12/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüsste ihn
mit den Worten: «Sie haben sich gar nicht verändert.» «Oh!»
sagte Herr K. und erbleichte (Bertold Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner).
Herr K. ist eine löbliche Ausnahme. Herr K. weiss, dass neue Erkenntnisse
und Erfahrungen uns verändern sollten. Er erbleicht, wenn ihm gesagt
wird, dass er stehen geblieben ist. Dagegen loben wir meistens jene, die
ihre Ansichten und Meinungen nicht ändern. Wir möchten Gewissheit
haben, dass der andere immer so denkt, wie wir es von ihm gewohnt sind.
Und dass wir ihn darauf behaften können. Alles andere verunsichert.
Man stelle sich doch einmal eine Arena-Sendung vor, in der ein Bundesrat
oder ein Herr Blocher seine Meinung ändern würde, nur auf Grund
der vorgebrachten Argumente der Gegenseite. Wo käme man denn da hin?
Der Moderator würde aus seiner Rolle fallen, die Diskussionspartner
müssten umdisponieren und die Zuschauer und Zuschauerinnen würden
völlig verunsichert, weil fest vorgegebene Verhaltensmuster plötzlich
nicht mehr funktionierten. Andere, weniger spektakulär geführte
Diskussionen in anderen Sendegefässen sind da ebenfalls nicht ausgenommen.
Es gehört bereits schon zum Sendekonzept, dass extreme Kontrahenten
eingeladen werden, und wir erwarten von ihnen, dass sie ihren Part konsequent
spielen und ihre Argumente auf die Gegenseite abfeuern. Vor dem Publikum
verliert, wer emotional wird und so signalisiert, dass ihm die Argumente
ausgegangen sind.
Unterstellen wir einmal, dass es Radio und Fernsehen in diesen Diskussionen
um die ehrliche Absicht geht, einen Beitrag zur Meinungsbildung zu leisten
und nicht nur um den Unterhaltungswert rhetorischer Schlachten. Dazu dient
die Darstellung gegensätzlicher Positionen, damit das Publikum sich
selber das ihm Zusagende auswählen kann. Und so geschieht es denn auch:
Die guten Argumente haben immer diejenigen, die das vertreten, was ich selber
auch so gedacht habe. Ärgerlich, einseitig oder falsch argumentiert
immer die Gegenseite. Wir haben es hier mit dem Problem der kognitiven Dissonanz
zu tun. Etwas vereinfacht gesagt, was meine bestehende Meinung bestätigt,
das klingt für mich gut und wird auch gerne als Meinung eines anderen
akzeptiert. Was meinem Weltbild und meiner Einstellung zuwiderläuft,
das wird zuerst einmal als befremdend oder gar als falsch abgelehnt. Und
so kommt es, dass ich in den täglichen Informationen, die mir zugetragen
werden, erst einmal das auswähle und zur Kenntnis nehme, was mich in
meinen Einstellungen und Meinungen bestätigt oder was ich in meinen
Erfahrungs- und Erkenntnishorizont einordnen kann. So funktionierten in
der früheren Zeitungslandschaft die berühmten Leib-Blätter,
die Zeitung der eigenen Partei, die Zeitung meiner Standesorganisation.
Zuwiderlaufende Meinungen werden in einer Art Wahrnehmungsökonomie
vernachlässigt und beiseite geschoben.
Verstehen verändert. Ja, es verändert erst einmal die Informationen,
die mir zugetragen werden. Das tönt zwar pessimistisch, aber es bedeutet
nichts anderes als was schon Thomas von Aquin in seinem berühmten Satz
auf den Punkt brachte: «Quidquid rezipitur ad modum recipientis recipitur».
Auf Deutsch etwa: «Jeder sieht die Welt durch seine eigene Brille».
Zum Beispiel die Journalisten. Es sind Berufsleute, die von Berufs wegen
die Pflicht haben, eine komplexe Wirklichkeit so zu vermitteln, dass bei
aller Kürze der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Kern der
Sache möglichst unverkürzt rüberkommt. Das heisst, sie müssen
auswählen, weglassen, Akzente setzen, verdichten und manches auch interpretieren.
Alles durch ihre eigene Brille. Diese Sicht der Wirklichkeit wird dem Publikum
gezeigt, damit es sich sein eigenes Bild der Welt machen soll. Einseitigkeiten
und die sind unvermeidlich können nur ausgeglichen werden
durch eine möglichst vielseitige Berichterstattung. Nur wenn eine Frage
von möglichst vielen Menschen von verschiedenen Seiten her beleuchtet
wird, habe ich die Chance, mich selber damit eigenständig auseinander
setzen zu können. Erst dann kann ich mir unter Umständen erlauben,
mich selber neu zu orientieren, mich selber zu verändern. Und so wird
Verstehen und Verändern zu einem wechselseitigen, dialogischen Prozess.
Verstehen verändert. Meist sind die medialen Instrumente geradezu stumpfe
Instrumente im Vergleich zu den differenzierten Möglichkeiten des persönlichen
Kontaktes. Entstehen irgendwo Konflikte in der Öffentlichkeit, dann
wird geschrieben und gegengeschrieben in Artikeln und Briefen und Leserbriefen.
Fundiert, geistreich, mit spitzer Feder, scharfzüngig oder ironisch
wird gegen einander gefochten. Dabei führt oft eine Begegnung von Mensch
zu Mensch, ein Gespräch, möglichst in angenehmer und entspannender
Umgebung, viel schneller zum Ziel. Solche Begegnungen und Einladungen werden
in unserem Sprachgebrauch oft geringschätzig als «Einseifen»
abgetan. Das kann es auch einmal sein. Aber eigentlich bauen solche Begegnungen
meistens Vorurteile ab und weiten die enge Sicht der eigenen Brille aus
auf die unbekannte Welt, die hinter allen Argumenten und Massnahmen, hinter
allen Äusserungen und Aktionen eines Menschen liegt. Lerne ich einen
Menschen erst persönlich kennen und beginne ich, ihn zu verstehen,
dann haben ich und der andere die Chance, sich zu verändern.