48/2003

INHALT

Leitartikel

Maria, die Begnadete

von Marie-Louise Gubler

 

Das adventliche Marienfest vom 8. Dezember ­ volkstümlich «unbefleckte Empfängnis» genannt ­ unterliegt immer wieder der Missdeutung, es handle sich um die jungfräuliche Empfängnis Jesu. Als Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 in der Bulle «Ineffabilis deus» verkündete, dass «die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb», waren der Dogmatisierung verschiedene Marienerscheinungen vorausgegangen (Paris, La Salette) und folgten ihr gleichsam als Bestätigung jene von Lourdes (1858) und Fatima (1917). In Lourdes stellte sich die «Dame» der Seherin Bernadette als «immaculata conceptio» vor, was nicht die Person, sondern des Inhalt des Dogmas in den Vordergrund rückt. So stellt sich für uns die Frage nach dem Schriftgrund des Festes und seiner theologischen Bedeutung.

Sei gegrüsst, Begnadete, der Herr ist mit dir! (Lk 1,28)

Der Gruss des Engels in Nazaret erklärt Maria als von Gott huldvoll Angenommene, mit besonderer Liebe Beschenkte und Erwählte. Maria wurde in den Stand der «charis», der Gnade, versetzt. Für Lukas enthält dies eine christologische Dimension: Maria wurde die höchste Gnade, Mutter des Messias zu sein, geschenkt. In biblischer Sprache kann eine Ganzheit («voll der Gnade») in einer zeitlichen Aussage ausgesagt werden, wie zum Beispiel der Psalm 51 zeigt: Als David sich als sündigen Menschen bekannte, betete er «ich bin in Schuld geboren; in Sünde hat mich meine Mutter empfangen» (Ps 51,7). Dies ist weder Anklage der Mutter noch Entschuldigung, sondern Eingeständnis eines umfassenden und grundlegenden Schuldigseins. Genau so kann das «voll der Gnade» zeitlich als «von der Empfängnis bis zum Grab» Begnadetsein bzw. als «ohne Erbsünde empfangen» bezeichnet werden. Maria wurde vom Mutterschoss an geheiligt (wie auch Johannes nach Lk 1,15 schon im Mutterschoss vom Geist erfüllt, das heisst Prophet von Grund auf sein wird). Diese umfassende Begnadung und Erlösung ist Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft, die Jesus verkündigte und in seinen Heilungen zeichenhaft gegenwärtig setzte. Seit dem 9. Jahrhundert wurde das «voll der Gnade» als persönliche Sündelosigkeit und Maria als Ersterlöste gefeiert. Das Fest kam von Konstantinopel via Süditalien nach Rom und England und wurde vom Franziskanerpapst Sixtus IV. 1476 für die römische Kirche übernommen. Namhafte Theologen des Mittelalters hatten freilich die «Privilegierung» Marias abgelehnt, weil sie die Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen in Frage zu stellen drohte (so z.B. Thomas von Aquin). Darum betont das Dogma, dass die Begnadung Marias aufgrund der «Verdienste Christi» erfolgte, Maria ­ wie alle Menschen ­ eine Erlöste ist.

Die Zeit des industriellen Umbruchs

Warum aber ist in den Marienerscheinungen abstrakt von «unbefleckter Empfängnis» die Rede? Das 19. Jahrhundert als Zeit des industriellen Umbruchs, der proletarischen Unruhe (1848 Manifest der kommunistischen Partei!), des Liberalismus und des Glaubens an die Machbarkeit der Zukunft provozierte in der Kirche (speziell im Kirchenstaat) eine restaurativ-reaktionäre Abwehr, die sich mit ähnlichen Tendenzen im staatlich-politischen Bereich verbündete. Papst Gregor XVI. (1831­1846) hatte im Kirchenstaat Eisenbahn und Gasbeleuchtung verboten und den «Wahnwitz der Geistesfreiheit» und der «schrankenlosen Denk- und Redefreiheit und der Erneuerungssucht» beklagt (Enzyklika «Mirari vos»). Papst Pius IX. verurteilte im Syllabus (1864) den Satz, «der römische Papst solle sich mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und der neuen Zivilisation abfinden und versöhnen». Restaurative Abwehr stand auch hinter der Dogmatisierung der «unbefleckten Empfängnis». Maria als Urbild der Kirche verstanden, repräsentierte diese als eine von den konkreten geschichtlichen Irrtümern und Umbrüchen «unberührte». Durch eine geschichtslose Theologie sanktioniert, feierte so die Kirche in der «Immaculata» ihre eigene Geschichtsenthobenheit. Es war deshalb nur konsequent, wenn der gleiche Papst die «Immaculata conceptio» in der Dogmatisierung der «Unfehlbarkeit» (infallibilitas) des Papstes (I. Vatikanisches Konzil, 1870) weiterführte: Maria als die unsichtbare Gestalt der von der Geschichte und ihren Irrtümern «unbefleckten» Kirche und der Papst als von den geschichtlichen Irrwegen unberührte sichtbare Spitze der Kirche. Beide Dogmen sind gleichermassen Ausdruck eines Kirchenverständnisses, das sich als «Haus voll Glorie» über allen Stürmen sah.

