43/2003

INHALT

Leitartikel

Theologische Fakultäten und Ortskirche

von Simon Peng-Keller

 

Wer heute an einer schweizerischen, deutschen oder österreichischen Universität katholische Theologie treibt, hat ­ in homöopathischer Dosis ­ teil an einer doppelten paulinischen Erfahrung (vgl. 1 Kor 4,7f.): Er oder sie merkt, dass das Gefäss, der institutionelle Rahmen, für das kostbare Gut, das Forschung und Lehre zur Leidenschaft werden lassen kann, nicht nur sehr zerbrechlich ist, sondern bereits Sprünge und Frakturen zeigt, welche die Vergänglichkeit von gewachsenen Institutionen in Erinnerung rufen.
Mit dieser sachbezogenen Erfahrung verbindet sich diejenige, von allen Seiten mit sanfter Bestimmtheit bedrängt zu werden: von universitären Sparplänen und dem Anpassungsdruck europäischer Bildungspolitik; von kühler Zurückhaltung seitens der «scientific community», für die katholische Theologie oft allein schon durch ihre kirchliche Einbindung obsolet ist; von den Anfragen jener säkularen Zeitgenossen, die den gesellschaftlichen Nutzen universitärer Theologie anzweifeln; von Gläubigen und pastoral Tätigen, denen der Ausbildungsgang zu kopflastig und zu praxisfern erscheint; von Ortsbischöfen und Verantwortlichen der Weltkirche, die aus einer vielfach begründeten Sorge manchmal dazu neigen, das Gebiet für innovative theologische Forschung allzu eng abzustecken. Bedrängnisse sind das alles weniger für die an den Universitäten tätigen katholischen Theologinnen und Theologen als für die universitäre katholische Theologie selber. Ihr Gefäss ist rissig geworden und droht unter dem langsam wachsenden Druck auseinander zu brechen. Gibt es Alternativen?

Kirche ­ Theologie ­ Universität

Weder die Kirche noch die Theologie ist unbedingt auf die Universität angewiesen. Theologie kann, wie die Kirchengeschichte zeigt, genauso gut, vielleicht auch besser, an anderen Orten betrieben werden: an Kathedralschulen und in Klöstern, an Ordenshochschulen und auf Missionsstationen, in Predigerseminaren und im Gefängnis. Dass katholische Theologie an staatlichen Universitäten gelehrt wird, ist das Resultat einer kontingenten Entwicklung und in der Schweiz nicht viel mehr als 100 Jahre alt. Weltkirchlich gesehen ist die immer noch starke Präsenz von katholischer und reformatorischer Theologie an den hiesigen Universitäten ohnehin die Ausnahme. Der Verbleib der katholischen Theologie an der Universität muss nicht um jeden Preis erkämpft werden. Gerade das eröffnet die Freiheit, sich gegen fragwürdige Optionen auszusprechen.

Weder Abschottung noch Selbstauflösung

Edmund Arens diagnostiziert diesbezüglich zwei gegenläufige Tendenzen, die beide in letzter Konsequenz katholische Fakultäten zum Verschwinden bringen: die «Verreligionswissenschaftlichung» und die «Verbinnenkirchlichung» der Theologie.<1> Beiden Tendenzen ist meines Erachtens mit gleicher Entschiedenheit zu wehren.
Die erste Tendenz kennt verschiedene Spielarten: Theologie kann beispielsweise als Religions- und Kulturwissenschaft des Christentums oder Religionswissenschaft als diskrete Art von Theologie konzipiert werden. Oder man optiert für eine pluralistische Religionstheologie. Mögen diese Optionen im Einzelnen ihre Berechtigung haben, so bewirken sie dennoch gerade das, was zu verhindern wäre: die Selbstauflösung der katholischen Theologie als universitäre Fakultät.
Weniger am Gleichnis vom Sauerteig als an dem von der Stadt auf dem Berge orientieren sich andererseits jene, die ganz auf die Karte «kirchliche Theologie allein an kirchlichen Hochschulen» setzen. Sie scheinen aber zu vergessen, dass Theologie «die denkende Verantwortung des christlichen Glaubens ist. Verantwortung des Glaubens aber verlangt nach Öffentlichkeit, und denkende Verantwortung nach der Öffentlichkeit von Denkenden.»<2> Die Kirchen haben deshalb eine ureigene Verpflichtung, sich nicht aus der universitären Öffentlichkeit verdrängen zu lassen. Die Ortskirchen in den reichen Ländern mit einer geschichtlich gewachsenen universitären Tradition dürfen auch nicht vergessen, dass sie mit ihren theologischen Fakultäten einen weltkirchlichen Auftrag erfüllen. So gibt es beispielsweise an der theologischen Fakultät in Freiburg i.Ü. einen erheblichen Anteil an Studierenden aus Ländern des afrikanischen und des asiatischen Kontinents.

