39/2003

INHALT

Leitartikel

Wege zur Unsterblichkeit?

von Rolf Weibel

 

Ein Aquarium mit Zebrafischen in der eben eröffneten Sonderausstellung «Wege zur Unsterblichkeit? Dialog mit Religion, Naturwissenschaft, Spiritualität» des Schweizerischen Landesmuseums, von zwei Seiten her sichtbar: Von der Religion her geht es um die symbolische Bedeutung des Wassers und des Fisches im Judentum, Christentum und Islam; von der Naturwissenschaft her veranschaulicht es die erst letztes Jahr in «Science» veröffentlichte Erkenntnis, dass der Zebrafisch in der Lage ist, Herzzellen zu regenerieren, so dass bei ihm im Unterschied zum Menschen ein Infarkt nicht einfach nur Narben hinterlässt.
Über dieses Aquarium kommen Religion und Naturwissenschaft noch nicht ins Gespräch, welches das erklärte Ziel dieser Sonderausstellung ist, die in Zusammenarbeit mit der Stiftung Science et Cité zustande gekommen ist. Diese Stiftung fördert mit Unterstützung des Bundes das Gespräch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, dem das Gespräch zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen vorausgehen muss. Für das Landesmuseum ist der Zugang insofern ein kulturwissenschaftlicher, als die Kultur als Mittel dient, die Gegenwart besser zu verstehen. Deshalb sammelt es auch nicht einfach historisch relevante Objekte, sondern stellt sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz heraus.
Auch die Thematik der Sonderausstellung ist gesellschaftlich und damit auch kulturell relevant: Wohl sind in der Öffentlichkeit vordergründig lebenswissenschaftliche Themen wie Stammzellenforschung und Klonen aktuell; grundlegender jedoch ist die Gegebenheit, dass unsere Kultur auf unserer Sterblichkeit gründet und aus der Sehnsucht nach Unsterblichkeit lebt, wie der Ausstellungsmacher Urs Baumann vor den Medien ausführte.
Die Sonderausstellung besteht aus der eigentlichen Ausstellung in der Ruhmeshalle des Landesmuseums mit dem «Café Unsterblichkeit» im Salon Rouge, das dem Dialog von Religion, Naturwissenschaft und Spiritualität einen einladenden Raum anbietet. Zudem wurde für den Schulunterricht eine didaktische Hilfe, eine Dokumentations-Mappe erarbeitet. Die Thematik legt eine Zusammenarbeit verschiedener Lehrkräfte nahe; so könne der Besuch der Ausstellung vom Religions- und Biologielehrer sowie vom Geschichtslehrer begleitet werden.<1> Schliesslich wurde ein umfangreiches Begleitprogramm vorbereitet, mit dem die Ausstellung vertieft wird und in dem nach noch weiteren Wegen zur Unsterblichkeit gefragt wird.
Die Ausstellung selber beginnt mit dem Raum der vanitas, der Vergänglichkeit, von dem aus in drei parallele Räume eingetreten werden kann; jeder Raum zeigt als Ausweg aus der Sterblichkeit eine kulturelle Überlebensstrategie: Religion als Gemeinschaft, die das Individuum in ein lebenslanges Sinngefüge einbettet und ihm so Geborgenheit schenkt, Naturwissenschaft, die das Leben ins Endlose verlängern sollte, Spiritualität als individueller Weg der Erleuchtung, der im gelungenen Moment der Meditation von der Zeiterfahrung befreit: von der Erinnerung als Vergangenheit und der Erwartung als Zukunft. Im Raum der vanitas, mit fotografischen Arbeiten von Hans Danuser gestaltet, werden die drei Wege als unterschiedliche Möglichkeiten angepriesen, die Zeit hinter sich zu lassen: Religion wolle Zeit besiegen, Naturwissenschaft Zeit gewinnen und Spiritualität Zeit überwinden. Der Himmel im Raum der Religion ist der Bilder-Himmel von Hergiswald, der Himmel im Raum der Naturwissenschaft ein Himmel voller naturwissenschaftlicher Modelle, in der Gestaltung jenem von Hergiswald entsprechend, der Himmel im Raum der Spiritualität ein in Glasfasertechnik realisiertes korrektes Abbild des Sternenhimmels.
Mit dem, was in den drei Räumen anzuschauen und zu lesen ist ­ und es gibt viel zu lesen ­, sollte nicht Vollständigkeit, sondern Anschaulichkeit erreicht werden, weil nicht informiert, sondern kommuniziert werden soll; die Klanginstallationen von Eduard Gürber sind wichtige Unterbrechungen. Im Raum der Religion kommen Judentum, Christentum und Islam als Buchreligionen mit einer Schöpfungs- und Erlösungslehre zur Darstellung; am meisten Raum steht ihren Feiern der Lebenswenden und den dabei gebrauchten Objekten zur Verfügung. Im Raum der Naturwissenschaft ist der Lebenszyklus des Menschen aus zellbiologischer Sicht zentral. Als Leitinteressen werden aufgelistet: Zeit gewinnen, Organismen reproduzieren, Organe züchten, Zellgewebe regenerieren. Am Ende dieses Weges steht die Frage, ob und warum Naturwissenschaft und Unsterblichkeit zusammengehören oder nicht, worauf rund fünfzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widersprüchlich antworten. In den Raum der Spiritualität ­ gemeint ist damit Religiosität ausserhalb organisierter Religion ­ führt ein enger mit Pflanzen gesäumter Weg; auf einer Wand sind Aussagen zu lesen wie: «Spiritualität ist, in aller Vergänglichkeit das Unvergängliche zu erleben.» In diesen Raum eingebaut ist eine klassische Hatha-Yoga-Zelle. Wie der Schritt von der betonten Subjektivität zum gewünschten inter-subjektiven Dialog gelingen könnte, wurde nicht thematisiert.
Die Reihenfolge, in der die drei Wege gegangen werden, ist offen; am Ausgang jeden Weges stehen Sätze, die zum Besuch eines anderen Weges einladen. Der Weise, wie die drei Wege hier voneinander unterschieden und abgegrenzt werden, muss zum Teil widersprochen werden. Wem empfohlen wird, nach dem Weg der Religion als Weg des Glaubens auch den Weg der Naturwissenschaft als Weg des Verstehens zu gehen, kann antworten: Auch auf dem Weg der Religion war Verstehen gefragt, das Aquarium auf diesem Weg macht erst Sinn, wenn Wasser und Fisch als Symbole verstanden werden. Gefragt wäre hier ein Austausch über die Hermeneutiken oder die Verstehensweisen in den verschiedenen Kulturbereichen. Überhaupt ist der Gang durch die drei Räume noch kein Dialog. Dieser muss von den Menschen geführt werden, die die Ausstellung besuchen; die Ausstellung kann dazu nur anregen.<2>


Anmerkungen

1 Die Dokumentations-Mappe kann bestellt werden bei Myriam Kunz, Telefon 012186504, E-Mail myriam.kunz@slm.admin.ch

2 www.unsterblichkeit.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003