1-2/2003

INHALT

Lesejahr B

Von der Kostbarkeit der Körper

Sabine Bieberstein zu 1 Kor 6,13c-15a.17-20 (besser: 6,12-20)

 

Auf den Text zu

Die Fragen, die Paulus in den ausgewählten Versen des Lesungstextes erörtert, werden anschaulicher, wenn sie in ihrem Zusammenhang im ersten Korintherbrief (6,12­20) und vor allem in ihrem sozialgeschichtlichen Kontext der antiken Stadt Korinth gelesen werden. Denn in der Grossstadt Korinth mit ihren beiden Häfen und den vielerlei Kulten müssen viele Prostituierte gelebt und gearbeitet haben. Sie waren oft in Berufen mit Publikumsverkehr tätig, zum Beispiel als Wirtinnen, Kellnerinnen oder Verkäuferinnen, oder sie arbeiteten in Bordellen oder an Heiligtümern. Für arme Frauen war ihr Körper oft die einzige «Ware», die sie anzubieten hatten, um genug für sich und häufig auch für ihre Kinder zu verdienen. Viele waren wie heute noch von Bordellbesitzern oder Zuhältern abhängig und Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt. Ihr gesellschaftlicher Status hing wie der anderer Menschen davon ab, ob sie Sklavinnen, Freigelassene oder Freigeborene waren und welcher Ethnie sie angehörten. Prostitution war als Beruf anerkannt und stand als Steuerquelle im Interesse des Staates.
Für viele Männer aus der christlichen Gemeinde von Korinth scheint es ­ wie für andere Männer auch ­ üblich gewesen zu sein, sexuelle Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch zu nehmen (6,15­16). Manche scheinen dies mit dem Schlagwort «alles ist erlaubt» (6,12) legitimiert zu haben. Andere scheinen sich mit der Vorstellung aus der Affäre gezogen zu haben, ihr Verhalten spiele sich in einem rein äusserlichen Bereich ab, der ihr Personsein nicht wirklich tangiere (6,18; vgl. Klauck 48).
Dies hat Paulus vor Augen, wenn er von porneia, einer gemäss der Tora illegalen sexuellen Beziehung, spricht. Er fällt kein moralisches Urteil über Prostituierte, sondern hat die christlichen Männer im Blick, die mit Prostituierten verkehren. Insofern dürfte in diesem Fall für einmal die ­ im Lektionar gegenüber dem Bibeltext hinzugefügte ­ Anrede «Brüder» angemessen sein.

Mit dem Text unterwegs

Durch die Auswahl der Verse wird der Lesungstext vom korinthischen Kontext getrennt. Der Begriff «Unzucht» wird auf diese Weise mit vielerlei Moralvorstellungen auffüllbar. Meines Erachtens enthält der Text aber spannende Impulse für einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper und mit dem Körper anderer. Denn gegen jede Abwertung des Körpers als «rein materiell» oder «zweitrangig» gegenüber dem «Geistigen» bringt er ein ungeheuer positives Körperbild ins Spiel: «Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?» (6,19)
Mit dem Begriff «Leib» (soma) spricht Paulus hier das Menschsein in allen seinen Dimensionen an, mit Körper und Geist, Leib und Seele und in seinen sozialen Beziehungen. Körperlichkeit, Leiblichkeit gehören für Paulus zum Mensch- und Personsein. Menschsein spielt sich nicht anders als im Körper ab, und zu diesem gehört wesentlich auch die Sexualität und die daraus erwachsenden Beziehungen.
Als solche sind die Körper kostbar und heilig; denn sie «gehören» Gott, der sie teuer «erkauft» hat (6,20). Damit spielt Paulus auf das Erlösungsgeschehen in Christus an. Wie Gott seinen Gesalbten, Jesus, aus dem Tod gerissen hat (6,14), so wird er die Menschen in dieses Auferweckungsgeschehen einbeziehen. Wenn die todbringenden Mächte auf diese Weise nicht mehr das letzte Wort haben, verwandelt dies das Leben der Christinnen und Christen jetzt schon. Etwas ist anders und neu geworden, sie sind eine «neue Schöpfung» (2 Kor 5,17) ­ die Kraft der Auferstehung ist in ihrem Leben jetzt schon wirksam. Dies alles beschreibt Paulus in unserem Text in Bildern von Körperlichkeit: Die Christinnen und Christen sind unauflöslich mit Christus verbunden, ihre Leiber sind «Glieder Christi» (1 Kor 6,15) und ein «Tempel des Heiligen Geistes» (6,19) ­ ein Ort der Erfahrung von Auferstehung.
Das Neu-werden in Christus umfasst damit den ganzen Menschen mit Leib und Seele, mit Körper und Geist, mit Haut und Haar. Kein Bereich ist ausgenommen. Damit muss sich auch das Handeln in allen Bereichen verändern. Der Verkehr mit Prostituierten ist nach der Ansicht des Paulus diesem erneuerten Handeln nicht angemessen; denn er verletzt die Integrität der Menschen und damit die Integrität des Christus, dessen Glieder sie sind. Dies bedeutet keine Abwertung von Sexualität. Sondern es trägt der Tatsache Rechnung, dass, wo der Körper zur Ware gemacht wird (oder gemacht werden muss), Beziehung im umfassenden Sinn, wie sie in der Schöpfung grundgelegt und Gott-gewollt ist (vgl. 6,16), verunmöglicht wird. Und oft genug bleibt die Würde beider Partner auf der Strecke.

