41/2003

INHALT

Bücher

Ruf in die Konkretheit

 

Thomas Ruckstuhl, «Ecclesia universalis». Das sakramentale Universalitätsverständnis als hermeneutischer Schlüssel für die Kirche in der Moderne, (FTS 65), Verlag Josef Knecht, Frankfurt a.M. 2003.

Die römisch-katholische Kirche ist ein Globalplayer ­ also eine Institution, die in einer Zeit der Globalisierung mitspielen kann. Die Kirche hat einen universalen Anspruch ­ ist also in einer von Pluralisierung geprägten Welt unzeitgemäss. Die Kirche ist ein gesellschaftliches Teilsystem ­ wie also ist ihr Anspruch auf universale Bedeutung haltbar?
Die Studie von Thomas Ruckstuhl, seit 2000 tätig als Ausbildungsleiter im Salesianum zu Freiburg, fragt nach einem Selbstverständnis der Kirche, das Universalität und Partikularität der Kirche miteinander vermittelt. Dabei ist es sein Anliegen, ein solches Kirchenverständnis dezidiert im Kontext der (Post-)Moderne zu verantworten.
Der in theologischer Perspektive entscheidende Schlüssel ist die Bezeichnung der Kirche als universales Sakrament des Heils (LG 48). Sie stellt die Kirche in die Spannung zwischen partikulärer, zeichenhafter Gestalt und universaler Sendung durch den göttlichen Heilswillen, der die gesamte Schöpfung zum Reich Gottes versammeln will. Dabei ist es nach biblischem Zeugnis für das göttliche Heilshandeln eigentümlich, universale Ausrichtung über partikuläre Erwählung zu realisieren. Die Universalität des göttlichen Heilswillens zielt «auf die Konkretheit des Besonderen und Einmaligen» (29). Diese theologische Perspektive vertieft Ruckstuhl durch Analysen der Konzilstheologie sowie der die theologischen Entwürfe von Rahner, Boff, Ratzinger, Pannenberg und Nissiotis.
Unterbrochen werden die theologischen Gedankengänge durch einen Blick auf sozialwissenschaftliche Zeitanalysen. Auch dort ist Universalität in Spannung zur Partikularität ein bedeutsames Thema. Offenkundig ist dies beim Stichwort Globalisierung, doch kennt die Postmoderne auch mitten in ihren Pluralismuspostulaten Ganzheitsvisionen und eine neue Betonung des Einheitsmomentes. Die philosophische Reflexion weist Wechselverhältnisse von Individualisierung und Solidarisierung nach (Hondrich), fragt nach einer «transversalen Vernunft», die durch Übergänge und Verbindungen eine neue Art von Ganzheit erreicht (Welsch) und ist auf der Suche nach geeigneten Modellen der Welteinheit.
Damit zeigt sich, dass die Universalitätsproblematik keine binnenkirchliche ist. Eine Kirche, die sich als Werkzeug für die Einheit der Menschheit versteht, kann für entsprechende ausserkirchliche Suchbewegungen durchaus einen Beitrag leisten. «Als partikuläre Überzeugungsgemeinschaft mit universalem Orientierungsrahmen» (123) thematisieren die Kirchen für sich und für die ganze Gesellschaft die Werte, die zu den Fundamenten des westlichen Rechts- und Sozialstaates gehören. Zudem stehen sie für die Bedeutung universaler Solidarität auch zum unterschiedlichen Anderen ein (124).
In einem abschliessenden Teil sucht Ruckstuhl seine Reflexion auch für die Frage nach dem konkreten Selbstverständnis der Kirchen vor Ort fruchtbar zu machen. Welche Sozialgestalt entspricht heute einer Kirche, die sich zu allen Menschen gesandt weiss? Wo sich die Kirche als «pastorale Dienstleistungsorganisation» versteht, nimmt sie den universalen Heilswillen Gottes sehr ernst und entscheidet sich für eine grosse Zurückhaltung in Bezug auf Grenzziehungen hinsichtlich der Kirchenzugehörigkeit. Sie läuft dabei aber Gefahr, ihre unterscheidende Gestalt zu verlieren und banal und belanglos zu werden. Will sie sich als «Kontrastgesellschaft» gestalten, setzt sie den Akzent bei der kritischen, kontrastierenden Funktion der kirchlichen Gemeinschaft, tendiert dabei aber zur Abwertung der «Welt» und zu einem religiösen Leistungsdenken. Als weiterführend stellt Ruckstuhl das Modell der Kirche als «Netzwerk» vor, das als Zeugin des von Gott in Jesus Christus ausdrücklich geschenkten Heils zugleich die Aufgabe hat, «alle sichtbaren und unsichtbaren Zeichen der göttlichen Heilsgegenwart» zu sammeln und zu einen (268). Die Kirche als Netzwerk ist ein Geflecht mit mehr als einem Zentrum, mit unterschiedlichen Formen der Zugehörigkeit und der Vergemeinschaftung. Damit die Kirche dabei ihre Identität und Integrationskraft bewahrt, muss allerdings Sorge zu ihrer «Eigenkultur, die sie von ihrer Umwelt unterscheidet» (276) getragen werden. Gelassenes, absichtsloses Dasein für Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen, ein offener «Segensdienst an und in der Gesellschaft» (277) ist möglich, wenn das, wofür Kirche einsteht, in der Konkretheit einer sichtbaren Glaubens- und Lebensgemeinschaft Gestalt wird. So bedeutet die Studie Ruckstuhls einen Ruf in die Konkretheit. Im Spannungsverhältnis von Universalität und Partikularität bedürfe es einer Akzentverschiebung hin zur Konkretheit christlicher Lebensgemeinschaft, somit zur Partikularität (276). Dieser Ermutigung, in den konkreten kirchlichen Gemeinschaften vor Ort entschieden zu leben, was uns als Christen zu leben geschenkt ist, stimme ich zu ­ doch eben nur in der Dynamik auf das Zeugnis und den Dienst, die allen Menschen gelten müssen.

