4/2003

INHALT

Lesejahr B

In allem uns Menschen gleich

Dieter Bauer zu Hebr. 2,11-12.13c-18

 

Auf den Text zu

Die Schülerinnen und Schüler meiner Frau haben so ihre Mühen mit «dem Jesus». Zum einen ist er eine berühmte Gestalt aus der alten Geschichte, die für Kinder, die stark im Heute leben, sowieso nicht unbedingt interessant ist. Zum anderen ist er auch wieder kein so richtiger Mensch, eher so etwas «wie ein Gott». Die Kinder besuchen jahrelang den Religionsunterricht und wissen ­ Ausnahmen bestätigen die Regel ­ auch am Ende ihrer Schulzeit noch nichts so richtig anzufangen mit «diesem Jesus».
Das soll nicht heissen, dass es den meisten Erwachsenen da besser geht. Was man uns im Religionsunterricht versucht hat beizubringen und das, was dann schliesslich «hängen blieb», sind wahrscheinlich zwei sehr verschiedene Dinge.
Es ist auch nicht so einfach. Ob man die Botschaft von Jesus dann aber gleich so kompliziert ausdrücken muss, wie der Autor unserer heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief, frage ich mich schon.

Mit dem Text unterwegs

Wer Griechisch beherrscht, dürfte seine helle Freude an der eleganten Sprache des Hebräerbriefes haben. Keine andere Schrift des Neuen Testaments schreibt ein so gutes Griechisch. Der Autor war offensichtlich sehr gebildet: in der Philosophie seiner Zeit, aber auch in den Schriften des Alten Testaments, die er unablässig zitiert und auslegt. Das hat dem Schreiben den Namen «Hebräerbrief» gegeben, weil man meinte, er sei an Judenchristen geschrieben. Den Autor selbst kennen wir nicht. Trotzdem kann man zumindest die Entstehungszeit zwischen 80­90 n. Chr. erschliessen. Und wir können aus dem Schreiben das eigentliche Anliegen des Verfassers erschliessen bzw. die Situation seiner Adressaten: Er charakterisiert sein Schreiben nicht als Brief ­ es fehlt zum Beispiel jede sonst übliche Form der Briefeinleitung ­, sondern als «Mahnrede» (13,22). Das deutet darauf hin, dass er in eine heikle Situation hineinspricht. Von Anfang an gibt es im Brief immer wieder Ermahnungen. Offensichtlich befinden sich die Adressaten in einer tiefen Glaubenskrise. Es ist von drohendem Glaubensabfall die Rede und davon, dass man wieder ganz von vorne anfangen müsste bei den elementaren Grundlagen des Glaubens (6,1). In manchem klingt das Schreiben fast wie manche heutige besorgte Hirtenbriefe, und wahrscheinlich ist die Situation in unserer Kirche von der damaligen gar nicht so sehr verschieden. Dass schon damals viele Christen den gottesdienstlichen Versammlungen gewohnheitsmässig fernblieben (10,25), muss nicht der einzige Berührungspunkt zu heute sein. Viel gravierender scheint mir die Sorge des Autors zu sein, dass die Menschen mit Jesus nichts mehr anfangen können, ihn eigentlich mit Füssen treten und seine Werke verachten (10,29) und ihn damit abermals zum Gespött machen und bildlich ans Kreuz schlagen (6,6). «In dieser Situation macht es sich der Hebr-Verfasser zur Aufgabe, das überlieferte Christusbekenntnis neu und so auszulegen, dass die Leser zum erneuten Ja zur Glaubensexistenz in dieser Welt motiviert werden» (Laub 13).
Der Verfasser tut dies auf eine sehr originelle und im Neuen Testament einmalige Art und Weise. Er möchte seinen Leserinnen und Lesern Jesus als ihren Lebensführer vor Augen stellen, als «Anführer zum Heil» (10,10), und spricht deshalb von seinem Kommen von Gott her ­ damit unterstreicht er seine Autorität und «Führungsqualitäten» ­, aber auch von seinem Menschsein in «Fleisch und Blut» (10,14). Um das wirklich plausibel machen zu können, greift er auf philosophisch-religiöse Strömungen seiner Zeit zurück. Dort wird die menschliche Existenz verstanden als eine unerlöste, wie im Todesschlaf und unbewusst. Sie braucht einen Erlöser, der den «Lichtfunken», der in jedem Menschen schlummert, weckt, und ihn sein wahres Ich erkennen lässt. Ist der Mensch in dieser Welt ein Fremder (vgl. Hebr 13,14: «Wir haben hier keine bleibende Stadt...»), ein Eingekerkerter und Versklavter, so zeigt ihm der Erlöser, der von Gott her kommt, den befreienden Weg zurück in die himmlische Urheimat: «Wir suchen die künftige (Stadt)» (ebd.).
Der Autor des Hebräerbriefs hat an dieser philosophisch-religiösen Sichtweise allerdings eine wichtige Klarstellung vorgenommen. Der Erlöser, für ihn ist das Jesus Christus, hat seine himmlische Herkunft nicht einfach wie ein Kleid abgelegt, um es nach seinem Leiden und Sterben wieder anzuziehen. Er hat hier also nicht einfach nur «Theater gespielt», sondern war wirklicher Mensch mit allen Konsequenzen: «Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen» (2,14). Den Grund für diese «göttliche Logik» sieht der Autor darin, dass Jesus den Menschen nicht nur nahe kommen muss, sondern wirklich Mensch werden bis in den Tod, «um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel» (ebd.). Das Ziel Jesu sieht er darin, «die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren» (2,15). Diese Todverfallenheit des Menschen sieht unser Autor relativiert durch die Menschwerdung Jesu. Jesus, der alles erlebt und erlitten hat, wie andere Menschen auch, erhält dadurch seine eigentliche Glaubwürdigkeit. «Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden» (Hebr 2,18). Paradoxerweise dürfen sich die Leserinnen und Leser gerade in ihrer Glaubenskrise ­ das nämlich meint «Versuchung» ­ getröstet und gestärkt wissen, weil Jesus ihnen auch darin vorangegangen ist.

