Fleisch» (2 Kor 3,2f.). Er schreibt dies seiner Gemeinde in Korinth, und das Bild, das er gebraucht, ist so aussergewöhnlich, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen: Paulus muss sich ­ wieder einmal ­ verteidigen gegen Leute, die ihm absprechen, ein wirklicher Apostel zu sein (vgl. SKZ 7/2003). Sie hätten gerne ein «Empfehlungsschreiben» von ihm gesehen, so wie es offensichtlich andere Missionare auch mit sich tragen. Paulus lehnt dies kategorisch ab und wendet das Bild ganz überraschend: «Unser Empfehlungsschreiben seid ihr». Das heisst: Wer wissen will, wie Paulus ist, muss seine Gemeinde anschauen. Er ist absolut zuversichtlich, dass sie eine Empfehlung für ihn ist. Voll Vertrauen kann er sagen: «Wir haben durch Christus so grosses Vertrauen zu Gott. Doch sind wir dazu nicht von uns aus fähig, als ob wir uns selbst etwas zuschreiben könnten; unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott. Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig» (3,4­6).
Kennt man den Hintergrund der Rede Jeremias vom Neuen Bund, so erhält dieser Paulusbrief ein ganz neues Profil, und auch das Selbstverständnis des Paulus wird klarer: Als «Diener des Neuen Bundes» kann er sich ganz auf den Geist Gottes einlassen, der in die Herzen der Menschen schreibt. Nicht äusserliche Vorschriften, Buchstaben, bestimmen sein Leben. Er braucht keine «Empfehlungsschreiben», weil seine Gemeinde selbst seine Empfehlung ist. Und die Gemeinde braucht keine äusserliche Belehrung mehr, weil der Geist Gottes längst in ihnen, in ihren Herzen am Werk ist. Die von Jeremia erhoffte «Herzverpflanzung» hat aus Sicht des Paulus längst stattgefunden: Mit dem Vertrauen, das Gott in die Menschen setzt, mit der Befähigung aller, «Diener des Neuen Bundes» zu sein, mit der absoluten Schuldvergebung, die ein menschliches (und moralisches) Leben überhaupt erst ermöglicht. In dieser Beziehung wandelt Paulus ganz in den Spuren der Propheten Jeremia und Jesus von Nazaret, der Menschen ebenfalls dadurch geheilt hat, dass er ihnen die Sünden vergab, diese unerträgliche Last von ihnen nahm.

Über den Text hinaus

Dieser Umgang mit dem Menschen, dieser «Vertrauensvorschuss», ist für mich der eigentliche Kern christlichen Glaubens. Und er ist noch längst nicht eingeholt. Immer wieder verlassen wir uns doch lieber auf Buchstaben und Gesetze, als uns dem Geist Gottes anzuvertrauen. Und selbst, wenn wir für uns selber dieses Vertrauen in die Sprache des eigenen Herzens haben, haben wir es noch längst nicht in Bezug auf andere. Gerade der Umgang mit Schuld und Vergebung ist auch in unserer eigenen Kirche oft gnadenlos. Und dem erhobenen Zeigefinger, dass «einer den anderen belehrt» (Jer 31,33), trauen wir im Zweifelsfalle immer noch mehr als dem Zutrauen in die moralischen Fähigkeiten der Menschen, die Gott doch gut geschaffen hat, und denen Jesus zugesprochen hat, «Salz der Erde» zu sein und «Licht der Welt» (Mt 5,13ff.). Doch nur, wenn wir das für uns selber glauben könnten, könnten wir uns auch ändern.

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Jacob Kremer, 2. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 8), Stuttgart 1990; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 8), Würzburg 31994.


Er-lesen

Lesen Sie miteinander Jeremia 31,31­34. Worin besteht das «Neue» des «Neuen Bundes»?

Er-hellen

Lesen Sie 2 Kor 3,1­6. Was macht Paulus als «Diener des Neuen Bundes» aus? Welches Selbstverständnis hat er?

Er-leben

Inwiefern sind wir heute «Diener des Neuen Bundes»? Sprechen Sie darüber: Was ist es, das Christen von Nichtchristen unterscheidet (oder zumindest unterscheiden sollte)?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003