3/2003

INHALT

Lesejahr B

Haben als hätte man nicht

Dieter Bauer zu 1 Kor 7,29-31

 

Auf den Text zu

«Geh mir aus der Sonne», soll Diogenes den mächtigen Alexander den Grossen gebeten haben, als dieser ihm einen Wunsch freistellte. Der Philosoph lebte genügsam in einer Tonne und brauchte nicht viel zum Leben. Solche Form der Weltverachtung findet sich in vielen philosophischen Schulen, vor allem bei den Stoikern und den Zynikern.
Bekanntlich gab und gibt es auch im Christentum eine Tradition der Weltverachtung, die sich immer wieder auch auf Paulus und den heutigen Lesungstext 1 Kor 7,29­31 berufen hat. Fünfmal fordert Paulus die Korinther darin auf, zu haben «als ob nicht». Sollen Christen also wirklich so leben, als hätten sie mit dieser Welt nicht wirklich etwas zu tun? Wäre das nicht die Empfehlung einer absoluten Weltfremdheit?
Was besonders ärgerlich ist: Paulus empfiehlt diese distanzierte Haltung gegenüber Dingen, die gar nicht von vornherein negativ sind: Ehe, Trauer und Freude, Besitz. Und vor allem: Während die Distanzierung von der Ehe (und Sexualität überhaupt) in der Kirche eine verheerende Wirkungsgeschichte gehabt hat, kann man das von der Distanzierung vom Besitz nicht gerade behaupten. Doch: Hat man da Paulus überhaupt richtig verstanden?

