4/2003 | |
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Leitartikel |
Vor gut 50 Jahren, am 11. August 1952, wurde in der Schweiz, am Bischofssitz
von Freiburg, ein internationales Netzwerk von ökumenisch interessierten
katholischen Theologen gegründet, die auf ihrem Arbeitsgebiet miteinander
und ausdrücklich auch mit den Bischöfen zusammenarbeiten wollten
die «Katholische Konferenz für ökumenische Fragen».
Auf ihren Treffen, ökumenischen Studientagen, behandelte die Konferenz
nach Möglichkeit Themen, die zur gleichen Zeit im Ökumenischen
Rat der Kirchen diskutiert wurden. Sechseinhalb Jahre nach der Gründung
der Konferenz kündigte Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische
Konzil an. Als Beitrag zu dessen Vorbereitung erarbeitete die Konferenz
eine Eingabe, die dank der guten Beziehungen ihrer Mitglieder zu Bischöfen
wie zur Römischen Kurie einen nachhaltigen Einfluss auf das Konzil
gewann. Der erste Sekretär der Konferenz, Prof. Johannes Willebrands,
wurde 1960 Sekretär des Sekretariats zur Förderung der Einheit
der Christen, später dessen Präsident. Die «Katholische
Konferenz für ökumenische Fragen» sah ihre Anliegen dort
so gut aufgehoben, dass sie nach 1963 nicht mehr zusammengekommen ist.
Im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden, um die Ökumene
zu fördern, auf allen Ebenen konfessionell gemischte «Konferenzen»
aller Art gegründet. Für Europa bedeutsam wurde, dass mit der
Errichtung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) die
organisierte nichtkatholische europäische Christenheit, die Konferenz
Europäischer Kirchen (KEK), auf kontinentaler Ebene einen römisch-katholischen
Partner erhalten hatte. Im April 2001 verabschiedeten CCEE und KEK die «Charta
Oecumenica. Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen
in Europa», deren Rezeption erst begonnen hat und deshalb verstärkt
werden müsste, wie die nachstehend dokumentierte Erklärung des
gemeinsamen Treffens von CCEE und KEK, das der Frage der Rezeption gewidmet
war, zeigt.<1>
1. Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Mitgliedskirchen der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und von den katholischen Bischofskonferenzen des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) aus 26 Ländern, trafen uns vom 7.10. September 2002 in Ottmaring, um über die Rezeption der Charta Oecumenica in unseren Ländern zu beraten. Wir kamen zusammen, um wahrzunehmen, was mit der Charta passiert, um einander zuzuhören und um unseren Kirchen beizustehen in dem Prozess, sich die Charta zu eigen zu machen und sie, den nationalen Gegebenheiten entsprechend, aufzunehmen. In unserer Aufgabe fühlten wir uns inspiriert durch das Leben der ökumenischen Gemeinschaft hier in Ottmaring und durch die Erinnerung an die Geschichte, nicht nur von Trennungen, sondern auch von Versöhnung, wie sie im nahe gelegenen Augsburg bezeugt ist. Wir fühlten uns gegenseitig ermutigt, «wahrhaftig zu sein in der Liebe» (Eph 4, 15).
2. Wir erinnerten uns an die segensreiche Begegnung in Strassburg am 22. April 2001, während derer die Kirchen in Europa ihren Aufruf zur Einheit im Glauben und die Verpflichtung zu einer gemeinsamen Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus veröffentlicht haben. Diese Verpflichtung bestand darin, zu handeln, zu beten und im Dialog miteinander fortzufahren, um so am Aufbau eines gerechten Europas, Versöhnung von Völkern und Kulturen, Bewahrung der Schöpfung, Stärkung der Verbindungen mit dem Judentum, Entwicklung der Beziehungen mit dem Islam und Begegnungen mit anderen Religionen und Weltanschauungen teilzuhaben. Heute sind wir Gott dankbar, sehen zu können, dass insgesamt die Charta in vielen Ländern und von vielen Kirchen positiv aufgenommen wurde.
3. Die Charta wurde «ein Prozess, ein Text und ein Traum» genannt. Wir wurden sehr ermutigt durch so vieles, was wir von den Ländern quer durch Europa gehört haben, in denen Kirchen sich gemeinsam mit der Charta befasst haben, um Beziehungen zu vertiefen und reifen zu lassen. Wir sind dankbar für das offensichtliche Wirken des Heiligen Geistes. Aber wir sind uns auch dessen bewusst, dass das Wirken des Heiligen Geistes ebenso gegenwärtig ist in den Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen wir uns gemeinsam stellen. Und so können wir realistisch mit den schon erfahrenen und vorauszusehenden Problemen umgehen.
