38/2003

INHALT

Bücher

Die Feministische Theologie lebt

 

Elisabeth Gössmann, Helga Kuhlmann, Elisabeth Moltmann-Wendel (Hrsg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, 640 Seiten.

Zwölf Jahre nach der ersten Auflage gibt das Gütersloher Verlagshaus eine zweite, vollständig überarbeitete Auflage des Wörterbuchs der Feministischen Theologie heraus. Während die erste Auflage mit einem Bild von Niki de Saint Phalle auf dem Umschlag fröhlich verspielt daherkam, wirkt die zweite Auflage schon vom Erscheinungsbild her weniger frech, dafür sachlicher und umfangreicher als die erste. Von den 140 Artikeln sind über sechzig komplett neu, auch die beibehaltenen wurden neu verfasst, elf Themen wurden weggelassen.
Die Veränderungen zwischen der ersten und der zweiten Auflage widerspiegeln die Entwicklung der Feministischen Theologie im letzten Jahrzehnt. Weniger kämpferisch, aber höchst lebendig, vielfältig und kompetent tritt sie auf, und sie hat sich in alle wichtigen theologischen Fachbereiche eingearbeitet. So ist sie etwa im Bereich der Praktischen Theologie sehr präsent mit neuen Artikeln wie Abendmahl, Frauenarbeit, Frauenseelsorge, Katechetik, Segen, Gebet.
Die Auseinandersetzung mit gewissen traditionellen kirchlichen Themen und Strukturen hat dagegen an Bedeutung verloren; demzufolge wurden etwa die Artikel über Bekenntnisformeln, Jungfrau oder Ministrantin nicht mehr aufgenommen. Weitere kleine Veränderungen zeigen ähnliche Tendenzen: Das Thema Ehe wurde weggelassen, dafür kam neu die Beziehung sowie die Freundschaft dazu; die Liebe bleibt, wird jedoch der Erotik beigesellt. Und was früher Moral/Ethik hiess, heisst heute Ethik/Moral.
Neu dabei sind auch Stichworte aus zahlreichen theologischen und gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre wie Bioethik, Schwangerschaftsabbruch, Kommunikation, Ehrenamt, Geld, Ökonomie. Und schliesslich hat auch die aktuelle feministische Diskussion um Differenz, Postmoderne und Gender ihre Spuren hinterlassen, was sich teilweise in eigenen Artikeln, vor allem aber auch in der Überarbeitung von zahlreichen alten Beiträgen niederschlägt.
Was die Autorinnen betrifft, so fällt auf, dass sie heute aus drei Theologinnen-Generationen stammen: Die Pionierinnen der heutigen feministisch-theologischen Bewegung gehören bereits zur Grossmüttergeneration, die Töchter der ersten Auflage wurden zu Müttern, und eine neue Töchtergeneration bringt neue Erfahrungen, neue Fragen und neue Antworten ein, wobei erfreulich ist, wie viele von ihnen an Universitäten vor allem in Europa und den USA tätig sind.
Hinsichtlich der Konfessionen sind die Autorinnen gut durchmischt, wobei Reformierte, Lutheranerinnen und Katholikinnen die grosse Mehrheit, Frauen orthodoxen und jüdischen Glaubens eine kleine Minderheit darstellen. Der Anspruch, auch Erfahrungen und Erkenntnisse von Theologinnen ausserhalb unseres Kulturkreises miteinzubeziehen, wurde in der Auswahl solcher Autorinnen noch wenig, in den Verweisen innerhalb der einzelnen Artikel jedoch schon recht oft berücksichtigt. Überhaupt sind die meisten Artikel inhaltlich als «Inter-Diskurs» gestaltet: interdisziplinär, interreligiös, interkonfessionell, interkulturell, international und interkontinental. Es muss nicht mehr gezeigt werden, dass wir alle gleich und vereint gegen das Patriarchat sind, sondern unterschiedliche Positionen und Profilierungen auch innerhalb der feministischen Theologie werden dargestellt und in ihrer Gegenüberstellung fruchtbar gemacht.
Vom Niveau her sind die Artikel sehr unterschiedlich gehalten, von einfach und übersichtlich bis anspruchsvoll, für Nichttheologinnen werden einige recht schwer verständlich sein. Auch die Themenauswahl erfolgte wohl eher aus universitärer Sicht: so fehlen einige Themen des kirchlichen Alltags wie etwa die Festzeiten des Kirchenjahres.
Mit grosser Sorgfalt wurden die Literaturangaben zusammengestellt, die nach jedem Artikel einen Überblick über die neuere und neueste feministisch-theologische Forschung in jenem Themenbereich geben. Auf Vollständigkeit kann man sich dabei leider nicht ganz verlassen. Warum etwa beim Thema Segen auf das Buch «Theologie des Segens» von Dr. Magdalene L. Frettlöh (Gütersloh, 1998) weder im Text noch bei den Literaturangaben verwiesen wird, ist schwer nachvollziehbar.
Die kleinen Mängel sollen aber nicht vom Wert des Ganzen ablenken. Alles in allem eignet sich das Buch bestens für die Arbeit im Studium wie auch für die Predigtvorbereitung und die kirchliche Erwachsenenbildung. Nicht zuletzt von Vorteil ist dabei das neue Layout, das dank grosser Zeilenabstände zu Anmerkungen und vor allem auch zu vielen Unterstreichungen geradezu einlädt.