Gesellschaftsorientierung und Kirchenorientierung

Die Zukunftschancen von universitärer Theologie hängen in erheblichem Masse davon ab, ob es gelingt, Gesellschafts- und Kirchenorientierung kreativ miteinander zu verbinden, ohne sie zu vermischen. Zwei Aspekte scheinen mir hier von besonderer Bedeutung zu sein:

  1. Universitäre Theologie, die mit staatlichen Geldern forscht und lehrt, muss bereit sein, sich so uneigennützig wie möglich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, wobei der zu erbringende gesellschaftliche Nutzen nicht primär theologieextern bestimmt werden darf. Es ist damit zu rechnen, dass zwischen der Diakonie, der sich die Theologie selber verpflichtet weiss und die sie, so gut sie kann, zu erfüllen versucht (z.B. Götzenkritik), und dem Nutzen, der von ihr erwartet wird und den sie vielleicht auch erbringt (z.B. Hilfe zur Kontingenzbewältigung), grosse Spannungen auftreten können.
  2. Katholische Fakultäten dürfen sich jedoch nicht auf diese direkt gesellschaftsrelevante Dienstaufgabe beschränken, sondern müssen versuchen, im Kontext einer weltanschaulich pluralistischen Universität eine (orts- und welt-)kirchenbezogene theologische Ausbildung zu gewährleisten. Darum muss auch bei der Gewichtung von Forschungsschwerpunkten ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen Projekten, die stärker gesellschaftsbezogen sind und solchen, die dem gewidmet sind, was die primäre Aufgabe kirchlicher Theologie darstellt: den Glaubensvollzug der Kirche kritisch-befruchtend zu begleiten und durch ein methodisch-reflektiertes «ressourcement» sowie eine aktive Beteiligung an wissenschaftlichen Diskursen die innovative Tradition des Glaubens zu fördern.

Universitäre katholische Theologie in der Schweiz ­ auch in Zukunft?

Ohne ein stärkeres Engagement der Ortskirche ist die Zukunft universitärer Theologie in der Schweiz gefährdet. Von den verschiedenen Formen, wie diese Verantwortung wahrgenommen werden könnte, scheinen mir drei von zentraler Bedeutung: 1. Die pastorale Ermutigung und Förderung seitens der Bischöfe. 2. Die finanzielle Beteiligung der katholischen Körperschaften. 3. Die spirituelle Verantwortung der Gläubigen.

