5/2003 | |
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Leitartikel |
Die feierliche Eröffnung des Jahres der Bibel am letzten Wochenende
in Bern machte die Zugänge zur Bibel und die verschiedenen Aspekte
der Bibel hör- und sichtbar: Der Festakt konfrontierte den Bibeltext
mit Lebensfragen, der ökumenische Gottesdienst stellte ihn in einen
liturgischen Verwendungszusammenhang, der Workshop Bibliodrama und die Veranstaltung
für Kinder erprobten seine Lebensrelevanz, der Theaterabend, die Führung
durch das Kunstmuseum und das zeitgenössische Oratorium über das
Buch Hiob betonten seine kulturelle Bedeutung.
Dem entspricht, was an der Medienkonferenz Bischof Kurt Koch als Präsident
der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz als Ziele des
Bibeljahres erklärt hatte. Es sei «eine willkommene Gelegenheit,
dass sich die christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wieder
neu auf die Quellen ihres Glaubens besinnen, sich der eigenen Urkunde des
Glaubens vergewissern, sich auf die Grundlagen des christlichen Lebens verpflichten
und den Menschen, mit denen Christen und Christinnen zusammenleben, Rechenschaft
über ihren Glauben und ihre Hoffnung geben». Die Bibel sei nämlich
« freilich mit wenigen Ausnahmen die gemeinsame Glaubensgrundlage
aller christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften». So sei
das Bibeljahr auch ein herausragendes ökumenisches Ereignis, das neu
bewusst machen könne, «dass nur eine spirituellere Ökumene
aus den Sackgassen herauszuführen vermag, in denen wir uns derzeit
befinden».
Im ökumenischen Zusammenhang gelte es, die ganze Bibel wahrzunehmen,
damit die Begegnung mit dem Alten Testament auch zu einer Begegnung mit
dem Judentum werde, «um ein besseres Verständnis für unsere
älteren Schwestern und Brüder zu gewinnen, zu denen der biblische
Gott zuerst gesprochen hat». Das Jahr der Bibel fordere so auch dazu
heraus, «die jüdische Wurzel des Christentums neu wahrzunehmen
und in diesem Licht uns auch mit dem Land der Bibel auseinander zu setzen,
auch und gerade heute, wo uns Israel dies nicht leicht macht».
Und schliesslich erhebe das Jahr der Bibel den Anspruch, «auch zu
einem gesellschaftlichen und kulturellen Ereignis zu werden». Die
gesellschaftlichen Lebenswelten Europas seien ohne die Bibel nicht denkbar
auch heute nicht. So sei für die Zukunft Europas eine gemeinsame
neue Währung nicht ausreichend, es brauche vielmehr auch eine geistige
und geistliche Leitwährung, und diese könne es in der Bibel finden.
Das Leitwort des Jahres der Bibel «Suchen. Und finden» mache
aber darauf aufmerksam, dass wir in der Bibel nur finden, was wir suchen.
Wer Historisches suche, werde Historisches finden; wer Gott suche, werde
Gott finden; wer guten Rat suche, werde guten Rat für sein Leben finden.
So lade das Jahr der Bibel schliesslich «zum Gespräch nicht nur
der Christen und Christinnen untereinander ein, sondern auch alle Menschen,
die sich auf die Suche nach dem Sinn und der Wahrheit ihres Lebens machen
wollen».
Organisatorisch getragen wird das Jahr der Bibel in der Schweiz von den
beiden grossen konfessionellen Bibelwerken, dem Schweizerischen Katholischen
Bibelwerk mit seiner Bibelpastoralen Arbeitsstelle und der Schweizerischen
Bibelgesellschaft, die ihre Beziehungen in die französischsprachige
Schweiz hat. Im Tessin setzt sich neben den Kirchen vor allem die am 15.
Januar 2003 in Lugano gegründete «Associazione Biblica Ticinese»
ein, eine ökumenische kulturelle Institution, die ein Jahrzehnt biblischer
Erneuerung organisatorisch zusammenfasst. Nicht zufällig referierte
an der Medienkonferenz Ernesto Borghi, Professor an der Theologischen Fakultät
Lugano, haben die Gründung dieser Fakultät und ihre Beziehungen
zur Universität der Italienischen Schweiz doch wesentlich zu dieser
biblischen Erneuerung in ökumenischer Offenheit beigetragen. Bemerkenswert
für die Situation im Tessin ist nicht zuletzt der Wille der «Associazione
Biblica Ticinese», nicht nur kirchliche, sondern zugleich auch kulturelle
Kreise für die Bibel zu interessieren.
