51-52/2003 | |
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Leitartikel |
Weihnachten ist ein christliches Fest. Das Judentum kennt kein Gegenstück.
Zwar feiern Juden und Jüdinnen fast gleichzeitig Chanukka, doch hat
dieses Fest inhaltlich keinen Bezug zu Weihnachten. Das ganz im Unterschied
zu Ostern und Pessach oder Pfingsten und Schawuot (Wochenfest), wo sich
starke inhaltliche Parallelen aufzeigen lassen. Dem Geburtstag Jesu steht
im Judentum kein Geburtstag Abrahams oder Moses gegenüber.
Dieser Umstand sollte indes nicht zum vorschnellen Schluss verleiten, dass
die Geburt Jesu unvergleichlich wäre. (Zweifelsohne ist sie das auch,
so wie die Geburt eines jeden Kindes unvergleichlich und einzigartig ist.)
Die Geburtsgeschichte war nicht so wichtig, sonst hätten Markus und
Johannes sie in ihr Evangelium aufnehmen müssen. Sie verzichteten darauf,
wie übrigens auch Paulus. Matthäus und Lukas berichten unterschiedlich.
Ein einheitlicher Bericht, der beiden vorgelegen haben könnte, ist
nicht auszumachen. Beide Berichte aber lassen sich aus jüdischer Perspektive
lesen. Das soll im Folgenden an einem Aspekt des matthäischen Berichtes
gezeigt werden.
Matthäus eröffnet die Erzählung lapidar: «Mit der
Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt;
noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete
durch das Wirken des Heiligen Geistes» (Mt 1,18). Der Fortgang
der Geschichte wird weiter aus der Perspektive Josefs erzählt. Er war
gerecht, und er wollte Maria nicht blossstellen, deshalb gedachte er, sie
zu verlassen. Ist Josef gerecht, weil er seine schwangere Verlobte im Stich
lassen will? Was sollte ihn daran hindern, Maria zu heiraten? Gerade auf
diese Weise hätte er Maria vor Schande bewahren können. Niemand
hätte Marias Seitensprung bemerkt. Statt dessen aber äussert er
den Verdacht, dass Maria Ehebruch begangen hat bzw. mit einem anderen Mann
eine unerlaubte Beziehung hatte. Es ist Josef, der an Ehebruch denkt, und
er muss es ja wissen. Wenn er Maria verlässt, dann liefert er sie in
schändlicher Weise der Öffentlichkeit aus. Und das soll die Tat
eines gerechten Mannes sein?
Das ist wohl kaum wahrscheinlich. Matthäus hatte ein bestimmtes Interesse,
als er diese Geschichte niederschrieb. Dieses Interesse wird klar, wenn
das ganze Evangelium in Blick kommt. Matthäus spannt das öffentliche
Wirken Jesu gleichsam zwischen zwei Berge: Im 5. Kapitel beginnt er mit
der Predigt auf dem Berg, in 28,16 spricht Jesus seine letzten Worte wiederum
auf einem Berg. Jesus, so die Botschaft, ist wie Mose am Berg Sinai, er
ist der neue Mose. Daher wird die Geschichte von seiner Geburt nach derjenigen
von Moses Geburt gestaltet. Aber lässt sich damit Josefs Verhalten
erklären? Ist der biblische Bericht über die Geburt des Mose für
einen so weitreichenden Schluss nicht viel zu knapp gehalten? Denn über
die Schwangerschaft von Moses Mutter wird gerade nur die Tatsache ihrer
Schwangerschaft berichtet. Vor dieser Geschichte ist zu lesen, dass der
Pharao den Befehl zur Tötung aller hebräischen Knaben erlassen
hat. Das ist alles. Warum befiehlt er das? Und warum wird nichts darüber
geschrieben, wie die Betroffenen reagiert haben? Leben und lieben sie weiterhin
so wie in der Zeit vor diesem Befehl, wohl wissend, welch schreckliches
Schicksal ihre männlichen Nachkommen treffen wird? Oder unternehmen
sie etwas, um dieses Schicksal abzuwenden? Weigern sie sich, weiterhin Kinder
zu kriegen, indem sie enthaltsam leben oder verlassen die Männer ihre
Frauen, weil sie so nicht leben wollen und können? Lauter Fragen, auf
die in der Bibel keine Antworten zu finden sind. Aber die Menschen jener
Zeit und zur Zeit Jesu haben sich mit solchen Fragen auseinander gesetzt,
wie aus verschiedenen Quellen zu entnehmen ist. Pharao, so wird berichtet,
habe ein Traumgesicht gehabt. Er sah eine Waage, «auf der einen Waagschale
befand sich das ganze Land Ägypten, auf der anderen ein Lämmlein,
das Junge eines Schafes. Und die Waagschale mit dem Lämmlein überwog.
