26/2003

INHALT

Leitartikel

Jugendliche in religiösen Fragen begleiten

von Marie-Theres Beeler

 

Wer in der kirchlichen Praxis mit Jugendlichen zu tun hat, kann sich daran gewöhnen, von Zeit zu Zeit von unterschiedlichen Seiten her belehrt zu werden über den richtigen Umgang mit dem Anspruch, Jugendliche adäquat in ihrer religiösen Welt abzuholen und sie auf einem spirituellen Weg zu unterstützen. Eine erste Belehrung lautet etwa: «Jugendliche interessieren sich kaum für Religion. Sie sind im Religionsunterricht nur mit lebenskundlichen Themen zu erreichen und in der kirchlichen Jugendarbeit mit einem sinnvollen Freizeitangebot. Mit Religion ist Zurückhaltung geboten.» Die Fehleinschätzung hinter dieser Belehrung ist jedoch augenscheinlich. Wer die zunehmende Ritualisierung jugendkultureller Räume und Veranstaltungen beobachtet, wird zumindest ein Bedürfnis nach Ritualen nicht übersehen können und die dahinterstehende Motivation als religiös oder zumindest als religionsähnlich<1> akzeptieren. In diesen Wochen machen in der ganzen Schweiz Plakate von DJ Bobo in Lichtgestalt auf seine Tournee aufmerksam ­ Plakate, die an Auferstehungsdarstellungen erinnern. Und Publikumszeitungen, die anlässlich von kirchlichen Festen Jugendliche über ihre Religion befragen, teilen uns ihre Verwunderung darüber mit, dass man gar nicht gedacht hätte, wie religiös Jugendliche doch sind.
Eine weitere Belehrung kommt von einer ganz anderen Seite: «Man muss nur mit klaren Botschaften an die Jugendlichen herantreten. Unsere religiös interessierten Jugendlichen wandern in die Freikirchen ab.» Freikirchliche Gruppierungen, die wenig Rücksicht auf traditionell gewachsene Ausdrucksformen von Religion nehmen müssen und strukturell beweglich sind, eignen sich jugendkulturelle Attribute an, um Jugendliche für ihre Sache zu gewinnen. Dies geschieht mit unterschiedlicher Seriosität, teilweise aber mit bemerkenswertem Erfolg, was die Nachfrage betrifft. Gleichzeitig werden die grossen Kirchen in Frage gestellt, ob sie denn überhaupt noch imstande seien, Jugendliche bei ihren religiösen Bedürfnissen und Ausdrucksformen abzuholen. Sie sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sich mit ihren Angeboten auf eine immer kleiner werdende Zahl von Jugendlichen zu beschränken, die aufgrund ihrer familiären Sozialisation noch einen Kontakt zur Kirche pflegen würden. Doch auch unabhängig von freikirchlicher Konkurrenz stellen sich viele Jugendverantwortliche in der Kirche die Frage, wie es denn möglich sei, Jugendliche auf ihrem Weg der Sinnsuche und religiösen Orientierung zu begleiten, ohne sie zu vereinnahmen.
Im Herbst des vergangenen Jahres hat die Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit der Deutschschweiz eine Publikation herausgegeben, die von zahlreichen Jugendseelsorgern und Jugendseelsorgerinnen in der Deutschschweiz sehnlichst erwartet wurde. Unter dem Titel «Jugend und Religion» erschien ein Projektbericht mit dem Untertitel «Neue Perspektiven für die religiöse Begleitung und Bildung Jugendlicher»<2>. In diesem Projekt haben Fachleute aus verschiedenen Bereichen der Jugendpastoral gemeinsam auf der Basis eines lebensweltlich orientierten Ansatzes die Bedingungen der religiösen Sozialisation Jugendlicher untersucht, den Auftrag der religiösen Bildung und Begleitung in der Jugendpastoral reflektiert und Postulate für die Praxis entwickelt.<3>