Interesse für das Lesen der Bibel zu gewinnen muss allerdings mit zeittypischen
Schwierigkeiten rechnen, die Dieter Bauer als Leiter der Bibelpastoralen
Arbeitsstelle auf die Reihe brachte: Die Bibel ist ein Buch (für jene,
die keine Bücher lesen, ist der Zugang deshalb schwierig; das Lesen
und den Umgang mit Büchern zu fördern, ist aber nicht nur wegen
der Bibel wichtig); die Bibel ist ein altes Buch (das Alter der Bibel baut
zusätzliche Hürden auf; die Anstrengung, sich in die oft fremde
Welt dieses Buches einzufinden, muss man wirklich wollen); die Bibel ist
ein vorbelastetes Buch (viele Menschen erwarten von der Bibel nichts, weil
sie von den Kirchen nichts erwarten; obwohl die Bibel daran unschuldig ist,
muss dies berücksichtigt werden); die Bibel ist ein Kulturgut (wenn
sich jemand für die Bibel interessiert, muss ein Interesse an dieser
Kultur da sein; die Bibel verstehen heisst unsere Kultur verstehen
aber das muss ich wirklich wollen).
Für Dieter Bauer ist die Bibel darum ein Geheimtipp; ihre Qualitäten
sprechen sich eher unter Liebhabern herum. «Und sie zu entdecken erfordert
eine gehörige Portion Entdeckergeist und Ausdauer. Dann aber ist das
spannendste und aufregendste Buch der Weltliteratur zu entdecken»,
das ganz bestimmt hilft, «die Welt und die Menschen besser zu verstehen.
Dafür sind in diesem Buch über die Jahrhunderte genügend
Erfahrungen zusammengekommen.»
Um bei diesem Entdecken zu helfen, planen die Projektträger keine spektakulären
Einzelaktionen, sondern stellen Hilfen für kreatives Arbeiten vor Ort
bereit. Dabei stützten sie sich breit ab und suchten die Kooperation
mit Partnerorganisationen, wie Sabine Bieberstein, die im Bibelwerk für
das Jahr der Bibel Verantwortliche, ausführte. So können die gewohnten
kirchlichen Aktionen von Fastenopfer/Brot für alle über
OeKU und missio bis zum Bibelsonntag biblisch begleitet und vertieft
werden.
Mit dem Bibellesebund erarbeitet wurde die «Bibel-Entdecker-Tour»,
ein ökumenisches Projekt für Schulklassen und Kindergruppen. Es
will den Kindern die Bibel als spannendes Lebensbuch nahe bringen und so
die Verantwortlichen in der Kinderarbeit unterstützen. Leider fand
es in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland so guten Anklang,
dass keine neuen Gruppen mehr mitmachen können, wie Pfarrer Urs Joerg,
Generalsekretär der Schweizerischen Bibelgesellschaft sagen zu müssen
bedauerte. Weiterhin anmelden können sich indes Kirchgemeinden bzw.
Pfarreien, Gruppen und Einzelpersonen aller Konfessionen, eine oder mehrere
Bibelseiten in ihrer Sprache abzuschreiben.<1>
Diese Aktion soll die Vielfalt der Bibel, der Glaubensweisen, der Kulturen,
kurz: der Bibelleserinnen und Bibelleser in der Schweiz symbolisieren. Die
auf fünf Bände geplante handschriftliche Bibelausgabe soll zum
Abschluss den Bundesbehörden übergeben werden. Einbezogen werden
können auch die bereits bestehenden Bibelwege wie jener von Gerlafingen
(SO) nach Utzenstorf (BE)<2> oder der
grosse biblische und archäologische Wanderweg im District Saint-Maurice
(VS)<3>, zu dem das Departement für
Biblische Studien der Universität Freiburg und die Schweizerische Bibelgesellschaft
beigetragen haben.
Die Vielfalt der Angebote zum Jahr der Bibel entspricht so dem Konzept,
auf das sich die beteiligten Kirchen, kirchlichen Gemeinschaften und Bibelwerke
ohne Konflikte, wie Urs Joerg beteuerte verständigen konnten:
das Konzept eines offenen und breiten Zugangs zur Bibel. Erreicht werden
soll damit, dass der Bibelleser und die Bibelleserin in diesem alten Buch
seinen und ihren heutigen Lebensfragen begegnet, dass um eine Formulierung
von Ernesto Borghi aufzunehmen die biblische Hermeneutik und der Alltag
zusammengebracht werden.
1 Schweizerische Bibelgesellschaft, Handgeschriebene Bibel, Pfr. Urs Joerg, Waffengasse 20, 2501 Biel, Telefon 0323272025, E-Mail info@bibelgesellschaft.ch
2 www.bibelweg.ch
3 www.chemins-bibliques.ch