25/2003 | |
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Leitartikel |
Immer wieder wird innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklungen, welche mit «Säkularisation» und «Entkirchlichung» charakterisiert werden, auch kontrapunktisch die «Rückkehr der Religion» diagnostiziert. Heute beschreiben Religionssoziologen dieses Neuerwachen von «religiösen» Bedürfnissen aber eher mit «Neukomposition des Heiligen» (Danièle Hervieu-Léger). Dabei lassen sich zwei hauptsächliche Konturen dieses Phänomens beobachten: Einerseits die Rückkehr zu den eigenen spirituellen Wurzeln, die bis zu «fundamentalistischen» Radikalisierungen führen können, und andererseits der Aufbruch zu lebenssteigernden «holistischen» Erfahrungen, die sich bis zu «ekstatisch-esoterischen» Gefühlen ausweiten. Solche Prozesse sind nicht christentums- oder monotheismusspezifisch. Sie lassen sich weltweit auch in hinduistischen und buddhistischen Religionstraditionen beobachten. Sogar in Schwarzafrika entstehen oft im Gefolge der politischen und mentalen Entkolonialisierung radikale prophetische Befreiungskirchen und Bewegungen, die sich zum Teil zurück zu traditionellen schamanischen Lebensentwürfen wenden.
Ich beschränke mich im Folgenden auf jene Beispiele von religionswissenschaftlichen
Wahrnehmungen, Analysen und Interpretationen dieses Religionswandels, die
in (West-)Europa beobachtbar sind und noch spezifischer fokussiere
ich meinen Blick auf deren Rezeption in Lehre und Forschung an Universitäten.
Dort werden solche diffuse Bewegungen im «religiösen Feld»
(Pierre Bourdieu) konzentriert beobachtet und um einen institutionellen
Konvergenzpunkt strukturiert. Ein aktuellster Ausdruck dieser Beobachtungsarbeit
ist der Bericht des französischen Schriftstellers und Lehrers Regis
Debray über den Unterricht zu religiösen Phänomenen in der
laizistischen Schule. Es blieb aber nicht bei einer solchen Auslegeordnung.
Vielmehr hat der französische Erziehungsminister und bedeutende Philosophieprofessor
Luc Ferry daraus institutionelle Konsequenzen gezogen: die Gründung
eines europäischen Instituts für Religionswissenschaft (institut
européen en science des religions).
Dieses Institut hat vorerst zum hauptsächlichen Ziel Ausbildner für
Sekundar- und Mittelschullehrer/-lehrerinnen in Religionskunde zu formen.
Gleichzeitig soll ein Dokumentationszentrum europaweit Programme, Erfahrungen
und Veröffentlichungen zu diesem nicht mehr kirchlich gebundenen Unterricht
über Religionen und zu Ethikfragen sammeln. Dieses europäische
Projekt ist geographisch an der Pariser Universität Sorbonne angesiedelt;
das Trägerteam ist in die «École Pratique des Hautes Études»
(EPHE) eingegliedert.
Dort wurde zwischen dem 13. und 21. März 2003 an einem Symposium eine
Bestandsaufnahme über «das religiöse Faktum als Wissensgegenstand»
erstellt. Zu diesem Inventar über Institutionen und Methoden im Bereich
der Religionen und zu deren wissenschaftlichem, historischem, soziologischem
und pädagogischem Studium haben schweizerseits Dozenten und Assistenten/Assistentinnen
der Universitäten Genf, Lausanne und Freiburg Beiträge eingebracht.
Auch wenn es momentan scheint, Frankreich sei in dieser Organisation
von koordinierten Programmen zur sozialen und politischen Bedeutung der
religiösen Traditionen federführend, so ist dieser Prozess doch
seit Jahren auch im schweizerischen Kontext beobachtbar. Dabei geht es nicht
wie oft vermutet ausschliesslich darum, der wachsenden Präsenz
islamischer Gemeinschaften in der multikulturellen Gesellschaft positiv
Rechnung zu tragen, vielmehr zeigt sich ein dezidiert wachsendes Bedürfnis
darnach, die eigenen kulturellen Wurzeln in der Tradition des Christentums
neu und unverkirchlicht kennen zu lernen.
