42/2003 | |
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Leitartikel |
Das Thema des diesjährigen Monats der Weltmission «Dem
Dialog verpflichtet» nimmt Toleranz und Respekt im Dialog mit
fremden Kulturen und Religionen in den Blick. Toleranz und Respekt sind
aber auch in den Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche eine unerlässliche
Voraussetzung für einen menschen- und christenwürdigen Umgang
miteinander. Öffentlich können solche Auseinandersetzungen nicht
zuletzt in den Pfarrblättern werden; dass sie sich dem Dialog verpflichtet
wissen, ist besonders wichtig, weil sie auch Vorbildcharakter haben. Dass
sie sich in Pflicht nehmen wollen, bringt bei mehr als einem Pfarrblatt
der Titel «Forum» zum Ausdruck.
Unter diesem Titel wurde 1971 das Schaffhauser Pfarreiblatt ins Leben gerufen.
Weitere regionale und kantonale Pfarreiblätter entstanden im gleichen
Zeitraum oder einige Jahre später. Nicht unbedeutend war dabei die
Wahl des Titels: Pfarrblatt, Pfarreiblatt, Kirchenblatt oder eben
«Forum», wie sich das Schaffhauser Pfarreiblatt taufen liess
oder wie sich später auch andere Pfarreiblätter bezeichneten:
«forum. Pfarrblattt der katholischen Kirche im Kanton Zürich»;
«pfarreiForum St. Gallen».
Schaffhausen wählte dazumal den Titel «Forum» unter dem
Eindruck einer aufbrechenden, offenen und Dialog suchenden Kirche. Das Frühlingserwachen
nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und die Vorbereitungen auf die Synode
72 hin riefen geradezu nach einem Titel wie «Forum». «Forum»
war nicht nur ein zum Kompromiss gewordener Titel, sondern war Programm.
«Forum» war die redaktionelle Leitlinie schlechthin. «Forum»
war das Pfarreiblatt der Schaffhauserinnen und Schaffhauser, ihr Printmedium.
In der Zwischenzeit kooperierte das Schaffhauser «Forum» mit
dem Thurgauer Pfarreiblatt «kirche+pfarrei». Seit 2003 betitelt
sich das Pfarreiblatt der beiden Bistumsregionen mit «forumKirche».
Auch nach 30 Jahren wollte man vom Begriff «Forum» nicht wegkommen.
Nach wie vor oder erst recht wollten die Verantwortlichen, dass das Pfarreiblatt
ein Forum der Kirche ist, nebst vielen anderen Foren, die es auf verschiedensten
Ebenen gibt.
Wer dem ursprünglichen Begriff «Forum» nachgeht, entdeckt
verschiedene Aspekte, die darin enthalten sind und denen sich der Name verpflichtet.
So steht im kleinen Brockhaus: «Forum war in der Antike der Mittelpunkt
jeder von den Römern gegründeten Stadt, mit Tempeln, Altären,
Basiliken für Handel, Börse, Verwaltung und Rechtswesen, sowie
Siegessäulen, Statuen... Zur republikanischen Zeit war das Senatsgebäude
und die Rednerbühne Zentrum des politischen Lebens...».
Der Begriff «Forum» ist aus diesem Ursprung heraus weit mehr
als eine Diskussionsform. Das Forum war die Mitte der Lebensgemeinschaft;
dort spielte sich das Leben in seiner Vielfalt ab. Dazu gehörten Austausch
von Lebensprozessen (Treffpunkt), Darstellungen von gelungenem Leben (Siegessäulen),
Orientierungspunkte nach der Mitte (Altäre, Tempel...), Informationen,
Erfahrungen, Ansichten (Rednerpult), rechtliche Hilfen als Schutz des gemeinsamen
Lebens (Rechtsprechung), ein beachteter Senat im Dienste der Gemeinschaft
usw.
Hie und da, auffallend selten, werde ich als Redaktor daraufhin angesprochen,
ob denn unser Pfarreiblatt wirklich ein Forum sei? Ein Blatt, in dem spitzige
Diskussionen möglich sind, diskutiert und kritisiert werden kann, ein
Forum, in dem man sich gegen die Amtskirche erheben und zur Wehr setzen
sowie andere Standpunkte einbringen kann? Zudem seien Lehren der Kirche
und des Glaubens ohnehin nicht diskutierbar und deshalb eigene Meinungen
nicht gefragt. Und: als kirchliches «Amtsblatt», mit kirchlichen
Steuern bezahlt, könne man sich wohl kaum gegen den Herausgeber, die
Kirche, richten.
