29-30/2003

INHALT

Leitartikel

Zeit der Ruhe

von Hanspeter Ernst

 

Endlich ist die Ferienzeit da. Glücklich, wer jetzt einige Tage der Ruhe und Entspannung geniessen, wer einfach da sein und das tun und lassen kann, was er/sie immer schon wollte. Viele entfliehen der Hektik des Alltags und finden Entspannung im Stress des Vergnügens. Andere leisten sich Aktivferien, einige sogar auf Anraten des Arztes. Denn die so ersehnte Ruhe kann lebensbedrohend werden. Ein Blick auf die Todesanzeigen in den Zeitungen lässt erschrecken: «Starb ganz unerwartet während der Ferien...». Ist doch eigenartig: Da stirbt jemand, weil er/sie sich ausruht. Und in der Kirche wird dann gebetet: requiem aeternam dona eis domine, ewige Ruhe schenke ihnen...
Es scheint fast so, als ob Ruhe eine gefährliche Droge wäre. Die einen führen sie ins Feld, weil sie ihre eigene Faulheit und ihre beruflichen Misserfolge damit kaschieren wollen. Für die anderen ist sie zwar individuell anzustreben, als kollektives Phänomen indes ist sie schädlich, wie das beispielsweise die Auseinandersetzungen um die Sonntagsruhe zeigen. Ruhe ja, aber individuell. Sie wird benötigt, damit sich jemand wieder mental aufbauen kann. Wer etwas leistet, wer etwas gibt, der/die muss auftanken. Ohne inneres Gleichgewicht geht es nicht. Aber was ist das für ein Gleichgewicht, das nur aktiver und effizienter werden lässt. Ruhe wird hier dazu missbraucht, noch schneller zu werden, noch mehr zu leisten, noch mehr... Und dabei ist nur zu bekannt, dass der globale Kollaps durch dieses noch mehr mindestens teilweise beschleunigt wird.
Ruhe, diese Einsicht werden viele bestätigen können, lässt sich nicht machen. Selbst wenn freie Zeit da ist, muss sie sich nicht automatisch einstellen. Ruhe ist ein Geschenk. Und Geschenke werden bekanntlich gegeben. Ruhe kann sich einstellen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, oder, negativ formuliert: Sie lässt sich verhindern. Das dürfte einer der Gründe sein, weshalb Ruhe so unterschiedlich gewertet wird. Wiederum soll die Sonntagsruhe als Beispiel dienen: Wieso soll es nicht möglich sein, an einem Sonntag einzukaufen, in aller Ruhe? Es muss ja niemand, wenn er/sie nicht will. Solche Argumente sind nicht neu. Schon die Römer konnten es nicht verstehen, dass die Menschen jüdischen Glaubens stur einen Tag nicht arbeiteten. Sie feierten Schabbat. (So wie es auch heute Christen und Christinnen gibt, die nicht verstehen, dass Menschen jüdischen Glaubens Schabbat feiern und dabei ganz bestimmte Regeln strikte einhalten.) Aus Sicht bestimmter römischer Kreise war dies eine reine Zeitverschwendung. Doch aus jüdischer Sicht sah und sieht es anders aus: Schabbat ist die Zeit des Aufhörens, Feierns. In seiner wohl ältesten Form lautet das Gebot apodiktisch: «Sechs Tage wirst/darfst du deine Arbeit tun, aber am siebten Tag wirst, musst du aufhören» (Ex 34,21). Ohne Begründung wird ein bestimmter Rhythmus eingeführt: sechs Tage Arbeit, ein Tag Ruhe. Später dann wird dieser Rhythmus begründet, einerseits mit der Erinnerung der Befreiung von der Sklaverei in Ägypten, andererseits mit dem Hinweis auf die Erschaffung der Welt. Wie die Israeliten von der Sklavenarbeit in Ägypten befreit worden sind, sollen sie nun nicht Sklaven und Sklavinnen der Arbeit werden. Sie sollen, indem sie aufhören und feiern, mit Gott zusammen die Schöpfung vollenden. Dieser letzte Gedanke beruht auf einer Deutung der letzten Verse des ersten Schöpfungsberichtes, die am Schabbat betend gelesen werden: «Es war Abend, und es war Morgen: Der sechste Tag. Vollendet waren der Himmel und die Erde und all ihre Schar. Da vollendete Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er gemacht hatte, und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er gemacht hatte. Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott hatte geschaffen» (Gen 1,31­2,3). «Rav Hammuna lehrte: Wer das Abendgebet bei Anbruch des Schabbats verrichtet und hierbei Ðsie vollendetenð betet, den sieht die Schrift so an, als wäre er Teilhaber Gottes am Schöpfungswerk» (bShab 119b). «Sie vollendeten» bezieht sich auf das Zitat «vollendet waren der Himmel und die Erde». Da der Hebräische Text nur die Konsonanten, nicht aber die Vokale schreibt, ist es möglich statt «vollendet waren» «sie vollendeten» zu lesen. Das heisst, die Vollendung der Schöpfung ist ein Werk von Gott und Mensch. Sie besteht in der Feier des Schabbats und im Segen. Das ist der Höhepunkt, das Ziel der Schöpfung: Gott und Mensch vollenden, ruhen, feiern zusammen, segnen.
Diese Deutung ist heute, mindestens in kirchlichen Kreisen, zu einem Allgemeinplatz geworden. Frage bleibt freilich, ob ihre Sprengkraft auch erkannt ist. Denn wie oft wird von Ruhe und time out gesprochen, die notwendig sind, um Abstand zur erdrückenden Last der Alltagsarbeit zu gewinnen. Schabbat meint aber nicht Abstand, er ist vielmehr die Feier und Vollendung dessen, was geschaffen wurde. Er bringt die Sinnhaftigkeit dessen, was wir tun, dessen, was uns geschenkt ist, zum Bewusstsein. Das macht er nicht einmal im Jahr, sondern alle sieben Tage. Er kommt, ist da. Menschen sollen ihn bewahren, sie können ihn nicht beliebig auf einen anderen Tag festlegen. Doch sind das gerade die Dinge, die quer zu Forderungen unserer Zeit stehen. Wo sind denn die «wir», die feiern wollen und die das Geschenk dieses einen Tages, der nicht der Arbeit und der Leistung gehört, annehmen? Wo sind sie, die das Geschenk über die eigenen subjektiven Befindlichkeiten stellen? Es braucht die Gemeinschaften, die das wollen. Wo sind jene Kräfte, die dem Diktat des «so und nicht anders» und der Behauptung, dass wir uns einen solchen Tag schlicht und einfach nicht leisten können, entgegentreten? Und wo ist das, was wir miteinander schaffen, das wir auch feiern können, das uns Sinn und Richtung geben kann?
Gewiss, Ferien sind nicht Schabbat. Wir können sie selbst festlegen, der Schabbat kommt. Aber sie haben etwas mit ihm zu tun. Denn die Ruhe der Ferien können wir erst geniessen, wenn wir nicht so auf den Hund gekommen sind, dass wir sie brauchen. Das aber könnte heissen, dass der Schabbat sein Licht auf unsere Wochentage wirft: Dann wird die Ruhe nicht tödlich. Sie heilt, vollendet und erquickt.

 

Der promovierte katholische Judaist Hanspeter Ernst leitet zusammen mit Michel Bollag das Zürcher Lehrhaus; er ist Redaktor der Zeitschrift Lamed, deren Sommernummer dem Thema Ruhe gewidmet ist.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003