Über den Text hinaus

Wo auf diese Weise über die Heiligkeit und Kostbarkeit der Körper gesprochen wird, dort kann es nicht gleichgültig sein, wie mit dem eigenen Körper und dem Körper anderer umgegangen wird. Dies birgt erst einmal Befreiendes in sich; denn während im Laufe der Christentumsgeschichte oft genug Körperfeindlichkeit und Abwertung von Sexualität die Oberhand gewannen, laden die Überlegungen des Paulus dazu ein, Körperlichkeit und Sexualität als wesentlich zum Menschsein und zum Christsein gehörend an- und ernst zu nehmen. In ihrem Leib sind die Menschen einerseits aufeinander bezogen und auf Gegenseitigkeit und Beziehung angelegt und angewiesen; andererseits gilt es den Körper als Ort der Heiligung und der Gottesbeziehung neu verstehen zu lernen.
Zum zweiten öffnen die Überlegungen des Paulus die Augen für eine Wirklichkeit, in der durch sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt die Integrität von Frauen, Männern und Kindern zutiefst verletzt wird. Verletzungen, die hier geschehen, ziehen den ganzen Menschen, die ganze Person, alle weiteren Beziehungen und die ganze weitere Geschichte dieses Menschen in Mitleidenschaft. Mit Hilfe des Textes lässt sich dieser tiefe Zusammenhang wahrnehmen, und jede Leichtfertigkeit im Umgang mit sexueller Gewalt wird verunmöglicht. So lässt sich der Text als ein Plädoyer für menschenwürdige Formen von Beziehung und Sexualität lesen, in denen die Kostbarkeit des eigenen und des fremden Körpers geachtet und gefeiert werden, und in denen sowohl die eigene Integrität und Würde wie auch die der Partnerin oder des Partners respektiert werden. Dass darin durchaus verschiedene Lebensformen eingeschlossen sein können, macht Paulus im folgenden Kapitel (1 Kor 7) deutlich.

 

Literatur: Renate Kirchhoff, Die Sünde gegen den eigenen Leib. Studien zu porne und porneia in 1 Kor 6,12­20 und dem sozio-kulturellen Kontext der paulinischen Adressaten, (StUNT 18), Göttingen 1994; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (NEB Neues Testament 7), Würzburg 1987.


Er-lesen

1 Kor 6,12­20 im Zusammenhang lesen. Herausarbeiten: In welche Situation spricht der Text hinein? Was meint Paulus mit «Unzucht»? Welche Körperbilder begegnen im Text?

Er-hellen

Welche Konsequenzen können aus der paulinischen Wertschätzung des Leibes abgeleitet werden?

Er-leben

Wahrnehmungsübung zum eigenen Körper. Wie nehme ich ihn jetzt wahr, in seinen verschiedenen Regionen und Dimensionen? Welche Gefühle habe ich gegenüber meinem Körper und auch gegenüber meiner Sexualität? Wo brauche ich und wo wünsche ich mir Veränderung? Darüber einen Brief an sich selbst ­ oder an den Partner/die Partnerin ­ schreiben.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003