3/2003

INHALT

Leitartikel

Ökumene in der Schweiz

von Rolf Weibel

 

In einem Vortrag fragte der Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Bischof Marc Ouellet, am 15. November 2002 zum Erzbischof von Quebec ernannt, unlängst: «Wo stehen wir heute mehr als 35 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nach 35 Jahren ökumenischem Dialog?»<1> Die in den beiden Bänden «Dokumente wachsender Übereinstimmung» veröffentlichten Dialogergebnisse dieser Zeit lassen ihn antworten: Es gibt eine Konvergenz im Begriff und in der Sache der communio, denn alle Dialoge bestimmen die Einheit der Christen als communio-Einheit und verstehen sie in Analogie zum trinitarischen Urbild übereinstimmend nicht als Uniformität, sondern als Einheit in der Vielfalt und als Vielfalt in der Einheit.<2>
Aus römisch-katholischer Sicht ist diese communio innerhalb der römisch-katholischen Kirche eine vollkommene, zwischen ihr und den von ihr getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften indes erst eine unvollkommene. Aus der Sicht des Einheitsrates ist allerdings das, was die Kirchen eint, weit mehr als das, was sie noch immer trennt. Die ökumenische Frage lautet daher: «Wie können wir von der schon bestehenden unvollkommenen communio zur vollen communio gelangen?»<3> Das Bestreben des ökumenischen Dialogs ist es ­ mit den Worten von Bischof Marc Ouellet ­ «die unvollkommene Gemeinschaft, in der wir mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften schon jetzt stehen, mit Gottes Hilfe zur vollen Gemeinschaft wachsen zu lassen».
Die gegenwärtige ökumenische Situation ist deshalb eine Zwischensituation, «die viele Möglichkeiten mit sich bringt, aber auch noch Grenzen aufweist, die sich aus der Natur der Sache ergeben»<4>. Als Mitarbeiter des für die ökumenischen Fragen zuständigen Kurienorgans weist Bischof Ouellet auf die gegebenen Möglichkeiten hin, die noch nicht genügend wahrgenommen werden. Dabei spricht er sogar die eucharistische Gastfreundschaft an und empfiehlt wörtlich: «Das Ökumenische Direktorium bietet einen Handlungsspielraum für die Zulassung zur Eucharistie in bestimmten Einzelfällen, der soweit wie möglich auszuschöpfen ist.»<5>
Von anderen Kurienorganen werden eher die Grenzen aufgezeigt, manchmal schroff und scharf. So wurde, um bei der Eucharistiefeier zu bleiben, die verbotene Konzelebration der Eucharistie zusammen mit Amtsträgern kirchlicher Gemeinschaften, die keine apostolische Sukzession (im katholischen Sinn) haben und die sakramentale Würde der Priesterweihe nicht anerkennen, zu einer Straftat gegen die Heiligkeit des eucharistischen Opfers und Sakramentes erklärt, die der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten ist.<6>
Die episkopale Amtssukzession scheint in der weltweiten Ökumene überhaupt die Grenze zu sein, die unüberwindbar ist. Die Tragweite dieser Grenzziehung zeigt sich in der kritischen Haltung der orthodoxen Kirchen dem Ökumenischen Rat der Kirchen gegenüber. Verstärkt wird sie durch die sichtlichen Bemühungen der römisch-katholischen Kirche um grössere Nähe zu den orthodoxen Kirchen.
Die episkopale Verfassung der Kirche und die apostolische Sukzession ihrer Amtsträger scheint mir die tiefgehendste und weitreichendste weltkirchliche Vorgabe der römisch-katholischen Kirche zu sein. Diese Vorgabe trennt die Kirchen. Wenn aber das, was die Kirchen eint, weit mehr ist als das, was sie noch immer trennt, gilt es, das Einende ins Auge zu fassen und im Leben der Kirchen zu stärken und so die communio zu fördern. Grundlegende Voraussetzung dafür ist eine Spiritualität der communio.

