7/2003 | |
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Leitartikel |
Jener Jesus von Nazareth erwies sich einmalig gütig und hilfreich
zu allen Kranken und fühlte sich sogar auffallend wohl im Kreis der
Zöllner und Sünder. Aber mit einer Klasse von Menschen konnte
er nichts anfangen, nämlich mit den Pharisäern und Sadduzäern,
die vor lauter Gesetzestreue nicht merkten, was es geschlagen hatte. Ihnen
schleuderte er ins Gesicht: «Das Wetter könnt ihr deuten, aber
die Zeichen der Zeit versteht ihr nicht!» Und dann der schreckliche
Satz: «Er liess sie stehen und ging hinweg» (Mt 16,24).
Die Idee der Zeichen der Zeit blieb dann lange Zeit vergessen. Papst Johannes
XXIII. griff sie wieder auf und gab in seinem wichtigen Rundschreiben «Pacem
in terris» vom 13. April 1963, kurz vor seinem Sterben, der Kirche
die Mahnung, die Zeichen der Zeit ernst zu nehmen: den Aufstieg der Arbeiterklasse,
die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben, den Anspruch der Völker
auf Freiheit und Gerechtigkeit usw. So fand dieser Gedanke Eingang in die
Konzilsdokumente Gaudium et spes, Apostolicam actuositatem, Unitatis redintegratio,
Presbyterorum ordinis.
Einer, der diese Mahnung noch nicht kannte, aber schon praktizierte, war
der Kapuzinerbischof Anastasius Hartmann. Er war vor 200 Jahren, am 24.
Februar 1803, in Altwis, Luzern, geboren, am 24. April 1866 in Patna, Indien,
gestorben; der Seligsprechungsprozess wurde am 21. Dezember 1998 in Rom
abgeschlossen.<1> Das will heissen, er
könne uns als Modell des christlichen Lebens vor Augen stehen. Es soll
hier nur verkürzt gezeigt werden, was er uns gemäss den Zeichen
der Zeit vorlebte.
Statt Resignation neue Vision: Schon im ersten Jahr Missionserfahrung schrieb
er an P. Justus in der Schweiz: «Nicht Liebe, sondern nur Gehorsam
hält mich hier zurück... Es gibt hier soviele undankbare Sachen,
dass ich tausendmal nackt in meine Heimat fliehen möchte, wenn nicht
ein höherer Grund mich zurückhalten würde... Jedoch für
das Reich Gottes und das Heil der Seelen muss ich alles ertragen.»
Nach seinem heissen Verlangen, in die Missionen zu gehen, nun dieser Schock
der Realität! Aber er fährt fort: «Meine eigentliche Absicht
ist diese, die hindustanische Sprache vollkommen zu erlernen, dass ich den
Musulmanen und Hindus auf öffentlicher Gasse predigen kann, aber auch,
damit ich für die armen Christen die nötigen Bücher verfassen
kann, einen grösseren Katechismus, ein gutes Gebetsbuch, das Neue Testament
mit kurzen Erklärungen...». Er hat später eines nach dem
andern ausgeführt. Um als erster in Indien das Neue Testament
zu übersetzen, lernte er noch im Alter Griechisch, um wichtige Stellen
nach dem Urtext kontrollieren zu können. Den Katechismus gab er in
drei Schriften heraus, mit lateinischen Buchstaben für die Missionare,
in persischer Schrift für die Muslime, in Sanskrit für die Hindus.
Neben Mitleid auch Gerechtigkeit: Als Bischof von Patna und Bombay (heute
Mumbay) bettelte er unablässig um Geld, Missionare, auch Schwestern
für Schulen und Heime. Es lag ihm am Herzen, die armen Christen zu
schulen, damit sie aus ihrem Leben etwas machen können. Er klopfte
sogar bei den Jesuiten an, um in Bombay eine Mittelschule zu bauen, woraus
das bis heute bekannte St. Xavier's University College wurde. Er gründetet
auch eine katholische Wochenzeitung, The Catholic Bombay Examiner, die bis
heute weiterexistiert. Und als ihm mal im Streit um eine Kirche vom englischen
Beamten ein schweres Unrecht widerfuhr, sandte er wie ein Berufsjournalist
Berichte darüber an die katholischen Tageszeitungen in London, Dublin,
Paris, auch an die Schweizerische Kirchenzeitung. Kardinal Gracias von Bombay
pflegte später zu sagen: «Alles, was das katholische Bombay zu
dem macht, was es heute ist, geht auf Bischof Hartmann zurück, das
katholische Erziehungswesen, das Priesterseminar, die katholische Presse.»
Bischof Hartmann kämpfte auch in Indien und bei seinem Europa-Aufenthalt
in London vor dem Unterhaus um Gleichberechtigung der katholischen Kirche
mit der anglikanischen. Die pragmatischen Engländer lernten diesen
«hard-man» kennen und schätzen und gaben ihm schliesslich
Recht. Er hat damit für die katholische Kirche Indiens bis heute einen
soliden Grundstein gelegt.
Nicht blinder, sondern verantwortlicher Gehorsam: Das ist seit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil mit den Dekreten über das Ordensleben und über
die Gewissensfreiheit selbstverständlich geworden. Früher war
das nicht so. Anastasius hingegen hat schon damals um seinen Missionsberuf
richtig gerungen. Auf seine Bittgesuche, in die Missionen gesandt zu werden,
kam immer die Antwort: «Die Schweiz ist unser Missionsland.»