Eva-Maria Faber


Im Heiligen Land

 

Gottfried Egger, Mein Gott und mein Alles. Leben und Martyrium des Tiroler Franziskaners Engelbert Kolland, (Edition Geschichte der Heimat), Buchverlag Franz Steinmassl, Grünbach 2003, 161 S.

Im November 2001 haben sich die beiden Provinzen der Südtiroler und Nordtiroler Franziskaner OFM zu einer neuen Tiroler Franziskanerprovinz zusammengeschlossen. Für die neue Provinz wurde auch ein neuer, einheimischer Provinzpatron gewählt, der vor der aus politischen Gründen erfolgten Teilung der beiden Provinzen gelebt hat: der selige Engelbert Kolland (1827­1860). Der in Ramsau geborene Zillertaler trat 1847 in Salzburg in den Franziskanerorden ein und wurde nach Studien in Schwaz (Tirol) und Bozen (Südtirol) im Jahre 1851 in Trient zum Priester geweiht. Nach Abschluss der Studien und einer kurzen pastoralen Arbeit in Bozen verliess er ­ gemäss seinem Wunsch ­ seine Heimat im März 1855 Richtung Heiliges Land, wo er der Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes kurze Zeit am Heiligen Grab in Jerusalem diente und dann bis 1860 im Kloster in Damaskus. Da er schon in seiner Studienzeit in Österreich Arabisch lernte und die Kultur der Araber leidenschaftlich studierte und kennen lernen wollte, wurde er zu einem sehr beliebten Seelsorger unter den arabischen Christen von Damaskus, die ihm den Ehrennamen «Abouna Malak / Vater Engel» (Pater Engel-bert) gaben. Während blutigen Christenverfolgungen wurde er am 10. Juli 1860 zusammen mit sieben Mitbrüdern und drei Maroniten im Franziskanerkloster in Damaskus von fanatisierten Drusen wegen seiner Weigerung, dem christlichen Glauben abzuschwören, umgebracht. Diese Märtyrer von Damaskus wurden von Papst Pius XI. im Jahre 1926 in Rom selig gesprochen.
Br. Gottfried Egger, Provinzial der Schweizer Franziskaner, hat mit diesem ersten Buch, das nach dem 2. Vaticanum über den seligen Engelbert Kolland geschrieben wurde, eine echte Heiligenbiografie verfasst. Sie zeugt von einer besonderen Liebe des Autors für die franziskanische Berufung und das Heilige Land, in dessen Franziskaner-Kustodie der Verfasser selber ein Jahr lang gelebt und sich einige Ortskenntnisse erworben hat. Dadurch werden das Franziskanersein und die Liebe zum Heiligen Land als die zwei Zentralelemente des Lebens des seligen Engelberts besonders gut hervorgehoben. Viele schwarzweisse und farbige Abbildungen geben den Lesern und Leserinnen des Buches einen plastischen Einblick in die Zeit und das Umfeld des Seligen und seiner Mitbrüder, in die Stätten seines Wirkens und in seine spätere Verehrung. Besonders eindrücklich sind die Fotografien der früheren Wirkungsstätten des Seligen, die der Autor zusammen mit Freunden auf einer Syrienreise aufgenommen hat. Sie ergänzen die zum Teil längeren Zitate aus Briefen des Engelbert Kolland an Mitbrüder in Österreich, die den Seligen im Originalton zu Worte kommen lassen. Wer sich für die Geschichte der Franziskaner im Tirol des 19. Jahrhunderts, für die Minderbrüder in der Kustodie des Heiligen Landes oder für die Geschichte der Konflikte im Nahen Osten im 19. Jahrhundert interessiert, dem sei das Buch ganz besonders empfohlen.

