21/2003 | |
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Leitartikel |
Hätte es einen bessern Zeitpunkt für die Lancierung des Mediensonntags
2003 unter dem Slogan «Medien für den Frieden» geben können?
Als Papst Johannes Paul II. am Fest des heiligen Franz von Sales, am 24.
Januar, seine Botschaft zum 37. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel
unterzeichnete, formierte sich am Golf die gewaltige Armada der Koalition
gegen das Diktaturregime Saddam Husseins und war der Krieg gegen das Zweistromland
in aller Leute Mund, standen sich in der Elfenbeinküste Regierungstruppen
und Rebellen unversöhnlich gegenüber, befand sich die Zentralafrikanische
Republik vor einem blutigen Staatsstreich, verbreiteten in Simbabwe die
«grünen Bomber» (jugendliche Banden in grünen Uniformen)
Angst und Schrekken, verübten Palästinenser grauenhafte Selbstmordattentate
und «antwortete» Israel mit Zerstörung von Märkten,
Werkstätten und Wohnhäusern und der Erschiessung mutmasslicher
Gewalttäter, ging der hasserfüllte und blutige Krieg in Tschetschenien
unvermindert weiter und begingen in Kongo-Kinshasa marodierende Banden Massaker
mit Hunderten von Toten...
So sah die Zeit aus, als der Papst seine Botschaft des Friedens unterschrieb
und die Welt im Gedenken an die von Papst Johannes XXIII. vor 40 Jahren
unterzeichnete Enzyklika «Pacem in terris» zum Frieden
aufrief und die Medien an ihre Verantwortung erinnerte und sie aufrief,
den «Dienst am universalen Gemeinwohl» wahrzunehmen.
Inzwischen ist die Zeit nicht anders und nicht besser geworden. Der Krieg
im Irak wurde zwar als beendet erklärt, doch die Befriedung des Landes
steht erst am Anfang. Die Attentate in aller Welt gehen weiter, nehmen noch
zu, die Rache der Betroffenen zieht unvermindert ihre blutige Spur und es
drohen neue bewaffnete Konflikte wie jene in Aceh (Indonesien).
Und all diese Ereignisse liefern handfestes Anschauungsmaterial zum Thema
«Medien und Frieden». In kriegerischen Auseinandersetzungen
jeder Grössenordnung gibt es nicht nur die Unterdrückung der Menschen,
sondern auch jene der Wahrheit. «Im Krieg findet jeder zu seiner eigenen
Wahrheit», titelte die «Frankfurter Allgemeine» zu einer
wissenschaftlichen Untersuchung über das Fernsehen «in Zeiten
der Bilderschlacht».<1>
Doch dies geschieht immer und überall. Immer bekannter wird das Buch
eines ehemaligen algerischen Offiziers über den schmutzigen Krieg in
seiner Heimat.<2> Schmutzig deshalb, weil
auf beiden Seiten Brutalität in Extremform verübt wird und auch
regierungsamtlichen Berichten kein Glaube mehr geschenkt werden kann.
Die Publikation zweier Amerikaner, mitten im Irak-Krieg erschienen, trägt
den bezeichnenden Untertitel: «Wie die Medien uns den Krieg verkaufen.»<3> Ernüchternd, was die beiden zu berichten
wissen. Eine ihrer zentralen Aussagen: «Geld, Prestige, Karrieremöglichkeiten,
ideologische Neigungen, dazu die Nachteile, die es bringt, wenn man Storys
nach Hause schickt, die bei der Regierung wenig Gefallen finden, all dies
übt seinen Einfluss auf Auslandkorrespondenten aus.»
Damit sind wir bei der zentralen Frage: Was ist Wahrheit in den Medien?
«Utopie oder verpflichtende Nom?» wie sich Andreas Blum, langjähriger
Radiodirektor DRS, vor einiger Zeit die Frage stellte.<4>
Es ist in der Tat die Wahrheit, die zu den Grundvoraussetzungen für
das Gelingen menschlichen Zusammenlebens gehört. Vielleicht die Voraussetzung.
Die darum auch eine so entscheidende Rolle für die Qualität journalistischen
Schaffens spielt.
