27-28/2003 | |
INHALT | |
Zeitgeschichte |
Nach seinem 1996 veröffentlichten Erfolgsbuch «Hitlers willige
Vollstrecker» bringt der amerikanische Autor Daniel Jonah Goldhagen
eine neue Studie auf den deutschsprachigen Markt.<1>
Diesmal ist es eine Untersuchung zum Thema: Die katholische Kirche und der
Holocaust. Es handelt sich um eine massive Anklage über das Verhalten
der Kirche gegenüber den Juden im Verlaufe der letzten zwei Jahrtausende,
insbesondere aber über ihre «antisemitische» Haltung im
20. Jahrhundert.
Vorerst etwas über den Autor: Goldhagen ist Amerikaner und Soziologe.
Angeregt zu dieser Arbeit wurde er von Martin Peretz, Chefredaktor des «New
Republic», der ihn vor einigen Jahren bat, einige aktuelle Bücher
über Pius XII. und den Holocaust zu besprechen. Goldhagen, der gerade
an einer Arbeit über den Genozid im 20. Jahrhundert arbeitete, wurde
dadurch auf ein Thema gestossen, das ihn immer mehr fesselte. So ist diese
vorliegende Studie entstanden. Hier muss deutlich festgehalten werden: Der
Autor ist nicht Historiker, hat darüber nicht eigenständig geforscht
und hat sich auch nicht um die grundlegenden Arbeiten der Geschichtswissenschaft
zum 20. Jahrhundert gekümmert.
In kirchlichen Kreisen besteht die Absicht, Pius XII. selig zu sprechen.
Dieses Ansinnen stösst auf entschiedene Opposition einiger jüdischer
Kreise, die in ihm einen «eingefleischten Antisemiten» sehen.
Andere jedoch halten diesen Papst für einen engagierten Helfer und
Retter verfolgter Juden (Pinchas E. Lapide).<2>
Die Anfänge der massiven Opposition gegen Pius XII. gehen in die frühen
Sechzigerjahre zurück, als der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth
mit seinem Theaterstück «Der Stellvertreter» die Haltung
dieses Papstes während des Zweiten Weltkrieges massiv kritisierte und
ihn beschuldigte, dem Schicksal der verfolgten Juden gleichgültig zugesehen
und keinen Finger gerührt zu haben. Während des Krieges habe er,
aus politischem Kalkül oder aus Zaghaftigkeit, unbewegt und schweigend
die Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit angesehen, denen ein Wort aus
seinem Munde ein Ende hätte bereiten können. Seither ist das Andenken
in weiten nichtkirchlichen Kreisen angeschlagen.
Um diese falsche Sicht zu korrigieren, entschloss sich Papst Paul VI. 1964, die Veröffentlichung der Dokumente des Hl. Stuhles über den Zweiten Weltkrieg in die Wege zu leiten. Unter Leitung namhafter Historiker sind daraus die 12 Bände der «Actes et Documents du St. Siège relatifs à la Seconde Guerre mondiale» (Città del Vaticano 19651981) entstanden. Diese Dokumentation sollte die Lage verdeutlichen, in die sich der Papst durch den Krieg versetzt sah, mit den mehr oder minder vollständigen Informationen, die ihn erreichten, die Inanspruchnahme seines moralischen und religiösen Einflusses, den sich viele unbegrenzt vorstellten und den jeder im Interesse seiner Sache zu nutzen suchte, seine Bemühungen zu retten, was noch zu retten war, ohne die Unparteilichkeit zwischen den kämpfenden Parteien aufzugeben, seine Demarchen, den Krieg abzuwenden, die Versuche, ihn einzugrenzen, und als er dennoch zunächst auf europäischer Ebene und dann in der ganzen Welt entbrannt war seine Bemühungen, das Leid zu lindern und den Opfern Hilfe zu leisten.<3>
Im Rahmen des Zweiten Weltkrieges ist der Holocaust der grösste
und bekannteste Fall eines Massenmordes. Obschon der Nationalsozialismus
dieses grauenhafte Verbrechen auf dem Gewissen hat, versucht Goldhagen mit
der Akribie eines Staatsanwaltes, Mitschuldige zu finden. Da bietet sich
ihm als Ziel die katholische Kirche an, die zugegebenermassen
eine lange Tradition von antijüdischen Vorurteilen aufzuweisen hat.
Alle möglichen Vorwürfe, die im Verlaufe der letzten Jahrzehnte
irgendeinmal gegen die Kirche verwendet wurden, tauchen in diesem Buche
wieder auf. Besonders beliebte Objekte seines Angriffs sind die beiden Päpste
Pius XI. (19221939) und Pius XII. (19391958). Gegen Pius XI. (Achille
Ratti) wird der Vorwurf erhoben, er sei «reiner Antisemit».