Sabine Scheuter


Hoffnung und Vertrauen

 

Die Geschichte des Christentums: Religion, Politik, Kultur. Deutsche Ausgabe herausgegeben von Norbert Brox, Odilo Engels, Georg Kretschmar, Kurt Meier, Heribert Smolinski. 13. Band: Krisen und Erneuerung (1959­2000), Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2002, 736 S.

Was bei der deutschen Ausgabe dieses von französischen Historikern konzipierten und verfassten Werkes immer wieder lobend hervorgehoben werden muss, gilt auch für den vorliegenden l3. Band: Die Bände erscheinen in rascher, seit langem präzis vorhergeplanter Folge. Im Moment stehen nur noch Band 1: Die Zeit des Anfangs (bis 250) und Band l4 mit dem Gesamtregister aus. Geht man von der Erfahrung der erschienenen zwölf Bände aus, kann man diese beiden Bände im Lauf dieses oder der ersten Hälfte des nächsten Jahres erwarten.
Darin unterscheidet sich das Werk vorteilhaft von der von Giuseppe Alberigo herausgegebenen Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils, bei der die deutschsprachige Ausgabe in ärgerlicher Weise hinter den anderen Ausgaben ­ etwa der italienisch- oder französischsprachigen Ausgabe ­ nachhinkt. Um die Spannung ­ oder den Ärger ­ zu erhöhen, wird der Erscheinungstermin erst mehrmals angekündigt und ebenso prompt auf unbestimmte Zeit verschoben.
Dieses rasche Erscheinen ist, wie Bemerkungen der Verfasser oder Bearbeiter erahnen lassen, auch auf den «milden» Druck des Verlages zurückzuführen. Beim vorliegenden Band hat sich dieser Druck freilich auch negativ ausgewirkt. Die Verfasser der französischen Ur-Ausgabe hatten in erster Linie vor allem französische Leser vor Augen. Das ist ihr gutes Recht ­ falls damit nicht die historische Wirklichkeit verfälscht wird. Meiner Meinung nach haben die Bearbeiter dieser deutschsprachigen Ausgabe zu wenig in den Text eingegriffen, um die spezifischen deutschsprachigen Belange darzustellen.
So entscheidend zum Beispiel bei der Erarbeitung der Konzilskonstitution über die Liturgie und bei der nachkonziliaren Entwicklung der Liturgie die Arbeit der Leute um die Zeitschrift «La Maison Dieu» (etwa von Aimé-Georges Martimort und P. Pierre-Marie Gy) war, darf dabei die Arbeit der deutsch- und italienischsprachigen Liturgiker (etwa Josef Andreas Jungmann, Johannes Wagner, Cipriano Vagaggini) nicht derart rudimentär dargestellt werden wie es hier geschieht. Entsprechend fällt die Ergänzung der deutschsprachigen Literatur doch recht «sparsam» aus. Ähnliche Bemerkungen liessen sich auch bei anderen Abschnitten machen. Retouchen in dieser Hinsicht wären für das Gesamtbild des Bandes nur förderlich gewesen. In dieser Hinsicht nehmen zum Beispiel die Verfasser der Konzilsgeschichte von Giuseppe Alberigo einen bedeutend «katholischeren» Standpunkt ein.
Diese kritischen Hinweise sollen dem Band durchaus nicht viele positive Seiten absprechen. Ich nenne etwa das «Verlassen eines einseitig europäischen Horizontes» und die Darstellung «der weltweiten Vielfalt» des nachkonziliaren Christentums, wie der Klappentext mit Recht sich selber rühmend hervorhebt. In den Bischofssynoden und den vielen Reisen Johannes Pauls II. kam diese Ausweitung in den letzten Jahren einzigartig zum Tragen. Eine bessere Berücksichtigung der Themen und Diskussionen auf den Bischofssynoden hätten dieser «Vielfalt» mehr Eindrücklichkeit verliehen, denn alle Teilnehmer an diesen Bischofsversammlungen gestehen, dass sie hier «Weltkirche» erleben. Dieses Urteil hält auch dann stand, wenn man sich der Unausgegorenheit der heutigen Struktur der Bischofssynode bewusst ist. Was die Darstellung der Entwicklung der katholischen Kirche zu einer «Weltkirche» und die Berücksichtigung der Entwicklung der anderen christlichen Kirche betrifft, kann man sagen, dass der Band zum besten gehört, was im Moment auf dem Markt ist. Die Problematik dieser Sicht besteht wie bei jeder zeitgeschichtlichen Darstellung darin, dass sie im Moment des Erscheinens durch die Entwicklung schon überholt sein kann und darum eine Momentaufnahme in einem bestimmten Augenblick bleiben muss.
Mit einigem Interesse sieht man nun der deutschsprachigen Bearbeitung des ersten Bandes ­ das heisst der Darstellung des «jungen» Christentums bis zum Jahr 250 ­ entgegen. Hier haben Exegeten, Dogmengeschichtler und Kirchenhistoriker in den letzten Jahrzehnten einige Steine so neu geschichtet, dass ausgetretene Wege nicht mehr begangen werden können.

