6/2003 | |
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Lesejahr B |
«Der Ehrliche ist der Dumme», so lautete die These des gleichnamigen Bestsellers, den der deutsche «Tagesthemen»-Sprecher Ulrich Wickert auf den Markt brachte. Ihm ging es dabei um Moral und vor allem die Tugenden, die er massiv im Schwinden begriffen sah. Jahrtausendelang hatten sich die Volkskirchen als Hüterinnen der öffentlichen Moral verstanden. Mit dem Niedergang ihrer Bedeutung scheint auch die Moral den Bach hinunter zu gehen. Und alle, die noch moralische Prinzipien vertreten so die These finden sich auf der Seite der «Dummen». Aber stimmt das wirklich?
Vielleicht hilft ein Blick in einen jahrtausendealten Paulusbrief, den
Blick freizubekommen von solchen Engführungen. Das Gefühl, mit
seinen moralischen Prinzipien auf der Verliererseite zu stehen, gab es nämlich
schon immer, auch schon in der Zeit der frühen Kirche.
Gerade junge religiöse Bewegungen sind bekanntlich anfällig für
Extreme. So gab es in der von Paulus begründeten Christengemeinde in
Korinth moralische Extremisten, aber auch ihr Gegenteil: «Erlöste»,
die sich so befreit fühlten, dass sie die Parole vertraten: «Alles
ist erlaubt.» Das war natürlich den Moralisten wieder ein Dorn
im Auge, und schon gab es den schönsten Streit. Wahrscheinlich waren
es die Moralisten, die einen Brief an Paulus schrieben er war inzwischen
weitergezogen und ein «Machtwort» erbaten.
Paulus schreibt an die Korinther, und deshalb wissen wir auch so genau,
woran sich der Konflikt entzündete: am Fleischgenuss. Traditionell
kam das Fleisch, das auf den Markt kam, von den Tempeln. Die Fleischmengen,
die täglich in den Tempeln geopfert wurden, wurden von den Priestern
zum Verkauf freigegeben und landeten in den Läden der Fleischer auf
dem Markt. Wer dort Fleisch kaufte, konnte also ziemlich sicher sein, dass
es von irgendwelchen Opferzeremonien stammte. Und niemand dachte sich etwas
Böses dabei bis auf manche Skrupulanten aus der jungen Christengemeinde.
Für sie war das «Götzenopferfleisch», und damit wollten
sie nichts zu tun haben. Das hätte noch nicht zu einem Konflikt führen
müssen, wenn sie nicht der Meinung gewesen wären, dass Christen
ganz grundsätzlich nicht mit solchem Fleisch in Berührung kommen
dürften, nicht nur sie nicht, sondern vor allem auch die anderen nicht!
Und da begann der Konflikt. Die liberaleren vertraten nämlich die Ansicht,
dass die ganze Opferei an den Tempeln sowieso nur Hokuspokus sei. Und wer
nicht daran glaube, sei auch nicht in Gefahr durch das von dort herstammende
Fleisch. Wenn es keine «Götzen» gab, dann auch kein «Götzenopferfleisch»!
Paulus versucht auf diesen Konflikt sehr differenziert einzugehen. Zunächst
einmal hält er fest, dass «Götzendienst» natürlich
zu meiden sei (9,14). Bei den Opfermählern am Tempel habe ein Christ
nichts zu suchen. Ein Christ müsse da eine ganz klare Haltung einnehmen,
und wer öffentlich solches Fleisch verzehrt, provoziert Missverständnisse.
Die Parole «Alles ist erlaubt» hat ihre Grenzen: «Aber
nicht alles nützt» (23). Was den liberalen selber vielleicht
nichts ausmacht, kann den anderen schaden: «Denkt dabei nicht an euch
selbst, sondern an die anderen» (24). Und nun trifft er eine moralisch
sehr interessante Unterscheidung: «Alles, was auf dem Fleischmarkt
verkauft wird, das esst, ohne aus Gewissenhaftigkeit nachzuforschen. Denn
dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt. Wenn ein Ungläubiger
euch einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst, was euch vorgesetzt
wird, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen. Wenn euch aber jemand
darauf hinweist: Das ist Opferfleisch!, dann esst nicht davon, mit Rücksicht
auf den, der euch aufmerksam macht» (2528). Das heisst doch aber:
Nicht skrupulant nachforschen, um ja nichts falsch zu machen, sondern durchaus
in christlicher Freiheit agieren. Denn das Essen dieses Fleisches schadet
ganz gewiss nicht, ausser denen, für die es ein Problem ist. Und auf
die soll Rücksicht genommen werden.
