9/2003

INHALT

Leitartikel

Verstehen verändert

von Urs Brunner-Medici

 

Besser verstehen kann Menschen wandeln, verändert das Sehen, das Denken und Handeln.» In diesen eingängigen Liedtext hat der Komponist Joseph Röösli den Kampagneslogan «Verstehen verändert» von Fastenopfer, Brot für alle, Partner sein gegossen und dazu einen leicht zu singenden Kanon geschaffen.<1> Mit diesem Liedtext ist vieles ausgesagt: Verstehen ist als erstes ein ganzheitliches Geschehen ­ viel mehr als etwa Information ­ in das der ganze Mensch mit all seinen Sinnen und seiner ganzen Persönlichkeit einbezogen ist. Verstehen ist zweitens ein Prozess, ein Weg zu immer besserem Verstehen ­ und das braucht wie jede Entwicklung Zeit, auch und gerade in einer Gesellschaft, in der alles immer subito gehen muss. Und schliesslich: Der Akt des Verstehens ist immer an seinen Folgen zu erkennen: Wirkliches Verstehen verändert: Wahrnehmung, Einstellung, Verhaltensweisen und schliesslich das Handeln. Wodurch dieser Prozess des Verstehens gefördert wird und auf was er hinzielt sagt der Schlusssatz der theologischen Kampagne-Botschaft: «Durch den Geist Jesu sind wir berufen zu einer Kommunikation, die Umkehr ermöglicht, Grenzen überwindet, Verständigung und Versöhnung in der interkulturellen Welt von heute in Gang setzt.» Damit sind mehrere Themenkreise angesprochen, denen ich im Folgenden nachgehen will.

Kommunikation als fundamentale menschliche, theologische und kirchliche Angelegenheit

Glauben kommt vom Hören, sagt Paulus sinngemäss in einem seiner Briefe (Röm 10,14f.). Ohne Kommunikation gäbe es keinen Glauben, es gäbe keine über diesen Glauben nachdenkende Theologie und auch keine Kirche als Gemeinschaft (communio) des Glaubens. Das Buch des Glaubens, die Bibel, ist wesentlich ein Kommunikationsbuch: Zuerst weil die Bibel als «Wort Gottes» Kommunikation mit den Menschen ist, zudem finden sich in der Bibel unzählige Gespräche, Begegnungsgeschichten und Beziehungsgeflechte zwischen verschiedensten Menschen, zwischen Gott und Mensch<2>.
Kommunikation ist immer kontextabhängig. Dass dies auch für die Kommunikation mit Gott durch sein Wort in der Bibel gilt, zeigt sich beispielhaft im interkulturellen Bibelheft, welches Fastenopfer/Brot für alle in Zusammenarbeit mit dem Jahr der Bibel herausgeben<3>: Beim Lesen derselben Begegnungsgeschichte Jesu mit der kanaanäischen Frau (Mt 15,21­28) zieht eine schwarze brasilianische Theologin andere Verbindungen zum Leben ihrer Leute als ein Theologe in der Schweiz. Mit diesem Beispiel über die Kommunikation im Allgemeinen sind auch zwei Besonderheiten kirchlicher Kommunikation angesprochen: Diese orientiert sich weltweit an der Bibel als dem Buch des (kommunikativen) Lebens, insbesondere aber an der Person Jesu und seiner Art der Kommunikation. Zudem zeigt das Bibelheft, dass die Kommunikation der Kirche weltumspannend, also im ursprünglichen Sinne des Wortes «katholisch» ist.

Kommunikation und Partnerorganisationen im Süden

Dieser weltumspannenden Dimension der Kirche weiss sich das Fastenopfer besonders verpflichtet, arbeitet es doch mit zahlreichen kirchlichen Partnerorganisationen des Südens zusammen und macht die Erfahrung, dass in manchen Gebieten der Welt, zum Beispiel im kriegsversehrten Kongo, kirchliche Strukturen das einzige sind, was überhaupt noch funktioniert und dem Leben dient. Diese Verbindungen bedeuten Einblick in andere Lebenswelten, Austausch zwischen verschiedenen Kulturen über Alltägliches und Lebens-Not-Wendendes, sie ziehen aber auch Verpflichtungen nach sich! Im Grundlagentext 2003 heisst es: «Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Achtsamkeit und Anteilnahme.»

