46/2003

INHALT

Leitartikel

Katholisch

von Rolf Weibel

 

Einem ökumenischen Drängen, das von Lehrunterschieden absieht und über bestehende kirchliche Regelungen hinwegsieht, wird gerne entgegengehalten, die Ökumene sei grösser als das evangelisch­katholische Gegenüber. Gedacht wird dabei an die Kirche des Ostens, namentlich die Orthodoxen Kirchen; kaum gedacht wird an die Kirchen, die von der Kirche des Westens zur Kirche des Ostens bereits Brücken geschlagen haben und die diese Brücken nicht nur für sich, sondern aus einem ökumenischen Bewusstsein heraus geschlagen haben: die Kirchen der Utrechter Union, zu der die Christkatholische Kirche der Schweiz gehört. Das christkatholisch­römisch-katholische Gespräch in der Schweiz wie die entsprechenden altkatholisch­römisch-katholischen Gespräche in anderen Ländern und ihre schriftlichen Ergebnisse lassen denn auch den wichtigen Beitrag der Utrechter Kirchenfamilie zur gewünschten grösseren Ökumene erkennen.
Einen kenntnisreichen Überblick über diese Gespräche hat vor drei Jahren Urs von Arx, damals Dekan der 1874 errichteten Christkatholisch-theologischen Fakultät der Universität Bern, für die Festschrift zum 50. Geburtstag von Bischof Kurt Koch geschrieben.<1> Weitere Beiträge zum Thema wurden für die Festschrift zum 60. Geburtstag von Urs von Arx, seit 2001 nunmehr Vorsteher des Departements für Christkatholische Theologie an der Christkatholischen und Evangelischen Theologischen Fakultät der Universität Bern, geschrieben.<2> Unter dem ignatianischen Titel «Die Wurzel aller Theologie: Sentire cum Ecclesia» ist sie, wie jede Festschrift, ein florilegium, ein allerdings wohl geordnetes, lässt es doch ein typisch christkatholisches Profil erkennen: Ein Engagement für die Kirche, die nach christ- bzw. altkatholischem Verständnis einerseits eine Ortskirche ist, die sich anderseits so in einer Gemeinschaft weiss, «dass die eine Ortskirche sich ­ nicht kulturell, sondern in der Teilhabe am soteriologisch-trinitarischen Ursprung der Kirche ­ als identisch mit und in der andern erkennt»<3>.
So kommt in der Festschrift ein erster Teil der Beiträge aus dem Tätigkeitsgebiet des Geehrten im unmittelbaren Dienst für die eigene Ortskirche, aus der Universitätstätigkeit. Urs von Arx hat aber auch für die «Internationale Bischofskonferenz», die Bischöfe der Utrechter Union, die ihre Kirchen als Gemeinschaft weiterführen und der Einigung der Kirchen dienen wollen, wichtige Dienste geleistet; mit gutem Grund sind so in einem zweiten Teil der Festschrift Beiträge zum Themenkreis «Altkatholizismus» zusammengestellt. Die Beiträge des dritten Teils schliesslich sind ökumenischen Dialogen gewidmet, dem Anliegen also, dem sich der theologische Flügel der christkatholischen Bewegung von Anfang an verpflichtet wusste und dem sich auch der Jubilar nicht nur verpflichtet weiss, sondern dem er durch seine Mitarbeit namentlich in altkatholisch-orthodoxen und altkatholisch-anglikanischen Kommissionen auch diente.
In diesem ökumenischen Teil werden Aspekte des internationalen altkatholisch­orthodoxen und des deutschen altkatholisch­lutherischen Dialogs erörtert; für unsere Verhältnisse besonders wichtig sind jedoch die Beiträge über die christkatholisch­römisch-katholischen Beziehungen in der Schweiz und die Beziehungen der Utrechter Union zum Vatikan. Als langjähriges Mitglied der Christkatholisch­Römisch-katholischen Gesprächskommission skizziert Bischof Kurt Koch den Gesprächsverlauf in der Schweiz. Zunächst wurde ergebnislos um eine Vereinbarung über «gegenseitige Hilfe in der Seelsorge» gerungen, dann wurden Lehrunterschiede unter ekklesiologischer Rücksicht angegangen und dazu Texte verfasst,<4> und schliesslich wurde die Arbeit 1993 eingestellt. Nach einer «Zwischensitzung» 1995 wurde die Gesprächskommission am 7. Juni 2002 neu aktiviert. Deshalb ist der Beitrag von Bischof Kurt Koch nicht nur geschichtlicher Rückblick, sondern auch theologischer Vorausblick, eine Skizze, «in welche Richtung Schritte getan werden könnten».
