6/2003

INHALT

Im Gespräch

"Erlebnischristentum"?

von Klemens Armbruster

 

Unter der Überschrift «Erlebnischristentum?» erschien in der SKZ 38/2002 die Rezension des Buches von Klemens Armbruster «Von der Krise zur Chance. Wege einer erfolgreichen Gemeindepastoral» (Herder Verlag, Freiburg i.Br. <2>2001). Darauf antwortet der Autor des Buches.

Es steht ausser Frage, dass man dem im Buch vorgestellten Ansatz einer kerygmatisch-evangelisierenden Pastoral kritisch und ablehnend gegenüber stehen kann, aber man sollte dem Autor eines Buches nicht etwas vorwerfen, was er nicht geschrieben hat, und man sollte ihm nicht das Fehlen von Themen anlasten, wenn er sich damit ausdrücklich auseinandergesetzt hat.
So suggeriert gerade der letzte Abschnitt der Rezension Inhalte, die gar nicht im Buch stehen, wenn etwa von «Armbrusters Kritik an Rahner» zu lesen ist. Findet sich doch an keiner Stelle des Buches eine Kritik an Karl Rahner. Ganz im Gegenteil: Gerade an entscheidenden Punkten wird mit Karl Rahner argumentiert. Kein geringerer als einer der derzeit profiliertesten Rahnerkenner, Nikolaus Schwerdtfeger, bezieht sich in seinem Beitrag «Exilische Mystagogie. Anmerkungen zu einer notwendigen Aufgabe»<1> mehrfach auf die Rahnerrezeption in «Von der Krise zur Chance». Von einer Kritik Armbrusters an Rahner zu sprechen, erweckt schlichtweg einen falschen Eindruck.
Weiter wird im selben Schlussabschnitt der Rezension ein «elementares Defizit» angemahnt, wenn es heisst: «Der je persönliche Gottesglaube wird demnach nicht durch die grossen Erzählungen, also anamnetisch, geprägt und gedeutet, sondern soll auf der Basis von ÐBegeisterungð und Ðfaszinierender Katecheseð der jeweils gegenwärtigen Gestimmtheit entnommen und angepasst werden. Damit aber wird dieser Gottesglaube in einem schlechten Sinne zeitgemäss, insofern er nur noch das Konglomerat eines postmodernen, geschichtsvergessenen Erlebnischristentums ist.»
Seltsamerweise wird im ersten Teil der Rezension, in dem die theologischen Reflexionen des Buches zunächst vorgestellt werden, dieses scheinbar fehlende Element dort gerade als ein Grundzug des kerygmatisch-evangelisierenden Ansatzes gesehen. Es heisst dort: «Der zweite Teil des Buches... geht der Frage nach, wie ein Mensch nun zu einer Ðechten persönlichen Glaubenserfahrungð gelangen kann. An dieser Stelle wird für Armbruster die Glaubensgemeinschaft bedeutsam. Ihr liegt eine Grunderfahrung zugrunde, die durch Ðinitiatische Mystagogieð weitervermittelt wird und in die der Einzelne mit seiner individuellen Glaubenserfahrung aufgenommen wird.» Im rezensierten Buch selbst heisst es: «Denn die individuelle Erfahrung wird letztlich erst auf dem Hintergrund des gemeinschaftlichen Erfahrungsraumes zur verlässlichen Erfahrung. Bis dahin bleibt sie im individuell ungesicherten Raum (Anm. 17). Die individuelle Erfahrung und der gemeinschaftliche Erfahrungsraum gehören zusammen. Ob Glaube nicht bloss individuelles Erlebnis und private Innerlichkeit bleibt, sondern zur Glaubenserfahrung gereift ist, lässt sich daran erkennen, ob diese Erfahrung dem gemeinschaftlichen Erfahrungsgut entspricht. Das Gelingen der individuellen Reflexion eines religiösen Erlebnisses braucht zum ÐVerstehenð einen kollektiven Erfahrungsschatz. Ja, die eigentliche Erfahrung findet nur vor dem Hintergrund eines kollektiven Erfahrungsraumes statt» (S. 89).
In der im Text angeführten Anmerkung 17 wird ausdrücklich die in der Rezension angemahnte geschichtliche Dimension von Erfahrung benannt. Dort heisst es vorausschauend auf ein weiteres Kapitel: «In Kapitel 8 kommt zur Sprache, wie die individuelle Erlebnisebene die Rückversicherung eines gemeinschaftlich-geschichtlichen Erfahrungsraumes braucht. In dieser Rückversicherung liegt für eine Gemeinschaft eine der Bedeutungen vom Amt in der Kirche.»

