35/2003

INHALT

Leitartikel

Arme sterben früher

von Detlef Hecking

 

Wer die Website www.caritas.ch anklickt, stösst zurzeit auf die aufrüttelnde Schlagzeile «Arme sterben früher». Sie verweist auf die Studie «Soziale Schicht, Mortalität und Rentenalterspolitik in der Schweiz», die Gabriela Künzler und Carlo Knöpfel für die Caritas Schweiz verfasst haben. Um zentrale Ergebnisse der Studie zu vermitteln, wird auf der Homepage der Caritas zu einem persönlichen «Lebenserwartungs-Test» eingeladen: Wer einige Daten zu seiner gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Situation eingibt, kann sich aufgrund von statistischen Durchschnittswerten die persönliche Lebenserwartung berechnen lassen ­ und gleich noch ausprobieren, wie sich seine Lebenserwartung beispielsweise bei höherem Bildungsstand, tieferem Einkommen oder abnehmendem Zigarettenkonsum verändert. Garniert werden die Testfragen mit ausgewählten Ergebnissen aus der Studie. So sterben beispielsweise im Kanton Genf proportional fast dreimal mehr Fabrikarbeiter als Wissenschaftler vor dem 65. Geburtstag ­ und trotzdem werden Frühpensionierungen in der Schweiz doppelt so oft bei Führungskräften wie bei Personen ohne Führungsaufgaben vorgenommen.
Die Caritas-Studie entstand 2002, noch bevor Bundesrat Pascal Couchepin als frisch gebackener Sozialminister die Debatte um ein höheres Rentenalter neu entfacht hat. Ähnliches war schon vor Jahren bei der wegweisenden Studie zu den «Working Poor» und bei anderen Gelegenheiten zu beobachten. Die Caritas ist der sozialpolitischen Diskussion in der Schweiz oft einen Schritt voraus und kann deshalb wichtige Themen besetzen oder gar neu lancieren. Sie tut dies mit einer Qualität und auch medialen Professionalität, die in kirchennahen Kreisen ihresgleichen sucht. Der «Sozialalmanach Schweiz» wurde inzwischen zum fünften Mal veröffentlicht, der «Prix Caritas für Menschlichkeit» am 10. Juli zum ersten Mal mit grossem Medienecho verliehen (an den auch für den Friedensnobelpreis 2003 nominierten irischen Priester Shay Cullen, der seit 1969 auf den Philippinen gegen Menschenhandel und Kinderprostitution kämpft) und der Caritas-Award für von Jugendlichen gestaltete soziale Websites neu ausgeschrieben. Wenn die «Cari-Täter» ans Werk gehen, bürgt das für langfristig wichtige Themen abseits tagespolitischer Effekthascherei. Die Stimme der Caritas findet weit herum Beachtung und ist aus der sozialpolitischen Diskussion in der Schweiz nicht wegzudenken.
Mit ihrer Grundlagenarbeit, mit langfristigen Projekten und Leistungsvereinbarungen sowie mit ihrer kurzfristigen Hilfe für Bedürftige und Katastrophenopfer im In- und Ausland erbringt die Caritas Schweiz «einen Beitrag zu einer etwas solidarischeren und gerechteren Welt», wie es Direktor Jürg Krummenacher bescheiden formuliert. Die Caritas steht damit in guter biblischer Tradition.
Schon die 2500 Jahre alte biblische Sozialgesetzgebung identifizierte mit grossem Scharfblick Personengruppen, die sozial und ökonomisch besonders gefährdet waren. Dazu gehörten damals in erster Linie Witwen, Waisen und «Ausländer», also Personen, die sich nicht auf vorbehaltlose Unterstützung durch eine Grossfamilie vor Ort verlassen konnten. Die biblische Sozialgesetzgebung wollte den rechtlichen Status solcher Personengruppen sichern und sie vor Unterdrückung und Abhängigkeit schützen (z.B. Ex 22,20­26; Dtn 24,17f.; Lev 24,22). Zudem sprach sie ihnen gewisse Sonderrechte zu, damit sie ihren Lebensunterhalt selbständig erarbeiten konnten. Fremde, Witwen und Waisen durften zum Beispiel auf den Feldern Nachlese halten, wobei der Ertrag der Nachlese durch ein Verbot der maximalen Aberntung von Feldern und Fruchtbäumen gezielt vergrössert wurde (Lev 23,22; Dtn 24,29­22).
Für den Fall, dass diese Regelungen ihr Ziel ­ eine einigermassen ausgeglichene Gesellschaft ­ verfehlten, standen noch grundsätzlichere Gebote zur Verfügung: «Wenn dein Bruder verarmt und seine Hand neben dir wankend wird, dann sollst du ihn unterstützen (wie) den Fremden und Beisassen, damit er neben dir leben kann» (Lev 25,35). Modern ausgedrückt bedeutet dies: Existenzsichernde Unterstützung, auch für Ausländer und Menschen mit ungeregeltem Aufenthalt.