Der römisch-katholische Co-Präsident der Christkatholisch­Römisch-katholischen Gesprächskommission, Pfarrer Walter Stähelin, teilte mir im Herbst 1975 mit, die Zustimmung Roms zur «Vereinbarung zwischen der christkatholischen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz über gegenseitige Hilfe in der Seelsorge» stehe unmittelbar bevor und ich könne deshalb die Veröffentlichung dieses Textes mit einem Einführungsschreiben der Schweizer Bischofskonferenz nun fest einplanen. Dazu konnte es bis heute nicht kommen, denn die römische Bestätigung liess auf sich warten und der von der Bischofskonferenz deshalb anschliessend gewählte Weg über eine Supplik blieb wegen des Todes von Papst Paul VI. auch erfolglos.
Der Grund dieser Verzögerung und Ergebnislosigkeit lag in Schwierigkeiten ausserhalb der Schweiz, weil Rom darauf bestanden hatte, zeitgleich mit der Schweizer Vereinbarung jene in den Niederlanden und in Deutschland in Kraft setzen zu können. Diese Internationalisierung führte in die Sackgasse, wie Jan Visser, emeritierter Professor an der Reichsuniversität Utrecht, in seinem Beitrag über die internationalen altkatholischen Beziehungen zu Rom aufzeigt. Eine gewichtige Schwierigkeit war, dass die Deutsche Bischofskonferenz eine Vereinbarung über gegenseitige Hilfe in der Seelsorge erst nach der Klärung der Problematik der «zur altkatholischen Kirche übergetretenen Priester, die in der Seelsorge tätig waren» abschliessen wollte. In einem Mediengespräch im Einheitssekretariat auf diese Problematik angesprochen, bestritt P. Pierre Dupuy ihre diesbezügliche Relevanz. Entgegen der römischen Bedingung zur Internationalisierung gestattete der Vatikan 1993 den Mitgliedern der Polish National Catholic Church in Amerika, die nicht unter die rechtlichen Sanktionen des CIC fielen, eine beschränkte «communicatio in sacris». Obwohl die Polish National Catholic Church Mitglied der Internationalen Bischofskonferenz ist, gilt diese Regelung ausschliesslich für sie; sie hat allerdings keine sakramentale Gemeinschaft mehr mit jenen Mitgliedern der Utrechter Union, die Frauen ordiniert haben... Höchste Zeit, dass das Gespräch zwischen Rom und der Utrechter Union wieder aufgenommen wird. Eine kleine gemischte Kommission zur Vorbereitung der Wiederaufnahme des Dialogs ist ernannt.


Anmerkungen

1 Römisch-katholische und Christkatholische Kirche ­ Reflexionen eines Christkatholiken zu ihrem Verhältnis gestern, heute und morgen, in: R. Liggenstorfer/B. Muth-Oelschner (Hrsg.), (K)Ein Koch-Buch. Anleitungen und Rezepte für eine Kirche der Hoffnung. Festschrift zum 50. Geburtstag von Bischof Dr. Kurt Koch, Freiburg/Schweiz 2000, 356­375.

2 Hans Gerny/Harald Rein/Maja Weyermann (Hrsg.), Die Wurzel aller Theologie: Sentire cum Ecclesia. Festschrift zum 60. Geburtstag von Urs von Arx, Stämpfli Verlag, Bern 2003, 380 Seiten.

3 AaO. 359.

4 Alle freigegebenen Texte wurden auch in der SKZ veröffentlicht (der Beitrag von Bischof Kurt Koch wäre bibliographisch zu ergänzen um: Ortskirche ­ Universalkirche, Amt und Bezeugung der Wahrheit, in: SKZ 150 [1982] 141­145); der Veröffentlichung des Textes «Unfehlbarkeit der Kirche» stimmte die Bischofskonferenz nicht zu.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003