4. Unter den Themen, mit denen sich unsere Konsultation befasst hat, möchten wir folgende den Kirchen besonders ans Herz legen:
5. In den meisten Ländern sind wir noch am Beginn des Prozesses der Rezeption, und in diesem Licht interpretieren wir die Ungleichzeitigkeit, die sich in unseren Berichten zeigt. Dennoch ist es jetzt für uns an der Zeit, die Charta mehr denn je als ein Instrument für die Notwendigkeiten unserer je besonderen Situation zu nutzen. Der Prozess der Rezeption spiegelt die Unterschiedlichkeit unserer Erfahrungen und des gemeinsamen Lebens unserer Kirchen zugleich wider. An Orten, an denen es eine lang dauernde Zusammenarbeit der Kirchen gibt, kann uns die Charta ein Ansporn sein, Selbstzufriedenheit zu vermeiden und unseren Auftrag und Dienst wieder zu beleben. An anderen Orten, an denen Beziehungen unter den Kirchen gespannt oder schwierig sein mögen, kann die Charta helfen, Vertrauen wieder herzustellen und Freundschaften zu vertiefen.
6. Wir fordern dazu auf, die Charta mit Feingefühl in Bezug auf die theologischen, kulturellen und historischen Besonderheiten unserer verschiedenen Länder und Kirchen zu nutzen. Sie soll die Inspiration für einen kontinuierlichen Dialog in Blick auf das jeweilige Verständnis der Geschichte sein und den Kirchen helfen, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und Heilung der Erinnerung zu suchen. Dann wird sichtbar werden, dass die Bedeutung der Charta variiert je nach den unterschiedlichen Kontexten, in denen sie genutzt und umgesetzt wird.
7. Wir erkennen, dass vielerorts in Europa die Charta eines der wenigen Dokumente ist, das von den Kirchen diskutiert wird, und wir möchten weitere Kirchen ermutigen, sie als Brennpunkt für eine kritische Diskussion und eine Stufe zu neuen Ebenen des Dialogs zu nutzen. Wir bemerken auch das Gefühl der Fremdheit in Blick auf den Prozess der Charta Oecumenica in einigen Kirchen, und wir möchten versuchen, dadurch darauf zu antworten, dass wir zur weiteren Nutzung und Entwicklung des Textes ermutigen. Wir betrachten den gegenwärtigen Text nicht als das «letzte Wort» für unsere ökumenische Reise, aber als einen wichtigen Schritt auf unserem Weg.
8. Wir laden die Kirchen ein, ihre Ergänzungen zur Charta und konkrete Beispiele ihrer Umsetzung, die aus der jeweils eigenen Situation erwachsen, herauszufinden, diese mit anderen Kirchen zu diskutieren und sie KEK und CCEE für weitere Beratungen zukommen zu lassen. Insbesondere ermutigen wir die Kirchen der östlichen Tradition, ihre Erfahrungen und Erwartungen an die Charta zu benennen, um sie sich ganz zu eigen zu machen und sie wirksam nutzen zu können.
9. Wir sind dankbar, dass die Charta an vielen Orten wirksam wurde, um den Dialog unter den Kirchen zu fördern und zuzuspitzen. Und wir glauben, dass sie, je mehr sie als Angebot und nicht als aufgedrängt wahrgenommen wird, desto fruchtbarer für den Dienst an unserer gemeinsamen Sendung in der vor uns liegenden Zeit sein kann.
10. Wir verlassen Ottmaring am Vorabend des ersten Jahrestages vom 11. September. Wir beten dafür, dass die Charta Oecumenica zu Frieden und Gerechtigkeit in der Welt beitrage. Wir glauben, dass im Laufe unserer ökumenischen Pilgerreise uns der Heilige Geist auf viele Weisen leitet und dass wir in unserem gemeinsamen Bedenken und der Umsetzung unserer Verpflichtungen aus der Charta Oecumenica versuchen, ihm zu folgen. Durch unser Gebet und unsere Arbeit hier hoffen wir, einen weiteren Schritt zur Erfüllung des Gebetes Christi zu machen, «dass alle eins seien» (Joh 17,21).
1 SKZ 169 (2001) Nr. 18, S. 261265; eine Handreichung für die Erwachsenenbildung bietet Heft 1/2002 von kageb erwachsenenbildung (Bezug: ABSK, Postfach 20069, 6002 Luzern, Telefon 0412105055, Fax 0412195056, E-Mail info@absk.ch).