15/2003 | |
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Leitartikel |
Als vor mehr als einem Vierteljahrhundert die Theologische Realenzyklopädie
(TRE) konzipiert wurde zu erscheinen begonnen hat sie 1976 und der
jüngste, 2002 erschienene Band 34 schliesst mit dem philosophischen
Teil des Artikelstichworts «Vernunft» , war dem Herausgeberkreis
daran gelegen, dass die theologischen Einzeldisziplinen nach dem Gesamtzusammenhang
der Theologie fragen. Im Band 33<1> macht
Konrad Stock darauf aufmerksam, dass seit dem Arbeitsbeginn an der TRE neue
und gewichtige Tendenzen der Theologie in Erscheinung getreten sind, die
sich zum Teil polemisch von der modernen Ausbildung der theologischen Einzeldisziplinen
distanzieren wie unter anderem die feministische Theologie. Diese
«nachmodernen» Theologien kommen in der Stichwortliste der TRE
deshalb nicht vor. Um sie dennoch möglichst gebührend darstellen
zu können, bietet in diesem Band das Artikelstichwort «Theologie»
mit seinem Umfang von 80 Seiten eine dichte Monographie<2>
nach der Geschichte unter dem Titel «Theologie in der entstehenden
Weltgesellschaft» einen Überblick über diese neuen Tendenzen.
Dargestellt wird die Geschichte der Theologie in vier Schritten: 1. Urformen
der Theologie in den biblischen Überlieferungen, 2. Theologie im spätantiken
Christentum, 3. Theologie im lateinischen Christentum des Mittelalters,
4. Theologie von der Reformation bis zur Gegenwart (evangelische Theologie,
katholische Theologie, orthodoxe Theologie); darauf folgt in einer anderen
Perspektive «5. Theologie in der entstehenden Weltgesellschaft»
mit den Beiträgen: Feministische Theologie, Theologie der Befreiung,
Theologie der Inkulturation, Theologie der Religionen.
Diese vier neuen Tendenzen sind nicht nur gegenwärtige und künftige
Ausformungen theologischen Denkens und Arbeitens, sondern haben auch ihre
eigene und zum Teil weit zurückreichende geschichtliche Herkunft. So
leitet Susanne Heine (Wien, vorher Zürich) das feministische Ethos,
auf dessen Basis die feministische Theologie steht, von der Aufklärungskultur
her. Die feministische Theologie konfrontiert deshalb die Theologie in allen
ihren Disziplinen sowie die Praxis in den Kirchen mit den Kriterien dieses
Ethos. «Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Frauen: ihre konkreten
Erfahrungen, ihre geschichtlichen Lebensbedingungen und die Absicht, sie
zu handelnden Subjekten in Gegenwart und Zukunft zu befreien.» Wie
es unterschiedliche feministische Theorien gibt, gibt es auch unterschiedliche
feministische Theologien mit entsprechenden Spannungsfeldern und ungelösten
Problemen einschliesslich der radikalen Spannung zwischen Frauen,
«die ihr feministisches Ethos durch das Credo bedroht fühlen,
und solchen, für die dieses Ethos im Credo begründet ist».
Als ursprünglich lateinamerikanische und römisch-katholische ist
die Theologie der Befreiung die erste neuzeitliche Theologie der Peripherie.
In seinem Beitrag zeigt Hermann Brandt (Erlangen) nicht nur ihre Ursprünge
in den Alphabetisierungsprogrammen von Paulo Freire (ab 1947) und in der
«Theologie der Befreiung» von Gustavo Gutiérrez (1971)
sowie ihre weiteren Entfaltungen auf, sondern auch ihre aussertheologische
Rezeption, weil sie zur Wirkungsgeschichte dieser Theologie gehört.
Mit dem Wandel der Ausrichtung der Befreiungstheologie: von den Unterdrückten
zu den Armen, dann zu den Marginalisierten und schliesslich zu den «excluídos»,
den ökonomisch überflüssigen und daher vom Markt «ausgeschlossenen»
zwei Dritteln der Menschheit, mit diesem Wandel könne die Theologie
der Befreiung planetarisch werden, wenn sie prophetisch bleibt.
Für Klauspeter Blaser, der im letzten Sommer als Dekan der Theologischen
Fakultät der Universität Lausanne überraschend verstarb,
ist die Befreiungstheologie Lateinamerikas eine der neuen Theologien, die
das Bild der Kirchengeschichte im Allgemeinen und der Theologiegeschichte
im Speziellen verändern. Das Nebeneinander afrikanischer, asiatischer,
lateinamerikanischer, ozeanischer und europäisch-amerikanischer Theologien
fasst er als die Theologie der Inkulturation zusammen; aus nicht-europäischer
Perspektive sind nämlich auch die euro-amerikanischen Theologien kontextuell
bedingt und unter dem Aspekt der Inkulturation zu begreifen. In der Literatur
ist indes meist die Theologie in Afrika, Asien und Lateinamerika gemeint,
weil damit die drei Haupttypen kontextueller bzw. inkulturierter Theologie
bezeichnet sind, die aber nicht einfach je einem Kontinent zuzuordnen sind.