Stellenwert von Religion

Weil es in der Schweiz keine Daten über die religiöse Lebenswelt Jugendlicher gibt, wurde im Rahmen des Projektes eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Sie führt uns vor Augen, dass die Mehrheit der Jugendlichen keineswegs atheistisch ist. 73% stimmen der Aussage zu, dass es Gott oder ein höheres Wesen gibt.<4> Lediglich 6% sind der Meinung, es gebe sicher keinen Gott. Doch welche Bedeutung erlangt diese Einstellung im Leben der Jugendlichen? Welche Rolle spielen Glaube und Religion? Lediglich 21,3% der Jugendlichen bezeichnen sich selber klar als religiös.<5> In Korrelation zu dieser Aussage erfahren wir dann, dass für 70% der Jugendlichen viele Dinge im Leben wichtiger sind als Gott und lediglich ein Fünftel der Befragten den Glauben im eigenen Alltag verwirklicht sieht.<6> Was bedeuten diese Daten für die religiöse Begleitung und Bildung Jugendlicher?
Das Potential an Religiosität Jugendlicher in seiner Entfaltung zu unterstützen, ist eine wichtige Aufgabe kirchlicher Jugendarbeit.<7> Dies zu tun wird aber zu einer anspruchsvollen Aufgabe in einer Gesellschaft, in der Religion öffentlich einen geringen Stellenwert geniesst und religiöse Erziehung an die Kirchen delegiert wird. Dennoch wird die religiöse Sozialisation von Kindern und Jugendlichen nicht in erster Linie durch kirchliche Angebote geprägt. Den dominanten Stellenwert der religiösen Sozialisation des Alltags erleben alle, die mit Kindern und Jugendlichen in einem kirchlichen Kontext zu tun haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Spiritualität und Gottesbeziehung fast ausschliesslich im Bereich des Privaten thematisiert werden können. Unser Zusammenleben stützt sich weitgehend auf den Glauben daran, dass die Welt sich durch die menschliche Zivilisation kontrollieren und beherrschen lässt: Es gibt kaum eine Sprache für das Unfassbare im öffentlichen Raum. Den niedrigen Stellenwert von Religion in der Öffentlichkeit gilt es wahrzunehmen, wenn wir über religiöse Bildung und Begleitung nachdenken. Andernfalls werden Religionspädagogen/-pädagoginnen und Jugendverantwortliche mit unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert. Die Einsicht darin, dass der quantitative «Misserfolg» religionspädagogischer Bemühungen primär gesellschaftliche und wohl auch kirchenpolitische Gründe hat und nicht auf die fehlende Kompetenz der in der Jugendpastoral Tätigen zurückzuführen ist, muss zunächst von unrealistischen Ansprüchen entlasten. Erst dann entsteht der Raum, um das Mögliche anzugehen und angemessene Formen religiöser Begleitung zu entwickeln.

