40/2003

INHALT

Leitartikel

Der Rosenkranz - ein schwieriges Thema!

von Urs-Beat Frei

 

So gerne schwierige Themen verdrängt werden, so aufschlussreich sind sie in der Regel. Dies gilt auch für den Rosenkranz. Darum drei Feststellungen zu Beginn, die deutlich ausgesprochen werden müssen: 1. Keinem Ausdruck der katholischen Frömmigkeit haftet so sehr das Odium des Traditionellen, gar Traditionalistischen, des Unzeitgemässen, ja Antimodernen an wie dem Rosenkranz. 2. Kein anderes Gebet der Christenheit hat eine so spannende, vielfältige und vielschichtige Geschichte wie die monotone, repetitive Frömmigkeitsübung des Rosenkranzes. Doch kaum jemand kennt sie. 3. Diese Frömmigkeitsübung hat die abendländische Kultur so sehr mit geprägt, dass im Katholizismus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Beten praktisch bedeutete: den Rosenkranz beten. Zweifelsohne ist der Rosenkranz als die Meditationsform des westlichen Christentums zu bezeichnen, nur ist sich praktisch niemand in der Öffentlichkeit dessen bewusst.
Diese Feststellungen müssen zu denken geben, zugleich beinhalten sie eine gewaltige analytische beziehungsweise diagnostische Herausforderung: Wie und warum ist die Meditationsform des westlichen Christentums in die Situation gekommen, in der sie sich aktuell befindet, wohingegen andere, vor allem östliche Meditationsformen boomen? Was führte zum heutigen Image des Rosenkranzes? Und welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Natürlich kann auf diese Fragen hier keine umfassende Antwort gegeben werden. Um aber in diese Richtung wenigstens vorzuarbeiten, gilt es zunächst, schnelle und vereinfachende Antworten abzuweisen und die Frage möglichst umfassend anzugehen. Es ist im wörtlichen Sinne not-wendig, sich zuerst geschichtlich kundig zu machen. Dabei ist der distanzierte, klärende Blick nach beiden Seiten zu richten: auf die Tradition, um sie vom Traditionalistischen zu befreien, und auf die Moderne, um deren Antireflex zu überwinden.

Kultureller Zugang

Diesen Ansatz verfolgt die Ausstellung «Zeitinseln ­ Ankerperlen. Geschichten um den Rosenkranz» im Museum Bruder Klaus Sachseln, die wegen ihres aussergewöhnlichen Erfolgs bis zum 23. November 2003 verlängert wird. In diesen Tagen erscheint dazu die umfangreiche und mit zahlreichen Abbildungen versehene Begleitpublikation Der Rosenkranz. Andacht ­ Geschichte ­ Kunst. Darin wird erstmals versucht, mit Beiträgen eines international zusammengesetzten Teams von Autorinnen und Autoren, das «Phänomen Rosenkranz» in seiner ganzen Komplexität zu erfassen und aus der Sicht verschiedener Disziplinen zur Darstellung zu bringen. Ausstellung und Buch wollen nach allen Seiten hin, über Fach-, Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg aktuelle Vermittlungsarbeit leisten und damit Grundlagen anbieten für die Beantwortung der oben genannten Fragen.
Nicht das päpstliche Schreiben «Rosarium Virginis Mariae» vom vergangenen Oktober oder daran anschliessende amtskirchliche Verlautbarungen und auch nicht Veröffentlichungen von Seiten der Wissenschaftsinstitutionen, sondern die Ausstellung in Sachseln, die bereits von über zehntausend Personen besucht wurde und ein grosses Medienecho findet ­ auch über die Landesgrenzen hinaus ­, vermochte das Thema Rosenkranz für eine breite, auch nicht-katholische Öffentlichkeit zu erschliessen. Das zeigt, dass Museen, wie das Museum Bruder Klaus Sachseln eines ist, durchaus einen seelsorgerlichen Auftrag wahrnehmen, der in der postmodernen Welt nicht zu unterschätzen ist und zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Korrektur der Tradition