Nestor Werlen


Predigten über Heilige

 

Herbert Haag, Täter des Glaubens. Predigten über Heilige, Paulusverlag, Freiburg/Schweiz 2003, 152 S.

In der ganzen Zeit seiner akademischen Lehrtätigkeit und im Ruhestand liess sich der Alttestamentler Herbert Haag (1915­2001) als Prediger durch Pfarreien engagieren. Die in diesem Buch aus seinem Nachlass aufgenommenen und so einer weitern Öffentlichkeit erschlossenen Ansprachen in Eucharistiefeiern sind im weiten Zeitraum von gut vier Jahrzehnten, nämlich in den Jahren 1956 bis 1999, gehalten worden. Sie legen Zeugnis ab, wie ein wacher Geist das Wort der Bibel, die Fakten aus dem Leben beispielhafter Menschen und die Entwicklungen in Kirche und Welt verarbeitete; dabei das lebte, was er 1986 in einer Predigt zum Fest der Apostel Petrus und Paulus sagte: «In Petrus und Paulus zusammen findet sich die Kirche wieder. Neben dem Hirtenamt des Petrus wird es darin immer das paulinische Amt des Theologen geben müssen, das gegenüber dem Petrusamt eine kritische Funktion ausübt. Weder ohne das eine noch das andere ist Kirche denkbar. Beide werden allerdings vom Herrn nach dem gleichen Massstab beurteilt: nach dem Mass der Liebe» (143).
Herbert Haag hat fast jeden Sonntag einen Gemeindegottesdienst gehalten. In die jeweilige Zeit hinein hat er in einfacher und anschaulicher Sprache gesprochen ­ und zwar so, dass man ihm unwillkürlich zuhören musste. Die hier vorgelegten Manuskripte führen deshalb zu einem wirklichen Lesevergnügen.
Als Zeitdokument gelten beiläufig gemacht Äusserungen ­ so die Bemerkung, dass es 1942, als Herbert Haag seine erste Stelle als Vikar an der Franziskanerkirche in Luzern antrat, in dieser Stadt nichts gab, was man Antisemitismus hätte nennen können (83).

