14/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Die Fastenopfer-Kampagne «Verstehen verändert» tönt
angesichts der Entwicklungen im Irak schon fast zynisch. Verändert
Verstehen? Macht es angesichts der realpolitischen und realwirtschaftlichen
Fakten überhaupt noch Sinn, auf Dialog und Kommunikation zu hoffen?
Kardinal Napier, der Präsident der südafrikanischen Bischofskonferenz,
hat uns gezeigt, dass Dialog und der Einsatz für Gerechtigkeit ein
zentrales christliches Anliegen gerade in der Fastenzeit sein kann. Die
Begegnungen Kardinal Napiers mit Pfarreien in der Schweiz, mit der Aussenministerin,
mit Menschen aus Wirtschaft, Politik und Medien haben einen starken Eindruck
hinterlassen. Die Botschaft dieses Bischofs war klar: Die Kirche steht zu
den Armen, nimmt die Frohbotschaft des Evangeliums ernst und setzt sich
für Gerechtigkeit, Versöhnung und menschenwürdige Entwicklung
ein. Der Einsatz des Fastenopfers in solchen Fragen wird auch immer wieder
kritisiert. «Warum engagiert ihr euch in politischen Dingen?»
Das Fastenopfer macht keine Parteipolitik, es versteht sich aber als Anwalt
der Armen und Ausgeschlossenen.
Fragen der Gerechtigkeit und der Solidarität werden da politisch, wo
sie die Interessen mächtiger Gruppen und Institutionen betreffen. Die
Konflikte in unserer Programm- und Projektarbeit machen das immer wieder
deutlich. Dort, wo wir Menschen und Kirchen in ihrer Arbeit zur Überwindung
von Ungerechtigkeiten und Armut unterstützen, geraten diese oft in
Konflikt mit den Machtinteressen reicher Gruppen und Institutionen. Wenn
das Fastenopfer, wie zum Beispiel in Kolumbien, Friedensarbeit und Versöhnungsprozesse
vor allem kirchlicher Träger unterstützt, dann wird die Arbeit
oft hochpolitisch und gefährlich, weil Versöhnung und Frieden
auch den Verlust von Einfluss, Macht und Geldprivilegien beteiligter Machthaber
bedeuten können.
Papst Johannes Paul II. macht es uns vor: Wenn wir als Christinnen und Christen
wirklich etwas verändern wollen und zum Aufbau des Gottesreiches beitragen,
dann wird unsere Arbeit und unser Zeugnis aus dem Glauben heraus notgedrungen
politisch. Es sei die Aufgabe der Laien, aus dem Glauben heraus in der Welt,
in Staat und Wirtschaft zu wirken und zu verändern, hat das Vatikanum
II gesagt. Das Fastenopfer nimmt diesen Auftrag im Namen der Katholikinnen
und Katholiken der Schweiz ernst.
Das Hilfswerk Fastenopfer ist jedoch nicht die Zentralstelle in Luzern;
das Fastenopfer sind all die Menschen, die dieses Werk mit ihrer konstruktiven
Kritik, mit ihrer konkreten Mitarbeit und mit ihren Spenden unterstützen,
um so den unterdrückten, benachteiligten und ausgeschlossenen Menschen
dieser Welt eine Stimme zu geben, um deren kulturellen und religiösen
Reichtum bei uns erfahrbar zu machen und ihnen in ihrem oft schwierigen
Alltag konkret beizustehen. In diesem Zusammenhang richtet das Fastenopfer
zwei grosse Bitten an alle Verantwortungsträger in der Kirche Schweiz.
1. Nicht nur Spenden für den Irak. Die Not im Kriegsgebiet
wird in den kommenden Wochen zunehmen. Diesen Menschen muss geholfen werden,
und es ist dringend nötig, dass die internationale Staatengemeinschaft
die nötigen Mittel aufbringt. Die zynische Ironie liegt darin, dass
für die Zerstörung unendlich viel mehr Mittel eingesetzt wurden
als für den Wiederaufbau zur Verfügung stehen werden. Auch die
Hilfswerke, die in der Katastrophenhilfe tätig sind, werden ihren Beitrag
leisten (Caritas, HEKS und andere).
Dennoch schaut das Fastenopfer mit Besorgnis auf die Entwicklung der Geldflüsse.
Die unmittelbare Betroffenheit kann dazu führen, dass die «anderen
Armen» dieser Welt vergessen gehen. Langfristige Entwicklungs- und
Pastoralzusammenarbeit ist weniger spektakulär, löst weniger Betroffenheit
aus. Das Fastenopfer steht für langfristiges Engagement mit den benachteiligten
Menschen und Kirchen des Südens, und die sind auch heute dringend auf
unsere Solidarität angewiesen! Nur wenn starke, partizipative und demokratieähnliche
Gesellschaften entstehen, kann solchen Entwicklungen wie im Irak vorgebeugt
werden. Dazu braucht es langfristiges und nachhaltiges Engagement.
