8/2003

INHALT

Leitartikel

Weltgebetstag-Bewegung

von Rolf Weibel

 

Das 19. Jahrhundert lässt sich zum einen als Zeitalter des Nationalismus beschreiben, dem in der Christenheit ein Konfessionalismus ­ mit der Gründung von konfessionellen Weltorganisationen ­ entsprach. Gleichzeitig begann sich aber ein Internationalismus zu entwickeln, dem in der Christenheit eine Interkonfessialisierung entsprach, die ihren Ausgang vor allem in der christlichen Jugendarbeit, in der Missionsbewegung und in anderen kirchlichen Arbeitszweigen wie der christlich-sozialen Bewegung, der Friedensbewegung und der Bibelbewegung nahm. In diesem Zusammenhang hat sich der Tag entwickelt, der heute am ersten Freitag im März als Weltgebetstag begangen wird.
Seine Anfänge liegen in den schwierigen Zeiten nach dem nordamerikanischen Bürgerkrieg. Angesichts der Arbeitslosigkeit und der Not der europäischen und asiatischen Einwanderer rief die Vorsitzende des Frauenausschusses für Innere Mission in der Presbyterianischen Kirche 1887 zu einem jährlichen Gebetstag und zu gleichzeitiger praktischer Hilfe auf. Drei Jahre später riefen zwei amerikanische Baptistinnen, die die Not von Frauen in Asien kennen gelernt hatten, zu einem Gebetstag für die Äussere Mission auf. Das missionarische und gleichzeitig ökumenische Engagement zahlreicher amerikanischer Frauen führte 1920 zur Zusammenlegung beider Gebetstage und zur Bildung eines Nationalkomitees für die Vorbereitung der Gottesdienstvorlagen.
In der Folgezeit weitete sich dieser Gebetstag der Frauen zu einem Weltgebetstag aus, aber erst 1968 wurde ein internationales Komitee gegründet. 1936 führten die Missionsvereine der Methodistischen Kirche den Weltgebetstag in der Schweiz ein, und 1968 beteiligten sich römisch-katholische Frauen erstmals offiziell an der Vorbereitung und Feier. Seit 1971 heisst der erste Freitag im März einfach Weltgebetstag und nicht mehr Weltgebetstag der Frauen. In 186 Ländern gefeiert, ist die Weltgebetstag-Bewegung heute die grösste internationale ökumenische Laienbewegung geworden. Die schweizerische Trägerschaft wird vom Verband der Christkatholischen Frauenvereine der Schweiz, dem Evangelischen Frauenbund der Schweiz und dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund gebildet.
Im Zentrum des Weltgebetstags steht jeweils ein Land, für das informiert gebetet wird und dem ein Teil der Kollekte zugute kommt. Ausgewählt werden das Land und die Thematik von der Vollversammlung des Internationalen Weltgebetstagskomitees. Zur Vorbereitung und Durchführung der Feier steht eine Gottesdienstordnung zur Verfügung, die vom Weltgebetstagskomitee des betreffenden Landes erarbeitet wird, sowie informierendes Begleitmaterial. Die Vorlagen des Herkunftslandes werden vom Internationalen Komitee auf ihre internationale Verständlichkeit hin überprüft und dann den nationalen Komitees zugeleitet. So übersetzt, bearbeitet und ergänzt auch das Schweizerische Weltgebetstagskomitee die internationalen Vorlagen, und dann stellt es das gesamte Material den Vorbereitungsgruppen der regionalen und kantonalen Tagungen sowie Gemeinden zur Verfügung.
Dieses Jahr ist das Land des Weltgebetstages der Libanon<1> und das Leitwort «Heiliger Geist, erfülle uns». Eine Besonderheit des Weltgebetstages ist, dass nicht nur über ein bestimmtes Land informiert, für ein bestimmtes Land gebetet und gesammelt wird, sondern mit den Worten von Betroffenen gebetet wird. So beschreiben dieses Jahr libanesische Frauen ihre leidvollen Erfahrungen und benennen deren Ursachen ohne zu verschweigen, dass auch Libanesen und Libanesinnen «Unrecht und Schandtaten begangen haben». Sie sprechen aber auch das Problem der Auswanderung an und bitten Gott um den Heiligen Geist, «dass wir Christen im Mittleren Osten in der Nachfolge der ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu bleiben und hier deine Botschaft bewahren und bezeugen».


Anmerkung

1 Siehe dazu unsere regelmässigen Länderberichte, letztmals in: SKZ 170 (2002) Nr. 49, S. 706f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003