7/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
«Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.» Dieses Jesuswort überliefert Matthäus in der Bergpredigt (Mt 5,37). Und der Autor des Jakobusbriefes formuliert: «Euer Ja soll ein Ja sein und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht dem Gericht verfallt» und zitiert dabei ziemlich sicher das Matthäusevangelium (Jak 5,12). Diese Entschiedenheit und Klarheit der Botschaft Jesu muss die Menschen ungeheuer beeindruckt haben. Ich vermute: weil solche Entschiedenheit und Klarheit im Allgemeinen weder damals, noch heute so ganz selbstverständlich war.
Wenn wir deshalb im 2. Korintherbrief des Apostels Paulus lesen: «Plane
ich, wie manche Menschen planen, so dass mein Ja auch ein Nein sein kann?»
(1,17), dann merken wir, dass auch Paulus sich mit dem Vorwurf auseinander
setzen musste, nicht so ganz klar verlässlich zu sein. Dieser Vers
steht interessanterweise genau vor unserem heutigen Lesungstext, und es
wäre natürlich wichtig, die rhetorische Frage des Paulus mitzuhören,
auf die unser Text Antwort geben will. Und es wäre wichtig zu wissen,
in welchem Zusammenhang sich Paulus hier verteidigt.
Der 2. Korintherbrief gilt als einer der schwierigsten Paulusbriefe. Wer
versucht, ihn am Stück zu lesen, wird immer wieder irritiert durch
ganz unmotivierte Stimmungswechsel des Apostels und auch sonstige Brüche
im Brief. Früher hat man angenommen, er sei einfach über einen
längeren Zeitraum hinweg diktiert worden und spiegele eben verschiedene
«Tagesformen» des Apostels wieder. Heute ist man sich ziemlich
sicher, dass der 2. Korintherbrief eigentlich eine Sammlung mehrerer Briefe
des Paulus an die Korinther darstellt, die zudem noch etwas «in Unordnung»
geraten sind. Nimmt man diese Hypothese ernst, dann spiegelt sich im 2.
Korintherbrief eine hochdramatische Geschichte zwischen dem Apostel und
seiner Gemeinde:
Am Anfang stand wohl der Vorwurf einer Fraktion in Korinth natürlich
erst vorgebracht, nachdem der «Gründer» die Gemeinde verlassen
hatte , Paulus sei gar kein wirklicher Apostel. Das war ein Vorwurf,
mit dem sich Paulus auch sonst immer wieder in seinen Briefen auseinander
setzen musste, und im 2. Korintherbrief ist in 2,147,4 eine «Apologie
des Apostelamtes», eine richtige Verteidigungsrede enthalten
offensichtlich eine schriftlich Reaktion des Apostels auf die bösen
Vorwürfe einiger Korinther. Kurz darauf muss Paulus hat er seinem
Brief selbst nicht getraut? persönlich in Korinth erschienen
sein, und es kam zum absoluten Eklat. Paulus wird so scharf und wahrscheinlich
«unter der Gürtellinie» angegriffen, dass er überstürzt
wieder abreist. Er schreibt von Ephesus aus unter Tränen einen Brief,
in dem er seine Gegner scharf angreift (der in 7,8 erwähnte «Tränenbrief»;
erhalten in Kapiteln 1013). Trotzdem findet der Apostel keine Ruhe
und schickt seinen Mitarbeiter Titus nach Korinth, um die Wogen zu glätten.
Dessen Rückkehr erwartet er sehnsüchtig in Troja (2,12f.), und
als dieser nicht eintrifft, reist er ihm entgegen nach Mazedonien, wo er
ihn tatsächlich trifft (7,6f.). Titus kann ihn beruhigen und erzählt
ihm, dass die Stimmung in Korinth umgeschlagen habe und die Übeltäter
bestraft seien. Dies wiederum veranlasst den Apostel zu einem in 1,12,13;
7,516 erhaltenen «Versöhnungsbrief». Diesem «Versöhnungsbrief»
nun sind die Worte unserer Lesung entnommen.
Ihm können wir einen weiteren Grund für den Konflikt des Paulus
mit den Korinthern entnehmen. Er hat offensichtlich seine Reisepläne
geändert und war zu einem angekündigten Besuch in der Stadt nicht
erschienen. Ob er diesen Besuch bei seinem tragisch verlaufenen «Zwischenbesuch»
angekündigt hatte, die weitere Entwicklung des Geschehens ihn dann
aber davon abhielt, wissen wir nicht. Jedenfalls hält er keine ausführliche
Erklärung, auch keine Entschuldigung, für nötig. Er will
sich aber unter keinen Umständen den Vorwurf gefallen lassen, auf ich
ihn sei kein Verlass wie auf «manche Menschen», für die
«ein Ja auch ein Nein sein kann» (1,17). Im Gegenteil: An dieser
Stelle geht es ihm ums Prinzip, und er argumentiert mit der Verlässlichkeit
Gottes selbst: «Gott ist treu, er bürgt dafür, dass unser
Wort euch gegenüber nicht Ja und Nein zugleich ist» (1,18). Ein
besserer Zeuge ist nicht vorstellbar. «Denn Gottes Sohn Jesus Christus,
der euch durch uns verkündigt wurde durch mich, Silvanus und
Timotheus , ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist
das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheissen hat. Darum
rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen» (1,19f.). Diese
Argumentation des Apostels zeigt, wie sehr er sich mit der Verkündigung
von Gottes Sohn Jesus Christus identifiziert. Die Klarheit und Entschiedenheit
Jesu ist dieselbe wie die Klarheit und Entschiedenheit der Verkündigung
von ihm. Das ist aber nicht alles. Dieses Ja Jesu Christi zu den Verheissungen
Gottes beinhaltet eine ganz prinzipielle Zuwendung zu dieser Welt, in der
eine Vermischung von Ja und Nein einfach nicht mehr angebracht ist. Wie
ein Siegel liegt dieses Ja Gottes auf der Schöpfung: «Gott aber,
der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt
hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten
Anteil (am verheissenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat»
(1,21f.).
Nun kann man sich natürlich fragen, wie Paulus über die Verteidigung seiner geänderten Reisepläne zu solch grundsätzlichen theologischen Einsichten vordringt. Für mich zeigt das einmal mehr, wie durchdrungen Paulus von seinem Verkündigungsauftrag war. Für ihn gab es wirklich gar nichts, was nichts mit Gott zu tun gehabt hätte. Die Korinther mussten ihm das einfach glauben: dass er so von Gottes Ja her lebt, dass es absurd wäre, ihn für weniger verlässlich als Gott selbst zu halten! Das ist ein hoher Anspruch.
Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Jacob Kremer, 2. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 8), Stuttgart 1990; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 8), Würzburg 31994.
Lesen Sie Mt 5,37 im Zusammenhang der Bergpredigt. Um welche Haltung geht es Jesus dabei?
Lesen Sie 2 Kor 1,1522 im Zusammenhang. Worauf bezieht sich die Verteidigung des Apostels, er sei nicht so wie «manche Menschen», dass «sein Ja auch ein Nein sein kann»?
Suchen Sie Beispiele aus dem Alltag, aus Politik und Gesellschaft, wo ein «Ja auch ein Nein sein kann». Welche Auswirkungen hat das?