16-17/2003 | |
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Leitartikel |
Das Fest Pesach (griechisch: Pascha) erinnert an die Befreiung des Volkes
Israel aus der ägyptischen Knechtschaft und an den Auszug aus Ägypten.
Die Erinnerung an Gottes Befreiungstat in der Vergangenheit wird mit der
Hoffnung auf die messianische Befreiung in der Zukunft verknüpft. Das
einwöchige Fest im Frühlingsmonat Nisan (März/April) bildet
einen Höhepunkt im jüdischen Festtagskalender.
Pesach verbindet zwei uralte Naturfeste: ein Hirtenfest und ein Bauernfest.
Durch das Buch Exodus erhielt das Pesach-Fest seinen heilsgeschichtlichen
Sinn als Befreiungsfest. Bei der zehnten Plage, dem grossen Säuglingssterben
in Ägypten, hat Gott das junge Leben Israels, die Erstgeburt von Mensch
und Vieh, gerettet. Wie einst die Hirten für das Leben und den Fortbestand
der Herde dankten, so dankte Israel fortan im Pesach-Fest dafür, dass
der Todesengel an den Türen der israelitischen Vorfahren vorüberging.
Daher wird dem Namen «Pesach» die Bedeutung «Verschonung»
und «Vorübergang» zugeschrieben. Erst die zehnte Plage
bewirkte den eiligen Aufbruch der Israeliten aus ägyptischer Knechtschaft
und die Einrichtung von Pesach als Gedächtnis- und Befreiungsfest par
excellence.
Durch das Pesach-Fest wird die Botschaft von Exodus 13,8 vergegenwärtigt,
wie es in der Pesach-Haggada (Pesach-Erzählung) zum Ausdruck kommt:
«In jeder Generation soll jeder Mensch sich so betrachten, als sei
er selbst aus Ägypten ausgezogen, denn es steht geschrieben: ÐUnd
du sollst deinem Kind an jenem Tag folgendes erzählen: Dies geschieht
wegen der Taten, die der Ewige mir getan hat, als ich aus Ägypten ausgezogen
binð (Ex 13,8).
Nicht nur unsere Vorfahren hat Gott Gottes Heiligkeit sei gepriesen!
erlöst, sondern mit ihnen erlöst Gott auch uns, denn es
steht geschrieben: ÐEuch habe ich von dort herausgeführt, um euch
in das Land zu bringen, das ich euren Vorfahren versprochen habe zu gebenð
(Dtn 6,23).»
Bis zum heutigen Tag ist Pesach eines der beliebtesten Feste im jüdischen
Familienkreis, das mit der häuslichen Feier, dem Seder-Abend, beginnt.
Diese feierliche Abendmahlzeit verläuft nach einem bestimmten Zeremoniell
(«Seder» heisst «Ordnung»).
In traditionsorientierten Familien trägt der Hausherr einen weissen
Kittel, der sonst nur am Versöhnungstag und als Totenhemd verwendet
und von einem Gürtel gehalten wird, denn man soll allezeit bereit sein,
nach dem Pesach-Mahl «gegürtet» in die Freiheit zu gehen,
wie einst bei der Flucht aus Ägypten. Zunächst muss das jüngste
Familienmitglied den Vater nach dem Sinn des Festes und der einzelnen Bräuche
fragen. Der Familienvater gibt Antwort und segnet den ersten Becher Wein.
Auf einem dekorativen Seder-Teller werden symbolische Speisen aufgetragen,
die an den Exodus erinnern: drei zugedeckte Mazzen, Petersilie als Frucht
der Erde, etwas Salzwasser als Spiegel des Meers, Bitterkraut aus Meerrettich
als Erinnerung an die bittere Sklavenzeit, ein Fruchtmus aus Äpfeln,
Nüssen, Zimt und Wein als Zeichen des Lehms, den die israelitischen
Sklaven in Ägypten zu Ziegeln verarbeiten mussten, ein Ei als Symbol
der Wandelbarkeit und Gebrechlichkeit menschlicher Geschicke und ein Knochen
mit Fleisch des Pesach-Lamms.
Neben jedem Gedeck liegt eine Pesach-Haggada: eine Sammlung von biblischen,
rabbinischen und liturgischen Texten, die den Auszug aus Ägypten nacherzählend
vergegenwärtigt. Als eines der populärsten jüdischen Bücher
wurde die Pesach-Haggada unzählige Male in prächtig illustrierten
Handschriften und in volkstümlichen Buchdrucken herausgebracht.
Aus der Pesach-Haggada liest der Familienvater die Geschichte des Auszugs
aus Ägypten vor und eröffnet schliesslich das Mahl, das durch
eine feierliche Lobpreisung Gottes nach dem vierten Becher Wein beschlossen
wird. Ein zusätzlicher Becher auf dem festlich gedeckten Tisch ist
für den Propheten Elias bestimmt, denn der Abend wird von der Hoffnung
getragen, «dass unser Sehnen nach Elias» durch sein Kommen erfüllt
wird.
In seiner Erzählung «Der Rabbi von Bacherach» (1840) beschreibt
Heinrich Heine die Atmosphäre des Seder-Abends:
«Eine grosse Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben,
und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von
den symbolischen Gerichten gekostet, sowie alsdann auch Stückchen von
dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weins getrunken
werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll
ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton,
womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von
den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich
einlullend und zugleich so hastig aufweckend, dass selbst diejenigen Juden,
die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden
Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden,
wenn ihnen die alten wohlbekannten Passahklänge zufällig ins Ohr
dringen.»
Verena Lenzen ist Professorin für Judaistik, Theologie und Christlich-Jüdisches Gespräch der Theologischen Fakultät sowie Leiterin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.