Kommunikation und Pfarreien bei uns

Die Lokalkirche Schweiz, insbesondere die Pfarreien, hat in den vergangenen vierzig Jahren durch ihr Mittragen des Fastenopfers gezeigt, dass sie sich dieser grenzüberschreitenden Verpflichtungen bewusst ist: Nicht nur durch das Sammeln von Geld, sondern auch durch unzählige innovative Aktionen in Schulen, an Pfarreianlässen, in Predigt und Bildung wurde aufgezeigt, wie sich «Mission» verändert hat, dass Entwicklungshilfe und Pastoralzusammenarbeit sich gegenseitig ergänzen, sich «alle Menschen guten Willens» gegenseitig unterstützen müssen im Engagement für eine gerechtere Welt. Viele Pfarreien machen dies beispielhaft mit einem ausgewählten Projekt, das nicht nur finanziell unterstützt wird, sondern über das auch mit Hilfe von (bereitgestelltem) Fotomaterial und Projektunterlagen konkret informiert werden kann.
Die Pfarreien sind aber nicht nur Botschafterinnen hinsichtlich von Südanliegen, sie sind oft selber «interkulturelle Zentren». Die Benützung der Pfarreiheime durch Gruppen verschiedenster Kulturen, kirchliches inklusive bischöfliches Engagement gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft, die multikulturelle Beschaffenheit der katholischen Kirche Schweiz ­ dies zeigt beispielhaft, wie nah das diesjährige Kampagnenthema der direkten und interkulturellen Kommunikation bei der «Arbeitswelt» schweizerischer Pfarreien ist.

Fastenzeit, Kampagne und Kommunikation

Das Fastenopfer hat ­ im Unterschied zum evangelischen Partner Brot für alle ­ seit seiner Gründung auch den Auftrag, die Fastenzeit mitzugestalten. Die jährliche «Fastenagenda» und das diesjährige Meditationsbüchlein «Begegnungen» sollen einer breiten Öffentlichkeit helfen, die Fastenzeit als Zeit der Besinnung zu erleben. Die persönliche Spiritualität soll ebenso Nahrung finden wie das gesellschaftspolitische Fasten, welches Gott in Jes 58,6ff. anspricht: «Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen Brot auszuteilen». Das Fastenopfer hat die Praxis der Fastenzeit in der katholischen Schweiz der letzten vierzig Jahre wesentlich mitgeprägt. Inwieweit es sich dabei um eine «Grundäusserung einer Umkehrpraxis» handelt, ist eine immer wieder zu stellende Frage, die nach theologischen Antworten ruft<4>. Dass neben der theologischen Diskussion auch gesellschafts- und entwicklungspolitische, aber auch wirtschaftliche Überlegungen einhergehen müssen, ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass es sich bei der «Fastenkampagne» seit jeher um eine Bildungs- und Sammelkampagne handelt. Dass dies spannend im doppelten Sinne des Wortes ist, braucht hier nicht eigens betont zu werden.
«Umkehr» als zentraler Begriff der Fastenzeit verbindet Glauben und Gerechtigkeit. Persönliche Umkehr aus dem Glauben, also eine Ausrichtung auf die Werte des Evangeliums und die Person Jesu Christi, sind untrennbar verbunden mit einem Engagement für (globale wirtschaftliche) Gerechtigkeit ­ auch und gerade im Nord-Süd-Gefälle. Das Fastenopfer weiss sich in diesem Zusammenhang der katholischen Soziallehre verpflichtet. Auf dieser Grundlage wird für uns das entwicklungspolitische Engagement immer wichtiger.