Dabei wird gerade im Medienbereich mit jeder Sendung, jedem Produkt und
jedem Auftritt deutlich, wie umstritten «Wahrheit» ist und wie
unterschiedlich sie interpretiert wird. Wie sehr sie aber auch verletzbar
ist. Blum macht auf sechs wichtige Punkte aufmerksam: auf die unbegrenzte
Fülle an Informationen, die zu «gnadenlosem Reduktionismus»
zwingt, auf die «Asynchronität» des globalen Geschehens,
auf die wachsende Komplexität der Probleme, auf die Instrumentalisierung
durch wirtschaftlich-politisch-ideologische Interessen, auf die von vielen
Menschen als Bedrohung empfundene Realität und nicht zuletzt auf die
zunehmende Medienentwicklung, die Aufklärung durch Markterfolg ersetzt:
Qualität durch Quote.
Wer den Wahrheits-Test bestehen will, hat es schwer. Das gilt nicht nur
für Auslandkorrespondenten, das gilt für alle Medienschaffenden
aller Ebenen, aller Fachbereiche und aller Regionen. Denn die Wahrheit
kann sich nur der wirklich «leisten», der unabhängig und
sachkundig ist, professionell arbeitet und Mut an den Tag legt. «Nur
wenn wir der Unabhängigkeit, der selbstkritischen Bescheidung und dem
Prinzip der Fairness, verbunden mit einem radikalen Skeptizismus... verpflichtet
bleiben, sind wir legitimiert, als Treuhänder der Öffentlichkeit
Diener des demokratischen Prozesses zu sein», sagt Blum an die Adresse
seiner Kolleginnen und Kollegen.
Doch wäre es unfair, dieses Thema abzuhandeln, ohne einen Blick auf
die Gegenseite zu werfen, auf Konsumentinnen und Konsumenten: Leserinnen
und Leser, Zuhörerinnen und Zuhörer, Zuschauerinnen und Zuschauer
und all die «User»! Denn unzweifelhaft steht fest, dass
sie alle massgebenden Einfluss auf die Haltung der Medienschaffenden und
ganzer Redaktionen nehmen nehmen können.
Leserbriefe haben ihre Wirkung auch wenn noch so oft das Gegenteil
behauptet wird. Eine lebendige und (wiederum) sachkundige Auseinandersetzung
mit den Themen und der Redaktionspolitik eines Mediums kann zur Vertiefung
anregen, kann dazu führen, dass den Fragen gründlicher nachgegangen
und deutlicher hinterfragt wird, kann sogar Anlass sein, Korrekturen vorzunehmen,
das Medium anregender zu gestalten, neue Linien auszuziehen. Entscheidend
bleibt das Wie.
Darum ist von den Medienkonsumentinnen und -konsumenten Gleiches wie von
den Medienschaffenden selber zu fordern: Bereitschaft, sich informieren
zu lassen, Mut zur Offenheit und Respekt vor der Meinung Andersdenkender.
Das ist in kirchlichen Kreisen und bei religiösen Gruppen beileibe
nicht immer selbstverständlich. Im Gegenteil, nicht selten kommt es
vor, dass gleich mit «Liebesentzug» gedroht wird...
Der diesjährige Mediensonntag weist mit seinem lapidaren Slogan «Medien
für den Frieden» auf die ganze Breite aktuellen Medienschaffens
hin. Zentral bleibt die Tatsache, dass sich in jedem Fall stets die gleichen
Fragen stellen.
Der Friede kann nicht mit noch so vielen Flaggen und Fähnchen gewonnen
werden. Frieden muss im Alltag erarbeitet, um ihn muss täglich neu
gerungen werden. Das gilt ganz besonders für die Medien als Friedensstifter.
Alois Hartmann ist Präsident der Genossenschaft Kipa/Apic und Redaktor der Missionszeitschrift «WeltWeit».
1 F.A.Z. vom 14.4.2003, mit dem Untertitel: «Saddams Terror war für die deutschen Medien kein Thema, dafür die Kritik an Amerika».
2 Habib Souaïdia, Schmutziger Krieg in Algerien, Chronos, Zürich 2001, 200 Seiten.
3 Norman Solomon/Reese Erlich, Angriffsziel Irak, Goldmann, München 2003, 223 Seiten.
4 Andreas Blum, Wahrheit in den Medien. Referat am Symposium der Stiftung «Wahrheit in den Medien» vom 1.12.2001 in Luzern (Manuskript).