23-24/2003

INHALT

Leitartikel

Shavuoth - das Fest der Befreiung und der Tora

von Simon Lauer

 

Am 6. und 7. Juni 2003, also gerade vor Pfingsten, feiert das jüdische Volk Shavuoth das Wochenfest. Kalendarisch entspricht es Pfingsten genau: «Pfingsten» ist die deutsche Form von pentekosté «der fünfzigste (Tag)», und das jüdische Fest beginnt nach Vollendung von sieben Wochen; das kommt ja rechnerisch auf das Gleiche heraus.
Was dieses Fest in biblischer Zeit genau bedeutet hat, ist nicht leicht zu bestimmen. Schon von der Königszeit an muss sein Sinn immer deutlicher auf die Offenbarung am Sinai gedeutet worden sein. Diese hat laut 2 Mose 19 im dritten Monat nach dem Auszug aus Ägypten stattgefunden. Befreiung aus der Sklaverei und Gabe der Tora gehören also zusammen.
Nun ist diese Aussage für das religiöse Leben viel zu knapp; man will doch wissen, wie es bei der Befreiung zugegangen sei, und was es mit der Tora auf sich habe. Die Erzählungen unserer Weisen sind zu einem guten Teil als Einschaltungen in die Stammgebete des synagogalen Gottesdienstes eingegangen. So gibt es mehrere «Ermahnungen», das heisst Zusammenstellungen aller Gebote und Verbote, die in der Tora enthalten sind.
Offenbarung kann auf zwei Weisen geschehen: durch Sache und durch Wort. Alle Menschen können der Offenbarung durch Sache teilhaftig werden, indem sie die Natur betrachten. Worte jedoch werden in einer bestimmten Zeit an eine besondere Gruppe von Menschen gerichtet. Gehören beide Arten der Offenbarung zusammen? Was hat es mit dem Wort, der Sprache, auf sich?
Die Rabbinen haben entschieden, dass bestimmte Bibeltexte nur in «assyrischer» Schrift geschrieben werden dürfen. Damit ist das Alphabet gemeint, das seit der Rückkehr eines Teils des Volkes aus dem babylonischen Exil für das Hebräische üblich geworden ist. Esra, der damals die Tora den Juden wieder nahe gebracht hat, erhält also fast den Rang des Mose, der sie am Sinai hat verkünden dürfen.
Soweit, was die Schrift angeht; aber welche Sprache haben denn die Israeliten in Ägypten gesprochen? Es gibt einen Text, der energisch darauf besteht, dass die Israeliten der Erlösung würdig waren, weil sie ihre Sprache bewahrt haben; mit dem Ägyptischen hätten sie die Sprache des Götzendienstes angenommen und wären damit im ägyptischen Volk untergegangen. Diese argwöhnische Sicht der Fremdsprache mag heute befremden; für viele Juden der Diaspora war sie noch bis tief ins neunzehnte Jahrhundert bestimmend. Man stelle sich doch einmal vor, wir Deutschschweizer dürften auf einmal gar keinen Dialekt mehr sprechen; der Verlust wäre unermesslich. Es gibt aber eine andere alte Erzählung. Darin wird Gott mit einem König verglichen, der seinen Sohn aus langer Gefangenschaft befreit und ihn mit einem Grundwort aus der Sprache derer anspricht, die ihn gefangen genommen hatten. Das erste Wort der Zehn Gebote ist «Ich». Für diesen Begriff hat das Hebräische zwei Wörter. Das Wort, das hier in der Bibel steht, soll nach dem Erzähler (er hat gar nicht so Unrecht) ägyptisch sein.
Wie alt ist denn die Tora? Ist sie erst von Esra verkündet worden oder doch schon von Mose? Die Antwort fällt leicht, wenn man sich an das achte Kapitel der Sprüche Salomos erinnert; danach geht die Tora sogar der Weltschöpfung voran. Aber siehe da, der erste Buchstabe der geschriebenen Tora ist nicht der erste des Alphabets, sondern der zweite, das B, das im Hebräischen auch die Ziffer Zwei angibt. Die Zehn Gebote hingegen beginnen mit dem Wort «Ich» ­ gemeint ist natürlich Gott ­, das im Hebräischen mit dem ersten Buchstaben des Alphabets (gleichzeitig der Ziffer Eins) anfängt. Was steckt dahinter? Tatsächlich ­ so erzählen die Weisen ­ war das A schwer gekränkt und hat bei Gott reklamiert, 26 Generationen lang, bis es gewürdigt wurde, die Offenbarung zu eröffnen. Die Welt musste mit der Zwei geschaffen werden, damit ihre Bewohner erfahren, dass es zwei Welten gibt: die irdische und die himmlische, die jetzige und die künftige. Dass aber Gott sein «Ich» ­ und damit seine Tora ­ mit der Eins anfängt, weist darauf hin, dass Gott Einer und Einzig ist ­ die unverrückbare Grundlage der jüdischen Lehre.
Wie mag es bei der Offenbarung zugegangen sein? Manche Berichte deuten darauf hin, dass die ganze Schöpfung mit einbezogen war und erbebte, als Gott mit 22000 Himmelwagen und ihren Helden auf den Sinai hinabfuhr. Gottes Stimme muss so furchterregend gewesen sein, dass das Volk Mose bat, er möge doch Gottes Wort vermitteln. Und doch: Wie der achte Psalm wohl sagen will, hat Gott seine Macht mit dem Munde der Säuglinge und Kleinkinder gegründet ­ und bei Gott ist Macht nichts anderes als die Tora. Wenn die Kinder grösser werden, entdeckt sich ihnen die Liebe. Aber auch diese ist furchterregend und mahnt zur Vorsicht: So wie das Volk am Sinai nur etwas von der Offenbarung von Gott unmittelbar empfangen konnte, so lässt sich die Geliebte im Hohenlied nur etwas von seinen Küssen geben.
Das Hohelied wird in jüdischen Gemeinden im Laufe des Pessachfestes gelesen; zum Wochenfest gehört das Buch Rut ­ das Buch der Liebe einer Frau zu ihrer Schwiegermutter und zum Gott, dem diese dient, der ihr die Kraft und die Hoffnung zum Leben verleiht.

 

Simon Lauer war Forschungs- und Lehrbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern mit den Schwerpunkten rabbinische Literatur und jüdische Philosophie.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003