Kommunikation und Projektarbeit

Am Anfang jeder Projektarbeit muss gute gelingende Kommunikation stehen. Für das Fastenopfer heisst dies: Eine Kommunikation, bei der sich die Betroffenen auf der Basis ihrer eigenen kulturellen Werte aus Abhängigkeiten befreien können.
In Indien zum Beispiel sind Millionen von kastenlosen Menschen verschuldet gegenüber den Grossbauern, für die sie arbeiten. Wegen Wucherzinsen haben sie keine Perspektive, jemals schuldenfrei zu sein, im Gegenteil: Die Schuldsituation führt viele zu einer Art Leibeigenschaft gegenüber den Grossbauern. Indische Partner des Fastenopfers reden diese Menschen mit Namen an, schaffen Vertrauen, beginnen Gespräche über diese Abhängigkeitssituation ­ beide Seiten verstehen. Nach weiteren Treffen wird die aussichtslos erscheinende Situation von den Betroffenen verändert: Eine eigene Sparkasse wird gegründet aus dem, was die Gruppe zusammentragen kann. Damit sind sie in schwierigen Zeiten nicht mehr den Wucherzinsen ausgeliefert. Diese Erfahrung wird oft zum Schlüsselerlebnis: «Gemeinsam können wir etwas bewirken!». Die Eigenverantwortung nimmt eine Dynamik an, die zum Beispiel zu einer besseren Trinkwasserversorgung führt. Insgesamt haben in Indien bereits über 3000 Dörfer solche Sparkassen mit entsprechenden Dorforganisationen gegründet. Der Beitrag des Fastenopfers besteht im Anregen und professionellen Begleiten dieser Projekte: Das Entscheidende bewirken die Menschen selber!

Kommunikation in eigener Sache

Über Kommunikation zu schreiben ist das eine, sie zu pflegen etwas anderes. Deshalb haben die Verantwortlichen sowohl im Katecheseheft wie im Liturgieheft jeweils hinten einen Fragebogen beigefügt, der ein Feedback geben soll, wie diese Materialien in den Pfarreien gebraucht werden können. Auch hier geht es um ein Verstehen, damit im nächsten Jahr bei Bedarf und nach Möglichkeit etwas verändert, sprich verbessert werden kann. Die Verantwortlichen des Fastenopfers sind sich sehr wohl bewusst, dass die Pfarreien die tragende Basis des Fastenopfers sind, kommen doch 70% der Einnahmen des Fastenopfers aus Pfarreien. Ein Gemeindeleiter sagte anlässlich eines Besuches seines Pfarreirates beim Hilfswerk in Luzern: «Das Fastenopfer gehört auch uns ­ ja, in unserer Pfarrei sind wir das Fastenopfer!» Wie Recht er hat!

 

Der Theologe Urs Brunner-Medici ist Verantwortlicher für Theologie und Bildung beim Fastenopfer. Katholisches Hilfswerk Schweiz.


Anmerkungen

1 Dieser Kanon wurde dem Fastenopfer spontan zugesandt! Er traf leider erst nach Versand der Materialien ein, erscheint jedoch in: Singen und Musizieren 2/2003. Bezug beim Fastenopfer.

2 Zum Themenkreis Kommunikation, Theologie und Kirche sei hingewiesen auf: E. Arens, Was kann Kommunikation, in: Stimmen der Zeit 6/2002, S. 411­421. Dieser Artikel basiert auf dem Impulsreferat, welches der Autor zu Beginn der Planung der diesjährigen Kampagne vor der ökumenischen theologischen Kommission von Fastenopfer, Brot für alle, Partner sein hielt. Es ist auch zu lesen auf der Kampagnehomepage www.verstehen-veraendert.ch («Grundlagen»).

3 Verstehen verändert ­ Interkulturelles Bibelheft zur Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau.

4 Der Frage nach einer theologisch verantworteten Umkehrpraxis, wie sie sich im Fastenopfer konkret zeigt, stellt sich: Hansjörg Vogel, Busse als ganzheitliche Erneuerung. Praktisch theologische Perspektiven einer zeitgemässen Umkehrpraxis, dargestellt am Fastenopfer der Schweizer Katholiken, Freiburg/Schweiz 1990.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003