Über das blosse Erlebnis hinausführen

Im Übrigen erweckt die Rezension durch den oft wiederholten Begriff des «Erlebnischristentums» den Eindruck, die im Buch vorgestellte Pastoral liefe nur auf die Ermöglichung religiöser Erlebnisse hinaus. Wie sehr sich «Von der Krise zur Chance» selbst um eine Einordnung der Kategorie «Erlebnis» im Gegenüber zur «Erfahrung» müht, hat zumindest der oben erwähnte Nikolaus Schwerdtfeger erkannt. In seinem bereits erwähnten Artikel schreibt er, dass Mystagogie über das blosse Erlebnis hinauszuführen habe. Als Bestätigung für diesen Sachverhalt zitiert er aus «Von der Krise zur Chance» folgenden Satz: «Während Erlebnisse sich auf eine bestimmte Art und Weise spontan ereignen, sind Erfahrungen immer ganzheitliche Vollzüge des Menschen: Gefühl und Verstand, Spontaneität und Planung, Aktuelles und Zukünftiges, Individualität und Gemeinschaft, Erlebnis und Reflexion kommen zusammen» (S. 489). Auch das rezensierte Buch macht hinter dem Begriff des «Erlebnischristentums» und hinter der Überschrift «Erlebnis ein Kriterium» ein Fragezeichen. Wie gesagt, auch Schwerdtfeger sieht diese Fragezeichen. Aber Schwerdtfeger löst sie erstaunlicherweise genau mit dem Ansatz aus «Von der Krise zur Chance» auf. Man kann die entsprechenden Passagen auf den Seiten 85­89 und darüber hinaus im Buch nachlesen. Die vorliegende Rezension dagegen suggeriert mit ihren Fragezeichen den falschen Eindruck, das Buch bliebe bei einem fragwürdigen Begriff von «Erlebnis» stehen.
Insgesamt wurde durch Art der Rezension eine Chance vertan, in eine konstruktive Diskussion mit solchen Vertretern einzusteigen, die seit vielen Jahren in der Gemeindepastoral Wachstum erleben. In Deutschland gehören inzwischen fast ein Drittel der Bevölkerung keiner (!) Religion an. Etwa zehn Prozent der Katholiken beteiligen sich noch am Gemeindeleben. Die engagierten Christen sind eine Minderheit geworden. Die deutschen Bischöfe sprechen inzwischen offen davon, dass Deutschland Missionsland geworden sei. Doch, so Bischof Wanke, Erfurt, «unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können». Dass dies gelingen kann, zeigen die Erfahrungen, die inzwischen seit über zehn Jahren in Deutschland, der Schweiz und Österreich gemacht worden sind und die in «Von der Krise zu Chance. Wege einer erfolgreichen Gemeindepastoral» reflektiert wurden. Sie haben Eingang gefunden in die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz (Nr. 159) «Auf der Spur. Berichte und Beispiele missionarischer Seelsorge». Damit ist eine fruchtbare und konstruktive Diskussionsplattform eingerichtet worden. Denn die Zukunft wird sich mit der in der Rezension aufgeworfenen Frage beschäftigen: Wie kann ein Erwachsener zu einer «echten persönlichen Glaubenserfahrung» gelangen, so dass er Christ werden und bleiben will? Leider gibt es bisher auf dem Markt nur wenige in der Praxis verwirklichte und gleichzeitig theologisch reflektierte Ansätze. Erfolgversprechende Konkurrenz wäre die gewünschte Antwort auf den Ansatz in «Von der Krise zu Chance».

 

Klemens Armbruster ist Referent für Evangelisierende Gemeindepastoral und Wege erwachsenen Glaubens im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg i.Br.


Anmerkungen

1 In: Albert Raffelt (Hrsg.), Weg und Weite. Festschrift für Karl Lehman, Freiburg

2 2001, 485­503.


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