14/2003

INHALT

Leitartikel

Für das Fastenopfer spenden auch mitten im Krieg?

von Antonio Hautle

 

Die Fastenopfer-Kampagne «Verstehen verändert» tönt angesichts der Entwicklungen im Irak schon fast zynisch. Verändert Verstehen? Macht es angesichts der realpolitischen und realwirtschaftlichen Fakten überhaupt noch Sinn, auf Dialog und Kommunikation zu hoffen?
Kardinal Napier, der Präsident der südafrikanischen Bischofskonferenz, hat uns gezeigt, dass Dialog und der Einsatz für Gerechtigkeit ein zentrales christliches Anliegen gerade in der Fastenzeit sein kann. Die Begegnungen Kardinal Napiers mit Pfarreien in der Schweiz, mit der Aussenministerin, mit Menschen aus Wirtschaft, Politik und Medien haben einen starken Eindruck hinterlassen. Die Botschaft dieses Bischofs war klar: Die Kirche steht zu den Armen, nimmt die Frohbotschaft des Evangeliums ernst und setzt sich für Gerechtigkeit, Versöhnung und menschenwürdige Entwicklung ein. Der Einsatz des Fastenopfers in solchen Fragen wird auch immer wieder kritisiert. «Warum engagiert ihr euch in politischen Dingen?» Das Fastenopfer macht keine Parteipolitik, es versteht sich aber als Anwalt der Armen und Ausgeschlossenen.
Fragen der Gerechtigkeit und der Solidarität werden da politisch, wo sie die Interessen mächtiger Gruppen und Institutionen betreffen. Die Konflikte in unserer Programm- und Projektarbeit machen das immer wieder deutlich. Dort, wo wir Menschen und Kirchen in ihrer Arbeit zur Überwindung von Ungerechtigkeiten und Armut unterstützen, geraten diese oft in Konflikt mit den Machtinteressen reicher Gruppen und Institutionen. Wenn das Fastenopfer, wie zum Beispiel in Kolumbien, Friedensarbeit und Versöhnungsprozesse vor allem kirchlicher Träger unterstützt, dann wird die Arbeit oft hochpolitisch und gefährlich, weil Versöhnung und Frieden auch den Verlust von Einfluss, Macht und Geldprivilegien beteiligter Machthaber bedeuten können.
Papst Johannes Paul II. macht es uns vor: Wenn wir als Christinnen und Christen wirklich etwas verändern wollen und zum Aufbau des Gottesreiches beitragen, dann wird unsere Arbeit und unser Zeugnis aus dem Glauben heraus notgedrungen politisch. Es sei die Aufgabe der Laien, aus dem Glauben heraus in der Welt, in Staat und Wirtschaft zu wirken und zu verändern, hat das Vatikanum II gesagt. Das Fastenopfer nimmt diesen Auftrag im Namen der Katholikinnen und Katholiken der Schweiz ernst.
Das Hilfswerk Fastenopfer ist jedoch nicht die Zentralstelle in Luzern; das Fastenopfer sind all die Menschen, die dieses Werk mit ihrer konstruktiven Kritik, mit ihrer konkreten Mitarbeit und mit ihren Spenden unterstützen, um so den unterdrückten, benachteiligten und ausgeschlossenen Menschen dieser Welt eine Stimme zu geben, um deren kulturellen und religiösen Reichtum bei uns erfahrbar zu machen und ihnen in ihrem oft schwierigen Alltag konkret beizustehen. In diesem Zusammenhang richtet das Fastenopfer zwei grosse Bitten an alle Verantwortungsträger in der Kirche Schweiz.

Zwei grosse Bitten an die Pfarreien

1. Nicht nur Spenden für den Irak. Die Not im Kriegsgebiet wird in den kommenden Wochen zunehmen. Diesen Menschen muss geholfen werden, und es ist dringend nötig, dass die internationale Staatengemeinschaft die nötigen Mittel aufbringt. Die zynische Ironie liegt darin, dass für die Zerstörung unendlich viel mehr Mittel eingesetzt wurden als für den Wiederaufbau zur Verfügung stehen werden. Auch die Hilfswerke, die in der Katastrophenhilfe tätig sind, werden ihren Beitrag leisten (Caritas, HEKS und andere).
Dennoch schaut das Fastenopfer mit Besorgnis auf die Entwicklung der Geldflüsse. Die unmittelbare Betroffenheit kann dazu führen, dass die «anderen Armen» dieser Welt vergessen gehen. Langfristige Entwicklungs- und Pastoralzusammenarbeit ist weniger spektakulär, löst weniger Betroffenheit aus. Das Fastenopfer steht für langfristiges Engagement mit den benachteiligten Menschen und Kirchen des Südens, und die sind auch heute dringend auf unsere Solidarität angewiesen! Nur wenn starke, partizipative und demokratieähnliche Gesellschaften entstehen, kann solchen Entwicklungen wie im Irak vorgebeugt werden. Dazu braucht es langfristiges und nachhaltiges Engagement.
Um die Arbeit im Sinne dieser Solidarität weiterführen zu können, ist das Fastenopfer dringend auf die Mitarbeit der Pfarreien angewiesen. Daher richte ich als Direktor des Fastenopfers meine grosse Bitte an alle Pfarreiverantwortlichen, für die Anliegen «unseres» Fastenopfers in diesen Tagen in allen Pfarreien einzustehen und zu werben.