Mit dem Text unterwegs

Wie immer ist es auch hier wichtig, den Text in seinem Zusammenhang innerhalb des 1. Korintherbriefes zu sehen. Das ganze 7. Kapitel handelt von Ehe- und Ehelosigkeit und antwortet auf ganz spezifische Probleme der korinthischen Gemeinde, die wir uns nur indirekt aus dem Antwortbrief des Paulus erschliessen können.
Bereits im 6. Kapitel war es um den Umgang mit dem eigenen Körper, im weitesten Sinne also mit der Sexualität, gegangen. Korinth war eine Hafenstadt mit allen Begleiterscheinungen, die sich in heutigen Hafenstädten auch finden. Dass das Vergnügungsviertel in Hamburg heute den Namen des Apostels trägt, ist eine der vielen Ironien der Geschichte. Er hätte daran bestimmt keine Freude gehabt und setzt sich im 6. Kapitel vehement mit Menschen auseinander, für die der menschliche Körper zur Ware geworden ist, die andere sexuell ausbeuten und missbrauchen. Ihnen hält der Apostel das Bild des Körpers als «Tempel des Heiligen Geistes» entgegen (vgl. Sabine Bieberstein in: SKZ 1­2/2003, S.3).
Im 7. Kapitel geht es nun um eine andere «Fraktion» in der Gemeinde. Es scheint dort Menschen zu geben, die äusserst streng asketische, ja geradezu ehefeindliche Positionen vertreten. Auch ihnen muss der Apostel entgegentreten. Und dabei sind wir gar nicht sicher, ob nicht beide Positionen womöglich von denselben Leuten vertreten werden. Beide kommen nämlich von derselben radikalen Leibfeindlichkeit her. Wer den Leib verachtet, hat keine Probleme damit, den eigenen Körper (und den von anderen) zu missbrauchen. Und das kann zu einem zügellosen Leben ausarten oder auch zu einer strengen Askese, die sich selbst und anderen nichts gönnt.
Paulus jedenfalls bezieht vehement Stellung auch gegenüber den radikalen Asketen, die mit der These hausieren gehen: «Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren» (7,1). Der Antwortversuch des Paulus ist viel kritisiert worden, weil er in diesem Zusammenhang von ehelichen Pflichten spricht und so tut, als wäre die Ehe ein notwendiges Übel. Übersehen wird dabei allerdings oft, wie gleichberechtigt der Apostel hier von Mann und Frau spricht. Sie sollen beide gegenseitig auf ihre jeweiligen Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Und wenn man dann noch bedenkt, dass er ja Argumente finden muss, die den übertriebenen Asketen einleuchten, dann wird verständlich, warum er sich so nahe bei ihren eigenen Argumenten aufhält. Seine Sympathien sind eindeutig. Paulus selbst lebt ehelos und er, der damit glücklich zu sein scheint, würde sich wünschen, alle könnten so leben (7,7). Aber er ist Realist, und er warnt vor asketischen Übertreibungen. Und vor allem warnt er davor, dass der eine Partner dem anderen seine Überzeugungen aufzwingt. Mann und Frau haben gleiche Rechte und Pflichten. In der Umwelt des Paulus war das alles andere als selbstverständlich!
Direkt vor unserem Lesungsabschnitt kommt Paulus noch einmal auf die Vorzüge der Ehelosigkeit zu sprechen. Und wieder sind es radikal asketische Thesen, denen er widersprechen muss. Da gab es doch tatsächlich Leute in Korinth, die die Meinung vertraten: «Wer heiratet, sündigt» (7,28). Sie haben Paare zur Trennung aufgefordert und Unverheiratete, erst gar nicht zu heiraten. Dem widerspricht Paulus: Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem er sich befindet. Paulus hat dafür zwei Argumente, die heutzutage vielleicht nicht unmittelbar einleuchten: «Die Zeit ist kurz» (7,29) und «die Gestalt dieser Welt vergeht» (7,31). Das ist der Horizont, literarisch gesprochen der Rahmen, in den er seine Aufforderungen stellt, zu haben «als ob nicht».
Für Paulus selbst scheint das alles ziemlich klar und selbstverständlich zu sein. Sein Leben war nach seiner grundlegenden Wende auf Christus hin so erfüllend geworden, dass nichts anderes mehr darin Platz hatte. Diese Erfahrung des Auferstandenen hatte alles andere relativiert. Aus heutiger Sicht des Paulus war alles frühere «Dreck» (Phil 3,8).
Doch er weiss darum, dass nicht auch alle anderen so leben können. Leicht ist ihm diese Erkenntnis offensichtlich nicht gefallen, sonst würde er nicht immer wieder auf das Drängen der Zeit hinweisen und in apokalyptischen Bildern vom Vergehen dieser Welt reden, die letztlich dem Gottesreich Raum schafft.

Über den Text hinaus

Von daher ist Paulus auch nicht vergleichbar mit den zynischen oder stoischen Philosophen, die die menschliche «Unerschütterlichkeit» preisen und die «stoische Ruhe» empfehlen, die also über den Dingen stehen wollen. Paulus steht nicht über den Dingen. Er weint mit den Weinenden und er lacht mit den Fröhlichen (Röm 12,15). Aber er hat zu einer Relativierung dieser Welt gefunden, die nicht lebensfeindlich ist, sondern sich am Leben freut, weil sie darum weiss, dass diese Welt nicht alles ist. Eine solche Grundeinstellung ist ganz positiv, weil sie eine innere Freiheit ermöglicht, die all denen nicht möglich ist, die sich zu fest in dieser Welt einrichten.

 

Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar ­ NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel ­ NT 7), Würzburg 1987.


Er-lesen

1 Kor 7,29­31 im Zusammenhang lesen. Herausarbeiten: In welche Situation spricht der Text hinein? Was relativiert Paulus mit «als ob nicht»? In welchem Rahmen stehen diese Aussagen?

Er-hellen

Kann man Paulus' «Leibfeindlichkeit» unterstellen? Vergleichen Sie vor allem auch 1 Kor 6.

Er-leben

Tauschen Sie sich mit Ihrem Nachbarn/Ihrer Nachbarin darüber aus, woran ihr Leben wirklich hängt, worauf sie nicht verzichten könnten. In welcher Weise «haben» Sie das wirklich?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003