9/2003 | |
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Ethik |
Der Jubiläumsband der Theologischen Berichte<1>
greift, von der Darstellung des erreichten medizinischen Entwicklungsstandes
ausgehend, die vielfältigen mit der Transplantationsmedizin verbundenen
Fragestellungen auf und stellt dabei die Schwerpunkte der ethischen Thematik
heraus.<2> Aus medizinwissenschaftlicher
und praktisch-ärztlicher Sicht stellt Doris Henne-Bruns, ärztliche
Direktorin der Abteilung für Viszeral- und Transplantationschirurgie
des Universitätsklinikums Ulm, nicht nur den Stand der therapeutischen
Möglichkeiten der Organübertragung dar, sondern spricht auch die
sich in der klinischen Situation stellenden ethischen Fragen an. Diese werden
anschliessend aufgegriffen und aus fachethischer Sicht eingehend erörtert.
Zunächst strukturiert und skizziert Alberto Bondolfi, Ethikprofessor
an der Universität Lausanne und Mitarbeiter der Arbeitsstelle für
Ethik-Unterricht in der Medizin an der Universität Zürich, die
Teilaspekte der Gesamtproblematik, wobei er jene Aspekte nicht behandeln
muss, die im Band noch eigens thematisiert werden. Wichtig ist ihm auch
eine durchdachte «Übersetzung» der ethischen Reflexion
in rechtliche Regulierung(en).
Den Teilaspekt «Organallokation» behandelt die Theologin und
Ethikerin Ulrike Kostka, Mitarbeiterin im Schweizerischen Nationalfondsprojekt
«Rechtliche und ethische Probleme der Transplantationsmedizin. Grundsatzprobleme
im Vorfeld einer neuen Gesetzgebung in der Schweiz». Ihre Fragestellung
ist, wie die in nicht ausreichender Menge zur Verfügung stehenden Organe
gerecht verteilt und den einzelnen Patienten und Patientinnen zugeteilt
werden können. Dabei informiert sie kurz über die Regelung in
verschiedenen Ländern und die entsprechenden Kriterien. Ausgehend von
der Beschreibung der Organallokation als einem komplexen Prozess stellt
sie nicht nur die Komplexität der Fragestellung dar, sondern fordert
eine differenzierte ethische Analyse und ein der Komplexität gerecht
werdendes Allokationsmodell. Unter diesem Gesichtspunkt bemängelt sie
denn auch den schweizerischen Gesetzesentwurf.
Das nicht zuletzt im Gesetzgebungsprozess schwierige Thema der Hirntodproblematik
wird von Hans J. Münk, Ethikprofessor an der Universität Luzern,
behandelt. Ziel seines Beitrages ist, «bezugnehmend auf neue medizinhistorische
Analysen der Ausgangslage, die Schwerpunkte des tatsächlichen Verlaufs
der entsprechenden Diskussionen in der theologischen Ethik katholischer
wie protestantischer Provenienz im deutschsprachigen Raum anhand einer Auswertung
der Originalquellen zu ermitteln». Die sorgfältige Lektüre
(und Analyse) der Texte ergibt wohl Unterschiede zwischen den konfessionell
verorteten Theologien; die gravierenden Unterschiede verlaufen indes nicht
den konfessionellen Grenzen entlang, sondern brechen bei der Frage nach
der Legitimation der (unmittelbar tötenden) Organentnahme von Sterbenden
(«Hirntoten») auf.
Bei der autologen Transplantation sind Spender und Empfänger identisch,
bei der allogenen Transplantation gehören Spender und Empfänger
der gleichen Spezies an (insbesondere von Mensch zu Mensch), und bei der
xenogenen Transplantation bzw. Xenotransplantation werden Zellen, Gewebe
oder Organe von Spendern der einen auf Empfänger einer anderen Spezies
übertragen (insbesondere Tierorgane auf Menschen). Mit den ethischen
Implikationen der Xenotransplantation befasst sich im letzten Beitrag ausführlich
Hans Halter, Ethikprofessor an der Universität Luzern und Leiter ihres
Instituts für Sozialethik. Die erforderliche Verschränkung von
Humanethik und Tierethik dürfte dazu geführt haben, dass die ethischen
Bedenken gegen die Xenotransplantation in den letzten Jahren eher zu- als
abgenommen haben, so dass beim derzeitigen Erkenntnisstand nur eine bedingte
ethische Zustimmung zur Xenotransplantation gegeben werden kann. Überdies
erscheint die Suche nach Alternativen als ein zwingendes tierethisches Anliegen.
1 Rolf Weibel, Theologische Berichte, in: SKZ 171 (2003) Nr. 1, S. 8.
2 Organtransplantation. Der Stand der ethischen Diskussion im interdisziplinären Kontext, Theologische Berichte XXV, Herausgegeben im Auftrag der Theologischen Fakultät der Universität Luzern von Hans J. Münk, Paulusverlag, Freiburg Schweiz 2002, 247 Seiten.