Was Paulus hier einfordert, ist eine Art Rechtsverzicht: Mit Rücksicht
auf das Gewissen der anderen soll in diesem Fall auf den Fleischgenuss verzichtet
werden. Darauf hatte Paulus bereits im 8. Kapitel seines Briefes abgehoben:
«Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir,
dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott ausser dem einen.
(...) Aber nicht alle haben die Erkenntnis. Einige, die von ihren Götzen
nicht loskommen, essen das Fleisch noch als Götzenopferfleisch, und
so wird ihr schwaches Gewissen befleckt. (...) Gebt acht, dass diese eure
Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoss wird. Wenn nämlich einer dich,
der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann
nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch
zu essen?» (8,410).
In diesem Zusammenhang also steht unser heutiger Lesungstext: «Ob
ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung
Gottes! Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu
einem Vorwurf!» (10,31f.). Es geht also nicht um eine grundsätzliche
Abhandlung über Moral, sondern um ein ganz konkretes Problem. Allerdings
wird Paulus in diesem Zusammenhang selber sehr prinzipiell: «Auch
ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen,
sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden» (33). Diese christliche
Grundhaltung möchte er auch seiner Gemeinde empfehlen. Nach ihr lebt
er selbst. Und sein Vorbild ist Jesus Christus: «Nehmt mich zum Vorbild,
wie ich Christus zum Vorbild nehme» (11,1).
Nun gab es sicher auch zu Zeiten des Paulus Menschen, die eine solche
Grundeinstellung als «dumm» bezeichnet hätten. Sie hat
nämlich etwas damit zu tun, nicht den Eigennutz zur Priorität
des Handelns zu machen, sondern den Nutzen für andere. Bereits Paulus
muss für diese Grundeinstellung werben. Und sicher war der Nutzen für
einen selbst (Was bringt mir das?) schon damals ein wichtiges Argument.
Paulus hat dem nicht viel entgegenzusetzen. Aber von diesem Wenigen lässt
sich meines Erachtens doch einiges lernen.
Zum einen geht es ihm um Gemeinschaft, den «Nutzen aller». Der
kann durchaus dem Nutzen des Einzelnen entgegenstehen. Und natürlich
ist das nur für den ein Argument, der wie Paulus des Nutzen für
alle als einen Wert betrachtet.
Zum anderen bestreitet Paulus in keiner Weise die Freiheit des Einzelnen.
Der Parole «Alles ist erlaubt» wird seltsamerweise nicht wirklich
widersprochen. Aber Paulus legt diesen «Starken» mit ihrer grossen
inneren Freiheit die Schwächeren ans Herz, die (noch) nicht so weit
sind. Damit nimmt er ihnen nichts weg: sie dürfen die «Starken»
bleiben. Aber sie dürfen ganz souverän auf ihr Recht verzichten
um der Gemeinschaft willen. Das ist etwas ganz anderes, als sich als
«der Dumme» zu fühlen. Denn das hat noch nie jemanden motiviert,
ein besserer Mensch zu werden.
Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des
Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner
Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief,
(Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.
Den Lesungstext 1 Kor 10,3111,1 in seinem Kontext miteinander lesen (v.a. 10,14ff.). Was ist das eigentliche Problem, auf das Paulus Antwort geben möchte?
Wodurch begründet Paulus seinen Verzicht auf den eigenen Nutzen, den er den Korinthern ans Herz legt? Hierzu auch 1 Kor 8,410 lesen.
Sprechen Sie mit anderen darüber: Wie liesse sich heute für eine solche moralische Grundhaltung werben, ohne dass sich die Leute als «die Dummen» vorkommen?