45/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Jede Gemeinschaft ist auf die eine oder andere Weise vor die Frage nach
ihrer Identität gestellt: Was ist es, was uns zusammenhält? Haben
wir gemeinsame Werte oder Ziele? Welche?
Wen meinen wir, wenn wir «wir» sagen? Wer gehört dazu,
wer nicht? Und warum? Dies gilt für nationale oder ethnische Gemeinschaften
ebenso wie für religiöse oder kirchliche Gruppen.
Solche und andere Fragen kollektiver Identitäten sind das Thema der
diesjährigen Arbeitsunterlagen zum ökumenischen Bibelsonntag am
15./16. November. Im Mittelpunkt steht das biblische Buch Rut, an dessen
Beispiel sich ein spannender Diskurs um kollektive Identität im nachexilischen
Juda beobachten lässt. Auslöser für diesen Diskurs war die
Neukonstituierung Judas nach dem babylonischen Exil, als die deportierte
Oberschicht ins Land zurückkehrte und es galt, aus den verschiedenen
Bevölkerungsteilen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen eine Gemeinschaft
zu bilden, mit der sich alle identifizieren konnten. Hinzu kam, dass das
Land seit Jahrhunderten unter wechselnden Fremdherrschaften stand. Zur existenziellen
Frage, wie in einem besetzten Land ein (Über)leben in Würde möglich
war, kam die Auseinandersetzung mit den fremden kulturellen Einflüssen
hinzu und damit die Suche nach einer eigenen jüdischen Identität.
Während nationalistisch gesinnte Kreise um Esra und Nehemia eine rigorose
Abgrenzungspolitik gegenüber anderen Völkern vertraten, lassen
sich in anderen biblischen Schriften auch andere, differenziertere Stimmen
vernehmen.
Eine dieser Gegenstimmen ist das Buch Rut. Es erzählt vom Schicksal
einer Familie aus Betlehem, die wegen einer Hungersnot ins Nachbarland Moab
flüchtet. Nach dem Tod des Vaters und der beiden Söhne kehrt die
Mutter Noomi mit ihrer moabitischen Schwiegertochter nach Betlehem zurück.
In Betlehem ist nun Rut eine Fremde und muss ums Überleben kämpfen.
Aber die beiden Frauen haben Glück. Sie können überleben,
die Ausländerin Rut findet einen Ehemann und bringt einen Sohn zur
Welt. Das Brisante: Der Sohn wird zum Grossvater des späteren Königs
David, die Ausländerin Rut somit zur Urgrossmutter dieses Nationalsymbols.
Vor dem Hintergrund der Entstehungszeit wird das Buch Rut also verstehbar
als eine der Stimmen im Streit um die Grenzen des Gottesvolkes. Es ist eine
Gegengeschichte zu Esra und Nehemia, die darum bemüht waren, die Grenzen
der Gemeinde am Kriterium der Abstammung messerscharf zu definieren und
alle Fremdstämmigen auszuschliessen, um Judas Identität zu sichern.
Dagegen erzählt die Rutnovelle von der Integration einer Ausländerin,
die Mitglied der Gemeinde wird, weil sie deren Optionen teilt: «Dein
Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott» (Rut 1,16). Die Protagonistin
Rut ist ausgerechnet eine Moabiterin, die nach Dtn 23,46 niemals in
die Gemeinde Gottes aufgenommen werden dürfte, und das Buch zeigt,
wie ausgerechnet diese Moabiterin in ihren Reden und Taten «jüdischer»
sein kann als ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
So kehrt das Buch Rut den Spiess um, flicht diese Moabiterin (mit einem
Augenzwinkern?) in den Stammbaum des Königs David und damit auch
des Messias ein. Das Matthäusevangelium greift dieses Motiv im
Blick auf die eigenen Auseinandersetzungen um die Öffnung der Gemeinde
bewusst auf und übernimmt Rut gemeinsam mit anderen ausländischen
Frauen in den Stammbaum Jesu.
Die Rutnovelle löst die Zugehörigkeit zur Gemeinde ganz von der
Herkunft und fragt dagegen nach gemeinsamen Überzeugungen, Idealen,
Leitlinien und Gottesbildern. Es vertritt darin eine erstaunlich moderne
Konzeption, aufgeschlossener als manche Identitätsdebatte heute verläuft.
So hat die biblische Debatte nichts von ihrer Aktualität verloren.
Vor dem Hintergrund von Migration und Globalisierung, von Einwanderung und
der Suche nach einem eigenen Platz inmitten Europas bleibt die Diskussion
um die Konstruktion nationaler Identitäten brisant und aktuell
nicht nur in der Schweiz.
Die Arbeitsunterlagen zum Bibelsonntag mit dem Titel «Fremde in der
Fremde» regen dazu an, sich anhand der biblischen Stimmen den heutigen
Fragen von kollektiver Identität, Zugehörigkeit und Ausgrenzung
zu stellen und nach weiterführenden Perspektiven zu suchen. Sie bieten
Erläuterungen zum Buch Rut sowie Anregungen zur Bibelarbeit und Vorschläge
für einen Gottesdienst. Wie in jedem Jahr wurde die Broschüre
von einer ökumenisch zusammengesetzten Arbeitsgruppe verfasst (Klaus
und Sabine Bieberstein, Alina Rölver, Stefan Osberger).<1>
Im Jahr der Bibel ist der Bibelsonntag zum Buch Rut eine Gelegenheit, aktuelle
gesellschaftliche Fragen biblisch zu beleuchten und einen Tag in der Pfarrei
oder Kirchgemeinde biblisch-kreativ zu gestalten.
Dr. theol. Sabine Bieberstein ist Projektverantwortliche des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks für das Jahr der Bibel 2003.
1 Sie kann zum Preis von Fr 10. bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich erworben werden (Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01 2059960, info@bibelwerk.ch).