44/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Gastfreundschaft ist in den meisten alten Kulturen eine Haltung, die
nicht gesetzlich verordnet ist. Sie gehörte zu einer Grundeinstellung,
die nicht der Rechtsprechung unterstellt ist. Sie wurde nicht nur dem gewährt,
der zum eigenen Stamm gehörte, sondern jedem, der auf Schutz und Hilfe
angewiesen war. Sie zu verweigern oder zu verletzen galt als Schande. Auch
in der Bibel finden sich keine Weisungen, wer Gastfreundschaft pflegen muss
und wer Anrecht hat, als Gast aufgenommen zu werden. Gastfreundschaft steht
auch hier vor jeder gesetzlichen Regelung. Vor allem Reisende waren in den
dünn besiedelten Gebieten Palästinas auf die Gastfreundschaft
angewiesen. Jeder konnte darauf zählen, Unterkunft und Verpflegung
zu erhalten, ohne Entgelt. Die Gastfreundschaft schützte ihn vor wilden
Tieren und vor der Unbill des Wetters. Sie sicherte ihm Obdach für
die Nächte und Schutz vor der Hitze zu.
Als Beispiel des gastfreundlichen Hausherrn stellt uns die Bibel Abraham
vor: Bei den Eichen von Mamre nimmt er drei Männer auf, die zur Mittagszeit
unterwegs sind und Schutz vor Sonne und Hitze suchen (vgl. Gen 18,133).
Der Text gibt uns Einblick, wie die Gastfreundschaft gepflegt wurde: Der
Hausherr geht den Fremden entgegen, fordert sie zum Verweilen auf, lässt
sie im Schatten Platz nehmen, wäscht ihnen die Füsse, bereitet
ihnen ein Festmahl vor, unterhält sich mit ihnen und begleitet sie
beim Abschied ein Stück des Weges. Der Dank der Fremden ist die Verheissung
des Sohnes, welcher der Erbe sein wird, und einer reichen Nachkommenschaft.
In dieser Verheissung erkennt Abraham, dass Gott selber bei ihm als Fremder
eingekehrt ist: Das Geschenk des Gastes ist das Überleben Abrahams
in einer reichen Nachkommenschaft.
Gastfreundschaft verpflichtet aber auch den Gast: Er hat den Gastgeber und
seine Familie zu respektieren, er hat die Sitten des Landes zu achten, sein
Aufenthalt ist nicht unbegrenzt, ausser bei Krankheit, Reiseunfähigkeit
oder Verfolgung, und sie gebietet ihm, die Gastfreundschaft, die er empfangen
hat, auch andern zukommen zu lassen: Weil er Gastfreundschaft erfahren hat,
muss der Gast selber Gastfreundschaft weiterschenken. Damit hat Gastfreundschaft
in der Bibel eine soziale Dimension, die über das «Gebotene»
hinausgeht.
Der Vers aus Mt 25,35c, den die Schweizer Bischöfe als Motto zum diesjährigen
«Tag der Völker» vom 9. November bestimmt haben, steht
in dieser Tradition und nimmt den Gedanken der Gastfreundschaft auf. Innerhalb
der Endzeitrede, in welcher der Vers steht, wird die Gastfreundschaft zum
Mass der Akzeptanz des Mitmenschen. Sie wird aber auch zum Mass, mit dem
jeder Mensch gemessen wird, weil Gott selber im Fremden gegenwärtig
ist. Somit steht der Vers in einer Linie mit der Erzählung von der
Begegnung Abrahams mit den Fremden in Mamre. Dahinter steht die Aufforderung,
die Not der Menschen zu erkennen und sie wahrzunehmen, ihnen das Leben zu
garantieren und das Überleben zu sichern<1>.
Das Motto zum Tag der Völker «Ich war fremd, und ihr habt mich
aufgenommen» und die Erwartungshaltung, die dahinter steht, mag in
einer Zeit der globalen Migrationen anachronistisch, wenn nicht zynisch
wirken. Weltfremd mag es scheinen in einem Land, das prozentual eine der
grössten ausländischen Wohnbevölkerungen zählt. Gastfreundschaft,
wie sie aus der Bibel deutlich wird, gehört nicht mehr in ein Weltbild,
das von Individualismus geprägt ist. Sie gehört nicht mehr in
eine Welt, in der die Hilfe an Notleidenden vom Staat und seinen Organen
erwartet wird. Sie kann auch nicht mehr so gelebt werden, wie sie in einer
antiken Kultur lebensnotwendig war.