Eine weitere, mehr strukturelle Entwicklung prägt aber das aktuelle
Profil der Religionswissenschaft in der Schweiz: der Systemwechsel zum eurokompatiblen
Kreditsystem in Lehre und Forschung. Dieses ursprünglich angelsächsische
Universitätsmodell «Bachelor/Master» löst die in Europa
traditionellen vierjährigen Lizentiats-Studiengänge ab. Die notwendigen
Kredite, welche zu den akademischen Abschlüssen «Bachelor»
und «Master» führen, können in drei beziehungsweise
fünf Jahren europaweit gesammelt werden; das heisst die akademische
Mobilität wird entschieden gefördert.
Zurzeit werden die Schwerpunkte an den verschiedenen schweizerischen Lehrstühlen
für Religionswissenschaft diskutiert: Tendenziell zeichnen sich zum
Beispiel folgende Schwerpunkte ab: Tibetologie-Zentralasien-Studien (Bern),
Hinduismus-Sanskrit-Schwerpunkt (Lausanne), nicht christliche Religionen
in Europa und Gegenwartsreligiosität (Luzern) und vergleichend-angewandte
Religionswissenschaft (Freiburg). Erste Frucht der gut angelaufenen Koordination
war die Tagung an der Universität Zürich «Kulturelle Tradierung
und religiöse Sozialisation» (29./30. März 2003) um die
Frage: «Welchen Effekt erhoffen sich Staat und Gesellschaft von religiöser
Sozialisation?» Religionsvertreter und Fachwissenschaftler sind in
Workshops diesen curricularen Fragen aus der Sicht des Islams, Buddhismus,
Christentums, Judentums und des Hinduismus nachgegangen. Da die Lehrstuhlinhaber/-inhaberinnen
für Religionswissenschaft an den Universitäten Genf, Lausanne,
Freiburg, Bern, Zürich und Luzern aktiv in diesen wissenschaftlichen
Werkstätten mitgearbeitet haben, war dieses Symposium ein Zeichen für
die Gestaltwerdung des Studien- und Forschungsplatzes «Religionswissenschaft
Schweiz».
Ein weiteres Zeichen für die Dynamik der Religionswissenschaft in der
Schweiz ist die offizielle Installation der Religionswissenschaft als Hauptfach
an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern
(24./25. Oktober 2003). Dieses Ereignis wird mit der Generalversammlung
2003 der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft und
mit einer internationalen Konferenz zu «Religiöser Pluralismus
im lokalen Raum» verbunden werden.
Das erwähnte breite Interesse für Christentumskunde, das Religionswissenschaft-Studierende
an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg zeigen,
ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass es in der Religionsgeschichte
Europas darum geht, die vielschichtigen Überlieferungsstränge
der christlichen Konfessionen, Kirchen und Ethiken neu kennen zu lernen.
Sie möchten wissen, was in den katholischen, protestantischen und orthodoxen
Optionen, Kontroversen und Dogmen auf dem Spiel stand und steht. Wichtig
ist es für die jungen Religionswissenschaftler auch, die nicht europäischen
Formen des Christseins und die Rolle afrikanischer, lateinamerikanischer
und asiatischer Kirchen und Bewegungen zu erfassen.
In diesem skizzierten Übergang zur europaweiten und schweizerischen
Vernetzung haben sich deshalb die Mitglieder der religionswissenschaftlichen
Einheit an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg
dafür entschieden, ihren Schwerpunkt im Bereich der angewandten, vergleichenden
und soziologischen Religionswissenschaft anzusiedeln. Diese Option wird
mit den Schwerpunkt-Programmen koordiniert, welche in den deutsch- oder
französischsprachigen Nachbaruniversitäten angeboten werden und
die von den Freiburger Studierenden mit wenig Zeitaufwand erreicht werden
können. Dafür ist die französisch-deutsche Doppelsprachigkeit
der Freiburger Universität von entscheidendem Vorteil.
Im dreijährigen Bachelor-Studienplan, der mit dem Wintersemester 2003/2004
beginnt, wird im ersten Ausbildungsjahr das wissenschaftliche und religionsgeschichtliche
Grundwissen vermittelt, welches in späteren systematischen und historischen
Themenseminaren an gesellschaftlichen Inhalten verarbeitet und vertieft
wird.