Mit ihrer Kombination von Rechtsschutz, Eigenverantwortung und völkerübergreifender Solidarität hat die biblische Sozialgesetzgebung also ein fast modernes «sozialstaatliches» Instrumentarium entwickelt, von dem so mancher Sozial- und Ausländerpolitiker noch viel lernen könnte. Die «Witwen und Waisen» aus biblischen Zeiten sind zwar inzwischen einigermassen abgesichert, dafür verfangen sich aber zum Beispiel junge Familien, Alleinerziehende und Pflegebedürftige leicht in der Armutsfalle. Und immer noch gefährdet sind die «Fremden» der biblischen Sozialgesetzgebung. Sie gehören heute zu einer der wichtigen Klientelgruppen der Caritas Schweiz, vor allem in der Arbeit mit Flüchtlingen und Asyl Suchenden.
Die Caritas wedelt in ihrer Arbeit zwar nicht mit der Bibel und bedient sich auch keiner religiösen Argumentation. Stattdessen beruft sie sich auf Prinzipien wie Solidarität und Gerechtigkeit, die auch in einer postchristlichen Gesellschaft diskussions- und mehrheitsfähig sein könn(t)en. Der kirchliche, ja sogar konfessionelle Hintergrund der Caritas wird auf der Homepage nur sehr diskret deutlich. Angesichts der tiefen Glaubwürdigkeitskrise, die die Kirche und kirchennahe Organisationen durchmachen, ist die Caritas damit gut beraten. Schliesslich werten schon zahlreiche biblische Texte das konkrete Tun zu Gunsten Benachteiligter höher als ein (Lippen-)Bekenntnis.
Kurz gesagt: Die Caritas ist ein Glücksfall ­ nicht nur für die Soziallandschaft Schweiz, sondern auch für die katholische Kirche. Die Caritas Schweiz ist zurzeit wohl eine der verlässlichsten Hüterinnen der sozialpolitischen Anliegen der Bibel. Dass sie sich dabei scheinbar mühelos in unserer postchristlichen Spass- und Mediengesellschaft bewegt und zudem noch vieles zu bewegen vermag, sollte all jenen zu denken geben, die sich über die vermeintliche Kirchenfeindlichkeit mancher Medien beklagen.
Das zweite Buch der Könige in der Bibel erzählt die Geschichte von der Frau von Schunem (2 Kön 4,8­37). Sie scheut keine Kosten und Mühen, um gelegentlich den Propheten Elischa zu beherbergen, und baut sogar ein eigenes Zimmer für ihn an ihrem Haus an. Der Gottesmann seinerseits bringt Leben und Zukunft in ihr gastfreundliches Haus. Er verheisst der kinderlosen Frau einen Sohn und erweckt ihn obendrein nach seinem allzu frühen Tod wieder zum Leben. Am kommenden Caritas-Sonntag kann, bildlich gesprochen, in vielen Pfarreien Ähnliches passieren: Er bietet die Gelegenheit, der Caritas und ihren sozial- und entwicklungspolitischen Anliegen den roten Teppich auszurollen. Wenn die Tätigkeit der Caritas auf fruchtbaren Boden fällt, kann das eine Pfarrei durchaus zum Leben auferwecken. Wie sagte noch Bischof Jacques Gaillot so kurz und prägnant? «Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts». Caritas Schweiz lebt vor, wie eine dienende Kirche aussehen könnte.

 

Der Theologe Detlef Hecking ist Präsident des Diözesanverbands Basel des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und leitet die Begleitkommission der Fachstelle Sozialarbeit der katholischen Kirche Bern. So hielt er bei der Delegiertenversammlung der Caritas Bern vom 20. Mai 2003 den Vortrag «Caritas in Korinth. Biblische Anstösse für Sozialarbeit und Sozialpolitik heute», der bei der Caritas Bern erhältlich ist (Postfach, 3000 Bern 14, bitte ein frankiertes und adressiertes C4-Kuvert beilegen).


Wasser und Not

 

Der im Amtlichen Teil dieser Ausgabe dokumentierte Aufruf der Bischofskonferenz zum Caritas-Sonntag 2003 knüpft an das internationale Jahr des Wassers an. Wasser und Not hängen denn auch oft sehr eng miteinander zusammen. Wir spüren es hierzulande höchstens, wenn Wochen lang kein Regen gefallen ist oder Regenfälle Erdrutsche, Steinschläge und Rüfenabgänge verursachen. Weltweit hingegen kämpfen Millionen von Menschen gegen die Naturgewalt von Überschwemmungen oder müssen Kilometer weit zur nächsten Quelle laufen, um an Trinkwasser zu kommen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003