41/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Wir leben in einer nachchristlichen Welt, in der Religion zur Privatsache
geworden ist. Wer in der Öffentlichkeit vom Glauben redet, setzt sich
rasch dem Verdacht der Frömmelei oder des Sektierertums aus. Wer gar
das Wort Mission in den Mund nimmt, droht auf völliges Unverständnis
zu stossen. Haben der Monat und Sonntag der Weltmission, den die katholische
Kirche am 19. Oktober feiert,<1> ausgedient?
Das Christentum findet heute fast ausschliesslich im privaten Raum statt.
Es fehlt das Bewusstsein, dass Christinnen und Christen mit ihrem Glauben
nicht allein sind. Dennoch bilden sie eine Gemeinschaft, in der sie gemeinsam
mit anderen Menschen auf der ganzen Welt Zeugnis ablegen von Jesus Christus,
der Hoffnung, die sie erfüllt. Während des Monats und am Sonntag
der Weltmission will Missio Schweiz-Liechtenstein auf diesen weltweiten
und gemeinschaftlichen Charakter der katholischen Kirche aufmerksam machen.
Christliche Erfahrung gibt es in fast allen Teilen der Welt. Während
des diesjährigen Missionsmonats im Oktober soll uns besonders die Kirche
in Mauritius begleiten. Der Inselstaat Mauritius liegt im Indischen Ozean
und ist weltweit vor allem als Tourismusdestination der gehobenen Klasse
bekannt. Mauritius ist aber auch ein Mosaik der Kulturen und Religionen.
Die ursprünglich unbewohnte Insel wurde in mehreren Etappen besiedelt.
Zuerst durch holländische Seefahrer, danach folgten französische
und englische Kolonisten. Die Kolonialherren brachten afrikanische Sklaven
und Lohnarbeiter aus Indien ins Land, später folgten Händler und
Kaufleute aus China. Heute leben im seit 1968 unabhängigen Mauritius
eine Mehrzahl von Volksgruppen, die sich ethnisch, sprachlich, kulturell
und religiös unterscheiden.
Gerade in der Vielfältigkeit dieser Völkergemeinschaft liegen
sowohl Chancen als auch Gefahren. Bedrückend empfinden viele Mauritierinnen
und Mauritier die gegenseitige Isolierung der Volksgruppen. Anstatt den
Austausch zu pflegen, bleiben sich die Landsleute fremd. Sie kennen das
Leben der anderen nicht oder nur oberflächlich und empfinden das Unbekannte
fremder Kulturen und Religionen als Bedrohung. In Mauritius spricht man
deshalb vom «Kommunalismus».
«Mosaik», ein interreligiöses Projekt des Zentrums Pont-Praslin
(rund 20 km östlich der Hauptstadt Port Louis), hat sich zum Ziel gesetzt,
diese unsichtbaren, aber stets präsenten Schranken zu durchbrechen.
Zur Gruppe gehören junge Christen, Hindus und Muslime, die ihre Kenntnisse
fremder Religionen verbessern und den eigenen Glauben vertiefen wollen.
«Zuerst muss ich mich selbst kennen, erst dann kann ich den anderen
kennen lernen. Das Fremde bereichert uns, wenn wir es akzeptieren. Das bedeutet,
den Glauben und die Spiritualität leben, Zeugnis ablegen und handeln,
erfüllt vom Respekt gegenüber dem andern.» Mit diesen Worten
umschreibt Nina Gopaul das Programm von «Mosaik».
Die Auseinandersetzung mit den nichtchristlichen Religionen ist eine der
grössten Herausforderungen für die katholische Kirche in Mauritius.
Als eine Minderheit von gut einem Viertel der Bevölkerung (27%) leben
die Katholiken neben Hindus (50,6%), Muslimen (16,3%), evangelischen Christen
(5%) und Angehörigen anderer Religionen (z.B. Buddhismus, Taoismus).
Mit dem Slogan «Dem Dialog verpflichtet» thematisiert Missio
im Monat der Weltmission die Situation der mauritischen Christen, die angesichts
der gesellschaftlichen Vielfalt in ständiger Auseinandersetzung mit
ihrer Umwelt stehen. Hier zielt der Dialog auf das Alltägliche, auf
die Lebensrealität schlechthin. Dialog meint hier nicht allein die
Diskussion religiöser Fragen. Er ist wesentlich Austausch von Erfahrungen,
Meinungen, Ansichten und Überzeugungen. In der dialogischen Auseinandersetzung
muss die eigene Position exakt formuliert werden, um sie anderen verständlich
und verstehbar zu machen. Deshalb bietet der Dialog die Gelegenheit zur
intensiven Beschäftigung mit sich selbst, besonders mit dem eigenen
Glauben. Bevor wir fragen: «Was glaubst du?» oder «Wer
bist du?» müssen wir uns selber fragen: «Was glaube ich?»
oder «Wer bin ich?». Durch den Dialog können wir uns selber
besser kennen lernen.
Im Dialog mit anderen Glaubensüberzeugungen setzen wir den eigenen
Glauben kritischen Anfragen aus. Diese Offenheit ist entscheidend, weil
sie Glauben und Religion vor einer Verengung bewahrt. Die Bereitschaft,
eigene Positionen und Überzeugungen kritisch zu hinterfragen und hinterfragen
zu lassen, erhält den Glauben lebendig.
Monat und Sonntag der Weltmission bieten die Chance, nicht nur auf den Glauben
der anderen, sondern auch auf unseren eigenen Glauben zu hören. Die
Beschäftigung mit den Katholikinnen und Katholiken von Mauritius lenkt
den Blick auf unser unmittelbares Umfeld. Es stellt sich die Frage, ob ihre
Erfahrungen im Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt auch
den Katholiken in der Schweiz Denkanstösse vermitteln können.
Denn auch wir leben in einer stets vielfältigeren Gesellschaft, in
der wir durch die Präsenz des Fremden und Anderen gefordert sind. Wie
wir dieser Herausforderung begegnen, dürfte für ein menschenwürdiges
Zusammenleben in Frieden entscheidend sein. Der offene und vorurteilslose
Dialog mit denen, die anders sind, stünde auch uns und unserer Kirche
gut an.
Urban Schwegler ist theologischer Mitarbeiter von Missio Schweiz-Liechtenstein.
1 19. Oktober 2003: Sonntag der Weltmission. Am 19. Oktober feiert die katholische Kirche den Sonntag der Weltmission. Es wird daran erinnert, dass alle Ortskirchen der Welt gemeinschaftlich miteinander verbunden sind. Zum Ausdruck kommt diese Gemeinschaft in der solidarischen Kollekte für den Missio-Ausgleichsfonds zugunsten von Bistümern und Projekten in den Kirchen des Südens.