50/2003 | |
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Leitartikel |
Kirchliche Jugendarbeit in den Pfarreien lebt und gelingt!», schreibt
Msgr. Denis Theurillat, der Jugendbischof der Schweizer Bischofskonferenz
in einem Brief an Jugendverantwortliche und pfarreiliche Gremien in der
deutschsprachigen Schweiz.
Seit Anfang November haben alle Pfarrämter in der deutschsprachigen
Schweiz, die meisten Pfarrei- und Seelsorgeräte sowie die Kirchenpflegen
diesen Brief und das Positionspapier «Pfarreilich orientierte Jugendarbeit:
Ein lohnender Einsatz» erhalten. Das Positionspapier gibt die Hauptaussagen
des umfangreicheren Dokuments «Neue Perspektiven in der pfarreilich
orientierten Jugendarbeit» wieder (siehe Artikel von Dominik Schenker
in dieser Nummer).
Der Jugendbischof dankt all denen, die sich für Kinder und Jugendliche
in den Pfarreien oder auf regionaler und überregionaler Ebene zugunsten
der pfarreilich orientierten Jugendarbeit engagieren, ob sie nun selbst
Jugendarbeit leisten oder sie ermöglichen. Der Jugendbischof will auch
informieren und vor allem ermutigen zu einer intensiven Jugendarbeit: «Jugendarbeit
ist ein wichtiger und unentbehrlicher Dienst der Kirche an der Jugend. Sie
will den Jugendlichen vorschlagen, das Leben zu verstehen und in dieses
Leben einzutreten. Auf diesem Weg will sie ihnen vorschlagen, den christlichen
Glauben zu entdecken, zu vertiefen und zu erfahren.» Wenn kirchliche
Jugendarbeit als lohnender Einsatz vorgestellt und wertgeschätzt wird,
so sind sich doch alle Beteiligten bewusst, dass es neben zahlreichen gelingenden
Projekten auch die Erfahrung des Scheiterns gibt: Das gesellschaftliche
Umfeld ist schwierig. So belastet ausserhalb der Kirche das generelle Imageproblem
der Kirche auch die Jugendarbeit. Innerhalb der Kirche sind die Erwartungen
zum Teil unrealistisch hoch und die Anerkennung entspricht oft nicht der
geleisteten Arbeit. Andernorts geniesst die Jugendarbeit in der pastoralen
Arbeit, verglichen mit anderen Feldern, geringes Prestige und Anerkennung.
Entsprechend gering ist dann der Mitteleinsatz.
Pfarreilich orientierte Jugendarbeit in der Deutschschweiz versteht sich
als selbstloser Dienst der Kirche für junge Menschen, welcher die bedingungslose
Zusage Gottes im Alltag der Menschen erfahrbar machen kann. Bewusst wird
das oft schwierige Umfeld als Wirkungsfeld angenommen. Kirchliche Jugendarbeit
nimmt Jugendliche nicht «aus der Welt». Sie verortet sich mit
ihrer Praxis und in ihrer Theoriebildung in der Welt, wie sie von Kindern,
Jugendlichen und jungen Erwachsenen erlebt wird. Ihre Akteurinnen und Akteure
nehmen die Jugendlichen und ihre Lebenswelt ernst. Sie verstehen sich als
Wegbegleitende in einer biographisch bedeutsamen Phase des menschlichen
Lebenslaufs.
Die gesellschaftliche Privatisierung von Religion ist bei Jugendlichen vielleicht
am weitesten fortgeschritten. Geschützte Räume und verlässliche
Beziehungen ermöglichen, dass Jugendliche auch über ihre religiösen
Gedanken sprechen und ihre Fragen stellen können.
Ebenso schafft kirchliche Jugendarbeit Angebote, die dazu beitragen wollen,
dass Jugendliche deuten können, dass Gott bereits gekommen ist, dass
er zu ihnen gekommen ist in diese Welt. Jugendliche interessieren
sich wohl für religiöse Fragen, aber kaum für die Kirche.
Eine Aufgabe von kirchlicher Jugendarbeit könnte sein, Orientierung
im «Dschungel der Religiosität» (Georg Schmid) zu bieten.
Viele Kinder und Jugendliche, die in den Verbänden und teilweise sogar
bei Angeboten von Jugendseelsorgestellen mittun, würden dies nicht
als Mitleben und Engagement in der Kirche benennen. Aber sie erfahren, da
sind Menschen, die sich für mich interessieren, die mich Gemeinschaft
erfahren lassen, die mich ernst nehmen und einfordern, die aus einer Überzeugung
leben. So lebt pfarreilich orientierte Jugendarbeit auch mit einer Hoffnung:
Jugendliche, wenn sie positive Erfahrungen machen durften, werden eines
Tages den Faden des Kontakts wieder aufnehmen manchmal nach einer
langen, biographisch bedingten Phase des Abstands zu Pfarrei und Kirche.