Spiritualität der communio

Unter einer Spiritualität der communio verstehe ich im ökumenischen Kontext<7> einen den eigenen Vorurteilen gegenüber kritischen Willen, den anderen auch in seiner Andersartigkeit zu verstehen. Auf der Ebene der theologischen Auseinandersetzung führt diese Haltung zu einer Hermeneutik des Vertrauens. Dieser würde auf der Ebene des kirchlichen Sprechens und Handelns eine Praxis des Vertrauens entsprechen. Für eine solche Praxis des Vertrauens plädiere ich, weil das Verhältnis zwischen den Kirchen auch in der Schweiz in eine schwierige Phase gekommen zu sein scheint.
Die Reformation führte bekanntlich nicht zur Reform der Kirche, sondern zu einer Konfessionalisierung und einem polemischen Antagonismus zwischen den Konfessionen. Die Schweizer Kirchengeschichte kennt jedoch nicht nur polemischen Zwist, sondern auch irenische Annäherungs- und Verständigungsversuche. Mit dem amtlichen Eintritt der römisch-katholischen Kirche in die ökumenische Bewegung im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils begann auch in der Schweiz, nach einem überaus langen und Geduld erheischenden Vorfrühling, ein ökumenischer Frühling. Dieser Frühling ist heute vorüber. Schritte auf die nächste Etappe hin sind zu tun. Wie diese einmal charakterisiert werden kann, braucht uns heute nicht zu kümmern. Wichtig scheint mir bloss, dass wir zum einen nicht in Denk- und Verhaltensweisen der zurückgelegten Etappen zurückfallen und zum andern die guten Erfahrungen nicht hinter uns lassen.
Dazu gehört aus der polemischen Epoche die Einsicht, dass auf eine theologische Auseinandersetzung nicht verzichtet werden kann: die Suche nach Wahrheit ist ernst zu nehmen, auch wenn die Wahrheit immer grösser ist als wir. Aus der irenischen Zeit sollten wir den Respekt vor dem und der anderen bewahren: das Gewissen des und der anderen ist ernst zu nehmen, auch wenn es sich ­ wie das meinige ­ irren kann. Aus der Zeit des ökumenischen Frühlings darf die Erfahrung nicht verloren gehen, dass die Auseinandersetzung nur in der Gestalt des Dialogs Zukunft verheissend ist.
Die einzelne Kirche oder kirchliche Gemeinschaft verzichtet damit in der neuen Phase der Suche nach grösserer communio nicht auf ihre eigene Identität, und sie hat auch ihre Freude an ihren besonderen, typischen Qualitäten nicht aufzugeben, und sie darf sie selbstverständlich auch herausstellen. Zu beachten hat sie dabei bloss, dass Wahrheit und Respekt nicht verletzt werden; dass sie mutatis mutandis das einhält, was die Werbewirtschaft Lauterkeit nennt.
Der Dialog in der Zeit des ökumenischen Aufbruchs hat nicht nur Spuren in den daran Beteiligten hinterlassen, sondern auch schriftliche Ergebnisse. Es sind dies Texte, die auf verschiedenen Ebenen verfasst wurden: auf schweizerischer, auf europäischer und auf internationaler. Und es sind Ergebnisse bilateraler wie multilateraler Arbeiten von Dialogkommissionen oder Begegnungen.
Auch diese Texte sind Vorgaben; nicht in jedem Fall weltkirchliche Vorgaben, aber doch Vorgaben, die über die Ortskirche ­ sei es katholisch ein Bistum oder evangelisch-reformiert eine Kantonalkirche ­ hinausgehen. Die Auseinandersetzung mit diesen Texten ist ökumenisch unverzichtbar; denn der Kanton oder die Nation ist noch lange nicht die Ökumene.
Das Studium und die Rezeption von Konsenstexten sind auf dem Weg zu einer grösseren communio unerlässlich. Denn mir ist unvorstellbar, dass zum Beispiel die fundamentale katholisch-reformierte Lehrdifferenz bezüglich der episkopalen Verfassung der Kirche und der apostolischen Sukzession ihrer Amtsträger mit einer einzigen Dialoganstrengung überwunden werden kann. Dazu hin braucht es zahlreiche ­ oder gar zahllose ­ Dialogschritte zu einer katholisch-reformierten Annäherung.
Ein Ähnliches gilt für den multilateralen Ansatz. Der von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und dem Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) verabschiedeten europäischen «Charta Oecumenica» lässt sich leicht vorwerfen, sie sei allgemein gehalten und insofern wenig verbindlich. Mich dünkt, diese Charta dürfte aus nationaler Sicht nicht einfach kritisiert, sie müsste vielmehr weitergeschrieben und so konkretisiert werden.
Beruhigende und vor allem auch kritische Stimmen wollen uns weismachen, dass es zu dieser katholisch-reformierten Annäherung in mancher Hinsicht doch schon gekommen sei.