Subjektivität des Glaubenlernens

Wenn wir über die Möglichkeiten des Zugangs zu Religiosität und Glaube nachdenken, kommen wir nicht darum herum, zunächst über die Art und Weise nachzudenken, wie in unserer Gesellschaft der Erwerb von Werten, Lebensstilen, Sinndeutungen funktioniert. «Kirchliche Jugendarbeit kommt nicht darum herum, die individualisierte Gesellschaft als Bedingungskontext ihres Handelns ernst zu nehmen.»<8> Der Begriff der «Glaubens-Weitergabe» kann missverständlich sein, insofern er suggerieren könnte, dass Glaube «übernommen» werden kann. Eine Vorstellung von Glaubensvermittlung als Übergabe eines Traditionsgutes, das von einer Generation an die nächste weitergereicht wird, steht jedoch der Art und Weise, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene in unserer Welt Entscheide für ihre Lebensführung treffen müssen, diametral entgegen. Biografische Prozesse verlaufen individuell, sind nach vorne offen und hoch komplex. Das Subjekt ist in einem hohen Mass in seiner Eigenleistung gefordert, denn es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens über religiöse Lebensführung. Jeder und jede hat eigenverantwortlich das Angebot an Möglichkeiten der Sinn- und Lebensdeutung zu bewältigen, für das eigene Leben Entscheide zu treffen und diese lebenslänglich immer wieder zu überprüfen. Die Auswahl an Bausteinen zur Konstruktion des eigenen Glaubenskonzeptes ist unzählig und erfordert ein hohes Mass an persönlicher Auseinandersetzung und Selbstverantwortung. Wem das zu anstrengend ist, lässt es eben bleiben und kommt zum Schluss, dass im eigenen Leben «viele Dinge wichtiger sind als Gott».
Die Individualisierung der Gesellschaft zieht die Individualisierung des Religiösen nach sich und stellt unter diesem Vorzeichen hohe Anforderungen an die religiöse Bildung und Begleitung. So steht im Zentrum jeder Art von religiöser Begleitung die Anforderung, die subjektive Entscheidungsfindung von Menschen zu unterstützen und zu ermöglichen. Glaube ist immer Glaube in der Bedeutung für eine bestimmte Person, muss mit subjektiven Erfahrungen verbunden werden können und eine Bedeutung für die Begründung der individuellen Lebensgestaltung gewinnen können. Und wenn Karl Rahner schon vor fast 40 Jahren gesagt hat, dass der Christ und die Christin von morgen Mystiker/Mystikerinnen sein werden oder gar nicht mehr<9>, dann entspricht diese Vision der heute festzustellenden Tatsache, dass dem Glauben subjektive religiöse Erfahrungen zugrunde liegen müssen, damit er für einen Menschen eine Bedeutung erlangen kann. Diese Erfahrungen sind nicht vermittelbar durch «Weitergabe» der christlichen Botschaft im Sinn eines Traditionsgutes, sondern entstehen im Zusammenleben von Menschen, die sich vom Göttlichen berühren lassen und auch darüber reden können. Religiöse Begleitung orientiert sich darum am Subjekt, was keineswegs die Bedeutung der christlichen Botschaft schmälert. Sie setzt sie jedoch für eine Art und Weise der Begegnung von Subjekt und Botschaft ein, die sich an den Erfahrungen, am Orientierungsbedürfnis, am Heil des Subjektes orientiert. Die kirchliche Jugendarbeit ist ein Ort, der Glaubenlernen in diesem Sinn ermöglicht, insofern Alltag geteilt wird, existentielle Erfahrungen unter Gleichaltrigen möglich sind und Menschen angetroffen werden, die sich ohne bestimmte Leistungserwartungen als Erwachsene einzulassen bereit sind.

Zuverlässige Beziehungen als Voraussetzung

Jedes menschliche Subjekt entwickelt sich im Austausch und Zusammenleben mit anderen Subjekten. Das gilt auch für die religiöse Entwicklung. Wir kommen nicht darum herum zu akzeptieren, dass Glaube ein sehr intimes Thema nicht nur für Jugendliche, sondern für alle Menschen geworden ist. Wenn Glaube individuell und subjektiv ist, wird er auch privat. In der religiösen Begleitung ist diese Tatsache sehr ernst zu nehmen und bedeutet, dass es viel Sorgfalt braucht, Schutz vor Verletzungen und Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen in der Bereitschaft, sich in einer Gruppe oder gegenüber einer Begleitperson zu öffnen. Austausch über ein intimes Thema setzt vertrauensvolle Beziehungen voraus. Jugendliche müssen sicher sein können, dass sie weder ausgelacht noch abgewertet werden, wenn sie Dinge preisgeben, die ihnen heilig sind. Sie werden sich nur gegenüber Menschen öffnen, die sie für glaubwürdig und vertrauenswürdig halten, seien das nun Erwachsene oder Gleichaltrige. Und es braucht Zeit und einen Rahmen von Freiwilligkeit, in dem zuverlässige Beziehungen wachsen können. Noch immer werden an den Religionsunterricht Erwartungen des Glaubenlernens in einem existentiellen Sinn gestellt. Wenn wir die Intimität von Religiosität und die Bedeutung von vertrauensvolle Beziehungen für deren Thematisierung ernst nehmen, werden wir den Religionsunterricht nicht mehr mit Erwartungen strapazieren dürfen, die er von seinem Wesen her nicht (mehr) erfüllen kann.