Diese Theologien sind in liturgischen Texten, Liedern und Traktaten ebenso
greifbar wie in gelehrten Abhandlungen. Was den nicht-europäischen
Kontext überhaupt auszeichnet, ist die enge Verkettung von Religion
und Kultur. Diese spielt in Afrika eine so hervorragende Rolle, dass es
für die Theologie in Afrika darum geht, «gleichzeitig christlich
und afrikanisch zu bleiben». Allen diesen Theologien gemeinsam ist
«die Fokussierung auf das mehrdimensional verstandene Elend und/oder
auf die traditionelle Religion, die gegenüber dem Christentum der Missionare
älter ist».
In der Begegnung mit der traditionellen Religion und mehr noch im Kontext
einer sich ausbreitenden Säkularität und normativen Relativierung
«begegnet die christliche Theologie mit ihrer Behauptung der weltgeschichtlichen
Einzigkeit und Endgültigkeit des Erlösungswerks und der Botschaft
Christi ihrer schärfsten Herausforderung», ist Julius J. Lipner
(Cambridge) in seinem Beitrag über die Theologie der Religionen überzeugt.
In der Thematisierung der nicht-christlichen Religionen durch die christliche
Theologie im 20. Jahrhundert unterscheidet er drei Tendenzen: die Glaubensüberzeugung
oder der Glaube des anderen wird entweder als in sich irrelevant, als in
sich relevant oder als lediglich bedingt relevant betrachtet. Für den
«Exklusivismus» gibt es nur einen wahren Glauben, denjenigen,
«der Jesus Christus als den einzigen Erlöser des Menschengeschlechts
bekennt und im Kontext einer bestimmten Interpretation der Heilsgeschichte
der Welt die exklusive Wahrheit der christlichen Offenbarung anerkennt».
Für den «Pluralismus» sind die nicht-christlichen Traditionen
oder zumindest die grösseren nicht-christlichen Religionen «zwar
nicht unbedingt ebenso soteriologisch effektiv wie die christliche Religion,
aber sie sind als solche heilsrelevant». Für den «Inklusivismus»
befinden sich die nicht-christlichen Religionen (und die Nicht-Christen)
«nur im Besitz einer Heilswahrheit, soweit sie von den christlichen
Kategorien her bestätigt werden kann». Im Blick auf das 21. Jahrhundert
ist für Julius J. Lipner eine konstruktive Neubewertung der Religionen
anderer Kulturen und entsprechende Zusammenarbeit mit ihnen gefragt; besonders
dringlich wäre eine Neubewertung des Glaubens und der Geschichte der
Judenheit im Licht ihres besonderen Verhältnisses zur Christenheit.
Ein weiteres dringendes Problem sei die Auseinandersetzung mit der wachsenden
religiösen Mentalität des New Age mit seinen eklektischen und
antiinstitutionellen Tendenzen. Und schliesslich müsse die christliche
Theologie auch ihr Verhältnis zur Vernunft, zur Wissenschaft und zur
Säkularität neu bestimmen.
Wie diese neuen Herausforderungen die theologische Ausbildung verändern,
wird im Stichwortartikel «Theologiestudium» nur summarisch thematisiert.
Interessant ist hier der Blick auf das britische Ausbildungsmodell: Die
Colleges fördern das seminaristische Leben mit spiritueller Begleitung
auf dem Weg zur Ordination, während das akademische Bildungsangebot
der Fakultäten nicht nur von den Seminaristen, sondern auch von vielen
«independent students» wahrgenommen wird.
1 Theologische Realenzyklopädie. In Gemeinschaft mit Horst Balz, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Karl Hoheisel, Wolfgang Janke, Kurt NowakÝ, Knut Schäferdiek, Henning SchröerÝ, Gottfried Seebass, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock herausgegeben von Gerhard Müller. Band XXXIII: Technik Transzendenz, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, 810 Seiten (Redaktion: Dr. Albrecht Döhnert).
2 Weitere umfangreiche Artikelstichwörter in diesem Band sind: Tempel, Teufel, Textgeschichte/Textkritik der Bibel, Theater, Theodizee, Tod, Toleranz, Traditionskritik/Traditionsgeschichte, Tragik/Tragödie.