27-28/2003

INHALT

Leitartikel

Gerät der christliche Osten in Vergessenheit?

von Rolf Weibel

 

Praktisch alle gemeinnützigen Werke in der Schweiz sind auf Spenden und ähnliche Zuwendungen angewiesen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Während im Inland tätige Werke im allgemeinen nicht klagen ­ die Krebsliga beispielsweise hat 2002 11,2 Prozent mehr Mittel erhalten als 2001 ­ ist das Spendenaufkommen bei bestimmten im Ausland tätigen Werken rückläufig. Sorgen haben vor allem kirchliche Werke, die ­ wie «Catholica Unio» und «Glaube in der 2. Welt» ­ im Osten tätig sind. Bei «Catholica Unio», dem katholischen Ostkirchenwerk, das auch Orthodoxe und Orientalische Orthodoxe Kirchen unterstützt, haben sich die Zuwendungen in den letzten zehn Jahren praktisch halbiert. Beim ökumenischen Institut «Glaube in der 2. Welt», das Projekte der kirchlichen und sozialen Aufbauarbeit in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa durchführt und über die kirchliche, gesellschaftliche und politische Situation in diesen Ländern informiert, droht die finanzielle Lage kritisch zu werden.<1>
Davon betroffen wäre nicht nur die Projektarbeit, sondern auch die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, die Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Religion im Arbeitsgebiet des Instituts im Auge hat und darüber nicht zuletzt in seiner Monatszeitschrift «G2W. Glaube in der 2. Welt. Forum für Religion und Gesellschaft in Ost und West» berichtet. Mit dem heutigen Institutsleiter Erich Bryner, Professor für Kirchengeschichte Osteuropas an der Universität Zürich, als Chefredaktor ist diese Zeitschrift eine wichtige Informationsquelle für Fragen des christlichen Ostens geworden ­ einschliesslich ihrer ökumenisch äusserst heiklen Gegebenheiten.
Am Anfang der Tätigkeit von «Glaube in der 2. Welt», gegründet 1972 als «Forschungs- und Informationsstelle Religion und Kirche im Kommunistischen Einflussbereich (FIRKKE)», war die Informationsarbeit die Haupttätigkeit. Die Stelle informierte hauptsächlich über den organisierten Kampf der damaligen Staatsführungen gegen Religion und Kirchen und über die Repressionen und Verfolgungen der Gläubigen. Dank der Beziehungen, die sich aus der Informationsbeschaffung ergeben hatten, konnte auch zunehmend praktische Hilfe von Mensch zu Mensch ­ «Osthilfe direkt» genannt ­ geleistet werden.
Mit der politischen Wende in Osteuropa, die im Herbst 1989 einsetzte, und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 veränderte sich die Aufgabenstellung des Instituts «Glaube in der 2. Welt». Denn obwohl vom «Kalten Krieg» geprägt, wurde mit dessen Ende das spezialisierte Institut nicht überflüssig; im Gegenteil: zum einen bedurfte und bedarf es erst recht seiner Hilfstätigkeit, die sich auf ein menschliches Beziehungsnetz und eigene Kenntnisse abstützen konnte und kann, und zum andern blieb und bleibt die Informationsarbeit wichtig: nicht mehr um auf Unterdrückung aufmerksam zu machen, sondern weil Religion, Kirchen und Glaubensgemeinschaften in der Entwicklung der ehemals kommunistischen Länder des Ostens gewichtige Faktoren sind.
Als eine der Ursachen des Spendenrückgangs für «Glaube in der 2. Welt» nannte Erich Bryner im Gespräch mit der SKZ eine «Russlandverdrossenheit». Auf der einen Seite sind die kirchlichen Beziehungen zwischen Russland und den Kirchen des Westens sehr gespannt: Die Beziehungen der Russisch-Orthodoxen Kirche zur Römisch-Katholischen Kirche sind auf einem Tiefpunkt und innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen haben die Orthodoxen Kirchen ihre Beziehungen zu den anderen Kirchen auf ein, wie manche Beobachter sagen, «realistisches» Mass zurückgenommen. Auf der anderen Seite sind die politischen bzw. rechtlichen Rahmenbedingungen für Projekte des sozialen Aufbaus in Russland und weiteren Ländern Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa sehr schwierig, so dass die Projektarbeit nicht mit raschen Erfolgen bezüglich Entwicklung aufwarten kann, sondern zunächst nur mit ihrer zielstrebigen und geduldigen Ausdauer glänzen kann.
Ähnlich wie die auf die Hilfe an die Länder im Süden spezialisierten Hilfswerke, deren Strategie sich von einer punktuellen Unterstützung von Projekten hin zu einer Zusammenarbeit in langfristigen Partnerschaften entwickelt hat, ist die Hilfe von G2W in Russland wie in anderen früheren Ostblockländern Aufbauarbeit. Diese hat, wie Erich Bryner erklärt, drei Schwerpunkte: 1. «Dienst am Wort», das heisst Aufbauhilfe für theologischen Unterricht; 2. Projekte der Menschenrechtsarbeit, konzentriert auf die Hilfe an zu Unrecht verurteilte Häftlinge in Gefängnissen und Straflagern, an schwer (meist an Tuberkulose) erkrankte Häftlinge und an Strafentlassene; diese Arbeit geschieht in enger Zusammenarbeit mit einem Verein für Strafgefangenenhilfe; 3. der kirchliche und soziale Aufbau.
Kurz- und mittelfristig kann mit solcher Aufbauhilfe Menschen in Not geholfen werden, und langfristig können ihre Lebensbedingungen verbessert werden. Zugleich kann an einer Brücke zwischen den Kirchen des Westens und den Kirchen des Osten gebaut werden. Erich Bryner macht es Sorge, dass gerade die Kirchen in Osteuropa immer mehr ins Abseits zu geraten scheinen, obschon sie es von ihrer Geschichte her, von ihrer Stellung in der Gegenwart und von ihrem Potential für die Zukunft überhaupt nicht verdienen.
Für eine nachhaltige Wirksamkeit der Arbeit von «Glaube in der 2. Welt» braucht es also Geduld. Geduld allein reicht aber nicht aus; es braucht zudem Unterstützung ­ auch finanzieller Art.


Anmerkung

1 Institut Glaube in der 2. Welt/G2W, Birmensdorferstrasse 52, Postfach 9329, 8036 Zürich, Telefon 0433222244, g2w.sui@bluewin.ch (www.kirchen/g2w/).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003