Katholisch-reformierte Angleichung

Die ökumenische Bewegung hat auch in der Schweiz tatsächlich dazu geführt, dass aus dem Gegen- und Nebeneinander der Konfessionen ein Miteinander geworden ist. Kritiker und Kritikerinnen dieser Entwicklung werfen ihr indes vor, sie habe bereits jetzt zu einem Durcheinander geführt. Tatsächlich können wir eine katholisch-reformierte bzw. reformiert-katholische Annäherung, wenn nicht gar Angleichung beobachten.
Das neueste belegte Beispiel ist das Abstimmungsverhalten bei der Frage der Fristenregelung. Die vom GfS-Forschungsinstitut durchgeführte und vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Genf ausgewertete telefonische Nachbefragung hat ergeben, dass sich der Abstand zwischen Katholiken und Reformierten seit 1977 stark verringert hat: Protestanten haben die Fristenregelung am 2. Juni 2002 mit 79%, Katholiken mit 64% Ja-Stimmen mehrheitlich angenommen.
Ein markanter Unterschied besteht hingegen zwischen den praktizierenden und den nicht praktizierenden Christen in beiden Konfessionen. Die praktizierenden stellen sich vehement gegen eine straffreie Abtreibung. Dies ist die einzige soziodemographische Gruppe, welche die Fristenlösung ablehnte.<8>
Wer die neuere religionssoziologische Literatur kennt, wurde von diesem Ergebnis nicht überrascht. Vor einem Jahrzehnt haben das Institut für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (ISE) in Lausanne und das Pastoralsoziologische Institut (SPI) in St. Gallen mit ihrer Studie «Jede(r) ein Sonderfall?» das erste umfassende Bild der religiösen Situation in der Schweiz vorgelegt. Die beiden Institute blieben in der Folge am Thema, bearbeiteten indes mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Fragestellungen verschiedene Daten.
Das ISE führte zehn Jahre nach der ersten eine zweite, wiederum vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützte Umfrage mit weitgehend den gleichen Fragestellungen durch. Ein Vergleich der Ergebnisse der beiden Umfragen erlaubt deshalb Aussagen über die Entwicklung der religiösen Überzeugungen im letzten Jahrzehnt.<9>
Das SPI hingegen schrieb die «Sonderfall»-Studie, die sich auf die Ausgestaltung zeitgenössischer Religiosität konzentrierte, mit dem Einbezug ihrer Verflechtung mit den übrigen Aspekten der Lebensführung nach. Ins Zentrum des Interesses rückten so «die religiöse Praxis im Schnittpunkt von Partnerschaft, Ehe, Familie, Erwerbsleben, politischer Zuordnung und der Zusammenhang zwischen Kirchenbindung und modernen Lebensstilen»<10>. Dazu wurden zwei Erhebungen ausgewertet, der Mikrozensus «Familie» des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 1994/95 und der Schweizer Datensatz des International Social Survey Programme (ISSP) aus dem Jahr 1999.
Die Entwicklung, die aus dem Vergleich der Umfrageergebnisse von 1989 mit jenen von 1999 erkennbar ist, lässt sich allgemein als ein Rückgang der christlichen Semantik beschreiben. Die Faktorenanalyse der Antworten belegt unter anderem, dass die Zahl der Personen, die christliche Überzeugungen bejahen, abgenommen hat. Ein Drittel der Befragten spricht über Gott sowohl in christlichen als auch in theistischen, synkretistischen und humanistischen Begriffen. Diese individuellen Glaubensüberzeugungen («croyances») belegen eine diffuse Religiosität im Sinne einer Individualisierung der Religion; diese schliesst indes einen kollektiven Ausdruck von Glaubensüberzeugungen und also eine sozial geteilte Religion nicht aus. Mit der Clusteranalyse, mit deren Hilfe ähnlich Gesinnte gruppiert werden können, hat schon die «Sonderfall»-Studie eine Typologie religiöser Orientierungen empirisch gewinnen können. Die neue Studie hat diese Typologie modifiziert und die Daten so nachgerechnet, dass auch die Veränderungen im Zehnjahresvergleich aufgezeigt werden können. Die Welt der Glaubensüberzeugungen wird in der neuen Studie in fünf Hauptgruppen unterteilt: die exklusiven Christen, die allgemein-religiösen Christen, die schwach Glaubenden (die «Lauen»), die nichtchristlichenGlaubenden, die Nichtglaubenden.
Die exklusiven Christen bekennen sich zu einer streng christlichen Semantik und lehnen die humanistischen Glaubensüberzeugungen entschieden ab. Diese Gruppe ist mehrheitlich protestantisch und die einzige, die merklich kleiner wird; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ging im letzten Jahrzehnt von 14,4 auf 7,5% zurück.