Das päpstliche Schreiben hat freilich das wichtige Signal gesetzt, dass eine Tradition auch offiziell korrigiert und erneuert werden kann. Die Geschichtlichkeit derselben wird dadurch bewusst und der Blick zurück und nach vorne zugleich gelenkt.
Zum einen ist die Betonung, dass der Rosenkranz ein Gebet für den Frieden sein soll, vor dem historischen Hintergrund als Korrektiv zu lesen: Lange nämlich wurde der Rosenkranz geradezu als Kampfmittel verstanden (in der frommen Überlieferung der Rosenkranzspende an Dominikus gegen die Albigenser, bei der Schlacht von Lepanto gegen das Osmanische Reich usw.).
Zum andern wird mit der Einführung des «lichtreichen Rosenkranzes» die Passionszentriertheit aufgebrochen, die aus der Entstehungsgeschichte des Leben-Jesu-Rosenkranzes am Ende des 15. Jahrhunderts und der damals verbreiteten Leidensmystik zu verstehen ist. Bevor der Rosenkranz über die Bruderschaften zum Volksgebet wurde, gab es Fassungen, die mittels kleinster Sequenzen in bis zu 150 Geheimnissen das ganze Leben Jesu meditierten (bei Dominikus von Preussen etwa). Auch wenn die neuen Geheimnisse in die Richtung einer präsentischen Eschatologie weisen, liegt ihr Schwerpunkt noch immer mehr auf der Offenbarungsperson Jesu als Sohn Gottes, und somit bei der traditionellen Christologie, denn auf dessen konkretem Heilshandeln in Begegnungen, Berufungen und Heilungen. Letzteres aber wurde vor allem in der jüngeren exegetischen Forschung als der ursprünglichere Aspekt herausgestellt.

Imitatio Christi

Um die Erneuerung konsequent und mit Bedacht fortzuführen, ist ­ nochmals ­ der Blick auf die Anfänge des Gebets respektive des Betens mir der Kette zu richten, das mehr durch seine rhythmisch-repetitive Form gekennzeichnet ist, als durch seinen Inhalt. Bruder Klaus jedenfalls kannte eine Vielfalt von Inhalten, mit einer klaren christologischen Ausrichtung. Das macht eine neue Interpretation der bekanntesten Darstellung von ihm, des Sachsler Altarbildes von 1492, überraschend deutlich. Auf diesem wird der Eremit mit einer schlichten Gebetskette ohne Einteilung dargestellt. Bei der Deutung dieses Attributs ist es wohl aufgrund der besonderen Umstände der Entstehung dieses Bildes gerechtfertigt, über die Typologie der Darstellung hinauszugehen ­ in dem Sinne, dass es sich bei dieser Gebetskette nicht (nur) um ein generelles, sondern (auch) um ein individuelles Attribut handelt. Was bislang nie im Zusammenhang mit der entsprechenden Typologie gesehen wurde, ist die Physiognomie des Heiligen auf diesem Bild. Diese wurde stets nur unter dem Aspekt der Porträtähnlichkeit diskutiert. Meines Erachtens müssen aber die gewiss vorhandenen individuellen Züge vor dem Hintergrund der allgemeinen Typologie gelesen werden, und zwar nicht nur in kunsthistorischer Optik!
Da es sich bei der Sachsler Altartafel zweifelsohne um den physiognomischen Typ des Christusantlitzes handelt, wird diese Lesart auch aus theologischer Sicht höchst bedeutungsvoll. Bruder Klaus erscheint demnach als einer, der in ausgezeichneter Weise christusförmig geworden ist und auf vorbildliche Art die Imitatio Christi verwirklicht hat, und dies wohl nicht nur als Eremit, sondern auch als politischer Ratgeber, der er vom Ranft aus ebenso war. Genau diesem Zweck, der Imitatio Christi, aber diente im Mittelalter die Form der zergliedernden Meditation, insbesondere der Passion, mittels der Gebetskette. Insofern erweist sich auf dieser Darstellung das «Bätti» von Bruder Klaus als das Mittel und sein Antlitz als das (realisierte) Ziel der Meditation. Dadurch erfährt die Andachtskette eine sonst nie gesehene, völlig einzigartige christologische Nobilitierung und erweist sich, weil und insofern Christus als Idealtyp des Menschen gilt, als Signum des (religiösen) Menschen schlechthin.

 

Urs-Beat Frei, Theologe und Kunsthistoriker, hat als Leiter des Museums Bruder Klaus in Sachseln das Ausstellungskonzept erarbeitet.

Die Ausstellung «Zeitinseln ­ Ankerperlen. Geschichten um den Rosenkranz» wird bis am 23. November 2003 verlängert. Museum Bruder Klaus, 6072 Sachseln. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 9.30 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr. Auskunft: 041 660 55 83, www.kulturfenster.ch/art/mbk

Das Buch zur Ausstellung: Urs-Beat Frei, Fredy Bühler, Der Rosenkranz. Andacht ­ Geschichte ­ Kunst, Benteli Verlag, Bern 2003, Fr. 78.­ (in der Ausstellung Fr. 68.­).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003