33-34/2003

INHALT

Leitartikel

Kirche am Weg

von Toni Zimmermann und Roman Angst

 

Ein Kapellenbesuch oder ein Seelsorgegespräch, eingebettet in den Alltag: vor oder nach der Arbeit, auf einem Ausflug, bei Besorgungen, einem Spitalbesuch, einem Arzttermin, einem Treffen mit Verwandten oder Freunden... Die ökumenische Bahnhofkirche im Zürcher Hauptbahnhof ist eine Alltagskirche! Sie liegt am Weg, mitten im alltäglichen Leben der Menschen.
In Athen sprach Paulus «jeden Tag mit den Leuten, die er am Marktplatz antraf» (Apg 17,17). Am grössten «Marktplatz» weit und breit ist die Bahnhofkirche mit ihrem spirituellen Angebot täglich präsent: im geschäftigen, lärmigen, hektischen, multikulturellen Hauptbahnhof Zürich, den pro Tag 350000 Menschen frequentieren. Mit ihrem Angebot entspricht die Bahnhofkirche offensichtlich dem heutigen Zeitgeist vor allem urbaner Menschen: Ein Kapellenbesuch oder ein Seelsorgegespräch sind hier weitgehend anonym: «Niemand beobachtet mich oder weiss davon. Hier kann ich kommen, wenn es mir gerade gut passt. Wenn mir danach zumute ist. Wenn ich den Mut zum Gespräch finde. Ohne Anmeldung, einfach so.» Das sind oft gehörte Aussagen von Besucherinnen und Besuchern der Bahnhofkirche.
Die 400 bis 700 Menschen, die täglich die Kapelle aufsuchen, sowie die 4 bis10 Personen pro Werktag, die ein persönliches Gespräch mit einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin wünschen, entsprechen ungefähr dem Querschnitt unserer Bevölkerung. Im Altersdurchschnitt sind Personen zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr am häufigsten vertreten ­ ein Personenkreis, der in einigen Kirchgemeinden eher weniger anzutreffen ist. Der hohe Anteil der Männer (40% in der Kapelle wie in den Seelsorgegesprächen) ist nach deren Aussagen vor allem in der Anonymität, der Spontaneität und dem niederschwelligen Zugang begründet.
Die Anzahl randständiger Personen entspricht ebenfalls in etwa dem Bevölkerungsquerschnitt. Sie zünden zumeist eine Kerze an oder suchen Rat bei den Seelsorgern, erhalten aber kein Geld.
Der Anteil Personen anderer Religionen beträgt schätzungsweise gegen zehn Prozent. Nicht selten kommt es vor, dass Menschen verschiedener Religionen gleichzeitig beten.
Gut die Hälfte der Besucher sind Menschen, die sich als Nichtkirchgänger oder als konfessionslos bezeichnen. Der Besuch der Bahnhofkirche ist für sie oft der erste persönliche Schritt in eine Kirche seit langer Zeit. Sie schätzen vor allem die Offenheit, die Anonymität und die Alltagsnähe. Hier können sie religiös freier atmen. Hier können sie ihre Religiosität, ihre Spiritualität in einem öffentlichen Raum leben, ohne dass sie sich gleich mit einer Institution identifizieren müssen.