Um die Arbeit im Sinne dieser Solidarität weiterführen zu können,
ist das Fastenopfer dringend auf die Mitarbeit der Pfarreien angewiesen.
Daher richte ich als Direktor des Fastenopfers meine grosse Bitte an alle
Pfarreiverantwortlichen, für die Anliegen «unseres» Fastenopfers
in diesen Tagen in allen Pfarreien einzustehen und zu werben.
2. Solidarität nicht nur mit ausgewählten eigenen Pfarreiprojekten.
Seit einigen Jahren verstärkt sich in den Pfarreien die Tendenz, eigene
Projekte in der Fastenzeit zu bewerben. Oft werden dazu auch die Fastenopferunterlagen
verwendet. Die Spenderinnen und Spender haben den Eindruck, für Projekte
des Fastenopfers zu spenden, tun es aber in Wirklichkeit nicht. Zur Illustration
sei hier ein konkretes Beispiel angefügt.
Eine Pfarrei hatte Beziehungen zu einer relativ reichen Norddiözese
in den Philippinen. Da sie den Priester vor Ort persönlich kannten,
wollten sie, dass das Fastenopfer das von ihnen vorgeschlagene Projekt übernehme.
Ansonsten würden sie das Geld direkt schicken. Wenn alle Pfarreien
dem Fastenopfer solche Bedingungen stellten, wäre eine vernünftige
Arbeit des Fastenopfers nicht mehr möglich. Ziel des Werkes ist es
ja gerade, auch dort finanzielle und beraterische Unterstützung zu
gewähren, wo Beziehungen zum reichen Westen nicht oder kaum bestehen.
Sehr oft vermittelt das Fastenopfer über das eigene grosse Netzwerk
den Partnern im Süden neue Finanzquellen aus staatlichen und internationalen
Geldtöpfen.
Zudem fehlen dem Fastenopfer durch diese Pfarreiprojekte dann einerseits
die Mittel für die Bewusstseinsbildung in der Schweiz und für
all die weniger gut «verkäuflichen» Projekte im Süden,
die aber für die Kirchen und Menschen von grosser Bedeutung sind. Und
andererseits fehlt das Geld zur Finanzierung der Inlandprojekte. Diese mögen
zum Teil umstritten sein. Tatsache ist aber, dass die wichtigen nationalen
kirchlichen Aufgaben ohne den (bescheidenen) Beitrag des Fastenopfers massiv
gefährdet wären.
Unter Darlegung dieser Gründe gelang es im Gespräch mit der
erwähnten Pfarrei, eine gute Lösung zu finden. Es wurde gemeinsam
entschieden, in der Fastenzeit bewusst die Solidarität mit den Philippinen
zu verstärken und deshalb das Mindanao-Projekt des Fastenopfers im
Süden der Philippinen zu unterstützen. Während des Jahres
wurde das pfarreieigene Projekt im Norden unterstützt.
Es ist verständlich, dass die Pfarreien konkret sehen wollen, wohin
das Geld fliesst und was es auslöst. Aus diesem Grund bietet das Fastenopfer
im Projektservice aus den verschiedenen Länderprogrammen konkrete Projektbeispiele
zur Mitfinanzierung an. Aus den genannten Gründen bitte ich alle Pfarreien,
in der Fastenzeit nicht unter dem Mantel des Fastenopfers eigene Pfarreiprojekte
zu unterstützen. Es ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität,
dass das Fastenopfer als Hilfswerk der katholischen Kirche Schweiz den Kirchen
und Menschen im Süden auch in Zukunft beistehen kann. Dies ist nur
möglich, wenn alle Pfarreien konsequent dahinter stehen.
Im Vertrag zwischen der Bischofskonferenz und dem Fastenopfer ist zudem
diese Kollekte geregelt und vorgegeben. Als Kirche Schweiz können wir
so gemeinsam Zeichen der Solidarität und des Teilens sein.
Das Fastenopfer überlegt, wie punktuell konkrete Kontakte zwischen
Pfarreien und Projektpartnern möglich sind. Da das Fastenopfer mehrheitlich
in sehr armen Gegenden tätig ist, besteht die Gefahr, dass ein «Slumtourismus»
entstehen könnte. Zudem kommen oft lokale Einzelpersonen in Versuchung,
die Pfarreien auf direktem Weg «anzubetteln». Dies widerspricht
aber dem Grundansatz des Fastenopfers, nicht milde Gaben zu verteilen, sondern
die Kirchen und Menschen in ihrer eigenen Entwicklung und in ihrer Pastoralarbeit
zu unterstützen. Transparenz in der Finanzierung und partnerschaftliche
Projektkontrolle und Qualitätsüberprüfung sind daher zwingend
notwendig. Unkontrollierte Geldflüsse können zudem Neid, Missgunst
und Korruption Vorschub leisten.
Verstehen verändert die Auferstehung Christi gibt uns die Kraft, dies zu hoffen und zu erbitten.