Bei derartigen Einwänden verweise ich gerne auf das ursprüngliche
Forum der Römer hin. Ich denke, dass nicht nur unser «forumKirche»,
sondern auch die übrigen kantonalen und regionalen Pfarreiblätter
dem ursprünglichen Begriff «Forum» gerecht werden. Sie
informieren, bieten Bildungsbeiträge an, berichten über lebendige
Prozesse in ihren Bistumsregionen, vermitteln theologische Impulse, nehmen
Bezug auf soziale Probleme, lassen die Bistumsleitung zu Wort kommen, erzählen
von Ängsten und Freuden der Menschen, von Zweifeln und Hoffnungen,
schaffen einen Blick über den eigenen Horizont hinaus und lassen auch
die Leserschaft zu Wort kommen. Sie verstehen es gut, die Mitte des kirchlichen
und menschlichen Lebens darzustellen.
Persönlich bereichernd finde ich es dabei, dass jedes Pfarreiblatt
einen eigenen Akzent, eine «eigene Handschrift» hat. Um auf
das Bild des römischen Forums zurückzukommen: die einen Pfarreiblätter
fokussieren mehr auf den einen oder auf den anderen Ort im Treffpunkt des
Lebens.
Dialog ist nicht zu verwechseln mit einer Meinungsschlacht. Dialog ist
mehr als eine Arena, wo Standpunkte gegen Standpunkte ausgetragen, manchmal
sogar einander «ins Gesicht geschleudert» werden. Dialog ist
ein Prozess, der im Lernprozess weiterführt und Standpunkte verändern
kann.
Wie Voraussetzungen für einen Dialog geschaffen werden und wie er ausgetragen
werden kann, zeigt sich vortrefflich im «Salesianischen Ehrenkodex
für Journalisten». Dieser basiert auf den Grundsätzen von
Franz von Sales, dem Patron der Journalisten und Journalistinnen.
Oberstes Prinzip ist bei ihm die Liebe zur Wahrheit. Dies bedingte ein tägliches
Studium, um sich selbst Klarheit zu schaffen. Franz von Sales war dabei
bestrebt, die Schriften und Argumente seiner Gegner wahrzunehmen und sich
damit zu befassen. Tief greifende Bildung und genaue Recherche war ihm wichtig.
Um der Wahrheit willen nannte er auch Missstände in Politik und Kirche.
Denn «schweigen hiesse zustimmen». Seine Devise war dabei, die
Sache beim Namen zu nennen, die Personen aber zu schonen. Seine Kritik zielte
daher nicht auf Personen. Ebenso verabscheute er dabei Gerüchte und
Halbwahrheiten.
Er empfahl, sachkundig zu berichten, seine Wertvorstellungen darzulegen
und auch die Meinung des Gegners zu Worte kommen zu lassen.
Als Redaktor eines kirchlichen Forums kann ich einiges dazu beitragen,
im Sinne des Ehrenkodex von Franz von Sales die Kultur des Dialoges zu fördern.
Damit kann ich auch ein Zeichen setzen, wie Christen miteinander umzugehen
pflegen.
Kultur des Dialoges heisst, Respekt vor der Würde jedes Menschen zeigen.
Respektlose, persönlich verletzende Beiträge dürfen in einem
«forumKirche» keinen Platz haben, ebenso herabsetzende entwürdigende
Äusserungen.
Es gibt dabei auch kein Recht, kirchliche Amtsträger zu verletzen.
Kultur des Dialoges heisst nach Franz von Sales eine gute Sache
geschickt und liebenswürdig zu vertreten.
Nebst der offiziellen Darstellungen eines kirchlichen Schreibens, das klar
und sachgerecht dargestellt werden muss, können beispielsweise kontroverse
Meinungen eingeholt werden.
Die Meinung der Bischöfe ist nach wie vor gefragt. Sie verlieren nichts
an Überzeugungskraft, wenn sie selbst eine loyal-kritische Haltung
gegenüber der Kirche und kirchlichen Schreiben einnehmen. Irritierte
«Schafe» brauchen Hirten, die sie zu Leben spendenden Weiden
und Wassern führen.
Eine weitere Form eines guten Dialoges ist die differenzierte Darstellung
eines Problems und die Einladung an die Leserschaft, ihre Erfahrungen mitzuteilen.
So waren wir bei einem Beitrag über «störende Kinder in
der Kirche» völlig überrascht, wie viele Leserinnen und
Leser uns auf unsere Aufforderungen hin ihre Erfahrungen mitteilten. Weil
sie ihre Erfahrungen schilderten, verletzten sie auch niemanden.
Nicht zuletzt kann eine Kultur des Dialoges nur stattfinden, wenn Journalisten
und Kirche ein Leser orientiertes Schreibverhalten pflegen. Dies bedeutet,
dass sie sich einfach und verständlich ausdrücken.
Hans Kuhn-Schädler, leitender Redaktor des «forumKirche», war bis vor kurzem Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Pfarrblatt-Redaktionen der deutschen Schweiz (ARPF).