Bedürfnisse und Anliegen der Besucherinnen und Besucher

In der Kapelle suchen die Menschen vor allem die Stille, die Zeit und den Raum für die eigene Seele: durchatmen und zur Ruhe kommen, nachdenken, meditieren, das Weg-Wort lesen, beten, neue Kraft finden, persönliche Anliegen in das aufliegende Buch schreiben, eine Kerze anzünden für sich, für andere, für die Welt... Die Anwesenden schätzen den schlichten und angenehmen kleinen Raum. Und sie lassen sich die Stille nicht nehmen. Besuche von Gruppen finden darum im nahe gelegenen Nachtwartsaal statt.
Das Weg-Wort ist gedacht als kurzer spiritueller Impuls auf den Weg in den Tag. Das als Andacht liturgisch gehaltene Weg-Wort wird täglich von rund fünfzehn Personen besucht. Auch hier zeigt sich, dass sich die Menschen den Zeitpunkt für einen geistlichen Zuspruch lieber selber aussuchen. Im Verlauf eines Tages lesen durchschnittlich 500 Personen das schriftlich aufliegende Weg-Wort in der Kapelle oder nehmen es mit auf ihren Weg. Noch mal so viele lesen es im Internet.
Im persönlichen Gespräch suchen die Menschen bewusst den Seelsorger, die Seelsorgerin. Es ist ihnen wichtig, ihre persönlichen Fragen, Anliegen und Probleme auf dem Hintergrund der für sie bedeutsamen christlichen Wert- und Sinnorientierung zu besprechen. Es gibt dabei kaum einen Themenbereich, der nicht zur Sprache kommt. Glaubensfragen werden in vielen Gesprächen direkt angesprochen. Oft enden die Gespräche mit der Bitte, dass der Seelsorger im Gebet an sie denken soll, nicht selten aber auch mit dem ausdrücklichen Wunsch um den Segen oder um das gemeinsame persönliche Gebet.

Sich abzeichnende Tendenzen

In den gut zwei Jahren des Bestehens der Bahnhofkirche (Eröffnung Pfingsten 2001) haben sich einige Tendenzen verdeutlicht, die unseres Erachtens auch für Kirchgemeinden und Pfarreien wie für die Zukunft unserer Kirchen insgesamt von einiger Bedeutung sind.

1. Spirituelle Präsenz im Lebensalltag der Menschen, an einem zentralen Ort

In der heutigen, oft oberflächlichen und verunsichernden gesellschaftlichen Situation wird die tiefe Sehnsucht der Menschen nach der spirituellen Dimension unseres Lebens wieder deutlicher vernehm- und spürbar. Verschiedene religiöse Gruppierungen haben dieses Bedürfnis längst erkannt und für ihre Zwecke wahrgenommen.
Die Angebote der Bahnhofkirche (christlich gestaltete Kapelle ­ offen für alle Religionen, persönliches Gespräch und Weg-Wort) kommen diesem vermehrten Bedürfnis nach Spiritualität im Lebensalltag sehr stark entgegen. Wir erhalten heute noch täglich mehrere mündliche und schriftliche Komplimente und Dankesworte mit den wesentlichen Aussagen: «Danke für diesen wunderschönen Raum der Stille. Gut, dass es die Bahnhofkirche gibt, gerade an diesem zentralen Ort.» Sie ist mittlerweile für viele zu einem Kraftort geworden.
Geschätzt wird vor allem auch, dass immer jemand anwesend und ansprechbar ist. Die Freiwilligen im Empfang neben der Kapelle geben mit ihrem regelmässigen Rundgang den betenden Menschen das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Ihre persönliche Ansprechbarkeit, auch wenn sie nicht benützt wird, durchbricht das Anonyme der Bahnhofsatmosphäre und ermöglicht ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. Die Bahnhofkirche ist niemandes Heimat und doch ein momentanes Zuhause für alle.
Auch das werktägliche Weg-Wort wird von vielen Menschen ausdrücklich als ein für sie wichtiger, nicht mehr wegzudenkender spiritueller Impuls für ihren Weg in den Tag gewürdigt. Dies vor allem deshalb, weil es den Spuren des Göttlichen im Alltäglichen und im menschlichen Miteinander nachspürt und darauf hinweist. Sicher auch deswegen, weil das Blatt einfach mitgenommen oder aus dem Internet ausgedruckt werden kann.