Über den Text hinaus

Die Argumentation, mit der unser Autor diese Gedankengänge klarlegt, ist nicht einfach zu verstehen, und ich frage mich immer wieder, wie man diesen Lesungstext in der Kirche allein vom Zuhören verstehen soll. Er ist äusserst anspruchsvolle Kost und erfordert ein grosses Mass an Willen, ihn wirklich verstehen zu wollen. Da geht es uns vielleicht manchmal auch nicht anders wie den Kindern im Religionsunterricht, die ein ums andere Mal seufzen: «Ich versteh das einfach nicht mit dem Jesus».
Und doch denke ich, dass der Autor des Hebräerbriefs nicht Theologie um der Theologie willen treibt. Er versucht das, was die Gemeinde einmal gelernt hat und was inzwischen verloren gegangen ist, für seine Zeit modern und originell so zu sagen, dass der Glaube wieder Boden unter die Füsse bekommt. «Er ist Pastoral-Theologe in des Doppelwortes ursprünglichem Sinn» (Laub 14).

 

Literatur: Franz Laub, Hebräerbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 14), Stuttgart 1988; Claus-Peter März, Hebräerbrief, (Die Neue Echter Bibel, NT 16), Würzburg 21990.


Er-lesen

Lesen Sie eine der beiden «Versuchungsgeschichten» (Mt 4,1­11; Lk 4,1­13). Wie verstehen Sie den Satz Hebr 2,18?

Er-hellen

Lesen Sie Hebr 2,11­18. Warum ist hier das Menschsein Jesu so hervorgehoben?

Er-leben

Versuchen Sie den obigen Lesungstext so zu übersetzen, dass auch Jugendliche etwas damit anfangen können.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003