36/2003

INHALT

Glosse

Punkto Punkt

von Felix Dillier

 

Vor kurzer Zeit sagte mir eine Ordensoberin nach zwei Gottesdiensten: «Diese Feiern waren Höhepunkte; doch Höhepunkte kann man nicht alle Tage erleben.» Diese Aussage war für mich Anlass, darüber nachzudenken, um es auf den Punkt zu bringen.
Seit dem Ausgangspunkt unseres Lebens sind wir unterwegs, um irgendeinmal den Endpunkt alles Irdischen zu erreichen. Dazwischen erleben wir in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität sowohl den Tiefpunkt als Krise und Herausforderung als auch den Höhepunkt als Glück und Erfüllung.
Pierre Teilhard de Chardin bezeichnete Startpunkt und Zielpunkt der Schöpfung als Alpha und Omega, als der von Gott geschaffene Anfang und die in Ihm zu erreichende Vollendung. Der gläubige Mensch weiss sich in Gottes Weisheit und Liebe geborgen und aufgehoben. Dazu gibt ihm die Menschwerdung Jesu Christi den entscheidenden Anhaltspunkt, den die östlichen Kirchenväter so formulieren: «Gott wurde Mensch, um den Menschen zu vergöttlichen.» In der Welt- und Menschheitsgeschichte ist dieses Ereignis der dominante und entscheidende Orientierungspunkt. Gleich zu welchem Zeitpunkt der Geschichte die Göttliche Vorsehung uns Menschen ins Dasein gerufen hat, das «Licht vom Licht» (Credo: lumen de lumine) ist der ruhende Fixpunkt am Firmament so vieler chaosstiftenden Irrlichter.
Dieses Vertrauen und Hoffen, dass Gott letzt-endlich alles zum Guten führt und Mensch und Kosmos ihre Vollendung finden, ist der verankernde und stabilisierende Schwerpunkt im Leben eines gläubigen Christen. Auf diesem unbeirrbaren Standpunkt (Stand-haft-igkeit) schreiten wir voran dem Endpunkt entgegen, der wie im musikalischen Kanon kein eigentlicher Schlusspunkt ist, sondern stets neuer Anfangspunkt zu weiterer Entwicklung. Dies ist der eschatologische Gesichtspunkt des Evangeliums.
Wichtig im religiösen Leben ist nicht, ab und zu einen Höhepunkt zu erleben, sondern seinen Glauben so zu leben, dass Gott zeitlich und räumlich wirklich Mittelpunkt ist. Dies wäre der eigentliche Höhepunkt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003