Das rührte wohl daher, dass er als Vertreter von Papst Benedikt XV.
am Ende des Ersten Weltkrieges ins neu erstandene Polen geschickt wurde
und dort aus der Nähe den russisch-bolschewistischen Angriff auf Warschau
1921 erlebt und dabei auch die kommunistischen Funktionäre oft
Juden kennen lernte. Hier wurde dem päpstlichen Diplomaten die
Gefahr des Kommunismus deutlich vor Augen geführt, war er doch der
einzige diplomatische Vertreter neben dem amerikanischen Gesandten, der
in der belagerten Hauptstadt Warschau ausgehalten hatte.
Wie sehr sich Pius XI. jedoch bemühte, nicht nur den Kommunismus, sondern
auch den Nationalsozialismus mit seinen antirassistischen Bestrebungen zu
verurteilen, zeigte seine Enzyklika «Mit brennender Sorge» von
1937, die eine unverhüllte Kritik am deutschen Nationalsozialismus
war. Parallel dazu verurteilte der Papst mit seiner Enzyklika «Divini
Redemptoris» im gleichen Jahr den russischen Kommunismus. Ende der
Dreissigerjahre gab er zudem dem amerikanischen Jesuiten John La Farge,
dem Herausgeber der Zeitschrift «America», den Auftrag, eine
Enzyklika gegen den Rassismus zu entwerfen. Der Entwurf, noch sehr verbesserungswürdig,
gelangte erst kurz vor dem überraschenden Tode Pius' XI. auf den Schreibtisch
des Papstes. In der Synagoge von Lausanne hielt Rabbiner A. Schulman am
10. Februar 1939 eine tief empfundene Laudatio auf den verstorbenen Papst,
den er als die Verkörperung der höchsten moralischen Autorität
des Jahrhunderts bezeichnete. Zu einer Zeit, als unerhörte Verfolgungen
auf das jüdische Volk niedergingen, habe der Papst seine Stimme gegen
die Verbrechen und Ungerechtigkeiten erhoben und den schwer geprüften
Juden seine Hand gereicht.<4>
Der Nachfolger Pius XII. hatte als Nuntius in den Zwanzigerjahren von 1920
bis 1930 in München und Berlin und seit 1930 als Kardinalstaatssekretär
diplomatische Erfahrungen gesammelt. Er bestieg 1939 den päpstlichen
Stuhl und hatte die schwierige Aufgabe, die Kirche durch die Stürme
des Zweiten Weltkrieges zu führen. Erst seit Hochhuths perfiden Angriffen
geriet er in ein zwiespältiges Licht. Goldhagen führt die Beschuldigungen
weiter und klagt das Schweigen über die Judenvernichtung an.
Je mehr man sich in Goldhagens Arbeit vertieft, umso deutlicher tritt hervor, dass er in unentschuldbarer Weise wichtige Grundlagenwerke wie die 12 Bände «Actes et Documents» wohl im Quellenverzeichnis erwähnt, aber kaum gelesen hat; desgleichen die ausgezeichnete Zusammenfassung von Pierre Blet, Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg, Aus den Akten des Vatikans (Schöningh 2000). Heinz Hürtens Werk, Deutsche Katholiken 19181945 (Schöningh 1992) bleibt unberücksichtigt, und weitere Grundlagenwerke sucht man vergeblich, so zum Beispiel die entsprechenden Bände der «Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte» (so genannte Blaue Bände) der Deutschen Bischofskonferenz.
Das Schweigen des deutschen Episkopates gegen die millionenfache Vertreibung
und Vernichtung der Juden ist nur dadurch zu erklären, dass er glaubte,
ein Protest würde die Lage nur verschlimmern und keine praktischen
Erfolge zeigen. Der offizielle Kurs des deutschen Episkopates entsprach
der Linie, die Papst Pius XII. und auch das Internationale Komitee vom Roten
Kreuz einschlugen.
Robert Graham, einer der vier Herausgeber der «Actes et Documents»,
beschreibt das Gefühl von Papst Pius XII. zu den Judenvernichtungen
in Polen: «Die veröffentlichten Korrespondenzen und die Gespräche
mit dem polnischen Gesandten im Vatikan, Casimir Papée, beschreiben
viel und lassen sogar noch mehr die Qual und damit die Hilflosigkeit des
Heiligen Vaters angesichts dieser traurigen Tatsachen durchblicken. Es war
nicht Mangel an Mitgefühl oder an Wissen, sondern die Gegenwart der
Gewalt, rücksichtsloser Gewalt, die seinen Mund verschloss. Die Wahrscheinlichkeit,
dass eine formelle Verurteilung der Nazi-Greueltaten durch den Papst die
Lage der Opfer erleichtert hätte, war sehr gering; dagegen war es möglich,
dass ein so gezeigtes Interesse des Papstes noch grössere Grausamkeiten
verursacht hätte. Die Verantwortung hätte man auf den Papst gelegt...»<5>.