Gelungenes Leben als Geschenk

Mit dem 2. Vatikanum und seinem dynamischeren Kirchenbild muss der tiefere Sinn des adventlichen Marienfestes neu gefunden werden. Was bedeutet das «einzigartige Gnadengeschenk» der Mutter Jesu für das wandernde Gottesvolk? Lukas weist uns einen Weg, indem er am Ende des Lebens Jesu eine Szene von hohem Symbolwert erzählt. Einer der mit Jesus gekreuzigten Schwerverbrecher wendet sich in letzter Minute an den sterbenden Jesus: «Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!» und erhält die tröstliche Zusage: «Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!» (Lk 23,42­43). Bei dieser ersten «Heiligsprechung» im Neuen Testament braucht Lukas das bedeutsame «Heute», das erstmals bei der Geburt Jesu und in der Synagoge von Nazaret verkündet wurde (Lk 2,11; 4,21) und in der Bekehrung des Zachäus und des Mitgekreuzigten seine Kraft erwies (Lk 19,9; 23,43). Das Erbarmen Gottes, das Maria im Magnificat besingt, umfasst gleichermassen die letzte (Schächer) wie die erste Stunde der Begnadung (Maria). In diesem grossen Bogen von der Begnadung Marias bis zu jener des Schächers, setzte Lukas einen Akzent von höchster Aktualität: Geglücktes Leben (und Sterben) ist Gnade! Vielleicht haben apologetische Absicht und restauratives Gewand des Dogmas verhindert, dass seine prophetische Kraft entfaltet und seine gesellschaftkritische Dynamik sichtbar werden konnten. Heute vermögen wir besser als frühere Generationen zu ermessen, worin die prophetische Wahrheit des adventlichen Festes liegt, weil wir die verheerenden Folgen des Machbarkeitswahnes und des zerstörerischen Technologiemissbrauchs erfahren. Gegen den arroganten «Übermenschen» (Nietzsche, Hitler) und die Machbarkeit der Zukunft im irdischen Paradies (Marx, Lenin), gegen die unbarmherzige Walze einer totalen Globalisierung des Marktes oder die rücksichtslose Individualisierung aller Bereiche betont das Fest: Der Mensch ist mehr als seine Leistung und auf Gnade angewiesen, um wirklich lebendig zu sein. Und diese Lebendigkeit ist unverdientes Geschenk. «Wissen, was der Mensch ist, kann man nur, wenn man auf beides blickt: den toten Anfang und den lebendigen, den Erbsünder und die Unbefleckte» (Karl Rahner)<1>. Irgendwann zwischen diesen äussersten Rändern menschlicher Existenz kommt auch für uns die Stunde der Gnade.


Anmerkung

1 Schriften zur Theologie III, Einsiedeln 51962, 165f.


Visionen und Heilungswunder

 

Patrick Dondelinger, bis vor kurzem an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern tätig, hat sich als Erforscher von Grenzphänomenen im religiösen Kontext einen Namen gemacht. Seine im Auftrag des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene unternommene intensive Beschäftigung mit den Wunderheilungen in Lourdes führte ihn auch zur Beschäftigung mit dem Erscheinungsgeschehen von 1858. Von dieser Beschäftigung legt er in einem konzentrierten und doch leicht lesbaren Forschungsbericht Rechenschaft ab.<1> Dabei zielt er auf das humanwissenschaftliche Verstehen der aussergewöhnlichen Erfahrungen von Bernadette Soubirous ab, «insofern diese ihrerseits der Ausgangspunkt für andere aussergewöhnliche Erfahrungen sind: die abertausende bis heute in Lourdes registrierten Spontanremissionen» ­ Ausgangspunkt einer Geschichte, an der jährlich die sechs Millionen Menschen, die das Heiligtum besuchen, weiter schreiben.

Rolf Weibel


Anmerkung

1 Patrick Dondelinger, Die Visionen der Bernadette Soubirous und der Beginn der Wunderheilungen in Lourdes, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2003, 261 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003