Er liess sofort die Magier Ägyptens rufen und erzählte ihnen seinen
Traum.» Die Magier deuten den Traum: «Ein Knabe wird der Gemeinde
Israels geboren werden, der ganz Ägypten vernichten wird» (Targum
Jeruschalmi zu Ex 1,15). Pharao fürchtete um seine Herrschaft, deshalb
erliess er den Befehl. Den Israeliten indes prophezeite die Schwester Aarons
(und Moses), Mirjam, dass ihre Mutter einen Sohn gebären wird, der
Israel erlöst. Sie ist die Prophetin. Und sie ist es auch, die ihren
Vater Amram zur Rede stellt: «Es wird gelehrt: Amram war der Bedeutendste
seines Zeitalters. Als der ruchlose Pharao befohlen hatte, jeden Knaben,
der geboren war, in den Fluss zu werfen, sprach er: Wir mühen uns nun
vergeblich ab. Da stand er auf und schied sich von seiner Frau. Hierauf
standen alle andern Männer auf und schieden sich von ihren Frauen.
Da sprach seine Tochter Mirjam zu ihm: Vater, dein Befehl ist schlimmer
als der des Pharao. Der Pharao erliess ihn nur über Knaben, du aber
über Knaben und Mädchen. Der Pharao erliess ihn nur für diese
Welt, du aber für diese und die zukünftige Welt. Der Pharao ist
gottlos, und es ist zweifelhaft, ob sein Befehl befolgt wird oder nicht,
du aber bist ein Frommer, und dein Befehl wird sicher befolgt, denn es heisst:
ÐWenn du aussprichst, so wird es vollbrachtð (Hi 22,28). Da stand
er auf und nahm seine Frau wieder. Hierauf standen alle auf und nahmen ihre
Frauen wieder» (bSot 12a).
Amram will seine Frau verlassen, da der Befehl des Pharao ihr Leben bis
ins Innerste zerstören will. Mirjam protestiert mit Erfolg dagegen,
weil sie weiss, dass der Erlöser Israels sonst nicht geboren werden
kann. Josef will seine Verlobte verlassen, weil er so fromm und gottesfürchtig
ist wie Amram. An die Stelle der Prophezeiung Mirjams, die ihren Vater von
seinem Trennungsentschluss abbringt, tritt der Traum, der Josef aufklärt,
dass das Kind Frucht des Heiligen Geistes ist. Und in der Folge bleibt er
bei Maria.
Bemerkenswert ist die Argumentationsweise der Mirjam: Sie wirft ihrem Vater
vor, dass er schlimmer ist als der Pharao. Pharaos Befehl trifft nur die
Knaben, während er mit seinem Entscheid auch die Mädchen als Nachkommen
verunmöglicht. Der Pharao kann die Knaben töten, hier, in dieser
Welt, Amram dagegen verhindert mit seinem Verhalten alle Kinder, so dass
eine kommende Welt nicht möglich ist. Und das allerschlimmste: Weil
Pharao nicht so fromm ist, werden seine Befehle nicht unbedingt ausgeführt,
während das Vorbild des frommen Amram eine ganz andere Wirkung hat.
Amram, so die Logik Mirjams, ist fromm und trotzdem schlimmer als
der Pharao. Der Pharao versucht seinen möglichen Entmachter zu verhindern,
und er tut dies mit seinem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Und
ausgerechnet darin überbietet ihn Amram: nicht nur keine Knaben, sondern
auch keine Mädchen mehr. Keine Kinder, keine Zukunft. Die Macht des
Pharao ist bis in alle Ewigkeit gefestigt. Mirjam widerspricht. Sie unterstützt
nicht das Geschäft Pharaos, macht mit ihm nicht gemeinsame Sache. Seiner
Tötungsabsicht stellt sie die Perspektive des Lebens entgegen. Sie
hat Teil an der Geburt des Mose. Ohne sie wäre er nicht geboren worden.
Eine Geburt mit mehr Beteiligten als Vater und Mutter.