Der Vatikan weigerte sich, die deutschen Eroberungen und Annexionen im
Osten, das heisst in Polen, anzuerkennen, solange nicht entsprechende Friedensverträge
unterzeichnet waren. Hitler schlug deshalb mit einer harten Repressalie
zurück. Wenn der Vatikan die deutsche Anwesenheit in diesen besetzten
und eroberten Gebiete nicht anerkennt, dann anerkennt Deutschland auch nicht
das Recht des Hl. Stuhles, mit ihm irgendein diesen Raum betreffendes Problem
zu erörtern. Von diesem Moment an hatte das deutsche Aussenministerium
einen leichten Vorwand, die Appelle und Proteste des Hl. Stuhles, die sich
auf Vorkommnisse in jenen Gebieten bezogen, von der Hand zu weisen.<6>
Als Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache 1942 den Mord an Hunderttausenden
von Menschen wegen ihrer Rasse beklagte, wies Aussenminister Ribbentrop
den Gesandten beim Vatikan, Diego von Bergen, an, mit Vergeltungsmassnahmen
zu drohen. Der deutsche Sicherheitsdienst brachte die Papstansprache auf
den Nenner: «... eine einzige Attacke gegen alles, für das wir
einstehen.» «Der Papst sagt», so Ribbentrop, «dass
Gott alle Völker und Rassen gleichwertig ansieht. Hier spricht er deutlich
zugunsten der Juden... Er beschuldigt das deutsche Volk, Ungerechtigkeiten
gegenüber den Juden zu begehen, und macht sich zum Sprecher der jüdischen
Kriegsverbrecher» (24. Januar 1943). Der Gesandte, der dem Auftrag
seines Berliner Vorgesetzten nachkam, berichtete, dass der Papst zunächst
schweigend zugehört habe. Dann habe er in aller Ruhe gesagt, ihn bekümmere
nicht, was ihm zustossen werde. Doch käme es zu einem Konflikt zwischen
der Kirche und dem deutschen Staat, so würde der Staat den Kürzeren
ziehen. «Der Papst», kommentierte von Bergen, «ist so
wenig durch Drohungen zu beeinflussen wie wir selber».<7>
Goldhagens Darstellung läuft darauf hinaus, die Kirche für
den Holocaust verantwortlich zu machen, weil sie ihn nicht verhindert habe.
Der amerikanische Autor verlangt in seinem Buch nichts weniger als die Veränderung
des Textes der Heiligen Schrift, da die Evangelien sehr viele antisemitische
Stellen enthielten. Er spricht von 450 solcher Stellen, die entfernt werden
müssten. Zudem verlangt er von der katholischen Kirche materielle Wiedergutmachung:
Sie müsse grundsätzlich anerkennen, dass sie den jüdischen
Opfern Geld schulde, und gemeinsam mit ihnen oder ihren Erben nach einer
gerechten Regelung suchen. Von der Kirche wird zusätzlich verlangt,
dass sie jüdische politische Gemeinschaften tatkräftig unterstütze,
stärke und schütze. Und zu guter Letzt fängt Goldhagen massiv
an zu drohen: «Anscheinend brauchen die katholische Kirche und ihr
Klerus, genau wie Deutschland und die Deutschen nach der Niederlage des
Nationalsozialismus, noch enorme Hilfe von aussen und eben auch Druck von
aussen, um das zu tun, was sie tun müssen.»
Solche Drohungen sind entschieden abzulehnen. Erpressungsversuche verfangen
nicht. Ebenso ist Goldhagens Behauptung zu Beginn des Buches entschieden
zurückzuweisen: «Das Christentum ist eine Religion, die in ihrem
Innersten einem Hass ungeheuerlichen Ausmasses auf eine bestimmte Menschengruppe
gehuldigt und diesen historisch in ihrem ganzen Einflussbereich verbreitet
hat: Hass auf die Juden.» Dieser polemischen Verzerrung kann kein
Historiker zustimmen.
Wenn Goldhagen mit seinem Buch auch weit übers Ziel hinausschiesst, so muss das Grundanliegen doch ernst genommen werden. Als wichtigstes Desiderat drängt sich die Öffnung des Vatikanischen Archivs für die Zeit der Pontifikate Pius' XI. und Pius' XII. auf. Auch weitere kirchliche Archive sollten der ernsthaften Forschung geöffnet werden. Nur so kann dem gefährlichen Halbwissen und noch schlimmeren Vermutungen und Verdächtigungen entschieden begegnet werden.
Der Historiker Alois Steiner lehrte an der Fachhochschule Zentralschweiz und an der Universität Freiburg i.Ü.
1 Daniel Jonah Goldhagen, Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne, Siedler Verlag, Berlin 2002.
2 Pinchas E. Lapide, Rom und die Juden, Ulm 31998.
3 Pierre Blet, Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg. Aus den Akten des Vatikans, Schöningh, Paderborn 2000, XI (Vorwort).
4 Victor Conzemius, Schweizer Katholizismus 19331945, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2001, 25.
5 Robert Graham, Papst Pius XII. und seine Haltung zu den Kriegsmächten, in: Pius XII. zum Gedenken, Schambeck, Berlin 1977, 157.
6 AoO. 161.
7 Victor Conzemius, Schreien oder Schweigen? Das Dilemma eines Papstes, in: Vaterland Nr. 209, 9. September 1988.