6/2003

INHALT

Lesejahr B

Der Ehrliche ist der Dumme?

Dieter Bauer zu 1 Kor 10,31-11,1

 

Auf den Text zu

«Der Ehrliche ist der Dumme», so lautete die These des gleichnamigen Bestsellers, den der deutsche «Tagesthemen»-Sprecher Ulrich Wickert auf den Markt brachte. Ihm ging es dabei um Moral und vor allem die Tugenden, die er massiv im Schwinden begriffen sah. Jahrtausendelang hatten sich die Volkskirchen als Hüterinnen der öffentlichen Moral verstanden. Mit dem Niedergang ihrer Bedeutung scheint auch die Moral den Bach hinunter zu gehen. Und alle, die noch moralische Prinzipien vertreten ­ so die These ­ finden sich auf der Seite der «Dummen». Aber stimmt das wirklich?

Mit dem Text unterwegs

Vielleicht hilft ein Blick in einen jahrtausendealten Paulusbrief, den Blick freizubekommen von solchen Engführungen. Das Gefühl, mit seinen moralischen Prinzipien auf der Verliererseite zu stehen, gab es nämlich schon immer, auch schon in der Zeit der frühen Kirche.
Gerade junge religiöse Bewegungen sind bekanntlich anfällig für Extreme. So gab es in der von Paulus begründeten Christengemeinde in Korinth moralische Extremisten, aber auch ihr Gegenteil: «Erlöste», die sich so befreit fühlten, dass sie die Parole vertraten: «Alles ist erlaubt.» Das war natürlich den Moralisten wieder ein Dorn im Auge, und schon gab es den schönsten Streit. Wahrscheinlich waren es die Moralisten, die einen Brief an Paulus schrieben ­ er war inzwischen weitergezogen ­ und ein «Machtwort» erbaten.
Paulus schreibt an die Korinther, und deshalb wissen wir auch so genau, woran sich der Konflikt entzündete: am Fleischgenuss. Traditionell kam das Fleisch, das auf den Markt kam, von den Tempeln. Die Fleischmengen, die täglich in den Tempeln geopfert wurden, wurden von den Priestern zum Verkauf freigegeben und landeten in den Läden der Fleischer auf dem Markt. Wer dort Fleisch kaufte, konnte also ziemlich sicher sein, dass es von irgendwelchen Opferzeremonien stammte. Und niemand dachte sich etwas Böses dabei bis auf manche Skrupulanten aus der jungen Christengemeinde. Für sie war das «Götzenopferfleisch», und damit wollten sie nichts zu tun haben. Das hätte noch nicht zu einem Konflikt führen müssen, wenn sie nicht der Meinung gewesen wären, dass Christen ganz grundsätzlich nicht mit solchem Fleisch in Berührung kommen dürften, nicht nur sie nicht, sondern vor allem auch die anderen nicht! Und da begann der Konflikt. Die liberaleren vertraten nämlich die Ansicht, dass die ganze Opferei an den Tempeln sowieso nur Hokuspokus sei. Und wer nicht daran glaube, sei auch nicht in Gefahr durch das von dort herstammende Fleisch. Wenn es keine «Götzen» gab, dann auch kein «Götzenopferfleisch»!
Paulus versucht auf diesen Konflikt sehr differenziert einzugehen. Zunächst einmal hält er fest, dass «Götzendienst» natürlich zu meiden sei (9,14). Bei den Opfermählern am Tempel habe ein Christ nichts zu suchen. Ein Christ müsse da eine ganz klare Haltung einnehmen, und wer öffentlich solches Fleisch verzehrt, provoziert Missverständnisse. Die Parole «Alles ist erlaubt» hat ihre Grenzen: «Aber nicht alles nützt» (23). Was den liberalen selber vielleicht nichts ausmacht, kann den anderen schaden: «Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen» (24). Und nun trifft er eine moralisch sehr interessante Unterscheidung: «Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, ohne aus Gewissenhaftigkeit nachzuforschen. Denn dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt. Wenn ein Ungläubiger euch einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst, was euch vorgesetzt wird, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen. Wenn euch aber jemand darauf hinweist: Das ist Opferfleisch!, dann esst nicht davon, mit Rücksicht auf den, der euch aufmerksam macht» (25­28). Das heisst doch aber: Nicht skrupulant nachforschen, um ja nichts falsch zu machen, sondern durchaus in christlicher Freiheit agieren. Denn das Essen dieses Fleisches schadet ganz gewiss nicht, ausser denen, für die es ein Problem ist. Und auf die soll Rücksicht genommen werden.
Was Paulus hier einfordert, ist eine Art Rechtsverzicht: Mit Rücksicht auf das Gewissen der anderen soll in diesem Fall auf den Fleischgenuss verzichtet werden. Darauf hatte Paulus bereits im 8. Kapitel seines Briefes abgehoben: «Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott ausser dem einen. (...) Aber nicht alle haben die Erkenntnis. Einige, die von ihren Götzen nicht loskommen, essen das Fleisch noch als Götzenopferfleisch, und so wird ihr schwaches Gewissen befleckt. (...) Gebt acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoss wird. Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen?» (8,4­10).
In diesem Zusammenhang also steht unser heutiger Lesungstext: «Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!» (10,31f.). Es geht also nicht um eine grundsätzliche Abhandlung über Moral, sondern um ein ganz konkretes Problem. Allerdings wird Paulus in diesem Zusammenhang selber sehr prinzipiell: «Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden» (33). Diese christliche Grundhaltung möchte er auch seiner Gemeinde empfehlen. Nach ihr lebt er selbst. Und sein Vorbild ist Jesus Christus: «Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme» (11,1).