Die allgemein-religiösen Christen stimmen vorab den christlichen Glaubensaussagen zu, schliessen in ihr Glaubenssystem aber auch andere Aussagen ein; einzig die Leugnung Gottes oder das Nichts nach dem Tod lehnen sie ab. Mehrheitlich katholisch, stieg ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im letzten Jahrzehnt von 36,2 auf 38,7%.
Auch Jörg Stolz stellt in seinem Bericht «Individuelle Religiosität, Kirchenbindung und Einstellungen zu den Kirchen im Kanton Zürich und in der Schweiz» in den letzten zehn Jahren insgesamt einen Rückgang «christlicher Religiosität» und eine Zunahme «immanenter Religiosität», für die Gott das Wertvolle im Menschen ist, fest. Immer mehr Menschen wechseln von einer Jenseits orientierten auf eine Diesseits orientierte Religion. Wenig zugenommen hat so auch jene «transzendente Religiosität», die durch Reinkarnation und den Glauben an transzendente Mächte definiert ist. Dazu passt die Feststellung, dass in den letzten zehn Jahren der Einfluss christlich-religiöser Einstellungen auf das tägliche Leben abgenommen hat, und zwar besonders stark bei Familienfesten, der Wahl eines Lebenspartners, der Einschätzung von Politik und bei Einstellungen zum Sexualverhalten. Dagegen bleiben religiöse Vorstellungen für die Befragten mehrheitlich sehr wichtig, wenn es um Krankheit, die Bewältigung schwieriger Lebenssituationen oder die Einstellung zur Natur geht. Möglicherweise zeigt sich in diesen verschiedenartigen Entwicklungen eine weitere Ausdifferenzierung der Religiosität: «Religiosität zieht sich aus vielerlei Lebensbezügen zurück und spezialisiert sich auf ihr ÐKerngeschäftð, die Bewältigung von Unfassbarem, Unerklärlichem, Kontingentem.»
Das Interesse der «Lebenswerte»-Studie ist fast ausschliesslich synchron, wenn sie der Frage nachgeht, ob «sich mit der Nähe und Distanz zu den Kirchen unterschiedliche Denk- und Verhaltensweisen in den übrigen Gesellschaftsbereichen verbinden» und ob «ein Abrücken von den Kirchen insgesamt ein Verblassen institutionell begründeter Normen, Werte und Verhaltensweisen in der Lebensführung anzeigt»<11>. Die von Michael Krüggeler vorgenommenen Analysen der religiösen Orientierungen in der ISSP-Umfrage ergeben, dass nur etwa ein Viertel der Bevölkerung Glaubenssätze der christlichen Kirchen in wörtlicher Form vorbehaltlos bejaht, dass sich in der Typologie zum Lebenssinn eine konfessionelle und kirchliche Differenzierung bemerkbar macht und dass parareligiöse Praktiken als Bestandteil der Volksreligiosität wie als Alternative zum kirchlichen Christentum vorkommen. Dieses Ergebnis interpretiert er als «Deinstitutionalisierung der Kirchenreligion».
Einen Schritt weiter geht Peter Voll, der empirisch aufzeigt, dass «ein Dissens über Werte entlang religiöser Grenzen sich als eine Differenz von Lebensstilen interpretieren lässt, die sich nicht nur in unterschiedlichen Wertsemantiken, sondern auch in Unterschieden der Ästhetik und der Freizeitgestaltung äussern»<12>. So kann er auch unterschiedliche religiöse Milieus ausmachen, die gegenüber der säkularen Mehrheit, zu der 77,5% der Bevölkerung gezählt werden, mit einem Bevölkerungsanteil von insgesamt 22,5% indes minoritäre Gruppen sind. Religiöse Milieus bilden so die regelmässig Praktizierenden und die Konfessionslosen als ihr «Gegensatz». So gruppiert der Sozialwissenschafter Peter Voll das katholische Milieu, reformierte und evangelikale Milieus, die Apokryphen (worunter er Angehörige von christlichen Sondergemeinschaften wie Neuapostolische Kirche und Jehovas Zeugen versteht) und die Konfessionslosen.
Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu scheint auch in der Einstellung zu Sexualität, Partnerschaft, Ehe und Elternschaft zum Tragen zu kommen, im katholischen allerdings weniger als im evangelikalen. So wird eine offensive Thematisierung einer eigenen Moral jugendlicher Sexualität ­ zum Beispiel: «wahre Liebe wartet» ­ bisher denn auch erst im evangelikalen Raum zur Abgrenzung gegen aussen eingesetzt. Der Familienzensus legt die Annahme nahe, dass die sich aus dem gesellschaftlichen Differenzierungsprozess ergebende Individualisierung sich auch im Milieu der kirchlich Hochverbundenen auswirkt.

