1-2/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Die Fragen, die Paulus in den ausgewählten Versen des Lesungstextes
erörtert, werden anschaulicher, wenn sie in ihrem Zusammenhang im ersten
Korintherbrief (6,1220) und vor allem in ihrem sozialgeschichtlichen
Kontext der antiken Stadt Korinth gelesen werden. Denn in der Grossstadt
Korinth mit ihren beiden Häfen und den vielerlei Kulten müssen
viele Prostituierte gelebt und gearbeitet haben. Sie waren oft in Berufen
mit Publikumsverkehr tätig, zum Beispiel als Wirtinnen, Kellnerinnen
oder Verkäuferinnen, oder sie arbeiteten in Bordellen oder an Heiligtümern.
Für arme Frauen war ihr Körper oft die einzige «Ware»,
die sie anzubieten hatten, um genug für sich und häufig auch für
ihre Kinder zu verdienen. Viele waren wie heute noch von Bordellbesitzern
oder Zuhältern abhängig und Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt.
Ihr gesellschaftlicher Status hing wie der anderer Menschen davon ab, ob
sie Sklavinnen, Freigelassene oder Freigeborene waren und welcher Ethnie
sie angehörten. Prostitution war als Beruf anerkannt und stand als
Steuerquelle im Interesse des Staates.
Für viele Männer aus der christlichen Gemeinde von Korinth scheint
es wie für andere Männer auch üblich gewesen
zu sein, sexuelle Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch zu nehmen
(6,1516). Manche scheinen dies mit dem Schlagwort «alles ist
erlaubt» (6,12) legitimiert zu haben. Andere scheinen sich mit der
Vorstellung aus der Affäre gezogen zu haben, ihr Verhalten spiele sich
in einem rein äusserlichen Bereich ab, der ihr Personsein nicht wirklich
tangiere (6,18; vgl. Klauck 48).
Dies hat Paulus vor Augen, wenn er von porneia, einer gemäss der Tora
illegalen sexuellen Beziehung, spricht. Er fällt kein moralisches Urteil
über Prostituierte, sondern hat die christlichen Männer im Blick,
die mit Prostituierten verkehren. Insofern dürfte in diesem Fall für
einmal die im Lektionar gegenüber dem Bibeltext hinzugefügte
Anrede «Brüder» angemessen sein.
Durch die Auswahl der Verse wird der Lesungstext vom korinthischen Kontext
getrennt. Der Begriff «Unzucht» wird auf diese Weise mit vielerlei
Moralvorstellungen auffüllbar. Meines Erachtens enthält der Text
aber spannende Impulse für einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper
und mit dem Körper anderer. Denn gegen jede Abwertung des Körpers
als «rein materiell» oder «zweitrangig» gegenüber
dem «Geistigen» bringt er ein ungeheuer positives Körperbild
ins Spiel: «Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen
Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?» (6,19)
Mit dem Begriff «Leib» (soma) spricht Paulus hier das Menschsein
in allen seinen Dimensionen an, mit Körper und Geist, Leib und Seele
und in seinen sozialen Beziehungen. Körperlichkeit, Leiblichkeit gehören
für Paulus zum Mensch- und Personsein. Menschsein spielt sich nicht
anders als im Körper ab, und zu diesem gehört wesentlich auch
die Sexualität und die daraus erwachsenden Beziehungen.
Als solche sind die Körper kostbar und heilig; denn sie «gehören»
Gott, der sie teuer «erkauft» hat (6,20). Damit spielt Paulus
auf das Erlösungsgeschehen in Christus an. Wie Gott seinen Gesalbten,
Jesus, aus dem Tod gerissen hat (6,14), so wird er die Menschen in dieses
Auferweckungsgeschehen einbeziehen. Wenn die todbringenden Mächte auf
diese Weise nicht mehr das letzte Wort haben, verwandelt dies das Leben
der Christinnen und Christen jetzt schon. Etwas ist anders und neu geworden,
sie sind eine «neue Schöpfung» (2 Kor 5,17) die Kraft
der Auferstehung ist in ihrem Leben jetzt schon wirksam. Dies alles beschreibt
Paulus in unserem Text in Bildern von Körperlichkeit: Die Christinnen
und Christen sind unauflöslich mit Christus verbunden, ihre Leiber
sind «Glieder Christi» (1 Kor 6,15) und ein «Tempel des
Heiligen Geistes» (6,19) ein Ort der Erfahrung von Auferstehung.
