39/2003 | |
INHALT | |
Bücher |
George Weigel, Zeuge der Hoffnung Johannes Paul II. Eine Biographie. Übersetzt von Christiana Goldmann, Winfried Hof, Karl Nicolai und Ingrid Pross-Gill aus dem amerikanischen Original (Witness to hope. The Biography of Pope John Paul II, 1999), Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002, 1087 Seiten.
Der tausend Seiten starke Band kommt einem vor wie ein Buch der Superlative.
Und man kann ihm das nicht ohne weiteres absprechen. So urteilt die Frankfurter
Allgemeine Zeitung: «Mit der Biographie, die von der amerikanischen
und europäischen Presse unisono als Ereignis gefeiert wird, erweist
sich Weigel als intimer Kenner Johannes Pauls II.»
Zwanzig Jahre hat der amerikanische Theologieprofessor und Publizist den
Papst im Vatikan besucht und ihn auf seinen Reisen begleitet. Er weiss buchstäblich
über alles Bescheid. Johannes Paul II. hat seinem «alter ego»
grösstes Vertrauen geschenkt, und der Papstbiograph hat alles festgehalten
und nichts weggelassen. Darin liegt nun aber auch die Schwäche dieses
starken und perfekten Werkes: es fehlt die Distanz.
Georg Weigel hat für die deutsche Ausgabe ein spezielles Vorwort geschrieben,
in dem er verständnislos den Umstand bedauert, dass Johannes Paul II.
«in Deutschland, ja in allen deutschsprachigen Ländern (also
auch bei den ÐEidgenossenð) so kritisch beurteilt wird». Dann
folgen einige Seiten Apologetik, wo die konstruierten Begriffe «Vor-Moderne»
und «Moderne akademisch einander gegenübergestellt werden.
Konrad Löw, Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart, Resch Verlag, Gräfelfing 2002, 368 Seiten.
Seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts setzten mehrere Publikationen
die katholische Kirche unter massiven Druck. Es ging immer um die gleiche
Frage: Hat sich die Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus bewährt
oder hat sie versagt? Das Verhältnis der Christen zu den Juden steht
auf dem Prüfstand. Im Zusammenhang damit gab es Vorwürfe gegen
Pius XII., Erfüllungsgehilfe Hitlers gewesen zu sein. Bis in die jüngste
Gegenwart hinein erfolgten solche Angriffe, vor kurzem aus jüdischen
Kreisen Amerikas (Goldhagen!). Seit dem Theaterstück «Der Stellvertreter»
von Rolf Hochhuth (Uraufführung 1963) verkörpert die katholische
Kirche in den Augen der Menschheit nicht mehr die in den Stürmen des
Nationalsozialismus bewährte Autorität.
Konrad Löw, Jurist und Politologe an der Universität Bayreuth,
hat sich der Aufgabe unterzogen, die Haltung der katholischen Kirche gegenüber
dem Nationalsozialismus anhand eines riesigen Quellenmaterials nachzuprüfen.
Aus seinen Erkenntnissen lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:
Aufgrund von Berichten der staatlichen Behörden lässt sich
zum Beispiel 1938 entnehmen, dass nur die von der Kirche beeinflussten Kreise
in der Judenfrage noch nicht mit den Nazis kooperierten. Unmissverständlich
erklärten die deutschen Bischöfe der Fuldaer Bischofskonferenz
in ihrem Hirtenbrief vom 26. Juni 1941: «Nie darf der Mensch ausserhalb
des Krieges und der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten.»
Zwei Jahre später, im so genannten «Dekalog-Hirtenbrief»
vom 19. August 1943 erneuerten die Bischöfe ihren eindringlichen Appell:
«Tötung ist in sich schlecht... an schuld- und wehrlos Geistesschwachen...
an Menschen fremder Rassen und Abstammung.» Als sich 1942 die Gerüchte
verdichteten, dass die meisten Juden in den Tod deportiert wurden, beschwor
der Berliner Bischof von Preysing in einem Hirtenbrief: «Wer immer
Menschenantlitz trägt, hat Rechte, die ihm keine irdische Gewalt nehmen
darf... Das Recht auf Leben, auf Unversehrtheit, auf Freiheit kann und darf
auch denen nicht abgesprochen werden, die nicht unseres Blutes oder nicht
unserer Sprache sind.»