Der Fachbereich «Religionswissenschaft» wird vom Lehrstuhlinhaber,
zwei Oberassistenten (150%), zwei Assistentinnen, vier Lehrbeauftragten
und einer administrativen Koordinatorin (50%) verantwortet. Diese schwach
dotierte Lehr- und Forschungseinheit muss für ihre 550 Studierenden
ein unverhältnismässig grosses Arbeitspensum abdecken. Das betrifft
neben den religionsgeschichtlichen und methodologischen Einführungen
einen breiten gesellschaftsbezogenen Themen- und Problematlas wie politisch-religiöse
Fundamentalismen, Mechanismen von Toleranz und Intoleranz, Menschenrechtsfragen,
europäischer Islam, Religionskunde auf Sekundar- und Gymnasialstufe,
traditionaler und moderner Schamanismus, neue religiöse Bewegungen,
Religion und Recht, multikulturelle und interreligiöse Aspekte in der
Biomedizin; und so werden in einem Seminar zur «Soziologie des Kleides»
fundamentale christliche und islamische Texte zum «Kopftuch/Schleier»
analysiert und kontextualisiert, oder die negroafrikanische Heilspraxis
wird in ein Seminar zur Entwicklungsarbeit eingebaut.
Diese komplexen Problemfelder bedürfen der interdisziplinären
Kooperation mit Lehr- und Forschungseinheiten, die an der Freiburger Universität
in verschiedenen Fakultäten angesiedelt sind. Bereits bestehende Zusammenarbeiten
werden zurzeit auch strukturell fixiert.
Der Lagebericht zur Religionswissenschaft wurde mit «Übergang»
betitelt. Dieser Paradigmawechsel kann unter verschiedenen Gesichtspunkten
beobachtet werden: Ähnlich wie die Ethnologie im Zusammenhang mit der
Kolonisationspolitik institutionalisiert worden ist, war die Religionswissenschaft
oft eine Zubringerwissenschaft für Missionierung und Pastoral. In dieser
Funktion galt sie an den Universitäten als «Orchideenfach».
Heute gelten die religionsgeschichtlichen und die -soziologischen Fächer
aber als zukunftsträchtige Studienbereiche. So zeigt es auf jeden Fall
der statistische Befund zum Wachstum der Studierenden dieses Fachs an der
Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg: in den Jahren
19932003 eine Progression von 110 auf 550 Studierende, die sich aus
je einem Drittel aus Französisch- und zwei Dritteln Deutschsprechenden
zusammensetzen, wobei zweieinhalb mal mehr Frauen als Männer diesen
Fachbereich belegen.
Diese strukturellen und statistischen Mutationen signalisieren den markanten
Wandel in der aktuellen gesellschaftlichen Wahrnehmung der Bedeutung von
Religionen in der persönlichen, sozialen und politischen Öffentlichkeit.
Entsprechend gross ist auch die Nachfrage. Berufsfelder für die neue
Generation von Religionswissenschaftler/Religionswissenschaftlerinnen sind
zum Beispiel: Mitarbeit in Konfliktregulierung in ethnisch-religiös-politischen
Spannungsfeldern, Ausbildung von Pflegepersonal im plurikulturellen Spitalmilieu,
Lehrer/Lehrerinnen für Religionskunde auf Sekundar- und Gymnasialstufe,
Ressourcepersons in Teams für internationale Entwicklungszusammenarbeit,
grenzüberschreitende Medienarbeit, Training von Managern im globalen
Netzwerk der Wirtschaft usw.
In diesen und ähnlichen Interventionsfeldern sind religionsgeschichtliche
und -soziologische, aber auch soziale und kommunikative Kompetenzen notwendig.
Über das technische Fachwissen hinaus artikuliert nämlich das
kollektive Gedächtnis der Religionen die Dimension «Mehrwert
an Sinn». Diese Suche ereignet sich im zivilen Bereich, kann aber
dennoch mit «Spiritualität» charakterisiert werden.
Richard Friedli, der Lehrstuhlinhaber Religionswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg, ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft.