13/2003

INHALT

Leitartikel

Durch Kommunikation die Welt verändern

von Walter Ludin

 

So schnell dreht sich heutzutage das Rad der Zeit: Radio und Fernsehen gelten bereits nicht mehr als moderne, sondern als «traditionelle» Mittel der Kommunikation. So jedenfalls war es am Symposium zu hören, das Fastenopfer und Brot für alle Mitte März in Bern für Medienschaffende und Leute von Hilfswerken zum Thema «Information und Wissen für alle» organisierten. Die Tagung fand im Hinblick auf den Weltgipfel zur «Informationsgesellschaft» statt, den die UNO im Dezember in Genf durchführen wird. Vielerorts wird befürchtet, dass dort vor allem technische Fragen behandelt werden, besonders im Bereich des Internet. (Im Vergleich mit diesem sehen Radio und Fernsehen schon ziemlich alt oder eben «traditionell» aus...)
Der Titel des Berner Symposiums bezieht sich auf den Anfang einer Plattform, welche von 30 Schweizer Hilfswerken und Medienorganisationen erarbeitet wurde: «Wissen und Information sind öffentliche Güter und müssen öffentlich zugänglich bleiben. Wissen und Information sollen nicht auf vermarktbare Grössen reduziert werden.» Oder wie es ein Fastenopfer-Partner aus Bolivien formulierte: «Alle sozialen Schichten sollen Zugang zu Medien haben, die im Dienste der Gerechtigkeit stehen.»
Dies alles töne schön und sei gut gemeint. Doch es sei «idealistisch», eine «Utopie», meinte auf dem Podium die junge Sprecherin des Tages-Anzeiger-Konzerns. Letztlich sei wirtschaftliche Macht nötig, um gute Medien zu produzieren. Nur ein wirtschaftlich potentes Unternehmen könne es sich beispielsweise leisten, eine Zeitung herauszugeben, welche die Auto-Industrie wegen ihren zu viel Benzin verbrauchenden Wagen kritisiere. Denn ein solches Medium müsse mit Inseraten-Boykott rechnen (den es im Falle des Tages-Anzeigers bekanntlich vor Jahren tatsächlich gegeben hat).
Ein anderes Postulat, das der Fastenopfer-Direktor bereits in seiner Begrüssung nannte: Der Informationsfluss von Süd nach Nord müsse verbessert werden. Hier besteht offensichtlich Handlungsbedarf. Denn der Süden ist für viele Medien nur dann interessant, wenn es um die drei berüchtigten K geht: Kriege, Krisen, Katastrophen. Die grossen Hilfswerke versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, dem Süden eine Stimme zu geben. Ebenso darf hier angemerkt werden, dass dies auch ein Anliegen der Missions- oder «Eine-Welt-Zeitschriften» ist.
Nicht bloss beim interkontinentalen Informationsfluss hapert es. Auch die Kommunikation in den kleinen Lebensräumen ist sehr mangelhaft. Der Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) meinte sogar, die meisten Menschen seien «von guten Informationen ausgeschlossen». Jedenfalls gibt es an manchen Orten überhaupt keine Medien, welche die Einheimischen in ihrer Muttersprache ansprechen. In diesem Zusammenhang erzählte der Gast aus Bolivien, dort gäbe es nur spanischsprachiges Fernsehen, obwohl rund die Hälfte der Bevölkerung Qetschua oder Aimara spricht.
Die Lösung hiesse hier «Gemeinschaftsmedien» ­ fast ein Zauberwort des Symposiums. Dazu gehören Radios, die wirtschaftlich und konzeptionell in der Basis verwurzelt sind. Der Berichterstatter erinnert sich an den Besuch eines solchen Radios in Brasilien. Im Studio war gerade eine Gruppe spindeldürrer Landarbeiter, die von ihren Sorgen erzählten. Welch ein Kontrast zu den allermeisten privaten Schweizer Radiostationen und ihrem Judihui-Programm!
Offensichtlich sind hierzulande derartige Inhalte gefragt. Allerdings nicht bloss hierzulande! Ein Referent des Symposiums beklagte sich, dass in den grossen Städten Afrikas in den Internet-Cafés vor allem «hedonistische Bilder aus dem Norden» konsumiert würden. Im Anschluss daran meinte auf dem Podium ein Fachmann, man müsste den TV-Zuschauern wohl beibringen, statt «Lüthi und Blanc» die «Sternstunden» einzuschalten... Oder müssten wir ­ beispielsweise am Mediensonntag ­ darauf hinweisen, dass sich jemand in Bezug auf seine Weltverantwortung «versündigt», wenn er am Fernsehen nur Krimis und Sport schaut und sich nicht auch über den Zustand der Erde informiert?
Einer der wenigen Schweizer Journalisten, die sich bereits intensiv mit dem UNO-Informationsgipfel befassen, beklagte sich vor dem Symposium im privaten Gespräch über das Desinteresse, das diesbezüglich herrscht. Vielleicht konnte die Tagung dazu beitragen, das Interesse für «Genf» zu wecken. Wichtig wäre es. Denn es steht viel auf dem Spiel: «Ist die Welt veränderbar? Ja, wenn wir eine veränderte Kommunikation schaffen», meinte ein Referent.
Zu einer neuen Kommunikationsordnung, über die in Genf verhandelt werden sollte, gehörte es auch, dass die weltweite Dominanz einiger weniger Informationsanbieter überwunden würde. Wie sehr die Welt einseitig beeinflusst wird, zeigt ein Beispiel, das in Bern zur Sprache kam: Die einzigen Fernsehsender, die eine weltweite Resonanz haben, nämlich BBC und CNN, bewegen sich im Einflussbereich von Regierungen, die mit Vehemenz den Irak-Krieg vorbereiteten. (In diesem Zusammenhang wurde daran erinnert, dass die BBC in den letzten Jahren ihre einst hoch gerühmte Unabhängigkeit verloren hat. Eine «Berlusconisierung» in Ansätzen?)
Im Übrigen gabs in Bern eine sehr erfreuliche Erfolgsmeldung. Die erwähnte Plattform führte dazu, dass Bundesrat Moritz Leuenberger eine Task-Force zur Vorbereitung des UNO-Gipfels eingesetzt und dazu eine Vertretung der unterzeichnenden Organisationen eingeladen hat.

 

Der Kapuziner Walter Ludin ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» und nimmt für uns regelmässig Berichterstattungen wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003