Das Neu-werden in Christus umfasst damit den ganzen Menschen mit Leib und
Seele, mit Körper und Geist, mit Haut und Haar. Kein Bereich ist ausgenommen.
Damit muss sich auch das Handeln in allen Bereichen verändern. Der
Verkehr mit Prostituierten ist nach der Ansicht des Paulus diesem erneuerten
Handeln nicht angemessen; denn er verletzt die Integrität der Menschen
und damit die Integrität des Christus, dessen Glieder sie sind. Dies
bedeutet keine Abwertung von Sexualität. Sondern es trägt der
Tatsache Rechnung, dass, wo der Körper zur Ware gemacht wird (oder
gemacht werden muss), Beziehung im umfassenden Sinn, wie sie in der Schöpfung
grundgelegt und Gott-gewollt ist (vgl. 6,16), verunmöglicht wird. Und
oft genug bleibt die Würde beider Partner auf der Strecke.
Wo auf diese Weise über die Heiligkeit und Kostbarkeit der Körper
gesprochen wird, dort kann es nicht gleichgültig sein, wie mit dem
eigenen Körper und dem Körper anderer umgegangen wird. Dies birgt
erst einmal Befreiendes in sich; denn während im Laufe der Christentumsgeschichte
oft genug Körperfeindlichkeit und Abwertung von Sexualität die
Oberhand gewannen, laden die Überlegungen des Paulus dazu ein, Körperlichkeit
und Sexualität als wesentlich zum Menschsein und zum Christsein gehörend
an- und ernst zu nehmen. In ihrem Leib sind die Menschen einerseits aufeinander
bezogen und auf Gegenseitigkeit und Beziehung angelegt und angewiesen; andererseits
gilt es den Körper als Ort der Heiligung und der Gottesbeziehung neu
verstehen zu lernen.
Zum zweiten öffnen die Überlegungen des Paulus die Augen für
eine Wirklichkeit, in der durch sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt
die Integrität von Frauen, Männern und Kindern zutiefst verletzt
wird. Verletzungen, die hier geschehen, ziehen den ganzen Menschen, die
ganze Person, alle weiteren Beziehungen und die ganze weitere Geschichte
dieses Menschen in Mitleidenschaft. Mit Hilfe des Textes lässt sich
dieser tiefe Zusammenhang wahrnehmen, und jede Leichtfertigkeit im Umgang
mit sexueller Gewalt wird verunmöglicht. So lässt sich der Text
als ein Plädoyer für menschenwürdige Formen von Beziehung
und Sexualität lesen, in denen die Kostbarkeit des eigenen und des
fremden Körpers geachtet und gefeiert werden, und in denen sowohl die
eigene Integrität und Würde wie auch die der Partnerin oder des
Partners respektiert werden. Dass darin durchaus verschiedene Lebensformen
eingeschlossen sein können, macht Paulus im folgenden Kapitel (1 Kor
7) deutlich.
Literatur: Renate Kirchhoff, Die Sünde gegen den eigenen Leib. Studien zu porne und porneia in 1 Kor 6,1220 und dem sozio-kulturellen Kontext der paulinischen Adressaten, (StUNT 18), Göttingen 1994; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (NEB Neues Testament 7), Würzburg 1987.
1 Kor 6,1220 im Zusammenhang lesen. Herausarbeiten: In welche Situation spricht der Text hinein? Was meint Paulus mit «Unzucht»? Welche Körperbilder begegnen im Text?
Welche Konsequenzen können aus der paulinischen Wertschätzung des Leibes abgeleitet werden?
Wahrnehmungsübung zum eigenen Körper. Wie nehme ich ihn jetzt wahr, in seinen verschiedenen Regionen und Dimensionen? Welche Gefühle habe ich gegenüber meinem Körper und auch gegenüber meiner Sexualität? Wo brauche ich und wo wünsche ich mir Veränderung? Darüber einen Brief an sich selbst oder an den Partner/die Partnerin schreiben.