Eine Nachfrage bei Mitarbeitenden im kirchlichen Dienst oder in den Ausbildungsinstitutionen
zeigt, dass für das Ergreifen eines kirchlichen Berufs oft die Erfahrungen
in der Jugendarbeit ausschlaggebend gewesen sind.
In den Verbänden wird die Jugendarbeit von meist jugendlichen Leiterinnen
und Leitern getragen. Sie sind freiwillig in ihrer Freizeit für organisierte
Kinder- und Jugendgruppen tätig, sowie in selbstverwalteten Jugendtreffs
in den Gemeinden oder für die Region. Ihre Arbeit kann gelingen, wenn
sie für ihre Aufgabe in Kursen und Schulungen ausgebildet und vorbereitet
werden, wenn sie von erwachsenen Menschen begleitet werden, die eine Option
für Kinder und Jugendliche in der Pfarrei getroffen haben. Das können
Hauptamtliche aus dem Seelsorgeteam sein, sowie Katechetinnen und Katecheten
oder ehrenamtliche Jugendbegleiter, die beispielsweise die Präsesfunktion
für eine Schar oder eine Abteilung übernehmen. Zum Gelingen von
Jugendarbeit kann beitragen, dass ihr vor Ort das Feld bereitet wird: Ein
Konzept für Jugendpastoral der Pfarrei wird entwickelt, den jungen
Leuten werden Räume und Mittel zur Verfügung gestellt. Jugendarbeit
kann gelingen, wenn Mitarbeiter sich ihrer Berufsrolle bewusst sind und
für ihre Aufgabe ausgebildet werden. Hilfreich sind Informationen über
Möglichkeiten der Zusammenarbeit im politischen und ökumenischen
Feld, sowie Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote auf regionaler Ebene.
Sicher sind heute weniger (junge) Menschen bereit, sich auf längere
Zeit zu engagieren und zu binden. Zeitlich begrenzte Projekte, beispielsweise
in der Jugendkulturarbeit, haben Anziehungskraft und können von den
Jugendlichen als sinnvolle Tätigkeiten erfahren werden, die ihrer Entfaltung
dient, «ihnen etwas bringt».
In den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten müssen Jugendseelsorgerinnen
und Jugendseelsorger oft den Sektor «Jugendarbeit» im Gesamt
ihrer vielfältigen pastoralen Aufgaben heftig verteidigen. Ihre Arbeit
kann gelingen, wenn Jugendseelsorge einen wichtigen Platz in der Gesamtpastoral
einnimmt und nicht als notwendiges Übel dem oder der Jüngsten
im Seelsorgeteam aufgedrückt wird. Jugendarbeit kann gelingen, wenn
sie als eigenständige Aufgabe im diakonischen Tätigkeitsfeld einer
Kirchengemeinde gestaltet wird. Den Beteiligten sollte bewusst sein, dass
Jugendarbeit mit der ausserschulischen Katechese (Verkündigung) und
der Jugendliturgie verzahnt, aber nicht deckungsgleich ist. Im Rahmen einer
subjektorientierten Jugendpastoral kann funktionierende Jugendarbeit auch
die Voraussetzung für den Firmweg ab 17/18 Jahren sein. An der Passage
zum Erwachsenwerden macht Kirche jungen Menschen das Angebot, sich mit Fragen
ihres Lebens und Glaubens auseinander zu setzen.
Das Anliegen des Briefs passt gut in die Adventszeit. Steht es doch in engem
Zusammenhang mit der Grundaussage und der Symbolik des bevorstehenden Weihnachtsfestes.
Die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten lässt uns die Hoffnung mit
vollziehen: «Oh, komm, oh komm Immanuel (Gott mit uns)!» Erhofft
wird nicht eine Erlösung der Menschheit aus dieser Welt, sondern das
Kommen des Messias in diese Welt. Wir glauben und feiern an Weihnachten,
dass Gott Mensch geworden ist. Wahrscheinlich ist Weihnachten in unseren
Tagen das zentrale Fest des Christentums geworden: Menschwerdung ein
lohnender Einsatz im schwierigen Umfeld!
Dorothee Foitzik ist Co-Leiterin der Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Zürich.