6/2003

INHALT

Leitartikel

Die Kirche als Partnerin von Solidaritätsgruppen

 

An ihrer Plenarversammlung vom 14./15. November in Freiburg liess sich die Pastoralplanungskommission der Schweizer Bischofskonferenz (PPK) über die Ergebnisse der SPI-Studie «Solidarität und Religion. Was bewegt Menschen in Solidaritätsgruppen?» informieren und machte sich Gedanken über die Relevanz der Studie im Blick auf die kirchliche Arbeit. Das Hauptinteresse der Untersuchung galt der komplexen Verknüpfung von Solidarität und Religion unter den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft. Aus der Debatte über die Folgerungen für die Kirche im Umgang mit Solidaritätsgruppen entstand die nachfolgende Erklärung.
Kirche ist nicht Kirche, wenn sie nicht für andere da ist. Gelebte Solidarität macht unsere Identität als Kirche aus, wollen wir authentisch und glaubwürdig sein. Was christliches Leben heisst, wird spürbar und erlebbar in der Art, wie Christen leben. Über eine Hunger- und Pestkatastrophe unter Kaiser Maximin zu Beginn des 4. Jahrhunderts berichtet Eusebius: «Der allseitige ernsthafte Eifer... der Christen zeigte sich damals allen Heiden in deutlichen Zeichen. Denn sie waren die einzigen, die in einer solchen Katastrophe ihr Mitgefühl und ihre Menschlichkeit durch unmittelbares Eingreifen bewiesen. Die einen waren den ganzen Tag rastlos tätig in der Pflege der Sterbenden und ihrer Bestattung ­ es gab Tausende, um die sich kein Mensch kümmerte; andere brachten die vielen vom Hunger gequälten aus der ganzen Stadt an eine Stelle zusammen und verteilten an sie alle Brot. Was sie taten, sprach sich bei allen Menschen herum und man pries den Gott der Christen und bekannte, dass dies allein die wahrhaft Frommen und Gottesfürchtigen seien, da ihr Tun das beweise.»
Wenn auch andere Gruppen als nur die Christen sich in der Hungerkatastrophe für die Menschen engagiert haben, so provoziert der Bericht von Eusebius geradezu, danach zu fragen, wie es denn heute mit der Solidarität von uns allen bestellt ist. In welcher Form zeigt sie sich in unserer zunehmend individualisierten Gesellschaft? Welche Bedeutung kommt dabei der persönlichen Glaubensüberzeugung zu? Haben gar alle jene Recht, die den sozialen Zusammenhalt und das solidarische Handeln schwinden sehen? Viele meinen heute, alle wollten nur egoistisch und kurzfristig für sich profitieren. Dahinter steht die Befürchtung: Je individualistischer die Menschen werden, desto weniger handeln sie gemeinsam und in Solidarität.
Lange Zeit galt Religion als die wichtigste soziale Stütze von Solidarität. Die Religion vermittelt gemeinsame Werte, sie verleiht sozialen Werten verbindliche Geltung und sie fördert eine Haltung, aus der Solidarität vielfältig wächst.
Um zu prüfen, in welcher Beziehung heute solidarisches Handeln und religiöse Einstellung zueinander stehen, welche Rolle die persönliche Glaubensüberzeugung in Solidaritätsgruppen spielt, was Menschen in Solidaritätsgruppen zusammenhält, führte das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in Zusammenarbeit mit der Bethlehem Mission Immensee ein vom Nationalfonds mitfinanziertes Forschungsprojekt durch. Die Autorin und Autoren der Studie haben zwölf Solidaritätsgruppen in der Deutschschweiz untersucht.
Dabei wurde an die Ende der 80er Jahre durchgeführte Studie «Jede/r ein Sonderfall?» angeknüpft. Gesellschaftswissenschaftler und Theologen wollten damals wissen: Wie glauben Frauen und Männer in der Schweiz? Ihr Ergebnis: Christlicher Glaube wird zunehmend zu einer Sache der bzw. des Einzelnen. Menschen wählen ihre Weltdeutungen und Werte aus vorgegebenen Traditionen wie aus verschiedenen Religionen selber aus. Charakteristisch ist die Haltung: «Das ist gültig für mich, was für mich stimmt». In derselben Haltung wird heute das solidarische Engagement angegangen: Ich handle dort und mit den Menschen gemeinsam, wo dieses Handeln mir persönlich sinnvoll erscheint und mir auch etwas zu nutzen vermag.
Die Studie über Solidarität und Religion zeigt nun vor diesem Hintergrund: Auch wenn das Leben sehr individualisiert ist, schliessen sich Menschen ­ auch in der Schweiz ­ weiterhin in Gruppen zusammen, um sich selbst oder anderen zu helfen. Die gegenseitige Hilfe und der gemeinsame Zusammenhalt kommen mit oder ohne Religion zustande. Aufgrund einer ausführlichen Interpretation von zwölf Gruppengesprächen hat das Forschungsteam drei Typen der Beziehung von Solidarität und Religion in Fremd- und Selbsthilfegruppen herausgearbeitet:

1. Milieutyp

Im Milieutyp ist das solidarische Denken und Handeln der Menschen tief von Religion durchdrungen. Was Solidarität bedeutet, das wird entlang den Normen der christlichen Kirchen gedeutet und gelebt. So erstreckt sich das solidarische Handeln der Gruppen dieses Typs auch weit gehend auf die eigene Konfession oder Kirche. In der Gruppe Pfarrei werden etwa Spenden gesammelt, welche an die der Gruppe zumeist persönlich bekannte Missionare in der Dritten Welt weitergegeben werden. Im Vertrauen auf die Missionare wird der Einsatz der Spenden für die Menschen in der Dritten Welt nicht rechnerisch überprüft. Willkommen ist der Dank der Missionare, den die Gruppe regelmässig entgegennimmt. Religiös begründete Appelle für (mehr) Solidarität stossen vor allem in diesem Typ auf Resonanz.

2. Funktionstyp

Im Funktionstyp entstehen Gruppen aus der Betroffenheit durch ein (z.B. wirtschaftliches oder medizinisches) Problem heraus. Religion wird im solidarischen Alltagshandeln dieser Gruppen in der Regel nicht thematisiert. Angesichts von unterschiedlichen religiösen Überzeugungen könnte eine Diskussion über Religion den Zusammenhalt der Gruppen gefährden. So können sich in der Gruppe Herzkinder Eltern, deren Kinder von einer Herzkrankheit betroffen sind, nicht über die religiöse Deutung der Krankheit ihrer Kinder einigen. Viel wichtiger ist aber in dieser Gruppe der Austausch über den Zustand der Kinder, über praktische Probleme im Umgang mit der Krankheit in Familie, Schule und Beruf. Die Gruppen dieses Typs halten bewusst Distanz zu Kirchen und Religionen, auch wenn sie manchmal von deren Leistungen profitieren.

3. Identitätstyp

Beim Identitätstyp versuchen die Mitglieder der Gruppen, gemeinsam ihre persönliche Identität zu verändern. Dabei kann Religion eine Rolle spielen: als Zeichen von Hoffnung oder als Ausdruck von Gefühlen. So ist es möglich, Religion zu thematisieren. Religion ist aber nicht mehr selbstverständlich vorgegeben; die Rolle der Religion muss in der Gruppe vielmehr verhandelt werden. So vertrauen die Mitglieder der Gruppe Alkohol auf die Selbsthilfe, um die Alkoholkrankheit zu bewältigen. Diese Selbsthilfe wird aber nicht individualistisch interpretiert, sie wird vielmehr eingebaut in den Zusammenhang der Hilfe durch die Gruppe und durch den Beistand einer «Höheren Macht» ­ was immer man darunter verstehen mag. In den Gruppen dieses Typs zeigt sich, dass auch Selbstthematisierung und Selbstverwirklichung zu gemeinsamem Handeln führen können.
Die drei Typen machen deutlich, dass Verbindungen von Solidarität und Religion heute in einer neuen Vielfalt existieren. Massgebend ist nicht mehr die konfessionelle Solidarität aller Katholiken/Katholikinnen untereinander gegen die Konfession der Reformierten, wie sie in vergangenen Jahrhunderten bestimmend war. Die Verbindung von Solidarität und Religion ist jedoch nicht verschwunden. Sie hat sich heute aber in ihren Erscheinungsformen deutlich gewandelt.
Kirchen und Hilfswerke werden sich in Zukunft stärker darauf einzustellen haben, mit verschiedenen Gruppen unterschiedlich umzugehen. Nicht immer nützt es ihnen dabei, an einen (vermeintlich gemeinsamen) kirchlichen Hintergrund zu appellieren. Wenn Kirchen und Hilfswerke Solidaritätsgruppen fördern wollen, müssen sie jedenfalls Folgendes beachten:

Im Sinne ihres evangelischen Auftrages setzen wir als Kirche auf das Engagement von solidarisch handelnden Gruppen. Solidaritätsgruppen geben Raum, wichtige Themen zu diskutieren und sie in die Öffentlichkeit einzubringen. Solidarisches Handeln in Gruppen vermittelt dem Einzelnen Rückhalt, gerade wenn es darum geht, Neues zu wagen. Gruppen machen Mut, sich solidarisch miteinander um eine menschenfreundliche Zukunft in unserer Welt aktiv zu beteiligen, wobei es für den Grundsatz einzustehen gilt, dass die Stärke jeder Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit den Schwachen umgeht.

Pastoralplanungskommission der Schweizer Bischofskonferenz (PPK)


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003