Bei der Verhaftung von Gertrud Luckner in Freiburg i.Br. am 26. Mai 1943,
die mit Wissen und Willen des deutschen Episkopats die nichtarischen Christen
betreute, erklärte die Gestapo: «Die bisherigen Ermittlungen
haben somit einwandfrei ergeben, dass die katholische Kirche in Deutschland
in betonter Ablehnung der deutschen Judenpolitik systematisch die Juden
unterstützt, ihnen bei der Flucht behilflich ist und keine Mittel scheut,
ihnen nicht nur die Lebensweise zu erleichtern, sondern auch ihren illegalen
Aufenthalt im Reichsgebiet möglich zu machen...».
Eine grosse Zahl von minutiös zusammengetragenen und ausgewerteten
Zeugnissen beweist, dass Laien, Priester, Ordensleute und Bischöfe
in einer schweren Zeit mutig ihre Menschlichkeit gegenüber den Juden
gezeigt und dafür zum Teil Verfolgung, Verhaftung, Konzentrationslager
und Tod auf sich genommen haben. Der Leser wird anhand der sachkundig zusammengetragenen
Dokumente in die Lage versetzt, die früheren Generationen angelastete
Schuld sachkundig und moralisch einwandfrei zu prüfen. Die Kirchen
haben nicht geschwiegen, wie Dutzende amtlicher Erklärungen beweisen.
In der heutigen Diskussion ist dieses Buch eine unverzichtbare Argumentationshilfe.
Die Schweizerische St. Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche (SSL)
legt zum Jahr der Bibel die Publikation «Meine Bibel» vor mit
Kunstkarten und einem begleitenden Textheft. Zudem ist das Resultat eines
Symposions greifbar unter dem Titel «Der Raum der Kirche. Perspektiven
aus Theologie, Architektur und Gemeinde».<1>
16 Künstlerinnen und Künstler alle sind Mitglieder der Lukasgesellschaft
steuern zu «Meine Bibel» ein Werk bei, das ihr persönliches
Verhältnis zu Aspekten der biblischen Bibliothek zum Ausdruck bringt.
Es sind Bilder, die jenen Bildern vergleichbar sind, in denen die Bibel
selber spricht. Die 16 Zugänge sind für wortgewohnte Bibelleser
und -leserinnen ungewohnt. Sie überraschen, provozieren neue Ein- und
Aussichten. Mit dem kleinen und handlichen Kartenset lässt sich meditieren,
Katechese und Erwachsenenbildung betreiben oder ein Kartengruss verschicken.
Die Lukasgesellschaft pflegt einen interdisziplinären und ökumenischen
Ansatz. So kamen im Symposion zum «Raum der Kirche» Theologie,
Architektur, künstlerische Projekte und Anliegen der Gemeinden miteinander
ins Gespräch. In der 90-seitigen Broschüre liegt eine Standortbestimmung
des gegenwärtigen kirchlichen Bauens speziell aus evangelischer Sicht
vor, da hier Nachholbedarf besteht. Aber es werden auch grundsätzliche
Folgerungen für den Umgang der Kirchen mit ihren Bauten diskutiert,
eine Hilfestellung für Kirchgemeinden gerade bei aktuellen Umbau- und
Umnutzungsprojekten. Die Referate und die Zusammenfassung der Diskussion
machen auf spannende Bezüge im und um den Raum der Kirche aufmerksam.
Auch Kirchenräume dürf(t)en Zeitgenossen überraschen.
1 «Meine Bibel» (Fr. 19.50) und «Der Raum der Kirche» (Fr. 19.50) sind im Buchhandel zu beziehen oder direkt bei der Edition SSL, Chäppelimattstrasse 20, 6030 Ebikon, und sekretariat@lukasgesellschaft.ch. Infos zur SSL unter www.lukasgesellschaft.ch