Eine klare Rolle ermöglicht Orientierung

Sosehr die Beziehung von Jugendlichen untereinander und von Jugendlichen zu Jugendseelsorger/Jugendseelsorgerin oder Jugendarbeiter/Jugendarbeiterin im Zentrum steht und eine hohe soziale Kompetenz erfordert: Beziehungsfähigkeit allein macht religiöse Begleitung noch nicht aus. Jugendverantwortliche in der Kirche sind nicht Religionsbegleiter/Religionsbegleiterinnen in eigener Mission, sondern stehen im Auftrag einer Institution. Dieser Auftrag bestimmt die Art und Weise mit, wie Jugendliche begleitet werden können. Jugendarbeitende brauchen eine Sicherheit in ihrer Berufsrolle, die ihnen ermöglicht, nicht zwischen widersprüchlichen Erwartungen zerrieben zu werden. Das kann jedoch passieren, wenn institutionelle Interessen der Kirche und die Bedürfnisse der Jugendlichen nicht in Einklang zu bringen sind oder wenn Jugendverantwortliche ihren Auftrag grundsätzlich anders verstehen als ihre Vorgesetzten. Glaubwürdigkeit gegenüber den Jugendlichen erfordert auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und mit der Möglichkeit, trotz kritischen Einstellungen eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber dem eigenen Arbeitgeber entwickeln zu können. Es braucht ein bestimmtes Mass an Übereinstimmung zwischen der Art und Weise, wie Jugendverantwortliche religiöse Begleitung verstehen und dem Verständnis ihrer Arbeitgeber/Arbeitgeberinnen. Um subjektorientiert arbeiten zu können, müssen Auftraggeber für diesen Ansatz gewonnen werden können. Nur so können sie ihn auch unterstützen. Andernfalls werden unerfüllte und unerfüllbare Erwartungen immer wieder die eigene Arbeit behindern und auch in der Begleitung Jugendlicher negativ wirksam sein. Klarheit des Auftrages kann entstehen durch klare Konzepte, Zielvorstellungen, Stellenbeschriebe, die mit den Arbeitgebern/Arbeitgeberinnen verhandelt werden. Sonst werden die ungeschriebenen Erwartungen zu Stolpersteinen, die ein ungeheures individuelles Engagement zunichte machen können.

 

Die Theologin und Supervisorin/Organisationsberaterin BSO Marie-Theres Beeler ist Lehrbeauftragte für kirchliche Jugendarbeit am Katechetischen Institut Luzern (KIL) sowie Verantwortliche für den Bereich Pastoral am IFOK. Institut für kirchliche Weiterbildung.


Anmerkungen

1 In der Religionssoziologie werden religionsähnliche Deutungen und Praktiken als funktionale Äquivalente bezeichnet. Funktionale Äquivalente bieten beispielsweise Erfahrungen von Ekstase oder ermöglichen Rituale, ohne dass jedoch die Existenz einer höheren Macht mit diesen Erfahrungen verbunden wird.

2 Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit (Hrsg.), Jugend und Religion. Neue Perspektiven für die religiöse Bildung und Begleitung Jugendlicher, Zürich 2001 (Bezug über die Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit in Zürich).

3 Dieser Bericht wird den folgenden Ausführungen zu Grunde gelegt.

4 AaO. S. 20.

5 AaO. S. 21.

6 Ebd.

7 Dies ist allerdings nicht die einzige Aufgabe, wenn wir von einem Selbstverständnis kirchlicher Jugendarbeit ausgehen, das sich auch als diakonische Aufgabe der Kirche begreift.

8 AaO., S. 40.

9 K. Rahner, Frömmigkeit früher und heute, in: Schriften zur Theologie, Band VII, Einsiedeln 1966, S. 22.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003