Paul Zahner


Reinigung

 

Anselm Grün, Damit dein Leben Freiheit atmet. Reinigende Rituale für Körper und Seele, Vier Türme Verlag, Münsterschwarzach 2003, 167 Seiten.

Die Sehnsucht nach Vertrauen im Zusammenhang mit Redlichkeit und Ehrlichkeit, Lauterkeit und Reinheit wird grösser. Politiker und Manager, die in ihre eigenen Taschen wirtschaften; von Vertrauenspersonen sexuell missbrauchte Kinder lassen die Frage stellen: «Wem kann man noch trauen?» Da sehnen sich die Menschen vermehrt nach Vorbildern, denen man noch trauen kann. Letztlich ist das die Sehnsucht nach Reinheit. Reinheit meint da nicht sexuelle Enthaltsamkeit. Die Zeiten sind gar nicht so fern, wo man mit einem übertriebenen Reinheitsideal junge Menschen quälte und ins Abseits manipulierte. Auch heute steht der Sehnsuch nach Freiheit, Einfachheit und Klarheit noch vieles im Weg: eingefahrene Konsumgewohnheiten, voll gestopfte Terminkalender, falsche Ideale von uns selbst, seelischer Ballast, den wir aus der Vergangenheit mit uns tragen.
Die Religionen wussten seit jeher um die Notwendigkeit der Reinigung. Anselm Grün übersetzt das Wissen der alten Griechen, der Bibel und der Mönchsväter, das uns einen Weg zur inneren Klarheit und zur «Einfachheit des Herzens» weisen kann, in die heutige Zeit. Er beschreibt Rituale äusserer und innerer Reinigung, die Körper und Seele gut tun und uns wieder frei atmen lassen. Er warnt aber auch vor übertriebenem und falsch verstandenem «Reinigungs-Eifer» und animiert uns, auch die eigenen Schattenseiten liebevoll anzunehmen.

Leo Ettlin


Ora et labora

 

Anselm Grün, Dem Alltag eine Seele geben. Sonderband. Ausgewählt und herausgegeben von Ludger Hohn-Moritsch, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2003, 142 Seiten.

Der bestens bekannte geistliche Autor aus der Abtei Münsterschwarzach gibt in diesem Herder-Sonderband einen Leitfaden der benediktinischen Spiritualität. Es geht um das «ora et labora». Das sind nicht einfach zwei Elemente, die belanglos nebeneinander stehen. Die Zeit des Gebetes und des Schweigens braucht einen Zusammenhang zur Tätigkeit im Beruf. Nach Benedikt soll das Gebet die Arbeit prägen, und auch die Arbeit soll ein spiritueller Weg sein. Die Texte dieses Sonderbandes vermitteln in sech Kapiteln Erfahrungen mit zentralen Lebensthemen, Leitgedanken für ein vertieftes und auf das Wesentliche gerichtetes Leben, auch und gerade in der Normalität des Alltags.

Leo Ettlin


Neue Gottesdienstformen

 

Christiane Bundschuh-Schramm/Judith Gaab/Margret Schäfer-Krebs (Hrsg.), Eine Zeit zum Suchen. Neue Gottesdienstformen, Schwabenverlag, Ostfildern 2003, 304 Seiten.

In die Liturgie ist viel Bewegung gekommen; zwar erst vereinzelt, aber doch nicht zu übersehen. Da entstehen an verschiedenen Orten neue Gottesdienstformen. Sie sind Ausdruck der Offenheit für die Fragen unserer Zeit. Träger sind meist ökumenische Zentren ­ katholische und evangelische Stadtgemeinden und religiöse Gemeinschaften.
Dieses Buch gibt einen guten Überblick über solche neuen Gottesdienstformen. 14 Gottesdienste werden anhand von exemplarischen Gottesdienstfeiern vorgestellt. Bei jedem dieser Exempel erfährt der Leser das jeweils Besondere dieses Gottesdienstes (Idee, Entstehung, Vorbereitung und Durchführung). Die dargestellten Gottesdienste geben dabei eine Vorstellung vom spezifischen Charakter der Gottesdienstsituation. Es handelt sich um ein informatives, anregendes und ideenreiches Buch, das sehr gut in die bewährte Reihe «Werkstatt Liturgie» passt. Der einleitende Artikel «Das Wiederentdecken der Religion in der modernen Gesellschaft» verweist auf die gesellschaftliche Situation, in der sich heute Liturgie abspielt.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003