  1. Dass katholisch-theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten durch ihre relative Eigenständigkeit gegenüber den Ortsbischöfen für diese ein starkes und manchmal auch unliebsames Gegenüber bedeuten, ist kein Geheimnis. Dafür, dass es nicht zu einem rivalisierenden Gegeneinander kommt, haben beide Sorge zu tragen, denn beide tragen nicht nur eine je verschiedene innerkirchliche Verantwortung, sondern haben auch einen je unterschiedlichen Öffentlichkeitsauftrag: Während die Bischöfe als Vorsteher der Ortskirche die Aufgabe haben, im Forum von Staat und Politik prophetische Zeugenschaft zu übernehmen, ist die universitäre Theologie primär im Forum der Wissenschaft rechenschaftspflichtig. Damit sie diese Aufgabe erfüllen kann, braucht es seitens der Ortsbischöfe, die wegen ihrer wachsenden Arbeitsbelastung und der zunehmenden Spezialisierung der theologischen Fächer immer mehr auf theologische Berater angewiesen sind, eine wohlwollende Unterstützung, die zugleich verbindliche Beziehung schafft und frei lässt: das durchaus nicht blinde Vertrauen liebender Eltern, welche die Wege ihrer Kinder nie ganz verstehen und ihnen doch den Rückhalt geben, ohne den sie nicht leben können.
  2. Die katholische Ortskirche in Gestalt ihrer staatskirchenrechtlichen Körperschaften lässt sich gegenwärtig ihre universitären theologischen Bildungs- und Forschungsstätten nur wenig kosten. Finanziert werden diese zum grössten Teil von den Standortkantonen und den jeweiligen Kantonen der Studierenden. Mit sinkenden Studierendenzahlen und dem Rückgang der Volkskirche werden auch die staatlichen Gelder spärlicher, und es ist abzusehen, dass Lehre und Forschung im bisherigen Umfang nur mit Drittmitteln weitergeführt werden kann, das heisst wenn die katholischen Körperschaften bereit sind, finanzielle Unterstützung zu leisten. Was für private Firmen eine Selbstverständlichkeit wäre, scheint in der komplexen Struktur unserer Ortskirche jedoch schwierig zu bewerkstelligen. Die schweizerische Bedächtigkeit könnte sich hier auf fatale Weise mit einer allzu menschlichen Lernschwierigkeit verbinden: Was man nicht teuer bezahlen muss, schätzt man nicht. Oft geht allerdings das kostbare Gut unwiederbringlich verloren, bevor man es zu schätzen beginnt. Die «Kinder dieser Welt», die im Sinne des Evangeliums ja durchaus vorbildlich sein können, nämlich: nationale, kantonale und universitäre Bildungs- und Wissenschaftspolitiker und -politikerinnen scheinen weniger Lern- und Umstellungsschwierigkeiten zu haben und sind schnell zur Hand, wenn es darum geht, die Probleme der katholischen Fakultäten mit Rotstift und «Strukturbereinigungen» zu «lösen».
  3. Wenn es auch so ist, dass sich wissenschaftliche Theologie vornehmlich an den schriftlichen Urkunden des Glaubens abarbeitet, so ist sie doch unbedingt angewiesen darauf, dass dieser Glaube aktuell gelebt und gefeiert wird. Der lebendige Glaubensvollzug der Kirche ist das Woher und das Wohin auch der universitären Theologie. Hier liegt die Verantwortung aller Gläubigen für die katholischen theologischen Fakultäten. Will man nicht in die Zeit zurück, in der dem Katholizismus in der Schweiz der Ruf anhaftete, bildungsfeindlich und geistarm zu sein, so gilt es wahrzunehmen, wie sich Glaubensleben aus dem Heiligen Geist und kritisch-reflexive Geistesgegenwart gegenseitig befruchten können. Das betrifft nicht nur die Theologinnen und Bischöfe, nicht nur Wissenschafter und Forscherinnen, nicht nur Intellektuelle und Politikerinnen, sondern alle, die von der Hoffnung Christi erfüllt sind, für die es sich lohnt, jederzeit Red und Antwort zu stehen (1 Petr 3,15).

 

Simon Peng-Keller ist in Chur aufgewachsen, hat in Freiburg i.Ü. und Luzern studiert und arbeitet als Doktorassistent am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Freiburg.


Anmerkungen

1 Vgl. E. Arens: Der Beitrag der Theologie zur universitären Bildung, in: E. Arens/J. Mittelstrass/H. Peukert/M. Ries (Hrsg.), Geistesgegenwärtig. Zur Zukunft universitärer Bildung, Luzern (Edition Exodus) 2002, 85­106.

2 I.U. Dalferth, Theologie im Kontext der Religionswissenschaft. Selbstverständnis, Methoden und Aufgaben der Theologie und ihr Verhältnis zur Religionswissenschaft, in: ThLZ 126/2001, 50.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003