Über den Text hinaus

Nun gab es sicher auch zu Zeiten des Paulus Menschen, die eine solche Grundeinstellung als «dumm» bezeichnet hätten. Sie hat nämlich etwas damit zu tun, nicht den Eigennutz zur Priorität des Handelns zu machen, sondern den Nutzen für andere. Bereits Paulus muss für diese Grundeinstellung werben. Und sicher war der Nutzen für einen selbst (Was bringt mir das?) schon damals ein wichtiges Argument. Paulus hat dem nicht viel entgegenzusetzen. Aber von diesem Wenigen lässt sich meines Erachtens doch einiges lernen.
Zum einen geht es ihm um Gemeinschaft, den «Nutzen aller». Der kann durchaus dem Nutzen des Einzelnen entgegenstehen. Und natürlich ist das nur für den ein Argument, der wie Paulus des Nutzen für alle als einen Wert betrachtet.
Zum anderen bestreitet Paulus in keiner Weise die Freiheit des Einzelnen. Der Parole «Alles ist erlaubt» wird seltsamerweise nicht wirklich widersprochen. Aber Paulus legt diesen «Starken» mit ihrer grossen inneren Freiheit die Schwächeren ans Herz, die (noch) nicht so weit sind. Damit nimmt er ihnen nichts weg: sie dürfen die «Starken» bleiben. Aber sie dürfen ganz souverän auf ihr Recht verzichten ­ um der Gemeinschaft willen. Das ist etwas ganz anderes, als sich als «der Dumme» zu fühlen. Denn das hat noch nie jemanden motiviert, ein besserer Mensch zu werden.

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.


Er-lesen

Den Lesungstext 1 Kor 10,31­11,1 in seinem Kontext miteinander lesen (v.a. 10,14ff.). Was ist das eigentliche Problem, auf das Paulus Antwort geben möchte?

Er-hellen

Wodurch begründet Paulus seinen Verzicht auf den eigenen Nutzen, den er den Korinthern ans Herz legt? Hierzu auch 1 Kor 8,4­10 lesen.

Er-leben

Sprechen Sie mit anderen darüber: Wie liesse sich heute für eine solche moralische Grundhaltung werben, ohne dass sich die Leute als «die Dummen» vorkommen?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003