2. Halt und Orientierung

Unsere Zeit schenkt uns wenig Raum für die Seele. Die Welt ist heute oft so laut geworden, dass manches in uns nicht mehr zum Klingen kommt. Wir müssen darum Zeit und Ort zum Innehalten, Nachdenken, Verarbeiten und sich Orientieren ganz bewusst suchen.
Auch fühlen sich viele Menschen in ihrer Welterfahrung verunsichert. Der unüberschaubare Strom des täglichen Geschehens, die oft als widersprüchlich erlebte Informationsflut und die wirtschaftlich schwierige Situation führen immer mehr Menschen in die Überforderung. Viele suchen darum Halt und Orientierung. Halt durchaus im doppelten Sinn des Wortes: als Zwischenhalt, als Innehalten zum Verschnaufen ­ wie auch als Halt, an dem man sich orientieren kann.

3. Vertrauen in die christlichen Grundwerte

In den Seelsorgegesprächen wird ein überraschend grosses Vertrauen und Zutrauen in die christlichen Grundwerte deutlich, trotz teilweisem Unverständnis für gewisse kirchliche Strukturen und Verlautbarungen. Dass die christlichen Werte ein nach wie vor wichtiger Halt und Orientierungspunkt in ihrem Leben sind, hören wir besonders auch von Personen, die sich als konfessionslos bezeichnen oder sonst kaum in einer Kirche anzutreffen sind. Ihre überraschte und erfreute Reaktion auf das Angebot der Bahnhofkirche zeigt sich oft im erstaunten Ausruf: «Das hätte ich den Kirchen nie zugetraut! Da habe ich offensichtlich vom kirchlichen Geschehen einiges nicht mitbekommen.» So war der Besuch der Bahnhofkirche schon für einige der Anlass, wieder einmal die eigene Wohnortskirche aufzusuchen. Häufig ermutigen wir die Menschen zu einem Einstieg in die Gemeinschaft ihrer Pfarrgemeinde und vermitteln allenfalls die ersten Kontakte.

4. Seelsorge für Betroffene und Bewegte

Eine besondere Gruppe von Menschen sucht zunehmend das persönliche Seelsorgegespräch in der Bahnhofkirche: indirekt Betroffene und Bewegte im Umfeld von Unglücksfällen und andern belastenden Ereignissen. Das sind zum Beispiel Angehörige, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskolleginnen und -kollegen; ebenso zufällig Anwesende, Augenzeugen, Helfer, Betreuer und sonst wie Beteiligte; aber auch über die Medien bewegte Menschen.
Für die unmittelbar Betroffenen steht zumeist eine gute Betreuung durch die Seelsorgerinnen und Seelsorger an Ort, im Rahmen der Notfallseelsorge oder durch spezielle Care-Teams bereit. Die mittelbar Beteiligten aber haben oft wenig Gelegenheit, ihre Betroffenheit, ihr Aufgewühltsein mit jemandem verständnisvoll teilen zu können. Menschen zum Beispiel, die durch die Ereignisse in Zug, in Erfurt oder vom Krieg Israel/Palästina oder vom Hunger und Elend auf der Welt innerlich betroffen und aufgewühlt sind, finden in ihrer nächsten Umgebung oft wenig Gehör und Verständnis für die aufgekommenen Gefühle. Ihnen ist dann der Gang zur Bahnhofkirche wichtig. Ähnliches gilt für indirekt Betroffene von Selbsttötungen, von Suchtabhängigen, von sexuellen Übergriffen, von Gewaltverbrechen und andern Straftaten.
Die aktuellen Ereignisse lösen bei ihnen oft Erinnerungen an bestimmte eigene Erlebnisse und Erfahrungen aus, die nun zur Aussprache drängen. Hier ist kompetente Seelsorge gefordert.