Jakob Bernet


Theologie nach dem Kommunismus

 

András Máté-Tóth, Theologie in Ost(Mittel)Europa. Ansätze und Traditionen, (Reihe «Gott nach dem Kommunismus». Herausgegeben von Paul M. Zulehner, Miklós Tomka und Niko Tos), Schwabenverlag, Ostfildern 2002, 228 Seiten.

Das internationale Forschungsprojekt «Aufbruch» hat nach der politischen Wende in zehn Reformländern Ost(Mittel)europas die religiösen und kirchlichen Entwicklungen mit quantitativen und qualitativen Methoden untersucht. Die Ergebnisse erscheinen seit 1999 in der Reihe «Gott nach dem Kommunismus».
Dieser Band behandelt die theologischen Traditionen dieser Region und versucht aufgrund der komplexen sozialwissenschaftlichen Analyse einen Beitrag zu einer originellen Theologie der «Zweiten Welt» zu leisten. Die Hauptthemen sind: Theologische Bedeutung des Symbols «Fall der Mauer»; theologische Traditionen und Arbeitsfelder in der Region; Zweitlese des Zweiten Vatikanischen Konzils; theologische Hermeneutik der Grunderfahrungen der Region. Diese Positionen werden an drei Fallbeispielen aufgezeigt: Umgang mit der Vergangenheit, Rolle und Bedeutung der Laien sowie EU-Erweiterung und die Rolle der Kirche in Ost(Mittel)europa.
Der Entwurf des Laientheologen Máté-Tóth aus Ungarn ist die erste systematische Untersuchung der theologischen Charakteristiken der Region Mitteleuropas und eine Ouvertüre für die internationale Diskussion in Ost und West. Für uns Katholiken im etablierten Westen ist diese Lektüre sehr nötig, damit auch in der kirchlichen Optik der Eiserne Vorhang verschwindet.

Leo Ettlin


Die Untergrundkirche in der CSSR

 

Ondrej Liska, Jede Zeit ist Gottes Zeit. Die Untergrundkirche in der Tschechoslowakei 1948­1989, St. Benno-Verlag, Leipzig 2003, 224 Seiten.

Die Untergrundkirche der ehemaligen Tschechoslowakei hat eine eigentümliche und sonderbare Geschichte. Aus Sorge um die Weiterexistenz der Kirche wurden da im Untergrund Bischöfe und Priester geweiht, darunter auch verheiratete Männer und Frauen. Das führte nach dem Zusammenbrechen des Kommunismus zu eigenartigen, schwer lösbaren Problemen. Der Erzbischof von Prag, Kardinal Miloslaw Vlk, hat sich dieser Situation auf pragmatische Art und Weise angenommen und einigermassen akzeptable Lösungen gefunden.
Der Autor Ondrej Liska ist Doktorand der Masaryk-Universität Brünn. Er schrieb, angeregt von Kardinal Vlk, ein wissenschaftlich einwandfreies, hochinteressantes Buch. Seine Studien umfassen historische, religiöse und soziologische Aspekte. Die Kardinäle Karl Lehmann, Mainz, und Miloslaw Vlk, Prag, haben dazu je ein informatives Vorwort geschrieben.

Leo Ettlin


Hoffnung

 

Henri Nouwen, Du schenkst mir Flügel. Gedanken der Hoffnung, zusammengestellt und bearbeitet von Timothy Jones, St. Benno-Verlag, Leipzig 2002, 118 Seiten.

In seinem Hoffnungsbuch stellt Henri Nouwen einen Damm auf gegen die Verbitterung; denn durch Verbitterung liegt ein Teil von uns brach und wir geben so Gott keine Chance zu helfen. In den Stand des Heils gelangt man, wenn der Geist uns Flügel verleiht, um auch mitten im Schmerz zu glauben, dass Gott das Leben lenkt und ordnet. Diese Thematik: das Leid und der rechte Umgang mit ihm, ist bei Henri Nouwen grundlegend. Der bekannte geistliche Lehrer hat das selber praktiziert, als er sich der Arche-Gemeinschaft anschloss.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003