5/2003

INHALT

Lesejahr B

Allen alles werden?

Dieter Bauer zu 1 Kor 9,16-19.22-23

 

Auf den Text zu

«Bekommst du dafür eigentlich etwas?» Diese Frage höre ich häufig, wenn ich mich engagiere in der Kirche oder im Verein. Meistens bekomme ich natürlich nichts. Jedenfalls finanziell gesehen, denn so war diese Frage gemeint. Ideell gesehen bekomme ich etwas, sonst würde ich es nicht tun. Aber das sieht man eben meist nicht, oder es wird nicht verstanden, oder die Leute können es sich einfach nicht vorstellen, dass jemand etwas «umsonst» tut. Das Problem «ehrenamtlichen Engagements» ist uralt. Und schon immer sind die Ehrenamtlichen verdächtigt worden, sie hätten unlautere Motive.

Mit dem Text unterwegs

Wechseln wir in unseren Überlegungen zu einem, der sich mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit auch fast nur Probleme eingehandelt hat: zum Apostel Paulus. Diese Sichtweise mag etwas ungewohnt sein, aber das war sie damals auch schon. Paulus nämlich weigerte sich standhaft, für seine Verkündigungstätigkeit Geld anzunehmen. Damit war er eine grosse Ausnahme, weil nämlich fast alle seiner Kolleginnen und Kollegen sich bezahlen liessen. Sie waren ­ wie beispielsweise Petrus ­ mit ihren Ehepartnern unterwegs in den christlichen Gemeinden und wurden selbstverständlich von diesen auch verköstigt und bezahlt (1 Kor 9,5). Das war allgemein akzeptiert. Nur Paulus tanzte aus der Reihe. Und das gab Ärger. Man unterstellte ihm schliesslich, er verlange wohl deshalb kein Geld, weil er ja auch kein richtiger Apostel sei. Das war selbst Paulus zu viel. Gerade im 9. Kapitel des 1. Korintherbriefs, dem die heutige Lesung entnommen ist, wird er an diesem Punkt richtig polemisch: «Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn?» (9,1). Vier rhetorische Fragen, die durchweg nur mit Ja zu beantworten sind.
Paulus hat den Auferstandenen gesehen, das macht ihn zum Apostel, und das lässt er sich nicht nehmen. Und er hat die Gemeinde in Korinth selbst gegründet, sie ist «sein Werk». Was braucht er sonst noch einen Ausweis als Apostel? Und was die Bezahlung angeht, so vergleicht er sich mit den Priestern, die seit jeher bezahlt werden. Also, argumentiert er, «hat auch der Herr denen, die das Evangelium verkündigen, geboten, vom Evangelium zu leben. Ich aber habe all das nicht in Anspruch genommen» (14f.). Er hätte also sehr wohl das Recht auf Bezahlung. Aber er verzichtet darauf. Und damit nicht jemand auf falsche Gedanken kommt: «Ich schreibe dies auch nicht, damit es in meinem Fall so geschieht», nämlich dass er jetzt doch auch bezahlt werden möchte. «Lieber wollte ich sterben, als dass mir jemand diesen Ruhm entreisst» (15).
Spätestens an dieser Stelle, die unserer Lesung unmittelbar vorausgeht, merken wir, dass es für Paulus bei dieser Frage «ums Eingemachte» geht. Seine Verkündigungstätigkeit ist sein ganzer Stolz. Aber das heisst für ihn nicht, dass sie in dem Sinne «wertvoll» wäre, dass sie bezahlt werden müsste. Paulus spielt diesen Punkt ganz bewusst herunter. Nicht er ist derjenige, der bestimmt. Und er verkündet nicht aus eigenem Antrieb, sondern eher «unfreiwillig»: «Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (16). Nur für den Fall, dass er seine Verkündigung quasi «beruflich» ausübte, wäre für ihn ein Lohn gerechtfertigt: «Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Auftrag, der mir anvertraut wurde» (17). Hier kommt Paulus noch einmal auf etwas sehr Intimes zu sprechen: seine Berufung, seinen «Auftrag». Er versteht sich nämlich nicht als (bezahlter) Priester, sondern als freier und von Gott berufener Prophet. Man kann zeigen, dass Paulus sich vor allem mit dem Propheten Jeremia identifiziert hat. Wie dieser hat auch er immer wieder unter seinem Auftrag gelitten, aber kam davon nicht los: «das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich, es auszuhalten, und konnte nicht» (Jer 20,8f.). Das ist der «Lohn» des Propheten: «wie ein Zwang» liegt der Auftrag zur Verkündigung auf ihm. Aber er hat keine Chance, etwas anderes zu tun, als eben das Wort Gottes zu verkündigen. Und wenn man die Bekenntnisse des Propheten Jeremia liest, erhält man fast den Eindruck einer tiefen Depression. Ganz anders bei Paulus. Er sieht diese göttliche Indienstnahme ganz positiv. Nur von Gott abhängig kann er auf finanziellen Lohn verzichten. Das bringt ihm eine solche Unabhängigkeit, dass er einen ganz neuen und souveränen Handlungsspielraum gewinnt: «Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte. Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen» (18f.). Wer so souverän handeln kann wie Paulus, dem macht es auch nichts aus, aus der gesellschaftlichen Klassenordnung auszuscheren. In absoluter Freiheit kann er auf alle zugehen, vor allem auch auf die, auf welche sonst niemand zugeht: «Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheissung teilzuhaben» (22f.).

Über den Text hinaus

Paulus sieht seine finanzielle Unabhängigkeit unter missionarischem Gesichtspunkt. Für ihn ist sie ein Teil seiner Glaubwürdigkeit. Nicht dass er nicht auch Geld verdienen müsste. Er hat seinen Beruf und muss sich wie die meisten Menschen seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Aber sein «Eigentliches», seine Botschaft von Jesus Christus, möchte er sich nicht bezahlen lassen. Niemand soll meinen, er spräche von Christus um des Geldes willen.
Interessanterweise nimmt Paulus in seiner Argumentation eine Rollentrennung vor, die ­ so alt sie ist ­ auch für heute nachdenkenswert sein könnte, nämlich die zwischen Priester und Prophet. Paulus lässt beiden ihr Recht. Seine Sympathien sind allerdings bei den Propheten. Sie gehören keiner gesellschaftlich renommierten Schicht an und können wirklich «allen alles» werden. Bei ihrer Verkündigung weiss man, dass sie nicht quasi beamtenrechtlich abgesichert sind. Sie brauchen keine falschen Rücksichten zu nehmen. Sie sind so vom Wort Gottes erfüllt, dass sie vorbehaltlos auf alle Menschen zugehen können, wie der Prophet aus Nazaret. Zum Glück sind auch schon Priester zu Propheten geworden.

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.


Er-lesen

Die ersten Verse des Lesungstextes 1 Kor 9,16­18 miteinander lesen. Wie begründet Paulus seinen Verzicht auf Bezahlung? Zur Erklärung den Anfang des 9. Kapitels hinzunehmen.

Er-hellen

Miteinander 1 Kor 9,19­23 lesen. Welche Konsequenzen hat der Lohnverzicht des Paulus für ihn? Suchen Sie auch Beispiele, wie Jesus «allen alles» geworden ist.

Er-leben

Sprechen Sie darüber: Was macht die christliche Verkündigung, was macht die Kirche glaubwürdig, was nicht? Und was hat Glaubwürdigkeit mit Geld zu tun?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003