12/2003

INHALT

Die Glosse

Sprache, Denkweisen und Herrschaftsverhältnisse

von Iso Baumer

 

Sprachen spiegeln immer Denkweisen und Herrschaftsverhältnisse wider.» Dieser Satz steht in SKZ 23­24/2000, S. 374, im Zusammenhang mit der Erörterung der sprachlichen Äquivalente für «Geist»: rûah (hebräisch: femininum), pneuma (griechisch: neutrum), spiritus (lateinisch: masculinum). Dazu ein paar Überlegungen, die sich durch eine Bemerkung in SKZ 11/2002, S. 167 bestärkt fühlen; dort ist wieder die Rede von «der heiligen Geistin», ein barer Unsinn, wie im Folgenden gezeigt werden soll:

1. Franz von Assisi singt in seinem Sonnengesang von frate sole und sor luna; im Deutschen übersetzt man bisweilen Bruder Sonne (für «die» Sonne) und Schwester Mond (für «den» Mond), aber auch Schwester Sonne und Bruder Mond. Und wie soll man es mit sor acqua (für «das» Wasser) halten, da Wasser im Deutschen neutrum ist?

2. Im Vorwort zu einem christologischen Werk eines serbisch-orthodoxen Mönches (in der französischen Übersetzung) wird dem Westen vorgeworfen, dieser verkehre die christliche Glaubenslehre: In «den» westlichen Sprachen werde nämlich statt dem griechischen «theanthropos» einfach ein Wort vom Typ «Homme-Dieu» gebraucht, woraus klar ersichtlich sei, dass man im (nicht-orthodoxen) Westen die «vergöttlichende Energie» nicht sehen wolle, die als erstes Element dem zweiten (dem menschlichen) sich zueigne und es überforme. Der gute Mann hatte keine Ahnung vom Deutschen, wo die Reihenfolge wieder «klappt»: Gott-Mensch; aber noch weniger hatte er eine Ahnung von Sprachwissenschaft: In zusammengesetzten Wörtern verfahren Deutsch und Französisch zum Beispiel eben verschieden in der Reihenfolge des bestimmenden und des bestimmten Elementes; vgl. deutsch: Speise-Wagen, französisch: wagon-restaurant. In der Logik dieses Theologen läge der deutschen Denkweise das Speisen näher, das man nur beiläufig auch in einem Eisenbahnwagen vornehmen kann; der französischen Denkweise hingegen entspräche eine Vorliebe fürs Fahren, bei dem man beiläufig auch etwas essen kann!

3. Die Römer haben bekanntlich ein grosses Weltreich aufgebaut mit hervorragenden Verwaltungs- und Kommunikationsstrukturen. Dazu waren ihnen intelligentia (fem.), mens (fem.), spiritus (masc.), ratio (fem.), acumen (neutr.) nützlich. Wenn man diese Wörter in beliebige andere Sprachen übersetzt, ändert sich oft das grammatikalische Geschlecht. Ändern sich damit auch Denkweisen und Herrschaftsverhältnisse? ­ Oder Glaube, Hoffnung, Liebe und foi, espérence, charité, ändert das etwas an den Tugenden selbst? Ist der Glaube der Deutschen männlicher als der der Franzosen?

4. Im Italienischen sind die Bäume männlich, die Früchte meistens weiblich. Da stehen sie also, die Bäume, in ihrem männlichen Imponiergehabe, und die Früchte in ihrem (wörtlichen!) Abhängigkeitsverhältnis! Nur ­ die Feige heisst ausnahmsweise wie der Feigenbaum il fico, weil die wohlerzogenen Italiener sich scheuen, die weibliche Form zu gebrauchen, die inzwischen zur Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsteils «entwendet» wurde.

5. Tessinische Nonnen in einem geschlossenen Kloster sagten den Fernsehleuten, dass sie auch für die «fratelli» in der Welt beten ­ und flugs wurde daraus eine patriarchalische Denkweise konstruiert, wie man in der renommierten NZZ lesen konnte. Das italienische Wort (von fratello, Bruder) hat einen vergleichbaren Bedeutungsumfang wie das deutsche Geschwister (von Schwester) ­ sind die Deutschen deswegen matriarchalischer?

Die Behauptung, die am Anfang dieses Beitrags zitiert wurde, könnte dem vorwiegend deutschen Forschungszweig der «sprachinhaltsbezogenen Grammatik» entsprungen sein. Darin werden der «Sprache an sich» Fähigkeiten zugesprochen, die eigentlich im Denk- und Bewusstseinsprozess des sprechenden Individuums angesiedelt sind. Die Sprachen in ihrem Wandel und in ihren Entlehnungen (d.h. genauer die die Sprache wandelnden und bereichernden Sprecher) verfahren zumeist nach sprachinternen und unbewussten Regeln. «Eine natürliche Sprache ist eine spontane Ordnung, das heisst sie ist weder Naturphänomen noch Artefakt, sondern (...), von wenigen Ausnahmen abgesehen, unbeabsichtigter, unreflektierter Nebeneffekt von Wahlhandlungen der einzelnen Sprecher im Zuge ihrer kommunikativen Bemühungen» (Rudi Keller, Sprachwandel. Tübingen und Basel, 2. Aufl. 1994). Es gibt Sprachen mit drei, zwei oder einem, das heisst also keinem Geschlecht ­ aber ihre Sprecher haben deswegen nicht unterschiedliche Denkweisen und Herrschaftsverhältnisse. Nicht die deutsche Sprache hat die Nazis geprägt, sondern die Nazis haben sie oft gewaltsam umgestaltet ­ die Denkweise ging ihrer Vergewaltigung voraus! Heilige und Verbrecher reden ­ bei vergleichbarem Bildungsstand ­ die gleiche Sprache (mit vielleicht «fachspezifischem» Vokabular, das sie aber frei einsetzen). Ob ich mich im Gebet an die rûah, das hagion pneuma oder den spiritus sanctus wende, ist letztlich nicht so belangvoll, er (oder sie oder es) steht über dem grammatikalischen Genus und dem biologischen Sexus.

 

Iso Baumer hat mehrere Bücher und an die 500 Aufsätze geschrieben, unter anderem im Bereich «Sprachwissenschaft, Dialektologie»; eine Sammlung von Aufsätzen ist in der Reihe «Ökumenische Beihefte» unter dem Titel «Begegnungen» erschienen (Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 1999, 360 Seiten).


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