Communio unter ortskirchlichen Verhältnissen

Was bedeuten diese Umfrageergebnisse für die Suche nach einer grösseren communio der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften? Die ökumenische Bewegung ist davon ausgegangen, dass in den einzelnen Konfessionen und Konfessionsfamilien jeweils eine weitgehende communio verwirklicht ist: dass es eine communio anglicana oder lutherana oder catholica usw. gibt und dass es das oder ein Ziel der ökumenischen Bewegung sein muss, eine wirkliche communio christiana zu erreichen.
Heute müssen wir feststellen, dass es bei uns nicht nur zu einer katholisch-reformierten bzw. reformiert-katholischen Annäherung oder gar Angleichung, sondern zu einer weitgehenden Anpassung an die pluralistische ­ individualisierte und auch säkularisierte ­ Gesellschaft gekommen ist. In Bezug auf die Glaubensüberzeugungen ist die konfessionelle communio auf Minderheiten in den Konfessionen beschränkt.
Das ist für die Kirchen nicht neu. 1995 schon stellte der Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes im Papier «Grundlinien ökumenischen Handelns im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund» neben den erfreulichen Ergebnissen des ökumenischen Aufbruchs neue Herausforderungen fest: den Prozess der Entkonfessionalisierung, die im Alltag selbstverständlich gelebte konfessionelle Durchmischung (von den konfessionsverschiedenen Ehen bis zu Bereichen der Spezialseelsorge), soziale und ethische Herausforderungen aller Kirchen. Ökumene versteht er dabei «primär als Aufgabe, nach Wegen der Verständigung und der Vertiefung von Gemeinschaft zwischen heute real existierenden Kirchen, Konfessionen, Gruppen und Bewegungen zu suchen».
Unter dem Eindruck bereits der «Sonderfall»-Studie lud die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zum Reflexionsprozess «Den Glauben weitergeben» ein. Der nach einer Konsultation veröffentlichte Text<13> wurde den Kirchen und allen Interessierten übergeben als Anregung zur Weiterarbeit und als Einladung dazu, die Aufgabe der Glaubensweitergabe gemeinsam wahrzunehmen. Das Ergebnis der theologischen Konsultation der Arbeitsgemeinschaft geriet jedoch in den Schatten der im Januar 1998 und also praktisch gleichzeitig eröffneten sozialethischen Konsultation der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz.
Die dargelegten ortskirchlichen Verhältnisse sind für die Kirchen also nicht neu. Und auch die Schlussfolgerung nicht: darauf gemeinsam zu antworten. In der Regel also zu kooperieren und den Alleingang nur im Ausnahmefall zu gehen. Dazu braucht es allerdings auch gegenseitiges Vertrauen und Mut zu nächsten Schritten.

 

*Der hier veröffentlichte Text ist die erweiterte Fassung des römisch-katholischen Beitrags zum thematischen Teil der Delegiertenversammlung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz vom 18. September 2002 zu «Stand der Ökumene in der Schweiz».


Anmerkungen

1 Marc Ouellet, Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen im Jahre 2001, in: Catholica 56 (2002) 87­110.

2 AaO. 87.

3 AaO. 89.

4 AaO. 108.

5 AaO. 109.

6 Johannes Paul II., Motu proprio «Sacramentum sanctitatis tutela» vom 30. April 2001; Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben «über die der Glaubenskongregation vorbehaltenen schweren Straftaten» vom 18. Mai 2001.

7 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo Millennio Ineunte vom 6. Januar 2001, Nrn. 42ff.

8 http://www.polittrends.ch/abstimmungen/abstimmungsanalysen/vox-analysen/

9 Religion: Herausforderung für die Kirchen?, Studien und Berichte aus dem ISE, 57, Bern 2001.

10 SPI (Hrsg.), Lebenswerte. Religion und Lebensführung in der Schweiz, SPI-Publikationsreihe, Band 6, Zürich 2001, Vorwort.

11 Alfred Dubach aaO.

12 AaO. 222.

13 Veröffentlicht in: SKZ 166 (1998) Nr. 3, S. 34­38.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003