2. Solidarität nicht nur mit ausgewählten eigenen Pfarreiprojekten. Seit einigen Jahren verstärkt sich in den Pfarreien die Tendenz, eigene Projekte in der Fastenzeit zu bewerben. Oft werden dazu auch die Fastenopferunterlagen verwendet. Die Spenderinnen und Spender haben den Eindruck, für Projekte des Fastenopfers zu spenden, tun es aber in Wirklichkeit nicht. Zur Illustration sei hier ein konkretes Beispiel angefügt.
Eine Pfarrei hatte Beziehungen zu einer relativ reichen Norddiözese in den Philippinen. Da sie den Priester vor Ort persönlich kannten, wollten sie, dass das Fastenopfer das von ihnen vorgeschlagene Projekt übernehme. Ansonsten würden sie das Geld direkt schicken. Wenn alle Pfarreien dem Fastenopfer solche Bedingungen stellten, wäre eine vernünftige Arbeit des Fastenopfers nicht mehr möglich. Ziel des Werkes ist es ja gerade, auch dort finanzielle und beraterische Unterstützung zu gewähren, wo Beziehungen zum reichen Westen nicht oder kaum bestehen. Sehr oft vermittelt das Fastenopfer über das eigene grosse Netzwerk den Partnern im Süden neue Finanzquellen aus staatlichen und internationalen Geldtöpfen.
Zudem fehlen dem Fastenopfer durch diese Pfarreiprojekte dann einerseits die Mittel für die Bewusstseinsbildung in der Schweiz und für all die weniger gut «verkäuflichen» Projekte im Süden, die aber für die Kirchen und Menschen von grosser Bedeutung sind. Und andererseits fehlt das Geld zur Finanzierung der Inlandprojekte. Diese mögen zum Teil umstritten sein. Tatsache ist aber, dass die wichtigen nationalen kirchlichen Aufgaben ohne den (bescheidenen) Beitrag des Fastenopfers massiv gefährdet wären.

Unter Darlegung dieser Gründe gelang es im Gespräch mit der erwähnten Pfarrei, eine gute Lösung zu finden. Es wurde gemeinsam entschieden, in der Fastenzeit bewusst die Solidarität mit den Philippinen zu verstärken und deshalb das Mindanao-Projekt des Fastenopfers im Süden der Philippinen zu unterstützen. Während des Jahres wurde das pfarreieigene Projekt im Norden unterstützt.
Es ist verständlich, dass die Pfarreien konkret sehen wollen, wohin das Geld fliesst und was es auslöst. Aus diesem Grund bietet das Fastenopfer im Projektservice aus den verschiedenen Länderprogrammen konkrete Projektbeispiele zur Mitfinanzierung an. Aus den genannten Gründen bitte ich alle Pfarreien, in der Fastenzeit nicht unter dem Mantel des Fastenopfers eigene Pfarreiprojekte zu unterstützen. Es ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität, dass das Fastenopfer als Hilfswerk der katholischen Kirche Schweiz den Kirchen und Menschen im Süden auch in Zukunft beistehen kann. Dies ist nur möglich, wenn alle Pfarreien konsequent dahinter stehen.
Im Vertrag zwischen der Bischofskonferenz und dem Fastenopfer ist zudem diese Kollekte geregelt und vorgegeben. Als Kirche Schweiz können wir so gemeinsam Zeichen der Solidarität und des Teilens sein.
Das Fastenopfer überlegt, wie punktuell konkrete Kontakte zwischen Pfarreien und Projektpartnern möglich sind. Da das Fastenopfer mehrheitlich in sehr armen Gegenden tätig ist, besteht die Gefahr, dass ein «Slumtourismus» entstehen könnte. Zudem kommen oft lokale Einzelpersonen in Versuchung, die Pfarreien auf direktem Weg «anzubetteln». Dies widerspricht aber dem Grundansatz des Fastenopfers, nicht milde Gaben zu verteilen, sondern die Kirchen und Menschen in ihrer eigenen Entwicklung und in ihrer Pastoralarbeit zu unterstützen. Transparenz in der Finanzierung und partnerschaftliche Projektkontrolle und Qualitätsüberprüfung sind daher zwingend notwendig. Unkontrollierte Geldflüsse können zudem Neid, Missgunst und Korruption Vorschub leisten.

Verstehen verändert ­ die Auferstehung Christi gibt uns die Kraft, dies zu hoffen und zu erbitten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003