Im Traum erfährt Josef, «dass dies alles geschehen musste,
damit sich erfüllte, was der Herr durch die Propheten gesagt hat: Seht,
die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären,
und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heisst übersetzt: Gott
mit uns» (Mt 1,22). Auf dem Hintergrund des über Mirjam Gesagten
wird aus diesem Zitat aus dem Buche Jesaja 7,14 mehr als nur ein Zitat,
das der Begründung eines Sachverhaltes dient. Zitate können auch
Perspektiven eröffnen und neue Welten schaffen. In diesem Sinne sind
sie poetisch, weil sie einen Tatbestand nicht festschreiben oder sanktionieren,
sondern weil sie ihn aufbrechen. «Gott mit uns» kann das neugeborene
Kind nur sein, wenn Josef nicht ins Abseits geht. Ohne Josef kann Gott zwar
Gott Marias sein, aber nicht «Gott mit uns». Der Name «Gott
mit uns» wird Josef im Traumgesicht erschlossen, deshalb ist er mitten
im Geschehen, mitten in diesem «uns» drin. Im Traum begreift
Josef, dass Gott ohne die Bereitschaft der Menschen nichts vermag. Er ist
auf diese Bereitschaft angewiesen.
Matthäus zitiert aus dem Buche Jesaja, dass die Jungfrau empfangen
und einen Sohn gebären wird. Diese Verheissung gilt Achas, dessen Glaube
sehr brüchig geworden ist angesichts des drohenden Krieges. In der
Hebräischen Bibel wird der Bericht eingeleitet mit der Formel «es
geschah in den Tagen des Achas» (Jes 7,1). Eine Auslegungsregel der
Rabbinen lautet: «An jeder Stelle, an der es heisst Ðes geschah
in den Tagenð ist eine Bedrängnis gemeint.» Darauf wird gefragt,
was die Bedrängnis gewesen sei in den Tagen des Achas. Statt auf die
politischen Wirrnisse jener Zeit hinzuweisen, erzählen die Rabbinen
folgendes Gleichnis: «Gleich einem Königssohn, den sein Pädagoge
angriff, um ihn zu töten. Er sagte: wenn ich ihn jetzt erschlage, werde
ich vor dem König des Todes schuldig. Vielmehr: Ich entziehe ihm seine
Amme, und er stirbt von selbst. So sagte Achas: Wenn es keine Ziegen gibt,
gibt es keine Böcke. Wenn es keine Böcke gibt, gibt es keine Jungtiere.
Wenn es keine Jungtiere gibt, gibt es keinen Hirten. Wenn es keinen Hirten
gibt, gibt es keine Welt. So überlegte er: Wenn es keine Kleinen gibt,
gibt es keine Grossen. Wenn es keine Grossen gibt, gibt es keine Schüler.
Wenn es keine Schüler gibt, gibt es keine Weisen. Wenn es keine Weisen
gibt, gibt es keine Ältesten. Wenn es keine Ältesten gibt, gibt
es keine Propheten. Wenn es keine Propheten gibt, lässt der Heilige,
gelobt sei er, seine Schekhîna nicht auf ihnen ruhen. So ist geschrieben:
ÐSchnüre das Zeugnis ein. Versiegle die Tora in deinen Schülernð
(Jes 8,16).»
Für unseren Zusammenhang ist entscheidend, dass die innere Not beschrieben
wird: Der Unglaube des Achas verhindert, dass Gott in seinem Volk anwesend
sein kann, was mit der Bezeichnung Schekhîna ausgesagt wird. Gottes
Anwesenheit lässt sich verhindern. Und vielleicht ist es gerade das,
worauf mehr zu hören wäre an Weihnachten: Zu oft wird aus der
Geburt Jesu ein sehr privates, sehr familiäres und sehr frommes Ereignis
gemacht. Alles ist gleichsam privatissime zwischen Gott, Maria und Josef
geregelt worden. Ein wirklicher Neuanfang also, der in dieser Form von der
Hebräischen Bibel prophezeit worden ist. Aber genau das ist es nicht:
Keine Familiengeschichte, sondern die Geschichte von vielen Menschen, Frauen
und Männern, die angesichts tödlicher Mächte widerstanden
haben und so glaubhaft Zeugnis dafür ablegten, dass «Gott mit
uns» ohne «uns» nicht sein kann. Und die Geschichte eines
Gottes, der das Lei-den seines Volkes gesehen und seinen Schrei gehört
hat.
Der promovierte katholische Judaist Hanspeter Ernst leitet zusammen mit Michel Bollag das Zürcher Lehrhaus.