Der Satz «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» ist
ein Gradmesser der Christlichkeit und der Menschlichkeit. Er findet als
Motto zum Tag der Völker einen besonderen Sinn: Die Frage nach dem
Fremden in unserem Land spaltet die Gesellschaft; sie führt auch zu
kontroversen Diskussionen in den Pfarreien. Diese Auseinandersetzung ist
ein Zeichen, dass uns die Fremden nicht gleichgültig sind auch
wenn die Diskussion meist eine andere Richtung nimmt: Wie können wir
uns vor den Fremden schützen? Unter dem Blickpunkt der Bibel müsste
die Frage aber anders lauten: Wie können wir die «Fremden»,
die wir zum grössten Teil hergeholt haben, aufnehmen und ihnen Heimat
geben? Man kann die Augen nicht davor verschliessen, dass wir auch in Zukunft
mit den «Fremden» in unserem Land zusammenleben müssen.
Auch die Pfarreien kommen nicht daran vorbei, zu überlegen, wie sie
den Eingewanderten, die heute in jeder Gemeinde präsent sind, begegnen,
sie aufnehmen und ihnen jenen Platz in der Pfarrei geben können, der
ihnen gebührt.
Die Kirche in der Schweiz hat in den letzten Jahren viel für Immigrantinnen
und Immigranten getan. Die Volkszählung 2000 hat ergeben, dass in der
Schweiz 663397 ausländische Katholikinnen und Katholiken<2>
leben. Sie werden betreut von über 152 Priestern und 37 Seelsorgehelfern
und Seelsorgehelferinnen in 131 Seelsorgestellen für Anderssprachige<3>. Die so genannten Sprachmissionen bieten
den Immigrantinnen und Immigranten in unserer Kirche jene Gastfreundschaft
an, die ihnen hilft, den eigenen Glauben in einer fremden Umwelt zu leben.
Sie bieten ihnen aber auch jene Hilfen an, die sie bei der Bewältigung
des Alltags in einer fremden und oft unbekannten Umwelt benötigen.
Für viele ist die kirchliche Gemeinschaft jener Ort, der ihnen Hilfe
und Sicherheit bietet. Sie wissen diese Hilfe zu schätzen und zu würdigen
und sind bereit, das Ihrige zum Gelingen der kirchlichen Gemeinschaft beizutragen,
umso mehr als die Mehrzahl jener Katholikinnen und Katholiken, die in unser
Land eingewandert sind, aus Kulturen und Traditionen stammen, in denen die
Gastfreundschaft ihren ursprünglichen Sinn behalten hat. Ihnen zu helfen,
dass dies gelingt, ist der Aufruf an alle Gläubigen in unserem Land.
Der Grundgedanke des biblischen Mottos zum diesjährigen Tag der Völker
gilt auch in einer modernen Welt: Menschliche Nähe und Eingehen auf
die Anliegen des Mitmenschen sind heute noch Werte, welche das Zusammenleben
von Menschen verschiedener Herkunft bestimmen müssen. Damit wird Gastfreundschaft
in der Kirche zu einem Zeichen, das auch die zivile Gesellschaft akzeptieren
kann. Das Wort der Schweizer Bischöfe zum Tag der Völker erinnert
an den Sinn des Mottos «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen»:
«Wir werden einmal daran gemessen, ob wir den Fremden wirklich in
unserem Herzen aufgenommen und ihm darin Heimat gegeben haben. Denn wie
könnten wir Jesus wirklich in unserem Herzen Heimat geben, wie könnte
er mit seinem Vater zu uns kommen und bei uns wohnen, wenn wir dem Fremden
nicht ein Zuhause geben?»<4>
Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration «migratio».
1 Vgl. Dieter Bauer, Biblische Reflexion zum Thema «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen», in den Unterlagen zum Tag der Völker.
2 Nähere Angaben finden sich in der Broschüre «Volkszählung 2000. Statistik der römisch-katholischen Wohnbevölkerung nach Nationalität, Kantonen und Diözesen», migratio-Dokumentation 2/2003.
3 Weitere Hinweise finden sich im Jahresbericht 2002 von migratio.
4 Wort der Schweizer Bischöfe zum Tag der Völker 2003. Alle erwähnten Dokumente können bezogen werden bei: migratio, Neustadtstrasse 7, 6003 Luzern, Telefon 041 2100347, Fax 0412105846, migratio@kath.ch
Die «kosmopolitische» Natur des Volkes Gottes ist heute in praktisch jeder Teilkirche sichtbar, denn durch die Migration haben sich selbst kleine und ehemals isolierte Gemeinden in pluralistische und interkulturelle Realitäten verwandelt. Orte, an denen bislang nur selten Fremde zu sehen waren, sind nun die Heimat von Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Beispielsweise wird bei der sonntäglichen Eucharistiefeier die Frohe Botschaft mehr und mehr in zuvor nie gehörten Sprachen verkündet
Botschaft zum 89. Welttag der Migranten und Flüchtlinge (2003)