10/2003 | |
INHALT | |
Botschaft zur Fastenzeit |
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Die Fastenzeit, eine «geprägte Zeit» des Gebetes,
des Fastens und des Einsatzes für die Notleidenden, bietet allen Christen
die Möglichkeit, sich durch eine ernsthafte kritische Prüfung
des eigenen Lebens auf Ostern vorzubereiten. Dabei setzt sich der Christ
in besonderer Weise mit dem Wort Gottes, das den alltäglichen Weg der
Glaubenden erleuchtet, auseinander.
In diesem Jahr möchte ich als Anleitung zur Betrachtung in der vorösterlichen
Busszeit einen Satz aus der Apostelgeschichte vorschlagen: Geben ist seliger
als nehmen (20,35). Es handelt sich dabei weder um eine blosse moralische
Ermahnung noch um einen Befehl, der den Menschen von aussen erreicht. Die
Neigung zur Hingabe ist dem menschlichen Herzen von Natur aus gegeben: Jeder
Mensch spürt das Verlangen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten,
und gelangt zu voller Selbstverwirklichung, wenn er sich den anderen aus
freien Stücken schenkt.
2. Unsere Zeit steht leider unter dem Einfluss einer Mentalität,
die für die Einflüsterungen des Egoismus, der im menschlichen
Herzen immer wieder erwacht, besonders empfänglich ist. Im sozialen
Bereich ebenso wie in der Medienwelt wird der Mensch häufig von Botschaften
beeinflusst, die beharrlich offen oder versteckt die Kultur
der Kurzlebigkeit und des Hedonismus verherrlichen. Auch wenn es bei Naturkatastrophen,
Kriegen und anderen Notlagen nicht an Aufmerksamkeit für die anderen
fehlt, fällt es im Allgemeinen nicht leicht, eine Kultur der Solidarität
zu entwickeln. Der Geist der Welt verändert den inneren Drang zur uneigennützigen
Selbsthingabe an die anderen und treibt den Menschen dazu, die eigenen Sonderinteressen
zu befriedigen. Das Verlangen nach der Mehrung irdischer Güter wird
immer stärker angeheizt. Es ist zweifellos natürlich und recht,
dass sich jeder durch den Einsatz seiner Begabungen und die Leistung seiner
Arbeit bemüht, das zu erhalten, was er zum Leben benötigt, doch
die übertriebene Besitzgier hindert das Geschöpf Mensch daran,
sich dem Schöpfer und seinen eigenen Artgenossen gegenüber zu
öffnen. Wie gültig sind doch zu allen Zeiten die Worte des Paulus
von Tarsus: Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die
ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet
(1 Tim 6,10)!
Die Ausbeutung des Menschen, die Gleichgültigkeit für das Leid
des anderen, die Verletzung der sittlichen Normen sind nur einige der Früchte
der Gewinnsucht. Wie sollte man angesichts der traurigen Szene fortdauernder
Armut, die grosse Teile der Weltbevölkerung heimsucht, nicht erkennen,
dass der um jeden Preis begehrte Profit und das Fehlen einer tatkräftigen
und verantwortungsvollen Sorge für das Gemeinwohl grosse Geldmengen
in den Händen einiger weniger konzentrieren, während der Rest
der Menschheit unter Elend und Aufgegebensein leidet?
Mit meinem Appell an die Gläubigen und an alle Menschen guten Willens
möchte ich ein an sich selbstverständliches, allerdings nicht
selten unbeachtetes Prinzip unterstreichen: Es tut Not, sich nicht um das
Wohl eines privilegierten Kreises einiger weniger, sondern um die Verbesserung
der Lebensbedingungen aller zu bemühen. Nur auf diesem Fundament wird
man eine internationale Ordnung errichten können, die tatsächlich
die Züge der Gerechtigkeit und Solidarität trägt und die
alle herbeiwünschen.
3. Geben ist seliger als nehmen. Wenn der Glaubende dem inneren Anstoss
nachkommt und sich den anderen hingibt, ohne etwas zu erwarten, wird er
eine tiefe innere Befriedigung erfahren.
Die Kraft für sein Bemühen um die Förderung der Gerechtigkeit,
für seinen Einsatz zur Verteidigung der Schwächsten, für
seine humanitären Aktionen, um Brot für die Hungernden zu beschaffen
und sich um die Kranken zu kümmern und bei jeder Notlage und Bedrängnis
zur Stelle zu sein, diese Kraft schöpft der Christ aus jenem einzigartigen
und unerschöpflichen Schatz der Liebe, der die Ganzhingabe Jesu an
den Vater ist. Der Glaubende wird angespornt, auf den Spuren Christi zu
wandeln, der als wahrer Gott und wahrer Mensch in vollkommener Zustimmung
zum Willen des Vaters sich selbst entäusserte und erniedrigte (vgl.
Phil 2,6ff.), indem er sich uns mit einer uneigennützigen, totalen
Liebe hingab, um schliesslich am Kreuz zu sterben. Von Golgota aus verbreitet
sich auf beeindruckende Weise die Botschaft von der Liebe des Dreifaltigen
Gottes zu den Menschen aller Zeiten und Orte.