Zusammenfassung

Mit ihrem besonderen Angebot spricht die Bahnhofkirche zu einem grossen Teil auch Menschen an, die sich sonst von den Kirchen nicht angesprochen fühlen. Sie gibt dem Zeitgefühl und dem Lebensverständnis heutiger Menschen offensichtlich Raum und ist gleichzeitig ein Ausdruck dafür.
Die Bahnhofkirche ist durch ihre zentrale Lage nahe bei den Menschen. Durch die Art ihres Angebotes wirkt sie zudem für viele Menschen als Türöffner für die eigene Religiosität und auch Kirchlichkeit. Sie trägt damit vieles bei zu einem positiven Image der Kirchen.
Vielen Menschen ist es ein grosses Bedürfnis, in einem offenen, persönlichen Rahmen mit einem Seelsorger, einer Seelsorgerin über Werte, Glauben und Sinnfragen reden zu können. Das weist deutlich auf die nach wie vor wichtige Bedeutung der Kirchen als Wertträgerinnen hin.
Die genannten Tendenzen weisen unseres Erachtens auf Aspekte hin, die durchaus auch in den einzelnen Kirchgemeinden und Pfarreien von einiger Bedeutung sind. In verschiedenen Pfarrverbänden und Seelsorgeräumen liessen sich an zentralen Stellen aber auch ähnlich gelagerte ­ den örtlichen Gegebenheiten angepasste ­ Projekte realisieren.
Mit der Präsenz der Bahnhofkirche als einem kraftvollen Ort der spirituellen Dimension mitten im Zentrum des urbanen Lebens haben die Kirchen ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft gesetzt.


Das Angebot der Bahnhofkirche

 

Im Zwischengeschoss bei den Schliessfächern, neben dem Glaslift, unter dem Engel (überall beschildert mit dem Kirche-Signet) hat die ökumenische Bahnhofkirche einen angemessenen Ort und eine angenehme Grösse gefunden.
Die Öffnungszeiten der Kapelle: Sie ist werktags von 7.00 bis 19.00 Uhr, an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet ­ an allen Tagen im Jahr.
Ein Seelsorger, eine Seelsorgerin ist während der Öffnungszeiten jederzeit bereit für ein persönliches Gespräch (ausser donnerstags und freitags über die Mittagszeit).
Eine Freiwillige, ein Freiwilliger hütet den Empfang, füllt Kerzen nach, schaut, dass die Kapelle zum Verweilen einlädt, gibt Auskünfte und hilft mit, dass Menschen den Weg zu einem persönlichen Gespräch finden. Insgesamt 22 Freiwillige leisten diesen unschätzbaren Dienst je während etwa vier Stunden pro Woche.
Von Montag bis Freitag halten die Seelsorgerinnen und Seelsorger um 7.00, 7.30, 8.00 und 8.30 Uhr ein ca. fünfminütiges Weg-Wort. Dieses Weg-Wort liegt den ganzen Tag über auch schriftlich zum Mitnehmen auf. Dazu kann es auf der Internetseite www.bahnhofkirche.ch eingesehen werden. Von 9.00 Uhr an projizieren die Freiwilligen das Weg-Wort als stille Besinnung stündlich an eine Wand in der Kapelle. In der einen oder anderen Form hören oder lesen durchschnittlich 800­1000 Personen pro Tag das Weg-Wort.
Eine Viertelstunde vor Schluss wird in der Kapelle ein liturgisches Abendgebet gehalten.
Obwohl die Kapelle klar christlich gestaltet ist, ist sie ein Ort der interreligiösen Gastfreundschaft. Sie steht allen Menschen offen. Die Zeichen der fünf grossen Weltreligionen zieren die Eingangstüre. Sie sind auch in der Kapelle über den aufliegenden wichtigsten Schriften dieser Religionen angebracht. Für Muslime gibt es eine Ecke mit einem Gebetsteppich.
Die beiden vollzeitlichen Seelsorger sind überdies ins Notfallpikett der SBB im Hauptbahnhof Zürich eingegliedert.
Ergänzend sind jeweils eine Seelsorgerin und ein Seelsorger teilzeitlich (je den halben Donnerstag) anwesend für das Weg-Wort und für Seelsorgegespräche.
Träger sind die katholische und die reformierte Kirche des Kantons Zürich sowie die reformierten und katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003