7/2003

INHALT

Lesejahr B

Ja und Amen?

Dieter Bauer zu 2 Kor 1,18-22

 

Auf den Text zu

«Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.» Dieses Jesuswort überliefert Matthäus in der Bergpredigt (Mt 5,37). Und der Autor des Jakobusbriefes formuliert: «Euer Ja soll ein Ja sein und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht dem Gericht verfallt» und zitiert dabei ziemlich sicher das Matthäusevangelium (Jak 5,12). Diese Entschiedenheit und Klarheit der Botschaft Jesu muss die Menschen ungeheuer beeindruckt haben. Ich vermute: weil solche Entschiedenheit und Klarheit im Allgemeinen ­ weder damals, noch heute ­ so ganz selbstverständlich war.

Mit dem Text unterwegs

Wenn wir deshalb im 2. Korintherbrief des Apostels Paulus lesen: «Plane ich, wie manche Menschen planen, so dass mein Ja auch ein Nein sein kann?» (1,17), dann merken wir, dass auch Paulus sich mit dem Vorwurf auseinander setzen musste, nicht so ganz klar verlässlich zu sein. Dieser Vers steht interessanterweise genau vor unserem heutigen Lesungstext, und es wäre natürlich wichtig, die rhetorische Frage des Paulus mitzuhören, auf die unser Text Antwort geben will. Und es wäre wichtig zu wissen, in welchem Zusammenhang sich Paulus hier verteidigt.
Der 2. Korintherbrief gilt als einer der schwierigsten Paulusbriefe. Wer versucht, ihn am Stück zu lesen, wird immer wieder irritiert durch ganz unmotivierte Stimmungswechsel des Apostels und auch sonstige Brüche im Brief. Früher hat man angenommen, er sei einfach über einen längeren Zeitraum hinweg diktiert worden und spiegele eben verschiedene «Tagesformen» des Apostels wieder. Heute ist man sich ziemlich sicher, dass der 2. Korintherbrief eigentlich eine Sammlung mehrerer Briefe des Paulus an die Korinther darstellt, die zudem noch etwas «in Unordnung» geraten sind. Nimmt man diese Hypothese ernst, dann spiegelt sich im 2. Korintherbrief eine hochdramatische Geschichte zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde:
Am Anfang stand wohl der Vorwurf einer Fraktion in Korinth ­ natürlich erst vorgebracht, nachdem der «Gründer» die Gemeinde verlassen hatte ­, Paulus sei gar kein wirklicher Apostel. Das war ein Vorwurf, mit dem sich Paulus auch sonst immer wieder in seinen Briefen auseinander setzen musste, und im 2. Korintherbrief ist in 2,14­7,4 eine «Apologie des Apostelamtes», eine richtige Verteidigungsrede enthalten ­ offensichtlich eine schriftlich Reaktion des Apostels auf die bösen Vorwürfe einiger Korinther. Kurz darauf muss Paulus ­ hat er seinem Brief selbst nicht getraut? ­ persönlich in Korinth erschienen sein, und es kam zum absoluten Eklat. Paulus wird so scharf ­ und wahrscheinlich «unter der Gürtellinie» ­ angegriffen, dass er überstürzt wieder abreist. Er schreibt von Ephesus aus unter Tränen einen Brief, in dem er seine Gegner scharf angreift (der in 7,8 erwähnte «Tränenbrief»; erhalten in Kapiteln 10­13). Trotzdem findet der Apostel keine Ruhe und schickt seinen Mitarbeiter Titus nach Korinth, um die Wogen zu glätten. Dessen Rückkehr erwartet er sehnsüchtig in Troja (2,12f.), und als dieser nicht eintrifft, reist er ihm entgegen nach Mazedonien, wo er ihn tatsächlich trifft (7,6f.). Titus kann ihn beruhigen und erzählt ihm, dass die Stimmung in Korinth umgeschlagen habe und die Übeltäter bestraft seien. Dies wiederum veranlasst den Apostel zu einem in 1,1­2,13; 7,5­16 erhaltenen «Versöhnungsbrief». Diesem «Versöhnungsbrief» nun sind die Worte unserer Lesung entnommen.
Ihm können wir einen weiteren Grund für den Konflikt des Paulus mit den Korinthern entnehmen. Er hat offensichtlich seine Reisepläne geändert und war zu einem angekündigten Besuch in der Stadt nicht erschienen. Ob er diesen Besuch bei seinem tragisch verlaufenen «Zwischenbesuch» angekündigt hatte, die weitere Entwicklung des Geschehens ihn dann aber davon abhielt, wissen wir nicht. Jedenfalls hält er keine ausführliche Erklärung, auch keine Entschuldigung, für nötig. Er will sich aber unter keinen Umständen den Vorwurf gefallen lassen, auf ich ihn sei kein Verlass wie auf «manche Menschen», für die «ein Ja auch ein Nein sein kann» (1,17). Im Gegenteil: An dieser Stelle geht es ihm ums Prinzip, und er argumentiert mit der Verlässlichkeit Gottes selbst: «Gott ist treu, er bürgt dafür, dass unser Wort euch gegenüber nicht Ja und Nein zugleich ist» (1,18). Ein besserer Zeuge ist nicht vorstellbar. «Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde ­ durch mich, Silvanus und Timotheus ­, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheissen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen» (1,19f.). Diese Argumentation des Apostels zeigt, wie sehr er sich mit der Verkündigung von Gottes Sohn Jesus Christus identifiziert. Die Klarheit und Entschiedenheit Jesu ist dieselbe wie die Klarheit und Entschiedenheit der Verkündigung von ihm. Das ist aber nicht alles. Dieses Ja Jesu Christi zu den Verheissungen Gottes beinhaltet eine ganz prinzipielle Zuwendung zu dieser Welt, in der eine Vermischung von Ja und Nein einfach nicht mehr angebracht ist. Wie ein Siegel liegt dieses Ja Gottes auf der Schöpfung: «Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheissenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat» (1,21f.).

Über den Text hinaus

Nun kann man sich natürlich fragen, wie Paulus über die Verteidigung seiner geänderten Reisepläne zu solch grundsätzlichen theologischen Einsichten vordringt. Für mich zeigt das einmal mehr, wie durchdrungen Paulus von seinem Verkündigungsauftrag war. Für ihn gab es wirklich gar nichts, was nichts mit Gott zu tun gehabt hätte. Die Korinther mussten ihm das einfach glauben: dass er so von Gottes Ja her lebt, dass es absurd wäre, ihn für weniger verlässlich als Gott selbst zu halten! Das ist ein hoher Anspruch.

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

 

Literatur: Jacob Kremer, 2. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 8), Stuttgart 1990; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 8), Würzburg 31994.


Er-lesen

Lesen Sie Mt 5,37 im Zusammenhang der Bergpredigt. Um welche Haltung geht es Jesus dabei?

Er-hellen

Lesen Sie 2 Kor 1,15­22 im Zusammenhang. Worauf bezieht sich die Verteidigung des Apostels, er sei nicht so wie «manche Menschen», dass «sein Ja auch ein Nein sein kann»?

Er-leben

Suchen Sie Beispiele aus dem Alltag, aus Politik und Gesellschaft, wo ein «Ja auch ein Nein sein kann». Welche Auswirkungen hat das?


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