Der heilige Augustinus bemerkt, allein Gott, das höchste Gut, vermag
das Elend der Welt zu besiegen. Die Barmherzigkeit und Liebe gegenüber
dem Nächsten müssen daher aus einer lebendigen Beziehung zu Gott
entspringen und beständig auf ihn verweisen, denn auf unserer Nähe
zu Christus beruht unsere Freude (vgl. De civitate Dei, Lib. 10, Cap. 6,
in: CCL 39, 1351ff.).
4. Der Sohn Gottes hat uns zuerst geliebt, «als wir noch Sünder
waren» (Röm 5,8), ohne irgendetwas zu verlangen, ohne uns irgendeine
Bedingung a priori aufzuerlegen. Wie sollte man angesichts dieser Feststellung
in der Fastenzeit nicht die günstige Gelegenheit zu beherzten Entscheidungen
für Selbstlosigkeit und Grossmut sehen? Sie bietet uns die praktische
und wirksame Waffe des Fastens und des Almosengebens, um gegen die übermässige
Anhänglichkeit an das Geld anzukämpfen. Nicht nur auf das Überflüssige,
sondern auf etwas mehr zu verzichten, um es an die Bedürftigen weiterzugeben,
trägt zu jener Selbstverleugnung bei, ohne die es keine echte christliche
Lebenspraxis gibt. Der Getaufte, der sich aus dem beständigen Gebet
nährt, macht deutlich, dass in seinem Leben Gott wirklich den Vorrang
hat.
Die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes muss unser Sein und Tun inspirieren
und verändern. Der Christ gebe sich nicht der Täuschung hin, er
könnte sich um das wahre Wohl der Brüder bemühen, ohne die
Liebe Christi zu leben. Auch dort, wo es gelänge, wesentliche negative
soziale oder politische Faktoren zu ändern, würde ohne die Liebe
jedes Ergebnis nur von kurzer Dauer sein. Die Möglichkeit zur Hingabe
an die anderen ist selber ein Geschenk Gottes und entspringt aus seiner
Gnade. Wie der heilige Paulus lehrt, «ist es Gott, der in euch das
Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus»
(Phil 2,13).
5. Dem heutigen Menschen, der häufig durch ein leeres, oberflächliches
Dasein unerfüllt und auf der Suche nach wahrer Freude und Liebe ist,
bietet Christus sein Beispiel an und lädt ihn zur Nachfolge ein. Wer
ihn hört, den fordert er auf, das Leben für die Brüder einzusetzen.
Aus solcher Hingabe entstehen die volle Selbstverwirklichung und die Freude,
wie das viel sagende Beispiel jener Männer und Frauen zeigt, die ihre
Sicherheiten aufgegeben und nicht gezögert haben, als Missionare in
den verschiedenen Teilen der Welt ihr Leben einzusetzen. Davon zeugt auch
die Entscheidung jener jungen Leute, die, vom Glauben beseelt, den Priester-
oder Ordensberuf ergreifen, um sich in den Dienst am «Heil Gottes»
zu stellen. Das beweist schliesslich die zunehmende Zahl von Freiwilligen,
die sich mit sofortiger Bereitschaft den Armen, den Alten, den Kranken und
all denen widmen, die sich in einer Notsituation befinden.
In letzter Zeit konnten wir ein verdienstvolles Wetteifern solidarischer
Gesinnung für die Opfer der Überschwemmungen in Europa, der Erdbeben
in Lateinamerika und in Italien, der Epidemien in Afrika und der Vulkanausbrüche
auf den Philippinen erleben, ohne die anderen von Hass und Krieg überzogenen
Gebiete der Welt vergessen zu wollen.
In diesen Umständen leisten die sozialen Kommunikationsmittel einen
wichtigen Dienst, denn sie verhelfen zu einer direkteren Anteilnahme und
zu einer lebendigeren Bereitschaft, denen zu helfen, die leiden und sich
in Schwierigkeiten befinden. Zuweilen erwächst der Einsatz zugunsten
anderer nicht aus dem christlichen Liebesgebot, sondern aus ganz natürlichem
Mitleid. Wer dem Bedürftigen hilft, geniesst jedoch immer das Wohlwollen
Gottes. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass die Jüngerin Tabita
gerettet wurde, weil sie dem Nächsten Gutes erwiesen hatte (vgl. 9,
36ff.). Und der Hauptmann Kornelius empfängt für seine Hochherzigkeit
das ewige Leben (vgl. ebd. 10,131).
Der Dienst an den Notleidenden kann für die «Fernstehenden»
ein von der Vorsehung bereiteter Weg zur Begegnung mit Christus sein, weil
der Herr jede Gabe an den Nächsten über die Massen belohnt (vgl.
Mt 25,40).
Ich wünsche von Herzen, dass die vorösterliche Busszeit für
die Gläubigen ein fruchtbarer Zeitabschnitt sein möge, um das
Evangelium der Liebe allerorts zu verbreiten und zu bezeugen, denn die Berufung
zur Liebe stellt das Herzstück jeder glaubwürdigen Evangelisierung
dar. Dafür rufe ich Maria, die Mutter der Kirche, um ihre Fürbitte
an. Möge sie uns auf dem Weg durch die Fastenzeit begleiten. Mit diesen
Wünschen segne ich alle aus tiefstem Herzen.