49/2003

INHALT

USA

Globalisierung des Christentums

von Rolf Weibel

 

Auf den ersten Blick erscheint auch der neueste Band der Theologischen Realenzyklopädie (TRE) stark deutsch und protestantisch geprägt.<1> Bei genauerem Hinsehen ist indes eine gute Berücksichtigung auch anderer christlicher Kulturen festzustellen. So wurden für in konfessioneller Hinsicht besonders heikle Artikel(stichwörter) kompetente Autoren der entsprechenden Kirchenzugehörigkeit verpflichtet. Die beiden Vatikanischen Konzilien beispielsweise werden von Klaus Schatz und der Vatikan von Erwin Gatz behandelt, und in der Reihe der Biographien ­ die TRE bietet auch hier nicht möglichst viele, sondern möglichst typische Beiträge ­ finden sich nicht nur Päpste, sondern auch katholische Theologen ­ im vorliegenden Band der Bibliker Roland de Vaux.
Kompetente Autoren und Autorinnen gesucht wurden auch über Deutschland und den deutschen Sprachraum hinaus. Im vorliegenden Band sind so Autoren auch aus der Schweiz vertreten. Victor Conzemius (Luzern) verfasste das Artikelstichwort «Ultramontanismus» ­ ein souveräner Überblick sine ira et studio. Ulrich Luz (Bern) steuerte zum Artikelstichwort «Vaterunser» den neutestamentlichen Teil bei; die weiteren Teile befassen sich mit jüdischen Parallelen und dem Weg des Vaterunsers durch die Jahrhunderte des christlichen Glaubens und Betens sowie praktisch-theologischen Fragen (diese allerdings auf die Evangelische Kirche beschränkt). Wie noch in weiteren Artikelstichwörtern wird in «Traum» die Sache breit abgehandelt: religionsgeschichtlich, im Alten Testament, im Judentum, im Neuen Testament, kirchengeschichtlich sowie praktisch-theologisch. Diesen praktisch-theologischen Abschnitt hat Christoph Morgenthaler (Bern) verfasst, der zum Thema schon früher publiziert hat.<2> Ebenso breit ist das Artikelstichwort «Vergebung der Sünden» mit einem, der Sache entsprechend, auch systematisch-theologischen Abschnitt (theologiegeschichtlich, dogmatisch und ethisch). Den alttestamentlichen Abschnitt beigesteuert hat hier Adrian Schenker (Freiburg Schweiz).
Dem Alphabet folgend finden sich, wie in allen Bänden, auch im vorliegenden mehrere Länderberichte; hier werden Tschechien, die Türkei, die Ukraine, Ungarn und die Vereinigten Staaten von Amerika dargestellt. Der 46 Seiten umfassende Beitrag über die USA bietet einen äusserst informativen kirchengeschichtlichen Überblick. Abgesehen davon, dass europäische Theologen und Theologinnen von amerikanischer Kirchengeschichte in der Regel wenig wissen, ist auch eine grundlegende Perspektive der vorliegenden Darstellung spannend: die Globalisierung des Christentums.
Denn die Geschichte des Christentums in den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Geschichte eines ständig wachsenden Zusammenströmens unterschiedlicher Bevölkerungselemente, «das unausweichlich ebenso zu Auseinandersetzungen wie zu wechselseitiger Durchdringung unterschiedlicher Traditionen führt» (593). So bestand nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung des gesamten britischen Atlantikreiches von Neuschottland bis zu den Leeward Islands einschliesslich der dreizehn nordamerikanischen Kolonien, die die Vereinigten Staaten bilden sollten, zu einem Drittel aus Afrikanern. Und so war schon damals die Begegnung des Protestantismus mit nicht europäischen Bevölkerungselementen in vollem Gang.
Die Globalisierung innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika war weiterhin in erster Linie eine Folge der Einwanderung. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kamen auf einen Zuwanderer aus Europa zwei aus Asien und fast vier aus anderen amerikanischen Ländern, der grösste Teil aus Mexico. Dabei betrifft die Einwanderung aus Lateinamerika nicht nur den Katholizismus, sondern auch den konservativen Evangelikalismus und die Pfingstgemeinschaften. Zudem bringen Einwanderer neue religiöse Traditionen mit, christliche und nichtchristliche; so wird heute die Zahl der Muslime auf bereits zwischen 2 und 4 Millionen geschätzt.
Anderseits haben die amerikanischen Kirchen zur Entstehung eines weltumspannenden Christentums wesentlich beigetragen. Im 20. Jahrhundert gab es einen wachsenden Missionseinsatz konservativ evangelikaler Kräfte, von Heiligungs- und Pfingstkirchen sowie von typisch amerikanischen Gruppen wie den Siebenten-Tags-Adventisten, den Zeugen Jehovas und den Mormonen.
Als typisch amerikanisch betrachtet wurde anfänglich und noch lange der britische Protestantismus. In der Zeit zwischen der Unabhängigkeitserklärung und dem Ersten Weltkrieg wurden die Juden zu einer wahrnehmbaren und einflussreichen Glaubensgemeinschaft, und die römischen Katholiken bildeten bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts die grösste Einzelkirche. Sie hatten aber Mühe, sich als Teil der amerikanischen Gesellschaft zu positionieren. Nach der Mitte der 1920er Jahren behaupteten sie indes neben den Juden einen festen Platz im amerikanischen Leben, was mit der vereinfachenden Formel «Protestant ­ Katholik ­ Jude» zur Beschreibung der religiösen Vielfalt zum Ausdruck gebracht wurde. In der Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils schliesslich wurde die neue Stellung des Katholizismus im amerikanischen Leben anerkannt.


Anmerkungen

1 Theologische Realenzyklopädie. In Gemeinschaft mit Horst Balz, James K. Cameron, Christian Grethlein, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Karl Hoheisel, Wolfgang Janke, Volker Leppin, Knut Schäferdiek, Gottfried Seebass, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock, herausgegeben von Gerhard Müller. Band XXXIV: Trappisten/Trappistinnen ­ Vernunft II, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, 792 Seiten (Redaktion: Dr. Albrecht Döhnert).

2 S. 50 ist die Zuordnung nicht richtig.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003