Schliesslich gelang er an den Generalobern in Rom. Dieser ermunterte ihn,
nicht aufzugeben. Nach 16 Jahren Dienst in der Schweiz schilderte er in
einem langen Brief an den Provinzialrat den neuen Missionsaufbruch in der
Kirche, das Entstehen neuer Misisonsinstitute, wie schon Franziskus Missionare
aussandte... Jetzt gab man seinem Drängen nach.
Als Bischof bat er den Vatikan um die Einsetzung eines päpstlichen
Legaten für Indien, weil sonst die Bischöfe im riesigen Land keinen
Kontakt, keinen Austausch hätten. Genau 20 Jahre nach seinem Tod entsprach
man dieser Bitte. Ebenso im Orden: Er beantragte, dass die Missionsgebiete
je einer Provinz übergeben werden, denn damals war es so, dass die
Propaganda-Fide-Kongregation die Missionare übernahm, verteilte, für
die Finanzen sorgte, aber die Heimatprovinzen sich nicht mehr um ihre Missionare
kümmerten. Auch dieses Postulat wurde 20 Jahre später von seinem
grossen Mitbruder P. Bernhard Christen, General, in die Tat umgesetzt, was
zu einem grossen missionarischen Aufschwung im Orden führte.
Leiden in Hoffnung: Die pastoralen Nöte belasteten den guten Bischof
sehr. Dazu litt er vom ersten Missionsjahr an an der damals unheilbaren
Tropen-Dysenterie. Die beständigen Blähungen mit Durchfall zehrten
nicht bloss an den physischen Kräften, sondern wirkten auch psychisch
depressiv. Aus einem Brief: «Ich fühle die Last sehr schwer auf
mir, mein Inneres ist voller Ängste und Zweifel. Ich fühle mich
wie ans Kreuz genagelt, den Kopf von Sorgen zerstochen wie von Dornen...
Doch Gott hat immer geholfen, er wird auch weiter helfen.» Seine tiefe
Frömmigkeit hielt ihn aufrecht und strahlte auch auf die andern aus.
Ein Zeitgenosse, ein Ordensmann, bezeugte: «Eine stündige Unterredung
mit Bischof Hartmann brachte mir ebensoviel geistlichen Gewinn wie achttägige
Exerzitien.»
Anastasius Hartmann steht wie ein Himalajamassiv vor uns. Wir können
nur staunen, danken und durch dieses Modell ermuntert werden, versteinerte
Ist-Zustände aufzubrechen und gemäss den Zeichen unserer Zeit
zu handeln.<2>
Der Kapuziner Walbert Bühlmann, Altmeister der Missionswissenschaft, hat auch über seinen Ordensbruder unter dem Titel «Aus dem Leben etwas machen. Anastasius Hartmann ein Modell», ein Buch geschrieben, das im Matthias-Grünewald-Verlag erschienen ist.
1 Fidelis Stöckli OFMCap, Das Engagement der Schweizer Kapuziner beim Seligsprechungsprozess ihres Mitbruders Anastasius Hartmann, in: Helvetia Franciscana. Beiträge zur Geschichte der Franziskusorden in der Schweiz, Vol. 28/1, 1999, S. 6075.
2 Die Nr. 1/2003 der Eine-Welt-Zeitschrift «ite» enthält ebenfalls Beiträge zum 200. Geburtstag des Kapuziner-Bischofs Anastasius Hartmann. Ite 1/2003 ist als Gratis-Probenummer erhältlich bei: Missionsprokura der Kapuziner, Postfach 1017, 4601 Olten, Telefon 062 212 77 70, E-Mail abo@missionsprokura.ch
Erstmals erscheint die lateinisch überlieferte Autobiographie des
Kapuziner-Bischofs Anastasius Hartmann als Sonderausgabe der historischen
Zeitschrift «Helvetia Franciscana» mit einer deutschen Übersetzung,
angefertigt vom Kapuziner Engelbert Ming (Kloster Wesemlin Luzern). Die
lateinisch-deutsche Fassung ist mit Kommentar und Illustrationen ausgestattet.
Einleitend dazu würdigt Christian Schweizer, Provinzarchivar der Schweizer
Kapuziner, die Autobiographie als Quelle zur Geschichte der Schweiz und
insbesondere der Kapuziner des 19. Jahrhunderts. Die Autobiographie beschreibt
den Werdegang eines Luzerner Kantonsbürgers bis zum Missionsbischof
in Indien, die politischen und kirchlichen Verhältnisse in der Schweiz,
die erste existenzielle Krise der schweizerischen Kapuzinerprovinz und die
Schwierigkeiten der Mission in Indien. Als Anhang folgt die vom Kapuziner
Oktavian Schmucki erstellte deutsche Übersetzung des lateinischen Dekrets
der römischen Kongegration für Heiligsprechungen vom 21. Dezember
1998 über die Heroizität des Anastasius Hartmann.
Autobiographie des Anastasius Hartmann (1803-1866), des Schweizer Kapuziners,
Titularbischofs von Derbe und apostolischen Vikars von Patna in Indien.
Beiheft 4 zu Helvetia Franciscana (2003), Luzern 2003, 100 S., ill., Fr.
20..
Bezug: Provinzarchiv Schweizer Kapuziner, Postfach 129, 6000 Luzern 10 (E-Mail
provinzarchiv@kapuziner.ch).